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KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Cantate

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Sonntag, den 18. Mai 2014 um 10:14 Uhr
KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Cantate 4.5 out of 5 based on 140 votes.
KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Cantate

Auch der Sonntag Cantate (‚Singet’) hat in der Epistel und dem Evangelium und auch in Bachs Cantatas wenig mit Singen zu tun – sieht man mal ab von der Tatsache, dass Bach seine Botschaften ‚singen’ lässt – sondern mit Abschied.

Christus’ Zeit auf der Welt geht zu Ende – er will heimkehren zu seinem Vater im Himmel und er verabschiedet sich von den Jüngern.
Nun ist es schon merkwürdig was er ihnen vorhält: „Und niemand unter euch fragt mich: Wo gehst du hin?“
Bach hat diese Merkwürdigkeit in einer Cantata zu diesem Sonntag aufgenommen die schließlich selbst die Frage stellt „Wo gehest Du hin?“ BWV 166 die penetrant im einleitenden Bass Solo fragt: „Wo gehest Du hin? Wo, wo, wo, wo…?’

Wir werden diese Frage-Kantate nicht besprechen, sonders diejenige die eine Antwort gibt: „Es ist euch gut, daß ich hingehe“ BWV 108.

Christus schickt sich und uns mit einem Versprechen weg, er will den ‚Tröster’ schicken. Nun ist das so eine Sache mit dem ‚Trost’ – soll der uns nun trösten, weil Christus weg ist oder ist er einfach ‚nicht bei Trost’ und sucht eine Ausrede, um die Welt nun mal allein machen zu lassen?
‚Tröster’ – damit ist in der Mystik des Christentums der ‚Heilige Geist’ gemeint – er stützt die Sache, er soll helfen ‚bei der Fahne’ zu bleiben und er kommt zu Pfingsten – noch zwei Sonntage und dann ist es soweit.
Wenn man sich mal im Duden schlau macht zum Thema ‚Trost’ dann kommt Erstaunliches zutage. Der Begriff hat im Laufe der Zeiten eine starke Abschwächung der Bedeutung erfahren – ‚Trost’ – das war früher sehr stark.

Im Mittelhochdeutschen, so der Duden, hieß ‚tröst’ soviel wie ‚treu’ es stand für innere Festigkeit. Der ‚Tröster’ war also derjenige der die Sicherheit gab – der nicht nur beruhigte und die Tränen abwischte, sondern der Aufbruch ermöglichte, weil er neue Kraft verlieh.
Nun wird klar das Christus die Welt ganz und gar nicht allein ließ – ganz im Gegenteil – er schickte einen starken ‚Motivator’:
„Denn so ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch.
So ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden (...)“


Bach Cantata BWV 108 ‚Es ist euch gut, das ich hingehe’
Uraufführung 29. April 1725 in Leipzig, Text: Christiana Mariana von Ziegler (1695-1760)
Choralmelodie: ,Kommt her zu mir spricht Gottes Sohn’, Nürnberg 1534
Evangelisches Gesangbuch Nr. 363

„Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird,
Der wird euch in alle Wahrheit leiten.
Denn er wird nicht von ihm selber reden,
Sondern was er hören wird, das wird er reden
Und was zukünftig ist, wird er verkündigen.“
Chor-Fuge aus der Bach-Cantata BWV 108 ‚Es ist euch gut, das ich hingehe’
Bach komponierte die Cantata ‚Es ist euch gut das ich hingehe’ erneut als einen kammermusikalischen Dialog zwischen der ‚Vox Christi’ und der Seele oder den Seelen – dafür fand er eine Dichterin in Leipzig der es gelang diese Intimität dieses Zwiegesprächs umzusetzen.
In der Folge der Zusammenarbeit schrieb diese ungewöhnliche Frau die Texte zu neun weiteren Kantaten des Thomaskantors – es muss also eine gewisse kongeniale Freundschaft entstanden sein.

