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Meinung

KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Quasimodogeniti

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Sonntag, den 27. April 2014 um 10:12 Uhr
KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Quasimodogeniti 4.5 out of 5 based on 140 votes.
Bach Cantata BWV 46 ‚Am Abend aber desselbigen Sabbats’’

Uraufführung 8. April 1725 in Leipzig,. Text: unbekannter Dichter. Choral: ,Verzage nicht, du Häuflein klein’ von Jacob Fabricius 1632
Evangelisches Gesangbuch Nr. 249
Choral ‚Verleih uns Frieden gnädiglich’ Martin Luther 1529 nach dem Antiphon ‚Da Pacem Domine’ aus dem 9. Jahrhundert
Evangelisches Gesangbuch Nr. 421

„Verzage nicht, o Häuflein klein,
Obschon die Feinde willens sein,
Dich gänzlich zu verstören,
Und suchen deinen Untergang,
Davon dir wird recht angst und bang
Es wird nicht lange währen.“

Choral Duett Sopran & Tenor aus der Bach-Kantate ‚Am Abend aber desselbigen Sabbats’ BWV 46

„Wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen
Das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.
Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen,
Da bin ich mitten unter ihnen.“ Evangelium Matthäus 20 ff

Die zweite Bach-Cantata zum ,Sonntag der neugeborenen Kindlein’ wird mit einem ausgiebigen Instrumental Concerto mit konzertierenden Oboen eingeleitet – Hirteninstrumenten, übrigens, nach der ‚Temperamenten-Lehre’ im Barock. Aber leider auch ‚Kriegsinstrumente’. Diese Sinfonia ist stark bewegt und macht unruhig, sie lässt keinen wirklichen inneren Frieden aufkommen. Sie beschreibt, meiner Ansicht nach, die Seele in ihren Verstrickungen und auch die Furcht vor der Christi Nachfolge.
Man darf sich da bitte keinen Illusionen hingeben – nicht erst in Caesar Neros (37 – 68 nach Christus) Zeiten war es gefährlich christlichen Glauben zu vertreten. Natürlich gerade und erst recht nachdem der Führer dieses Glaubens mitten in Jerusalem öffentlich als ‚Ketzer’ gekreuzigt worden war.
Und so ist das eher furchtsame Secco Rezitativ des Tenor (Evangelist) das nach der einleitenden Sinfonia die Cantata beginnt verständlich – namentlich und auch die damals durchaus berechtigte ‚Furcht vor den Juden’.

„Am Abend aber desselbigen Sabbats,
Da die Jünger versammelt
Und die Türen verschlossen waren
Aus Furcht für den Juden,
Kam Jesus und trat mitten ein.“

Die folgende Alt Arie nimmt das Christus Wort aus dem Matthäus Evangelium auf, besonders reizvoll in dieser sehr ‚ariosen’ Arie ist die Aufzählung ‚Zwei und Drei’ die liebevoll umschrieben und musikalisch von konzertierenden Oboen ausgemalt wird.

„Wo zwei und drei versammelt sind
In Jesu teu’rem Namen,
Da stellt sich Jesus mitten ein
Und spricht dazu das Amen.“

Diese Arie hat wirklich einen ‚abendlichen’ beruhigenden Charakter und ist erst in ihrem zweiten Teil lebhafter – nachdem der Anfang ‚da capo’ wiederholt wird.

„Denn was aus Lieb und Not geschicht,
Das bricht des Höchsten Ordnung nicht.“

Das ist schon eine Aussage! Nur mal für denjenigen der Bachs-Cantatas irrigerweise für ‚harmlos’ hält – was aus ‚Lieb’ und Not geschicht’ ist gerechtfertigt – es bricht ‚des Höchsten Ordnung’ nicht!

Das ist ein Freibrief an die ‚ Freyheith eines Christenmenschen’ (Lateinischer Originaltitel: ‚De Libertate Christiana’) wie Martin Luthers Streitschrift aus dem Jahr 1520 betitelt ist, fürwahr. Es folgt eine Choralbearbeitung als Duett zwischen Tenor und Sopran mit konzertierendem Basso Continuo das nochmals die christliche Freiheit unterstreicht und Mut macht:

„Verzage nicht, o Häuflein klein,
Obschon die Feinde willens sein,
Dich gänzlich zu verstören,
Und suchen deinen Untergang,
Davon dir wird recht angst und bang:
Es wird nicht lange währen.“

Besonders die Umschreibung des nicht ‚Verzagens’ und die Feinde die wieder in einem ‚Battaglia’-Anklang bekämpft werden. Schließlich hebt sich der Sopran stimmlich über das Ganze und es wird wirklich – fast schrill – ‚angst und bang’.
Der Bass zieht eine Bilanz und einen anderen Schluss im folgenden Rezitativ. Er erklärt die Furcht die von Christus persönlich vertrieben wird, weil er ‚seiner Kirche Schutz will sein’ – und ‚lasst die Feinde wüten’.

