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Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Architektur

„Western Avenue Walk" – die Dokumentation einer Straße in Los Angeles

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Geschrieben von Claus Friede  -  Mittwoch, den 17. Juni 2015 um 10:00 Uhr
„Western Avenue Walk" – die Dokumentation einer Straße in Los Angeles 4.9 out of 5 based on 155 votes.
Western Avenue Walk - Viglas Schindel

An was denken wir, wenn der Name Los Angeles fällt? Wir denken an die ausufernde Stadt der Engel, an die Filmindustrie und all die textlich und bildlich erzählten Geschichten aus Vergangenheit bis in die ferne Zukunft aus Hollywood, an das kalifornische Leben in Malibu, Santa Monica und an sportlich durchtrainierte Typen in Venice Beach. Diese Stadt schafft Bilder und Gefühle.
Zumindest aber denken wir nicht an erster Stelle an Architektur. Kein „Leuchtturmgebäude“ wie das Empire State Building in New York, der Sears Tower oder das John Hancock Buliding in Chicago oder die Golden Gate Bridge in San Francisco lenken die Aufmerksamkeit zielorientiert auf ein einzelnes herausragendes Gebäude. Bei Architekten gilt Los Angeles jedoch als eine der Städte für Baukunst!

Der in Hamburg ansässige Architekt Viglas Schindel könnte stundenlang über die Baukultur der Stadt erzählen, er kennt sie seit den 1970er-Jahren als er als Student an der USC (University of Southern California) das Graduiertenprogramm für Architektur durchlief, und bis heute lässt ihn die Megacity nicht los. Anlässlich des 8. Hamburger Architektur Sommers 2015 zeigt das Kunstforum Markert Gruppe in Hamburg seine Ausstellung „Western Avenue Walk“ – 43 km Geradeaus – Bilder einer Stadtwanderung in der Autostadt Los Angeles. Die Dokumentation der Nord-Süd-Achse, die am nördlichen Ende am Griffith Park in East Hollywood beginnt und am Pazifik in Palos Verdes unspektakulär endet, durchquert viele Stadtteile der knapp vier Millionen zählenden größten Stadt Kaliforniens – einschließlich der erweiterten Metropolregion leben dort übrigens gut 18 Millionen Menschen. Der „Walk“ – wie Schindel sein Projekt liebevoll nennt – zeigt eine ungeheure Facette des Architekturgeschehens, der historischen und migrationsbedingten Wandlung der Straße und der Aneignung von Wohn- und Dienstleistungsarchitektur an den Stadträndern. Los Angeles war und ist ein hungriges Wesen, wie viele Städte der Moderne, sie fraß ihre Nachbargemeinden, kleinere Orte mit spanisch klingenden Namen und alles was sich urban überwuchern lässt. Und das tut die Stadt seit es sie gibt. 1781 bis zum mexikanisch-amerikanischen Krieg, 1849, ist die alte Missionsstadt zur Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaat Califorina Norde erkoren worden, ab dem 4. April 1850 werden Stadt und Land Kalifornien zum Bundesstaat der USA. Los Angeles verliert den Hauptstadtstatus. Schaut man auf den ersten Stadtplan nach spanisch-mexikanischer Zeit aus dem Jahr 1850, so ist die quadratische „Original City“ mit gut 17,5 Quadratkilometern Größe winzig im Vergleich zum dem, der 1915 von Homer-Hamlin herausgegeben wird und die Stadt mit über 210 Quadratkilometern berechnet. 90 % der Stadtaneignung geschieht durch Annexion! Allein 1915 kommen mit dem San Fernando Valley und dem sogenannten Westgate 120 Quadratkilometer Fläche hinzu. 1853 wird die Western Avenue vom Kartographen Henry Washington erstmals auf dem Stadtplan verzeichnet. Sie ist auf dem Umgebungsplan von Homer-Hamlin ebenfalls als Bleistiftlinie zu finden und beginnt damals wie heute an jenen Punkt in East Hollywood an dem der Los Feliz Boulevard gen Süden knickt. Sie endete damals jedoch nördlich der San Pedro Mountains und wird erst 1947 den tatsächlichen Zugang zum Meer finden. Die letzte Hausnummer findet sich heute in der Zahl: 33236 Western Ave (San Pedro-Zählung 3535). Es ist ein Apartmenthaus mit Pazifikblick.

