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Meinung

KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Misericordias Domini

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Sonntag, den 04. Mai 2014 um 11:32 Uhr
KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Misericordias Domini 4.6 out of 5 based on 127 votes.
Bach Cantata BWV 112 ‚Der Herr ist mein getreuer Hirt!’
Uraufführung 8. April 1731 in Leipzig, Text: Wolfgang Meuslin 1530
Choral ,Der Herr ist mein getreuer Hirt’
Evangelisches Gesangbuch Nr. 274
Melodie: Allein Gott in der Höh sei Ehr’, Nicolaus Decius 1522
Evangelisches Gesangbuch Nr. 180

„Du bereitest für mir einen Tisch
Vor mein' Feinden allenthalben,
Machst mein Herze unverzagt und frisch,
Mein Haupt tust du mir salben
Mit deinem Geist, der Freuden Öl,
Und schenkest voll ein meiner Seel
Deiner geistlichen Freuden.“
Duett Sopran und Alt aus der Bach-Cantata BWV 104 ‚Der Herr ist mein getreuer Hirt!’

„Denn dazu seid ihr berufen sintemal auch Christus gelitten hat für uns
Und uns ein Vorbild gelassen, daß ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen

Welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden
Welcher nicht wiederschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt

Er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet
Welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz
Auf daß wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben

Durch welches Wunden ihr seid heil geworden
Denn ihr waret wie die irrenden Schafe
Aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“
Epistel 1. Petrus Kapitel; 2 ff

„Bischof eurer Seelen“ – das ist die wirkliche Aufgabe des neuen Hirten der in der folgenden Choral-Cantata ‘Der Herr ist mein getreuer Hirt’ BWV 112 für den Sonntag ‚Misericordias Domini’, den zweiten Sonntag nach Ostern dargestellt wird. Bach führte die Kantate in der Nikolaikirche am 8. April 1731 erstmals auf.
Bischof – oder ‚Pastor’ – Lateinisch für ‚Hirte’ – wie der Pfarrer in der protestantischen Kirche in der Nachfolge Christi heute noch heißt. Christus ist der neue ‚Hirten König’ und Psalm 23 beschreibt sein Reich und seine Wirkung auf das Leben der gläubigen Seele.

Der Text der Bach-Cantata ist unverändert jener des Kirchenlieds von Wolfgang Meuslin, 1530 eine Umdichtung von Psalm 23. Das Lied wird auf die Melodie von ‚Allein Gott in der Höh sei Ehr’ von Nikolaus Decius von 1522 gesungen. Sein Inhalt, der Herr als guter Hirte, wurde traditionell auf Jesus gedeutet und entspricht so dem Evangelium. Damit konnte Bach es unverändert als Text benutzen. Schon im Eingangschor wird dieser Bischof festlich und fürstlich mit strahlenden Hörnern begleitet charakterisiert. In dieser Chor-Choralphantasie, wird die Melodie des ‚Deutschen Gloria’, ‚Allein Gott in der Höh sei Ehr’, in ein unabhängiges Orchesterkonzert eingebettet. Der Satz beginnt mit Hornsignalen, die von der Choralmelodie abgeleitet sind, dann konzertieren die Hörner mit den Streichern, die von Oboen verstärkt werden. Der Cantus firmus des Chorals liegt im Sopran, während die Unterstimmen imitierend geführt sind. Sir John Eliot Gardiner hat zu diesem Satz bemerkt, dass dieser ‚ein königliches Bild des guten Hirten zeichnet’:
„Der Herr ist mein getreuer Hirt,
Hält mich in seiner Hute,
Darin mir gar nichts mangeln wird
Irgend an einem Gute,
Er weidet mich ohn’ Unterlass,
Darauf wächst das wohlschmeckend Gras
Seines heilsamen Wortes.“

