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Architektur

Valletta: Eine barocke Stadt findet die Moderne

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Geschrieben von Claus Friede  -  Freitag, den 29. August 2014 um 09:45 Uhr
Valletta: Eine barocke Stadt findet die Moderne 4.9 out of 5 based on 213 votes.
Valletta: Eine barocke Stadt sucht die Moderne

Valletta ist die kleinste Hauptstadt eines EU-Staates, aber sicherlich auch eine der schönsten.
Barock ist der einheitliche Baustil. Vom italienischen Architekten und Festungsbaumeister Francesco Laparelli, nach den im Jahr 1566 modernsten Festungserkenntnissen erdacht, und am Reißbrett geometrisch entworfen, sollte sie eine Idealstadt sein: ästhetisch-funktionabel, gut zu verteidigen und den zeitgenössischen Anforderungen der Maltesischen Ritterorden genügend. In Hinblick auf die osmanischen Angriffe jener Zeit war also alles auf strategisch-optimale Verteidigung ausgelegt, auf die Kontrolle des größten Naturhafens des Mittelmeers, umgeben von Forts – das prägt das Antlitz der Stadt. Der damalige Besucher Vallettas sah eine sich abschottende Stadt, glatte hohe Mauern, Zitadellen; wenig einladend. Die bebaute Landzunge des Monte Sciberras hatte darüberhinaus ein unsichtbares Tunnel- und Katakomben-System unter der Stadt.

Innerhalb jedoch sah und sieht der Gast wunderschöne Straßenzüge, mächtig-prächtige Gebäude, zahlreiche Kirchen, Plätze, Innenhöfe und kleine Gärten.
Über Jahrhunderte überdauerte die Architektur Vallettas die Zeit unbeschadet, selbst als die Truppen Napoleons 1798 vor der Stadt standen wurde kein Gebäude zerstört, da sich die Johanniter unter ihrem Großmeister Ferdinand von Hompesch dazu entschieden, die Stadt kampflos den französischen Truppen zu übergeben. Zwei Jahre später riefen die Malteser die Briten gegen die Franzosen zu Hilfe und so wurde die Stadt kurz darauf Sitz der britischen Kronkolonie Malta.

Erst im Zweiten Weltkrieg wurden, durch deutsche und italienische Bomber, Teile der Stadt zerstört. Zwischen 1940 und 1942 griffen die Achsenmächte 3.000 Mal an.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden zunächst die wichtigsten Wiederaufbau- und Reparaturarbeiten vorgenommen.
Das süd-westliche Quartier, das bis auf die Außenmauern zerbombte Teatru Rjal (Royal Opera House) und der gleichnamige Platz blieben lange vom Wiederaufbau ausgeschlossen. Jahrzehntelang wurden die freien Flächen als Parkplatz genutzt.

In Valletta ist seither eine Diskussion darüber entbrannt, wie man mit diesen Flächen umgehen kann oder muss, und wie so oft sind die Lager gespalten. Jene, die dafür plädieren, dass Valletta wieder ursprünglich aussehen soll und sich barock gebärdet. Eben jene, die für die Idee und den Leitspruch der Johanniter: „Bescheidenheit“ eintreten. Ihnen stehen die gegenüber, die einem zeitgemäßen Duktus und eine sich einfügende, aber zeitgemäße Architektur den Vorzug geben.
Wie aber kann eine Stadt ihr Antlitz verändern, ohne ihre Geschichte zu verleugnen?

Der Streit dauert an, auch nach 1980, der Ernennung Vallettas zum UNESCO-Kulturerbe und nach der Auftragsvergabe Mitte der 80er-Jahre an den Genueser Architekten Renzo Piano das Gebiet neu zu planen und zu restaurieren. Lange passierte wegen verschiedener Widerstände nichts.