Exakt westliche Stadtbegrenzung war die Straße nie – eigentlich sollte man zunächst von Schotterpiste sprechen, denn auf einem kolorierten Foto des Jahres 1898 aus der National Library of Congress in Washington D.C., sieht man eine Hand voll, im Stil der Zeit gekleidete Radfahrer, den staubigen Berg schnurstracks geradeaus hinunter pesen in Richtung der San Pedro Mountains, die man im Hintergrunddunst deutlich erkennt. Seit jener Jahrhundertwende führt die Western Avenue zunächst durch unbebautes, offenes Terrain,später zur Besiedelung freigegeben, durch urbanes Gebiet und wird, mit der parallel verlaufenden Vermont Ave. zur wichtigsten Verkehrsachse Richtung Süden. Erst mit dem Bau der großen Free- und Highways ab der 1950er Jahre zieht zumindest der anwachsende Durchgangsverkehr aus den Quartern ab, obwohl sie Durchgangsroute bleibt. Noch bis in die 1980er-Jahre hinein fehlte ein verlässliches System des öffentlichen Nahverkehrs. Alles war für die Auto gerechte Stadt geplant und umgesetzt, Entfernungen ließen sich ausschließlich im Individualverkehr bewältigen – Verkehrschaos und -kollaps vorprogrammiert. Längst gibt es den öffentlichen Nahverkehr und er ist auch auf der Western Avenue durchweg zu finden. Dieser durchquert auf ganzer Länge die reichsten Viertel der Stadt wie jene der Armut und des Niedergangs.

Viglas Schindel entschleunigt mit seinem Projekt die Verkehrsader, er begeht sie – zu Fuß – in Etappen von etwa 5 Kilometern Länge und lässt die Besucher der Ausstellung teilhaben. Auf die Frage, was ihn zum „Western Avenue Walk“ gebracht habe, sagt er: „Es ist im Grunde lapidar – inspirierende Neugierde. Ich wollte einen eigenen Rhythmus finden, um diese Straße – die irrtümlich bei der Bevölkerung bis heute als tatsächlich westliche Stadtbegrenzung in den Köpfen nicht wegzubekommen ist – stadtgeschichtlich, architekturhistorisch und phänotypisch in ihrer Verwandlung untersuchen. Mich haben Einzelhäuser ebenso in den Bann gezogen, wie das Phänomen der Strip-Architektur, wie eine allgemeine ästhetische Ebene des urbanen Wechsels.“ Schindel ist ein deklarierter Fan der Architektur dieser Stadt, insbesondere der 1920er- bis 1970er-Jahre.

Berühmte Institutionen lagen und liegen entlang der Western Avenue wie z.B. das American Film Institute, einer der ersten buddhistischen Tempel der Stadt sowie das berühmte Art-Deco-Hotel „The Wiltern“ – heute Theater. Auch legendäre Persönlichkeiten lebten dort und bauten ihre Anwesen wie beispielsweise der Schwergewichtsboxer und spätere Schauspieler Jack Demsey (heute ist das im mexikanischen Landhausstil erbaute Privathaus längst abgerissen und dort befindet eine architektonisch nicht weiter zu nennende medizinische Klinik) oder der Gründer des „L.A. Herolds“, John Bradbury, der Kupfermagnat Colonel Greene lebte dort, sowie der bedeutende Autodesigner Harley J. Earl, aus dessen Gestaltungsfeder so berühmte Autos wie die Corvette von Chevrolet stammen sowie die Heckflossen-Cadillacs der 1950er- und 60er Jahre. Bis in die späten 40er-Jahre war die Western Avenue von Hollywood bis Mid City, südlich der Koreatown, ein „Ort des Vergnügens und des Lachens“, wie Jack Dempsey in seiner Autobiographie schreibt: “Those days were nothing but fun and laughs. I was rich and I was in motion pictures. What else was there at Western Avenue?”