Bachs Textdichterin war Christiana Mariana von Ziegler (1695-1760), eine deutsche Schriftstellerin zu Zeit der Aufklärung und das erste Kind des Juristen Franz Conrad Romanus und seiner Frau Christiana Maria.
Ihr Vater wurde 1701 Bürgermeister der Stadt Leipzig und war – ausgerechnet – einer der Förderer von Georg Philipp Telemann (1681–1767), der zwischen 1701 und 1704 in Leipzig lebte und sich später dann doch entschied lieber nach Hamburg zu gehen und die Leipziger mit der, zunächst ungeliebten, ‚Alternative’ Johann Sebastian Bach zurück ließ.
Christiana Mariana von Ziegler wurde 1741 der Mittelpunkt eines der ersten literarisch-musikalischen Salons in Deutschland, den sie in ihrem Elternhaus, dem Romanushaus, eröffnete. Bach zählte zu den Besuchern, der 1724 von der Dichterin in die Leipziger Gesellschaft eingeführt wurde. Der Thomaskantor vertonte danach bereits 1725 neun geistliche Kantaten von Zieglers, die neben weiteren Dichtungen im Jahr 1728 veröffentlicht wurden, ein zweiter Teil folgte 1729.
Die Cantata nach einem Ziegler-Text ‚Es ist euch gut, daß ich hingehe’ beginnt, wie gesagt, mit dem Bass, der ‚Vox Christi’, die von einer Oboe d’amore umschmeichelt den Evangelien-Text zur Grundlage der ersten Arie macht:
„Es ist euch gut, dass ich hingehe
Denn so ich nicht hingehe,
Kömmt der Tröster nicht zu euch.
So ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“

Der Dirigent Sigiswald Kuijken, dessen Aufnahme dieser und weiterer Nach- Osterkantaten wir empfehlen, hat zu der Stimmung dieser Arie mit Oboe d’amore in seinem der Platte beigefügten ausführlichen und interessanten Textbuch bemerkt: „Sehr oft sind bei Bach solche ‚Vox Dei’-Worte als Dialog mit einem Instrumentalsolisten konzipiert. Zu den eher gebieterischen Aussagen Gottes gehört dann fast selbstverständlich die ‚Tromba’ (Trompete, wodurch deutlich das Gottesbild suggeriert wird, das auch heute noch manchmal vorherrscht, von Gott wie einem Menschen-‚König’, dessen Autorität mit fast militärischer Pracht zum Ausdruck gebracht wird (...)“

Hier ist es (aber) der Dialog zwischen Oboe d’amore und ‚Vox Dei’. Gestatten Sie mir den naiven Gedanken, das Bach mit der Entscheidung ein d’Amore Instrument der Stimme Gottes beizufügen uns tatsächlich die Liebe Gottes in Erinnerung bringen will. Die Barockkünstler scheuten nicht solche einfachen Assoziationen – auch Bach nicht (...)’

Die folgende Arie Tenor wird von einer virtuosen Solo-Violine dominiert. Die Arie stoppt immer kurz bei der Stelle ‚Ich glaube, gehst du fort’ – wie eine kurzes Anhalten wie ein Nachsehen dem Aufgefahrenen am Himmelfahrtstage:
„Mich kann kein Zweifel stören,
Auf dein Wort, Herr, zu hören.
Ich glaube, gehst du fort,
So kann ich mich getrösten,
Dass ich zu den Erlösten
Komm an gewünschten Port.“

Ein kurzes Secco-Rezitativ des Tenors führt zu einem weiteren Zitat aus Sonntags-Evangelium:
“Dein Geist wird mich also regieren,
Dass ich auf rechter Bahne geh;
Durch deinen Hingang kommt er ja zu mir,
Ich frage sorgensvoll: Ach, ist er nicht schon hier?”
... das schließlich vom Chor als Fuge gesungen wird:
„Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird,
Der wird euch in alle Wahrheit leiten.
Denn er wird nicht von ihm selber reden,
Sondern was er hören wird, das wird er reden
Und was zukünftig ist, wird er verkündigen.“

