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mail aus riga - Nebels Welt XXIII

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Geschrieben von Klaus Peter Nebel  -  Montag, den 10. Februar 2014 um 11:02 Uhr
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Von nachrichtenreichen Zeiten, von Journalisten wie sie berichten und von dem Phänomen der selektiven Wahrnehmung.
Das waren noch Zeiten. Bisher war an und zwischen den Feiertagen, Weihnachten und Neujahr, nachrichtenmäßig immer „tote Hose“. 2013 häuften sich jedoch die Ereignisse und es ist schon interessant an diesen Beispielen zu zeigen, wie Medien berichten und was sie alles nicht berichten. Auch ist es interessant, einen Monat später zu sehen, welche Nachrichten nachhaltig waren. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit hier die Ereignisse einer kurzen Zeitspanne. Zunächst waren es die Protestveranstaltungen auf dem Maidan-Platz in Kiew. Weil man ihn hierzulande kennt, wurde der Boxweltmeister Dr. Vitali Klitschko dann auch hierzulande zum Oppositionsführer ernannt und zum gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten der Opposition proklamiert. Das ist mitnichten so.

Es erinnert an die Berichterstattung über den arabischen Frühling – Abteilung Ägypten. Damals wurde der „im Westen“ bekannte Friedensnobelpreisträger und ehemalige Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation als aussichtsreicher Kandidat für die Führung des Landes hochgejazzt. Das Ergebnis ist bekannt und auch ernüchternd: Mursi gewann und rund 50% wählten die Muslimbrüder, 20% die Salafisten. Alle anderen verkrümelten sich im einstelligen Prozentbereich. Wie kann man sich so irren?

Es ist das Phänomen der selektiven Wahrnehmung. Man sieht nur das, was man sehen will. Zurück zu Klitschko und dem Maidan. Erwähnt wurde in der laufenden Berichterstattung so nebenbei, welche drei Parteien die Proteste zu mindestens organisatorisch tragen. Dies sind die Udar (Schlag) von Klitschko – Programm wohl noch nicht vorhanden außer der Westbindung –, die Vaterlandspartei der Julia Timoschenko und es ist Swoboda (Freiheit). Letztere will einen eigenen Kandidaten zur angestrebten Präsidentenwahl aufstellen.

Von wegen gemeinsamer Kandidat. Aber es wurde hierzulande immerhin in einigen Medien erwähnt. Interessant wäre aber zu erfahren, wer denn hinter diesen Organisatoren steckt. Klitschko und Timoschenko sind klar, aber ein schlichter Klick im Internet hätte über Swoboda Interessantes zu Tage gebracht, aber nichts war und ist in den Medien dazu zu erfahren.
Dem geneigten Leser sei zu empfehlen, dieses Versäumnis der schreibenden Klasse nachzuholen. Maidan & Co. beherrschen noch heute die Schlagzeilen.

Ein anderer Fall war die geglückte Begnadigung des Michail Borissowitsch Chodorkowski, bei der der ehemalige deutsche Außenminister Hans Dietrich Genscher eine entscheidende Rolle gespielt hat. Und er hat das auch ungemein geschickt in den TV Sendern vertreten. Keine Tür wurde zugeschlagen, die er für eventuell neue Fälle noch brauchen könnte. Nach der überraschenden Freilassung wurde natürlich über die Vermögensverhältnisse des Michail Borosswitsch spekuliert. Da war von 6 Mrd. € auf Schweizer Konten die Rede. Woher weiß man das? Wer setzt solche Zahlen mit welcher Absicht in die Welt? Die Schweizer Sonntagszeitung sprach von 200 Mio. €. Auch hier die gleichen Fragen. Fest steht nur, dass seine Suite im Hotel Adlon 2965 € kostet; täglich natürlich. Dies lässt sich leicht an den Preislisten des Adlon feststellen. Die Pressekonferenz mit dem Protagonisten fand im Mauermuseum, Berlin, statt und war ersichtlich professionell vorbereitet worden. Ein symbolträchtiger Ort musste kurzfristig gefunden werden, Konferenzdolmetscher waren an zu heuern, Einladungen mussten geschrieben bzw. Termine bekannt gegeben werden usw. usw. Die Hausherrin Alexandra Hildebrandt hatte – sichtlich überfordert – die Leitung der Pressekonferenz. Gleich zum Anfang keifte sie die Journalisten, wenn sie sich nicht sofort setzen würden, ließe sie alle raus schmeißen. So sieht gekonnte Pressearbeit aus. In einigen Medien murmelte man dann, dass die Agentur, die das organisierte, von einem ehemaligen Chefredakteur geleitet würde. Nun, das ist Hans Hermann Tiedje, ehemals Chef der Bild Zeitung. Die Agentur heißt WMP AG. Er fiel immer mit besonders mitfühlenden Einlassungen auf, so zum Beispiel zu seiner Mitarbeiterführung: Beinschuss, Brustschuss, Kopfschuss.