Die folgenden Sätze der Kantate verwenden den Choraltext unverändert, doch ist ihre Musik unabhängig von der Choralmelodie. Die Alt-Arie wird von der obligaten Oboe d’amore begleitet. Sie steht im pastoralen 6/8-Takt und besteht aus zwei ähnlichen Teilen. Der stetige Fluss der Oboen-Melodie kann als das ‚reine Wasser’ gedeutet werden, das der Text erwähnt, die Schritte im Continuo als Schritte ‚auf rechter Straß’:
„Zum reinen Wasser er mich weist,
Das mich erquicken tue.
Das ist sein fronheiliger Geist,
Der macht mich wohlgemute.
Er führet mich auf rechter Straß
Seiner Geboten ohn’ Ablass
Von wegen seines Namens willen.“

Der Bass beginnt den nächsten Satz las ein ‚Arioso’, vom Continuo begleitet und schildert das Wandern ‚im finstern Tal’:
„Und ob ich wandelt im finstern Tal,
Fürcht ich kein Unglück.“

Der zweite Teil ist ein dramatisches Rezitativ mit Streichern. das zunächst ‚Verfolgung, Leiden, Trübsal’ in einer gebrochenen melodischen Linie gegen gehaltene Akkorde ausdrückt, dann den Schutz ‚Dein Stab und Stecken trösten mich’ – der Hirtenstab, ein Bischofsstab:
„In Verfolgung, Leiden, Trübsal
Und dieser Welte Tücke,
Denn du bist bei mir stetiglich,
Dein Stab und Stecken trösten mich,
Auf dein Wort ich mich lasse.“

Das folgende Duett zwischen Sopran und Tenor zeigt die Freude an Gottes Tisch in einem fröhlichen Tanz, einer Bourrée:
„Du bereitest für mir einen Tisch
Vor mein' Feinden allenthalben,
Machst mein Herze unverzagt und frisch,
Mein Haupt tust du mir salben
Mit deinem Geist, der Freuden Öl,
Und schenkest voll ein meiner Seel
Deiner geistlichen Freuden.“

Die Kantate wird beschlossen durch einen vierstimmigen Choralsatz von den Hörnern festlich begleitet, in dem die Instrumente colla parte spielen:
„Gutes und die Barmherzigkeit
Folgen mir nach im Leben,
Und ich werd bleiben allezeit
Im Haus des Herren leben,
Auf Erd in christlicher Gemein’
Und nach dem Tod da werd ich sein
Bei Christo meinem Herren.“

Bach hat zu diesem Sonntag noch eine dritte Cantata zum 15. April 1725 komponiert, BWV 85 ‚Ich bin ein guter Hirt’. Ich werde diese nicht beschreiben – sie unterstreicht erneut den guten Hirten als den neuen Bischof der Seelen und beginnt mit Christi Worten: „Ich bin ein guter Hirt – ein guter Hirt lässt sein Leben für die Schafe“.

