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KlassikKompass – Musik im Mittelalter: Blut der Schlachten und Mut der Helden. Der Hundertjährige Krieg

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Dienstag, den 31. Dezember 2013 um 11:59 Uhr
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KlassikKompass – Musik im Mittelalter: Blut der Schlachten und Mut der Helden. Der Hundertjährige Krieg

Das erstarkende Königtum im Mittelalter sorgte dafür, dass das allgemeine Volksaufgebot an Kriegern vom Aufgebot der berittenen Vasallen abgelöst wurde.
Aus diesen gingen allmählich die Ritterheere hervor. Diese bestimmten bis weit in das 14. Jahrhundert das europäische Militärwesen. Zur persönlichen Ausrüstung der Ritter gehörte das Horn. Es diente als individuelles Signal- und Warninstrument. Das wichtigste Instrument der früh mittelalterlichen Kriegsmusik war außerdem die Busine. Aus ihr entwickelte sich die Naturtrompete. Sie wurde zum Lieblingsinstrument der Ritter. Sie sah repräsentativ aus, ließ sich zu Pferde spielen und konnte zusätzlich geschmückt werden. So entwickelten sich die Feldtrompeter. Zeitlich unklar ist, wann sich neben dem hellen schmettern der Trompeten auch das dumpfe Dröhnen der Pauken der Heerespauker gesellte. Wahrscheinlich haben die Kreuzritter diese Instrumente im Vorderen Orient kennengelernt und von dort mit nach Europa gebracht. Mit der Militärmusik kamen auch die ersten Soldatenlieder die sich bald in allen Heeren verbreiteten.

L’homme armé (‘Der Mann in Waffen’) ist ein französisches Soldatenlied, das vermutlich während des späten 15. Jahrhunderts entstand. Es wurde in der Folgezeit als volkstümliche Chanson beliebt und zählte später zu den bekanntesten Melodien der europäischen Renaissance:

L'homme, l'homme, l'homme armé.
L'homme armé
L'homme armé doibt on doubter, doibt on doubter.
On a fait partout crier,
Que chacun se viengne armer
D'un haubregon de fer.

Den Mann in Waffen muss man fürchten.
Überall hat man ausrufen lassen,
Dass jeder sich bewaffnen solle
Mit einem eisernen Kettenpanzer.
Den Mann in Waffen muss man fürchten.

Das Lied folgt keiner traditionellen Balladenform. Der Text nimmt vielmehr Bezug auf die Zeit des Hundertjährigen Krieges (1337-1453). Er ruft zur allgemeinen Bewaffnung auf.
In der franko-flämischen Vokalmusik erlangte ,L’Homme Armé’ seine größte Bekanntheit in der Kunstmusik. Eine frühe polyphone Chanson-Bearbeitung komponierte der flämische Musiker Johannes Japart.
Nach 1450 wurde die Melodie als weltlicher ‚Cantus firmus’ in einer kaum zu überblickenden Zahl von Parodiemessen und anderen Vokalwerken der führenden zeitgenössischen Komponisten verarbeitet; sie wurde zum Zeichen der Zugehörigkeit zur franko-flämischen Schule.
Das Lied geriet zwar zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus der Mode, erschien allerdings noch bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts als Thema.

Messen, die meist eine rhythmisch einfache und unverzierte Cantus-firmus-Stimme aufwiesen, schufen nach der ersten nachgewiesenen Verwendung in Guillaume Dufays vierstimmiger Tenormesse, die zugleich zum ersten Mal eine weltliche Melodie als Vorlage nahm, zahlreiche Komponisten.
Überlieferte Werke stammen von Antoine Brumel, Johannes Ockeghem, Josquin Desprez, Guillaume Faugues, Antoine Busnoys, Pierre de la Rue, Matthaeus Pipelare, Pierre Mouton, Jacob Obrecht, Loyset Compère, Johannes Tinctoris, Costanzo Festa und Francisco Guerriero, in der Spätphase auch von Ludwig Senfl.
Zwei Messen, die ‚Missa L’Homme Armé sexti toni’ sowie die ‚Missa L’Homme Armé super voces musicales’ stammen von Josquin Desprez. Außerhalb des franko-flämischen Kreises griffen auch Robert Carver, Cristóbal de Morales und Francisco Guerriero das Sujet auf.

Josquin Desprez (1450-1521) war ein franko-flämischer Komponist und Sänger. Er beherrschte alle kompositorischen Techniken der Musik des Spätmittelalters und der Polyphonie Frührenaissance meisterhaft und gilt als bedeutendster Vertreter dieser Zeit. Er war schon zu Lebzeiten ein berühmter Komponist. Josquin setzte dem ,Geharnischten Mann’ in zwei Messen ein musikalisches Denkmal. Das französische Soldatenlied des Hundertjährigen Krieges wurde sozusagen zum ‚Cantus firmus’ kirchlicher Musik und damit friedfertig eingebettet.

Die Aufnahme der französischen Gruppe ‚A Sei Voci’ (zu sechs Stimmen) unter ihrem Leiter Bernard Fabre Garrus ist in ihrer stimmlichen Klarheit und Schönheit hoch empfehlenswert. Hier kann man fast vergessen, dass es sich um ein Kriegslied handelt, das dieser Messe zugrunde liegt.
Eine weitere empfehlenswerte Aufnahme mit Werken von Josquin nahm die Gruppe ‚Alamire’ um den Harfenisten und Alte Musik-Experten Andrew Lawrence King auf. Sie bietet eine weitere Messe des flämischen Meisters ‚Missa D’und aultre mer’ und Chansons von denen Josquin auch mehrere Bände veröffentlichte. Unter ihnen das berühmteste Lied der frühen Renaissance ‚Mille regrez’ – ein melancholischer Abgesang auf die Liebe und auf das verlustreiche Leben in ‚tempore belli’ – in den Zeiten des Krieges.

