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Meinung

Zeitgemäß inszenierter Seewolf

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Freitag, den 06. November 2009 um 11:21 Uhr
Zeitgemäß inszenierter Seewolf 4.4 out of 5 based on 325 votes.
Ein Reflex ist eine unwillkürliche Reaktion. Deutsche Fernsehzuschauer, die älter als fünfzig sind (oder die redselige Eltern besaßen) denken beim Wort ‚Seewolf’ keineswegs an Jack London, sondern reflexartig: ‚Raimund Harmstorf, Kartoffel’.
Diesen Tatbestand machte sich SPIEGEL-ONLINE-Kultur zunutze mit einer Ankündigung oder eigentlich einer Kritik zum neuen ZDF-Zweiteiler mit Sebastian Koch.

Bereits in der Überschrift brachte man die Sache auf den erdigen Punkt: ‚Drückeberger statt Kartoffeldrücker’ hieß es. Beklagt wurde die Blässe des Remakes sowie vor allem, die Fehlbesetzung der Hauptrolle. Der alte Harmstorf mit seinem Comic-haften Machismo sei der Figur letztlich näher gekommen. Durch Kochs nuancierteres Spiel würde dieser Larsen zu einem zynischen Grübler, dessen Vitalität sich in ein paar unglaubwürdigen Prügeleien erschöpfe.
Anschließend war zur Diskussion aufgerufen: Ihre Meinung ist gefragt!

Es handelte sich, wie gesagt, um eine Vorab-Kritik, der erste Teil sollte ja erst am gleichen Abend gesendet werden. Insofern konnten die Leser sich nicht zum Zweiteiler selbst äußern, sondern nur zu der Kritik. Da sich Menschen selten durch Unkenntnis davon abhalten lassen, eine Meinung zu haben, gab es bald etliche Beiträge, die man überwiegend bündeln und ins selbe Fach stecken konnte: Ja, an Harmstorf kommt keiner ran, nein, Sebastian Koch kann nicht halb so kartoffelig sein.
Ich konsumierte am Abend, neugierig geworden, den ersten Teil des neuen Seewolfs, ging mit gesträubten Haaren zu Bett und las am nächsten Tag noch neugieriger, was für Beiträge denn nun im Spiegel-Blog stehen würden.
Zu meiner Überraschung hatte sich kaum etwas geändert. Es ging mehr oder weniger immer noch um den Männlichkeits-Vergleich zwischen Koch und Harmstorf. Wem zauselte der Bart wilder?

Mit keiner Silbe wurde erwähnt, was mich schockiert hatte: die Gewaltszenen im neuen Seewolf.
Zum einen das Abschießen und Schlachten der Robben; doch das lässt sich relativieren. Die quiekenden, blutenden, sich bäumenden Tiere waren sicher überwiegend computeranimiert (welche Produktion würde es riskieren, sich mit Tierschützern anzulegen!) und außerdem mag es sinnvoll sein, zu zeigen, wie grausam das aussieht und wie überflüssig es ist, untermauert durch eine Bemerkung des Kapitäns, dies geschehe, um die Eitelkeit der Frauen zu befriedigen.
Vor allem und viel mehr jedoch erschreckte mich das, was der SPIEGEL-Kritiker ‚ein paar unglaubwürdige Prügeleien’ nannte.

Vor fast vierzig Jahren hat sich auch Raimund Harmstorf ja durchaus nicht nur am Erdapfel ausgetobt, sondern bei Bedarf etwa Mr. Johnson oder den Smutje zusammen gedroschen. Nur hatte das damals eine ganz andere Qualität.
Den neue Zweiteiler gibt es bereits als Blue-ray oder DVD und er wird als ‚zeitgemäße Inszenierung’ angepriesen.
Genau das ist es. Eine zeitgemäße Inszenierung.

Mag Sebastian Koch noch so intellektuell-sensibel wirken, er schlägt seine Gegner sadistisch, kaltschnäuzig, unendlich brutal zusammen. Da ist noch lange nicht Schluss, wenn der Verlierer blutend und laut stöhnend am Boden liegt, der Seewolf tritt ihm, völlig zeitgemäß, immer wieder mit aller Kraft ins Gesicht oder in den Leib. So macht man das nämlich derzeit. Das gehört, bei fast jedem Krimi, immer da, wo Prügeleien inszeniert werden, obligatorisch dazu. Findet das abschließende Getrete auf ein am Boden liegendes Opfer nicht statt, dann ist das Machwerk älter.

Vielleicht sind die Zuschauer anfangs noch zusammengezuckt. Inzwischen dürften sie sich daran gewöhnt haben. Deshalb wird die gezeigte Brutalität natürlich kontinuierlich ärger, man will ja dem Publikum was bieten. Wenn im Film gefoltert wird, beispielsweise im -zeitgemäßen -‚James Bond’, in der Serie ‚24’ oder in ‚Kill Bill’, fliegen die Backenzähne, werden Augen eingedrückt oder Finger abgesäbelt.

Lustig eigentlich, dass wir uns darüber wundern, weshalb unsere knospende Jugend auf Bahnsteigen hin und wieder Mitbürger nicht nur vermöbelt, sondern die blutend und ohnmächtig Daliegenden auch noch kräftig zusammentritt. So macht man das nun mal.

Und deshalb ist es letztendlich durchaus begreiflich, warum sich sowohl der Spiegel-Kritiker als auch die Diskutierenden im Blog nicht an diesen Selbstverständlichkeiten stießen, sondern sich nur darüber aufregten, wie man ihre Gebührengelder verschleudert, indem man den sowieso nie zu übertrumpfenden Seewolf Harmstorf durch den Seewolf Koch zu übertrumpfen versucht.