Dieser Chor erscheint in drei Abschnitten, jeder als eine Fuge. Da das Thema der dritten Fuge dem der ersten ähnelt, entsteht eine abgewandelte da capo-Form.
Der Satz ist gleichzeitig motettisch angelegt, da die Musik den Worten folgt und die Instrumente überwiegend ‚colla parte’ (im Einklang) mit den Sängern spielen.
Der erste Abschnitt behandelt ‚Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird’. Der zweite beginnt: Denn er wird nicht von ihm selber reden, der dritte schließlich drückt aus: ‚Und was zukünftig ist, wird er verkündigen’.
Dieser Chor bezieht sich direkt auf den ‚Tröster’ der da an Pfingsten kommen wird und er wird die Zukunft bestimmen, er wird nicht von sich reden, wie es Christus getan hat ,sondern von der Erleuchtung der anderen.
Die letzte Arie des Alt wird von den Streichern begleitet, dominiert von der ersten Violine. Es ist ein wirklich hinreißendes bewegendes Danklied – am ehesten kommt diese Arie dem inneren Sinn des Sonntags ‚Cantate’ nahe.
Es ist eine menuettenhafte Verbeugung von dem Höchsten und die Bitte um das ‚Überschütten mit Segen’, das hier wirklich wie musikalisch ‚überschüttet’ koloriert wird, und um Führung auf ‚Deinen Wegen’:
„Was mein Herz von dir begehrt,
Ach, das wird mir wohl gewährt.
Überschütte mich mit Segen,
Führe mich auf deinen Wegen,
Dass ich in der Ewigkeit
Schaue deine Herrlichkeit!“

Die Cantata wird dann beschlossen mit einem vierstimmigen Choralsatz auf die Melodie von ‚Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn’. Darüber lockt wieder die Oboe d’amore – die ‚Liebe Gottes’:
„Dein Geist, den Gott vom Himmel gibt,
Der leitet alles, was ihn liebt,
Auf wohl gebähntem Wege.
Er setzt und richtet unsren Fuß,
Dass er nicht anders treten muss,
Als wo man find’t den Segen.“

Sigiswald Kuijken hat genau wie Joshua Rifkin seine Cantatas Einspielungen mit nur einer Stimme pro Part besetzt und verzichtet auf einen Chor.

Das ist in diesem Fall der Cantata ‚Es ist euch gut das ich hingehe’ als auch in der die wir des weiteren zum Sonntag ‚Rogate’ besprechen wollen, BWV 86 ‚Wahrlich, wahrlich ich sage euch’ sehr eindrucksvoll und bestechend, da es sich bei beiden Kompositionen um sehr intime, kammermusikalische, klein besetzte Dialoge zwischen Christus und der menschlichen Seele handelt.

Kuijken arbeitet dabei außer mit vier Gesangssolisten mit 18 Instrumentalsolisten, bei denen er selbst die erste Violine übernimmt. Mit dabei unter anderem der berühmte französische Flötist Marc Hantai und der Barock-Trompeter Jean Francois Madeuf.
Besonders Madeuf hat die Fachwelt und die Liebhaber von Musik im Originalklang erstaunt, da es im erstmals gelang die hoch-schwierigen Clarin-Trompeten-Parts glasklar mit einem ventillosen Instrument zu meistern.

Daher also meine Empfehlung: Die CD Johann Sebastian Bach Cantatas Volume 10 ‚Himmelfahrts-Oratorium’ mit unseren Cantatas ‚Es ist euch gut das ich hingehe’ BWV 108 und BWV 86 ‚Wahrlich, wahrlich ich sage euch’ zum Sonntag ‚Rogate’ sowie dem ‚Himmelfahrs-Oratorium - Lobet Gott in seinen Reichen’ BWV 11 und schließlich der Cantata zum Sonntag nach Himmelfahrt ‚Exaudi’ die wir weiter unten besprechen werden, BWV 44 ‚Sie werden euch in den Bann tun’ mit Petite Bande und Solisten Siri Thornhill (Sopran), Petra Noskaiová (Alt), Christoph Genz (Tenor) und Jan Van der Crabben (Bass) unter der Leitung von Sigiswald Kuijken gibt es bei Accent Records unter der Bestellnummer ACC 25310.


Abbildungsnachweis:
Header:
Galerie: Kirchenfenster der Cathedrale Pelerinage à Notre Dame
01. Basilika von Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna, Italien: "Christ umgeben von Heiligen und Engeln". Mosaik der Ravenna-Byzantinischen Schule, vollendet ca. 526 n.Chr. durch den „Meister von Sant'Apollinare".
02. Deutscher Graveur, Portrait der Christiana Mariana von Ziegler, um 1695, Kupferstich
03. CD-Cover Johann Sebastian Bach Cantatas Volume 10 ‚Himmelfahrts-Oratorium’

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