2009 begannen schließlich und endlich die Bauarbeiten in dem Quartier. Piano erhielt ein ganzes Paket von Aufträgen: Umgestaltung des Stadttors, des Busterminals (vor dem Stadttor), Neugestaltung des Teatru Rjal sowie des neuen Sitzes des Parlaments Maltas. Das alles nennt sich „Valletta Regeneration Project“. Wer Renzo Piano kennt, der weiß, dass der Italiener äußerst überlegt und intelligent an all seine Projekte geht, sie regelrecht erkundet und dann nachhaltig plant. Das ist auch hier keine Ausnahme, auch wenn in diversen Architekturforen von Fachleuten und Laien gegen jedwede Moderne und gegen die „modernistischen Stararchitekten“ kräftig gewettert wird. Diskurs ist auch in diesem Fall – sofern produktiv geführt – ein probates Mittel, um sich den sehr unterschiedlichen Projektteilen zu nähern. Der 76-jährige Piano macht nicht den Fehler, eine große vermeintliche Einheit über alles zu stülpen. Teatru Rjal, Parlament, Portal und Busterminal sind unterschiedlich in Nutzung, Erscheinung, Verkehrsströmen und Publikumsverkehr, unterliegen aber der alten Stadtplanungsstruktur Laparellis. Das, was Renzo Piano anbietet, ist überwiegend große Architektur.

Valletta City Gate
Für eine Stadt, die sich Jahrhunderte lang verteidigen musste, ist ein kontrollierter Zugang lebenswichtig. Massiv und schwer wirkten daher die alten, 1569, 1633 und 1853 errichteten Stadtportale, die von Floriana her Einlass nach Valletta verhießen. Auch das im 20. Jahrhundert etwas weitergefasste und für PKWs zu durchfahrende Stadttor war ähnlich massiv, aber eher im italienischen Architekturstil der 1930er-Jahre beheimatet, obwohl 1964 errichtet. Die Signalwirkung war äußerlich abweisend als einladend. Eine schmale Zu- und Ausfahrt waren weder heutigen Fußgänger-, schon gar nicht motorisierten Verkehren dienlich.

Renzo Piano entsagt der Idee des Tors oder Portals im herkömmlichen Sinn. Er öffnet die Stadtmauer wie mit einem acht Meter breitem Keil. Der Verzicht auf ein blockierendes Tor ist nun zu einer optischen und mentalen Öffnung der Stadt geworden – eine andere himmelwärts offene Mentalität lädt Besucher nach Valletta ein. Von einer Fußgängerbrücke aus lässt sich der Blick tief in die zentral gelegene Straße der Republik werfen, vorbei an Parlamentsgebäude und Theater. Der helle sandfarbene Kalkstein hat außerdem etwas Einladendes. Das Baumaterial ist das einzige der maltesischen Inseln, das nicht von weit her transportiert werden muss.
Ein neuer Zugang zur Stadt ist außerdem seit 2012 der mit EU-Mitteln finanzierte kostenpflichtige Aufzug, der von der Unterstadt an der Laskaris Wharf am Grand Harbour zur Oberstadt zu den Barrakka Gardens führt.

Parlament
Die Regierung Maltas beschloss 2006 das neue Parlamentsgebäude auf dem Boden der Theaterruinen bauen zu lassen. Die Regierungs- und Parlamentsräume im Waffenarsenal des alten Palasts des Großmeisters des Johanniterordens waren zu klein und nicht ohne weiteres auf einen aktuellen technischen Stand zu bringen. Wieder war es Renzo Piano, der in die Planungen einbezogen wurde. Er war es, der die Regierung davon überzeugte, das Parlament auf der freien Fläche des Freiheitsplatzes zu bauen und die Ruinen des Theaters zu einer Open-Air-Bühne zu gestalten.
Auch die Parlamentsgebäude sind nicht unumstritten. Ursprünglich hatte der Erbauer Vallettas an diesem Ort ein Versammlungshaus geplant. Diese Idee greift Piano 350 Jahre später wieder auf. 2010 begannen die Bauarbeiten, noch in diesem Jahr sollen sie abgeschlossen sein. Das Zwillingsgebäude soll Niedrig-Energie-Werte erreichen. Über einem transparenten Erdgeschoss erheben sich zwei festungsartige Blöcke mit schmalen, aufgebrochen wirkenden Fenstervertikalen und „erodierten“, aus der Fassade springenden Elementen. Jeder Stein ist mit Laserlicht präzise geschnitten und an einer darunterliegenden Metallkonstruktion befestigt.

Neben Ladenpassagen auf Straßenniveau soll zukünftig Platz für ein interaktives Museum über Maltas Geschichte dort etabliert sein. Der ganze Komplex wirkt zwar einerseits streng, aber zugleich elegant. Innen und Außen scheinen grundverschieden zu sein und die meisten, die das Glück hatten, in diesen Tagen einen Blick aus den Innenräumen werfen zu können, sind begeistert.