Rezitativ
Man kann hiervon ein schön Exempel sehen
An dem, was zu Jerusalem geschehen;
Denn da die Jünger sich versammelt hatten
Im finstern Schatten,
Aus Furcht für denen Juden,
So trat mein Heiland mitten ein,
Zum Zeugnis, dass er seiner Kirche Schutz will sein.
Drum lasst die Feinde wüten!

Dies leitet schließlich über zu einer weiteren ‚Battaglia’-Arie mit skandierenden Violinen – besonders darin koloriert die ‚Verfolgung’.

Arie
Jesus ist ein Schild der Seinen,
Wenn sie die Verfolgung trifft.
Ihnen muss die Sonne scheinen
Mit der güldnen Überschrift:
Jesus ist ein Schild der Seinen,
Wenn sie die Verfolgung trifft

Die zwei Strophen des wohl berühmtesten Luther-Chorals beenden diese Cantata mit dem Wunsch nach Frieden der in der zweiten Strophe sogar richtig politisch wird und sich an die ‚Fürsten und all'r Obrigkeit’ wendet.

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten;
Es ist doch ja kein andrer nicht,
Der für uns könnte streiten,
Denn du, unser Gott, alleine.
Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit
Fried und gut Regiment,
Dass wir unter ihnen
Ein geruhig und stilles Leben führen mögen
In aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit
Amen.
Ich möchte die beiden Bach Cantatas für den Sonntag Quasimodogeniti in Einspielungen des niederländischen Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Bach Forschers Ton Koopman empfehlen.
Koopman, geboren 1944 studierte Musikwissenschaft in Amsterdam. 1979 gründete er das ‚Amsterdam Baroque Orchestra’, 1992 den ‚Amsterdam Baroque Choir’ und damit das Ensemble ‚Amsterdam Baroque Orchestra & Choir’.
Er widmet sich überwiegend der Musik des Barock und ist ein Vertreter der historischen Aufführungspraxis.
Unter anderem nahm er zwischen 1994 und 2004 sämtliche Kantaten von Johann Sebastian Bach auf.
In diesem Projekt wirkten als Gesangs-Solisten unter anderem: Lisa Larsson, Sibylla Rubens, Deborah York, Barbara Schlick und Caroline Stam (Sopran), Elisabeth von Magnus, Annette Markert, Franziska Gottwald, Bogna Bartosz (Alt) Michael Chance, Bernhard Landauer und Andreas Scholl (Altus) , Paul Agnew, Lothar Odinius, Gerd Tuerk, Joerg Dürmüller und Christoph Prégardien (Tenor) und Klaus Mertens (Bass).

Die Bach Einspielungen erscheinen zunächst auf dem ‚Erato’ Label – mitten im Projekt entzog man Koopman einfach die Mittel und der Niederländer musste auf eigene Initiative und Rechnung die Gesamteinspielung der Cantatas fortsetzen.
Koopman gelang dies und er gründete seinen eigenen Plattenvertrieb ‚Challenge Records’. So erschient ein Teil der Aufnahmen zunächst noch auf ‚Erato’ dieser wurde aber dann in der 2004 abgeschlossenen Gesamteinspielung erhältlich über Koopmans eigenen Vertrieb mit eingeschlossen.
Der Bach-Experte lieferte eine einmalige Referenz-Einspielung der Bach Cantatas, so auch der zum Sonntag Quasimodigeniti. Sein ureigener Stil von dem mancher Kritiker und Kenner behauptet, Bachs Ideen am nächsten zu kommen, ist so profund erfahren und recherchiert und dabei hoch künstlerisch – es ist nahezu unmöglich von Koopmans Cantata Aufnahmen nicht tief bewegt zu werden.
Der Niederländer gibt bis heute noch viele Live Konzerte mit Bachs Werken, so in Kirchen seiner Heimat Amsterdam oder auf dem Bachfest in Leipzig, wo er regelmäßiger Gast ist und auch im ferneren Ausland, wie in den USA. Koopmans Einspielungen werden uns weiter durch die Klassik Kompass Serie ‚Welt der Bach Cantatas’ begleiten – sie sind immer wieder auf ihre eigene Weise faszinierend.
Koopman lässt sich par tout seinen hochkarätigen Chor nicht abgewöhnen und stellt wechselnde Ensemble-Stärken immer wieder neu bestückt mit den besten Instrumental- und Gesangs-Solisten zusammen, um Bachs Idee von der richtigen ‚originalen’ Aufführung seiner Cantatas mit jedem der aufgeführten Werke neu nahe zu kommen.