Ich empfehle die beiden besprochenen Bach-Cantatas zum Sonntag ‚Misericordias Domine’ in der Aufnahme des japanischen Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Bach-Experten Masaaki Suzuki.
Suzuki, geboren 1954 im japanischen Kobe, begann bereits im Alter von 12 Jahren beim sonntäglichen Gottesdienst die Orgel zu spielen. Nach seinem Studium an der Tokyo National University of Fine Arts and Music in Tokio in den Fächern Komposition und Orgel setzte er seine Studien in Cembalo und Orgel am Sweelinck-Konservatorium in Amsterdam bei Ton Koopman und Piet Kee fort.
Seit 1990 ist er künstlerischer Leiter des Bach Collegium Japan, das sich vor allem durch seine Aufnahmen der geistlichen Cantatas von Johann Sebastian Bach einen Namen gemacht hat – in diesem Jahr wurde dieses Projekt mit der Ausgabe 55 der Einzel-CDs beendet. 2011 erhielt Suzuki den Bremer Musikfest-Preis. 2012 wurde ihm im Rahmen des Bach-Festes Leipzig aufgrund seiner Verdienste um die Pflege des Bach-Werks die Bach-Medaille verliehen.
Es ist schon mehr als ungewöhnlich, das ein japanischer Musiker sich so in die Welt der Bach-Cantatas vertiefen kann und ihre musikalische als auch theologische Sprache nachempfindet, wie es Masaaki Suzuki gelungen ist.
Er hat einen eigenen, hoch-eleganten, feinen, durchsichtigen Bach Stil entwickelt der seinen Aufnahmen unzählige internationale Preise eintrug.
Der Japaner arbeitet mit einem kleinen Chor und ausgesuchten Solisten teils europäischer, teils japanischer Herkunft.
Suzuki nahm die meisten der Cantatas in seiner Heimatstadt Kobe in der ‚Shoin Woman’s University Chapel’ auf – und fand dort ein akustisch perfektes Environment.
Der fernöstliche Bach-Experte, der beim schwedischen ‚BIS Label’ seine Aufnahmen herausbrachte, legte immer besonderen Wert auf die beste Aufnahmetechnik und die Wiedergabe seiner CD ist wirklich bestechend schön.
Suzuki hat einen fast perfekten, durchsichtigen barocken Klangteppich entwickelt und war der erste der seine Bach Cantatas auf dem SACD System herausbrachte.
Nun könnte man meinen, das jemand, der sich so um die Technik bemüht, wohl eher eine sehr kalte seelenlose Interpretation bevorzugt – ganz im Gegenteil.
Es ist kaum möglich sich dem Zauber der Bach Aufnahmen von Suzuki zu entziehen – das gilt auch für unsere Einspielungen der beiden ‚Hirten Cantatas’ die auf zwei der Suzuki-Cantata-CDs zu finden sind.

Die erste CD Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 19 mit dem Bach Collegium Japan, sowie den Solisten Yukari Nonoshita (Sopran), Robin Blaze (Altus), Makoto Sakurata (Tenor) sowie Stephen Mac Leod (Bass) unter der Leitung von Massaki Suzuki enthält unter anderem unsere zweite besprochene Cantata zum Sonntag ‚Misercordias Domini’ BWV 104 ‚Du Hirte Israel, höre!’.

Des Weiteren BWV 86 ‚Wahrlich, wahrlich ich sage euch’ zum Sonntag ‚Rogate’ die wir unten noch besprechen werden, die Cantata BWV 37 ‚Wer da gläubet und getauft wird’ zum Himmelfahrtage und schließlich BWV 166 ‚ ‚Wo gehest Du hin?’ zum Sonntag ‚Cantate’. Die CD ist zu haben bei BIS Records unter der Bestellnummer BIS CD 1261 oder bei Amazon

Die zweite CD Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 52 mit dem Bach Collegium Japan, sowie den Solisten Hana Blazikova (Sopran), Robin Blaze (Altus), Gerd Tuerk (Tenor) sowie Peter Kooij (Bass) unter der Leitung von Massaki Suzuki enthält unter anderem unsere zweite oben besprochene Cantata zum Sonntag Misercordias Domini BWV 112 ‚Der Herr ist mein getreuer Hirt’.

Des Weiteren eine der berühmtesten Bach-Cantatas BWV 140 ‚Wachet auf ruft uns die Stimme’ zum 27. Sonntag nach Trinitatis, und die Ratwahl-Cantata BWV 29 ‚Wir danken Dir, Gott, wir danken Dir’. Diese CD ist zu haben bei BIS Records unter der Bestellnummer BIS CD 1981.

Der nächste Sonntag am 4. Mai heißt 'Jubilate'. Mit ihm setzen wir die KlassikKompass-Reihe fort.


Ihr Herby Neubacher


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Meister des Mausoleums der Galla Placidia in Ravenna, “Der gute Hirte”, 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts. Quelle: Wicki Commons.
01. Meister von Cefalù: Mosaiken der Kathedrale von Cefalù, Szene: Engel, etwa 1150. Quelle: Wicki Commons.
02. „Agnus Dei“. Westfenster im Kirchenraum des Heiligen-Geist-Hospitals in Lübeck. Foto: Aroldius
03. CD-Cover Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 19
04. CD-Cover Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 52.

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