Interessant in diesem Zusammenhang: Der Ehrenvorsitzende dieser Gesellschaft ist – na? Hans Dietrich Genscher. So bleibt doch alles zusammen. Jetzt ist der Geschäftspartner Chodorkowskis, Platon Lebedew, frei gekommen, dies war nur noch eine kleine Randnotiz in den Medien.

Ein weiteres Schrecknis am ersten Weihnachtfeiertag war eine „Femen“ Aktion im Kölner Dom. Der eifrige Mediennutzer wird sicherlich eine Parallele zu „Pussy Riot“ in Moskau sehen. Zum Tathergang: Eine Aktivistin der Bewegung sprang während der Messe halbnackt auf den Altar des Domes.
Auf den schmalen Körper hatte sie geschrieben. „I am God“. Die Reaktion der Medien war aufschlussreich. Manche verschwiegen das, weil die PR Absicht wohl all zu deutlich war, andere brachten es wegen des Bildes; eine Hamburger Zeitung war entzückt, dass es sich bei der Protagonistin um eine Hamburgerin handelt; so konnte man beweisen, dass Hamburg immer vorne ist. Die Süddeutsche Zeitung war da anders. Hans Leyendecker erkundete den richtigen Namen „der Heldin“. Er schrieb welche Medien aktiv an der Aktion beteiligt waren und welche Hintergründe es mit „Feme“ so auf sich hat. Man sieht: Es geht doch. (siehe: www.sueddeutsche.de) Jetzt interessiert sich niemand mehr dafür – es bedarf schon einer neuen Aktion.

Zum Abschluss noch etwas tragisches, dessen Ausgang noch nicht ab zu sehen ist. Es ist der Ski-Unfall des Michael Schumachers. Es war lange die erste Nachricht in den Medien. Nachdem das Krankenhaus, in dem er lag und seine Familie nichts mehr bekannt gegeben haben, ist die Nachricht aus der Berichterstattung verschwunden. Manchmal ist es gut, auf Tauchstation zu gehen. Aber das wäre dann wieder eine ganz andere Geschichte.

Ihr Klaus Peter Nebel


Prof. Dipl.-Bibl. Prof. h.c. Klaus Peter Nebel ist Leiter des Studiengangs Kultur- und Medienmanagement an der Lettischen Kulturakademie in Riga/Lettland. Von 2007 bis 2010 arbeite er als Professor für Marketing- und Unternehmenskommunikation an der UMC (University of Management and Communication), Berlin, Potsdam; In den Jahren 2007 und 2008 war er als Direktor der Konzernkommunikation der maxingvest AG, Hamburg tätig (Holding für Beiersdorf AG, Tchibo GmbH, tesa AG) und Leiter der Unternehmenskommunikation der Tchibo GmbH, Hamburg. Über 20 Jahre, von 1983 bis 2007 war er Leiter Presse & Public Relations der Beiersdorf AG in Hamburg.

Hinweis: Die Inhalte dieser "Kolumne" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

Headerfoto: Claus Friede

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