Die erste 3 CD Box Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 7 mit dem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir sowie den Solisten Lisa Larsson (Sopran), Bogna Bartosz und Elisabeth von Magnus (Alt), Gerd Türk (Tenor) und Klaus Mertens (Bass) unter der Leitung von Ton Koopman enthält unter anderem unsere oben besprochene Cantata BWV 67 ‚Halt im Gedächtnis Jesum Christ’ zum Sonntag Quasimodogeniti.
Dazu die Cantata BWV 25 ‚Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe’ zum 14. Sonntag nach Trinitatis, BWV 95 ‚Christus der ist mein Leben’ zum 16. Sonntag nach Trinitatis, BWV 144 ‚Nimm was dein ist und gehe hin’ zum Sonntag Septuagesimae.
Weiter die Cantatas BWV 24 ‚Ein ungefärbt Gemüte’ zum 4. Sonntag nach Trintatis, BWV 136 ‚Erforsche mit Gott und erfahre mein Herz’ zum 8. Sonntag nach Trintitatis, BWV 184 ‚Erwünschtes Freudenlicht’ zum 3. Pfingsttag und BWV 105 ‚Herr gehe nicht ins Gericht’ zum 9.Sonntag nach Trinitatis.
Ebenso BWV 148 ‚Bringet dem Herrn die Ehre seines Namens’ zum 17. Sonntag nach Trinitatis, BWV 147 ‚Herz und Mund und Tat und Leben’ – einer der berühmtesten Bach Cantatas – zum Fest Mariä Heimsuchung, BWV 181 ‚Leichtgesinnte Flattergeister’ zum Sonntag Sexagesimae und schließlich eine Cantata zum Pfingstmontag BWV 173 ‚Erhöhtes Fleisch und Blut’

Die CD Box ist zu erwerben bei ‚Erato Records’ (nur noch antiquarisch) unter der Bestellnummer 3984-23141-2, oder bei Koopmans eigenem Vertrieb ‚Challenge’.

Die zweite Box mit 3 CD Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 14 mit dem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir sowie den Solisten Deborah York und Lisa Larsson (Sopran), Bogna Bartosz, Franziska Gottwald und Anne Markert (Alt), Joerg Dürmüller, Christoph Prégardien und Paul Agnew (Tenor) sowie Klaus Mertens (Bass) unter der Leitung von Ton Koopman enthält unter anderem unsere zweite oben besprochene Cantata zum Sonntag Quasimodogeniti BWV 42 ‚Am Abend desselbigen Sabbats’.
Des Weiteren BWV 68 ‚Also hat Gott die Welt geliebt’ zum 2. Pfingsttag, auch die von uns bereits vormals besprochene Cantata BWV 6 ‚Bleib bei uns, denn es will Abend werden’ zum Ostermontag sowie BWV 74 ‚ Wer mich liebet der wird mein Wort halten’ zum Pfingst-Sonntag.
Dazu BWV 126 ‚Erhalt uns Herr bei deinem Wort’ am Sonntag Sexagesimae, BWV 26 ‚Ach wie flüchtig, ach wie nichtig’ zum 24. Sonntag nach Trinitatis, BWV 125 ‚Mit Fried’ und Freud’ ich fahr dahin’ zum Fest Mariä Reinigung und BWV 178 ‚Wo Gott der Herr nicht bei uns hält’ zum 8. Sonntag nach Trinitatis.
Auch eine Cantata zum Sonntag ‚Jubilate’, die wir nicht besprechen werden, ist auf der CD Box zu hören, BWV 103 ‚Ihr werden weinen und heulen’, und abschließend BVW 121 ‚Liebster Immanuel, Herzog der Frommen’ zum Epiphanias Fest.

Die CD Box ist zu haben bei Koopmans eigenem Vertrieb Challenge unter der Bestellnummer CC 72214.

Kommenden Sonntag geht es weiter zu 'Misericordias Domini’...


Ihr Herby Neubacher


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Glasfenster Szene aus der St John the Baptist's Anglican Church, Ashfield, New South Wales. Illustrates Jesus' description of himself "I am the Good Shepherd" (from the Gospel of John, chapter 10, verse 11). This version of the image shows a close up of the key features of the scene.
The memorial window is also captioned: "To the Glory of God and in Loving Memory of William Wright. Died 6th November, 1932. Aged 70 Yrs."

Galerie:
01. „Die Verehrung des Lammes“, Detail aus dem Genter Altar von J. van Eyck (um 1432)
02. „Christus und der ungläubige Thomas“ (Fresko von Thomas von Villach aus dem Jahr 1527) an der Nord-Wand der Pfarrkirche Heiliger Andreas in Thörl-Maglern-Greuth, Gemeinde Arnoldstein, Bezirk Villach Land.
03. und 04.CD Cover

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