Teatru Rjal (Royal Opera House)
Das 1942 zerbombte Gebäude wurde von Edward Middleton Barry (1830-1880) im Jahr 1866 fertiggestellt. Dieser hatte an den Houses of Parliament in London mitgearbeitet, das Royal Opera House in London und das Theater Covent Garden gebaut – Ähnlichkeiten sind also erklärbar. 1873 zerstörte ein Brand das Innere, die Restaurierungsarbeiten wurden 1877 abgeschlossen.

Nachdem die Schuttberge nach Ende des Zweiten Weltkriegs weggeräumt waren, entschlossen sich die Verantwortlichen der Stadt 1953 einen Wettbewerb auszuschreiben, an dem sechs Baumeister teilnahmen. Der italienische Architekt Marcello Zavellani-Rossi, der bereits einige Theater in seiner Heimat gebaut hatte, erhielt den Zuschlag. 1957 wurden die Pläne wieder fallengelassen, weil die Maltesische Regierung nicht die hohe Neubausumme aufbringen konnte. 1980 erhielt Renzo Piano erstmals einen Vertrag zur Neugestaltung des Theatru Rjal, 1990 war es dann der maltesische Architekturprofessor Richard England. Keiner der Entwürfe wurde umgesetzt, weil die Kontroversen und Proteste alle Initiativen im Keim erstickten.
Dann beschloss Maltas Regierung sich doch Renzo Piano zuzuwenden – am 8. August 2013 wurde das Theater der Öffentlichkeit übergeben. Es handlet sich um keinen Neubau, sondern um eine Restaurierung der vorhandenen Substanzen zuzüglich einem Open-Air-Konstrukt aus Bühne und Zuschauerraum. Auch wenn der Ort lediglich saisonal bespielbar ist und sicherlich die Anwohner in einem bestimmten Umfeld jede Aufführung akustisch mitbekommen, so ist die Atmosphäre für die Besucher sehr angenehm erlebenswert. Im Stil eine Pop-Up-Baus sind alt und neu stilistisch deutlich getrennt, technisch sehr gut ausgestattet für Sprech-, Gesangs- und Tanztheater, Konzerte und Videoprojektionen. Durch meine Besuche anlässlich des Malta Arts Festivals habe ich dies selbst erfahren können.
Nun hat die Kultur wieder einen alten-neuen Ort zurückgewonnen.


Homepage von Renzo Piano
Video: Valletta Suites - City Life: Renzo Piano for Valletta
Video zur Geschichte des Teatru Rjal


KulturPort.De dankt der Malta Tourism Authority, Visit Malta, Air Malta und dem Hotel Phoenicia für die Unterstützung.
Lesen sie einen weiteren Kulturartikel zum Thema Festivals in Malta und Valletta.


Abblildungsnachweis:
Herader: Blick auf Valletta von Südwesten, vor den Umbauarbeiten. Foto: Office of Tourism
Galerie:
01. Unbekannter Künstler. Ansicht Vallettas und Fort St Elmos im Jahre 1801.
02. Bombenschäden, 1942 (rechts die Trümmer des Royal Opera House). Royal Navy official photographer Russell, J E (Lt).
03. King's Gate, Valletta, gebaut 1853 von Col. Thompson (Royal Engineers). Aufnahme um 1871.
04. Neues "City Gate", Valletta. Fotomontage Renzo Piano Building Workshop. Foto: Malta Tourism Authority
05. Aufrisszeichnung City Gate. (c) Renzo Piano Building Workshop
06. Plan der Bebauungsflächen (c) Renzo Piano Building Workshop
07. Modell der Bebauungsflächen (c) Renzo Piano Building Workshop
08. Aufriss der Gebäude der Bebauunghsfläche (c) Renzo Piano Building Workshop
09. Parlament Maltas. Fotomontage Renzo Piano Building Workshop. Foto: Matlta Tourism Authority
10. Fassade des Parlaments. Foto: Claus Friede
11. Fotomontage des Parlaments (Innen). (c) Renzo Piano Building Workshop
12. Royal Opera House, Valletta. Foto um 1870
13. Aufriss des Teatru Rjal (c) Renzo Piano Building Workshop
14. Teatru Rjal. Foto: Malta Tourism Authority
15. Fotomontage wie es nach Fertigstellung der Bauarbeiten aussehen soll. (c) Renzo Piano Building Workshop

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