Ihre Dagmar Seifert

(Dagmar Seifert ist stellvetrende Chefredakteurin von Kultur-Port.De, Autorin zahlreicher Romane, Drehbücher, Rundfunk-Features und Theaterstücke.)

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avatar Karl Klammer
+20
 
 
Egoshooter werden verboten, in denen in einer offensichtlich künstlichen Umgebung, auf offensichtlich künstliche Figuren, geschossen wird und es die meisten Punkte für einen gut gemachten "humanen" Fangschuss gibt. Nur im Fernsehen, in der durchaus nicht künstlichen Umgebung eines Films, darf es durchaus noch etwas mehr Sadismus sein. Die Aufzählung der Autorin scheint mir durchaus ein guter Querschnitt durch diese Thematik zu sein. Schade nur, dass selbsternannte Kritikerpäpste simple Wahrheiten und Zusammenhänge nicht begreifen und sich an Nebensächlichkeiten (wer zerquetscht die Kartoffel besser) aufhalten. Wenn es nicht so jämmerlich wäre, könnten die einem wahrlich leidtun.
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avatar Deepdiver
+5
 
 
Wie schön, wenn einem jemand so aus der Seele spricht, wie Frau Seiffert es hier schafft. Gratulation zu dieser äußerst gelungenen Kritik!
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avatar Denise Hansen
+17
 
 
Den Seewolf sah ich auch, fand ihn eher langweilig, dachte ebenfalls sehnsüchtig an den alten Harmstorf. Die Gewaltszenen entsetzten mich auch, aber: ich registrierte das eher nebenher. Und das erschreckt mich jetzt, da ich Ihre Kolumne lese.
Sie haben recht, wir stumpfen ab, weil wir es andauernd angeboten kriegen.
Genau so verhält es sich meiner Ansicht nach mit immer mehr Fäkalausdrücken, die ganz selbstverständlich in Filmen benutzt werden. Früher bin ich noch zusammengezuckt, inzwischen stört es mich nicht einmal mehr besonders.
Und das ist doch wohl ein Mangel an Kultur?

Herzliche Grüße!
Denise Hansen
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avatar Felske
+22
 
 
Ein Bravo für dieses feine Florett gegen säbelrasselnde Kollegen.
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avatar cybergino
-8
 
 
Obwohl ich damals vielleicht der einzige in Deutschland war, der diese Harmstorf-Manie unerträglich fand, ist die Neuverfilmung nicht unbedingt das, was ich mir als Gegenleistung für meine Gebühren wünsche. Natürlich kann man nicht erwarten, dass Romanverfilmungen literarisch daherkommen. Allerdings muss man auch nicht ertragen, dass das Medium Film das einfachste Mittel der Darstellung benutzt, nämlich Hauen und Stechen. Vielen Dank an Frau Seiffert für die gelungene Kritik.
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avatar Lehberger
+4
 
 
Liebe Frau Seifert,
Sie haben mir aus der Seele gesprochen.
Ich hoffe, es gäbe mehr Seiferts in dieser Welt - die mit Kritik nicht hinter dem Berg halten.
Einigkeit macht Stark - - WAR SCHON IMMER SO !!!
Auch ich dachte bei dem Wort SEEWOLF sofort an den Film meiner Jugend... An Seefahrtromantik und und und.
ABER - ich muß mich glaube ich entschuldigen... ich habe es nicht bis zum Ende angeschaut.
Die Gewaltszenen waren für mich nicht akzeptabel... und es gibt doch den kleinen Knopf am TV-Gerät.
Leider sind die Menschen hier in diesem Land nicht mehr in der Lage aufzustehen und zu sagen was ihnen NICHT gefällt -Sie nehmen alles hin - darum haben Medien auch eine sehr große Macht bekommen.

Vielen Dank Frau Seifert.
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avatar Jan Schmelzer
+16
 
 
Ich habe diesen Artikel nun eher zufällig gelesen, habe noch nicht mal den Film gesehen, aber sie haben sowas von recht. Es ist zwar so, dass die einen behaupten, Killerspiele und heftige Filme wie "Saw" und "Hostile" haben nichts mit der Brutalität im alltäglichen Leben zu tun. Doch es ist einfach absurd. Die Menschen, die diese Art Filme sehen, lernen und erleben es doch auch so!
Und sie treffen es Frau Seifert, erstaunlich, dass man sich noch darüber wundert. Ich hoffe diese Kritik erreicht die Öffentlichkeit noch stärker.
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avatar olaf hees
-8
 
 
Ohne das ganze intellektuell auszuschlachten: der alte Mehrteiler ist schlicht unschlagbar und einen Vergleich mit dem neuen Film zu bemühen ist schon unangemessen. Sowohl was Darsteller angeht als auch Dramaturgie, Musik, Atmosphäre etc. Finger weg von solchen Klassikern, das Boot wird ja auch nicht neuverfilmt.
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avatar Denise Hansen
+17
 
 
Mein Gott nochmal, Ihnen ist wohl entgangen, dass es in dieser Kolumne mal nicht um den Vergleich alter Seewolf/neuer Seewolf geht, sondern um ganz etwas Anderes, nämlich darum, dass niemand die brutalen Gewaltszenen zur Kenntnis nimmt! Vielleicht sollten Sie sich das mal ganz intellektuell durch den Kopf gehen lassen.
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Home > Kolumne > Meinung > Zeitgemäß inszenierter Seewolf

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