Wenn die Ausstellungsbesucher mit auf den „Walk“ kommen, merken sie schnell wie publikumsfreundlich er angelegt ist. Sie entdecken nicht allein die Bandbreite und Mischung aus Baukörpern, skulpturalen Objekten, abgeschlossenen Arealen, wüsten Anbauten, Industrieverwaltungsgebäuden bis zum morbiden vernachlässigten Stadtbild, sondern auch Kultur: die migrantischen Ströme und deren Aneignungen, Pop-Art-Signets und Donut-Kringel in Übergröße, religiöse Orte des Gebets und der Mission sowie abgeschottete Enklaven hinter hohen Mauern. Die Ausstellung nimmt das Publikum fotografisch an die Hand, es bewegt sich entlang eines Läufers, der ihm Orientierung gibt – es schreitet auf dem gedruckten Straßenplan und liest die Tafeln der insgesamt neun hintereinandergereihten Durchquerungen. Fokussiert auf weitere Themen wie „Historical Buildings“, „Walls“ oder „Churches“ können die Besucher sich sowohl analog als auch digital tiefgründiger mit der Materie beschäftigen und eintauchen in eine Welt, die allein durch Einwanderer geschaffen wurde. Eine Diashow zeigt alle von Viglas Schindel aufgenommenen Gebäude, ein Computerterminal erlaubt die weitere Beschäftigung mit Details fragen.
Ein Stadtdurchquerung die Zeit benötigt, sich aber lohnt!

Die Ausstellung „Western Avenue Walk“ ist zu sehen vom 18. Juni bis 18. Juli 2015 im
Kunstforum Markert Gruppe, Droopweg 31, 20537 Hamburg-Hamm
Öffnungszeiten: So. 14-18 Uhr, Mo + Di. 17-20 Uhr und nach Vereinbarung (040) 4918 586
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Aus: Walk #3, Martin Luther King Jr. Blvd bis Florance Ave
Galerie:
01. Gesamtstrecke und Aufteilung der „Western Avenue Walks“ Aus Walk #1
02. Historische Karte aus dem Jahr 1915 von Homer und Hamlin. Quelle: Library of Congress
03. Fotografie der Western Avenue mit Blick gen Süden, um 1894. Quelle: Library of Congress (Fotograf unbekannt)
04. South Western Avenue nahe der 1st Street in San Pedro. Um 1950 (undatiert). Foto: San Pedro Bay Historical Society.
05. Aus: Walk #1, „The Wiltern“
06. Aus: Walk #1, Griffith Park bis Wilshire Blvd, (Hollywood Gas Station/Little Armenia)
07. Aus: Walk #2, Wilshire Blvd bis Martin Luther King Jr Blvd, 3700 (Golden West Manor Hotel)
08. Aus: Walk #3, Martin Luther King Jr. Blvd bis Florance Ave. 4604
09. Aus: Walk #4, Florence Ave bis Imperial Highway, 9618 (The great I AM Faith Center)
10. Aus: Walk #4, Florence Ave bis Imperial Highway, 9746
11. Aus: Walk #5, Imperial Highway bis Artesia Blvd, 12817 (S Western Ave/El Secundo Blvd, Gardena)
12. Aus: Walk #5, Imperial Highway bis Artesia Blvd, 15068 (Donut King, Gardena)
13. Aus: Walk #6, Artesia Blvd bis Carson St, (Torrance)
14. Aus: Walk #7, Carson St bis Pacific Coast Highway,18093 (Torrance)
15. Aus: Walk #8, Pacific Coast Highway bis Summerland Ave, 26354 (Lomita)
16. Aus: Walk #9, Summerland Ave bis White Point County Beach, (Palos Verdes
).

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