Mille regrez, de vous abandoner
Et d’eslonger vostre face amoureuse
J’ay si gand deuil et paine douloureuse
Qu’on me vera brief mes jours deffinet’

Tausendmal Verlust Dich zu verlassen
Und Deinen liebenden Zügen fern zu sein
Ich habe solch große Sehnsucht,
Leide solch traurige Pein
Das Du mich bald meine Tage enden siehst...

Freie Übertragung ins Deutsche

- Die CD „Messes de L’Homme Arme“ mit ‚A Sei Voci’ unter Bernard Fabre Garrus ist zu erhalten bei Naive Records unter der Bestellnummer B000051ZPX.
- Die CD „Missa D’ung autre amer“ mit ‚Alamire’ unter Andrew Lawrence King ist zu erstehen bei Obsidian Records unter der Bestellnummer CD 701.


100 Jahre Krieg: ‚Teufelslieder’ vor Azincourt
Als Hundertjähriger Krieg werden der anglo-französische Konflikt und der sich daran anschließende französische Bürgerkrieg der Armagnacs und Bourguignons zwischen 1337 und 1453 bezeichnet.
Den Hintergrund bildete erstens ein lehnsrechtlicher Streit um die Besitzungen und die Rolle der englischen Könige als Herzöge von Aquitanien im Königreich Frankreich, der sich daran anschließende Streit um die Thronfolge in Frankreich zwischen dem englischen König Eduard III. (Haus Plantagenet) und dem französischen König Philipp VI. (Haus Valois), sowie drittens ein innerfranzösischer Konflikt um Macht und Einfluss zwischen den Parteien der Bourguignons und der Armagnacs. Der Krieg endete mit einem Sieg der Valois. Er hat entscheidend zur Herausbildung eines Nationalbewusstseins in Frankreich und England beigetragen.
1413 folgte Heinrich V., Urenkel Eduards III. aus dem Haus Lancaster, seinem Vater als englischer König und erneuerte den Anspruch auf den französischen Thron. Er nutzte die politische Lage in Frankreich aus, belagerte 1415 mit seinen Truppen Harfleur und wollte die Normandie erobern.
Als Charles d’Albret mit französischen Truppen nahte, zog sich Heinrich in Richtung Calais zurück, wurde aber nach geschickter Umgehung aufgehalten und zum Kampf gezwungen.

Henry:
I was not angry since I came to France
Until this instant. Take a trumpet, herald;
Ride thou unto the horsemen on yon hill:
If they will fight with us, bid them come down,
Or void the field; they do offend our sight:
If they'll do neither, we will come to them,
And make them skirr away, as swift as stones
Enforced from the old Assyrian slings:
Besides, we'll cut the throats of those we have,
And not a man of them that we shall take
Shall taste our mercy. Go and tell them so.

Heinrich:
Ich war nicht aufgebracht
Seit ich nach Frankreich kam
Bis jetzt.
Trompeter, blase zur Attacke -
Reite hinauf auf diesen Hügel.
Wenn sie mit uns kämpfen wollen
Bitte sie hinunter
Oder sie vermeiden das Feld,
Und beleidigen uns
Durch ihren Anblick.
Wenn Sie so der Herausforderung trotzen
Werden wir zu ihnen kommen.
Und dann vertreibt sie –
Lasst sie umher fliegen wie Steine
Von alten Assyrischen Schleudern.
Danach werden wir die Kehlen von denen
Durchschneiden, die wir gefangen haben.
Nicht ein Mann von ihnen,
Der in unsere Hände fällt
Soll unsere Gnade erfahren.
Sagt ihnen das.

William Shakespeare aus ‘Henry V’. Im Lager vor der Schlacht von Azincourt und freie Übertragung ins Deutsche.

Nach starkem Regen kam es am Morgen des 25. Oktober 1415 zur Schlacht von Azincourt. Die Engländer waren dabei zahlenmäßig unterlegen, nach dem sich hierzu entwickelnden patriotischen britischen Mythos im Verhältnis 1 zu 4 – nach neueren historischen Erkenntnissen nur im Verhältnis 2 zu 3 – da Heinrich V. bereits einen Großteil seines Heeres bei der Belagerung durch Seuchen verloren hatte. Aber eine schlechte Schlachtaufstellung der französischen Armbrustschützen und der vom Regen aufgeweichte Boden ließen die übermütigen schwer gepanzerten französischen Ritter und ihre Artillerie im Schlamm stecken bleiben. So wurde der französische Gegenangriff zurückgeschlagen. Die Franzosen gerieten in Unordnung und Panik und wurden schließlich von den englischen Langbogenschützen niedergestreckt. Um genügend Männer für den letzten halbherzigen Angriff versprengter Franzosen bereit zu haben, ließ Heinrich den Großteil der in der Zwischenzeit gefangenen Franzosen kurzerhand töten (siehe seine Ankündigung oben).
Die Schlacht endete für Frankreich in einer Katastrophe: 5.000 Mann des französischen Adels und der Ritterschaft waren gefallen, weitere 1.000 gefangengenommen. Die Engländer hatten nur etwa 100 Mann Verluste zu beklagen.
Heinrich V. setzte 1417 seinen Eroberungsfeldzug fort, bei dem er weite Teile Nordfrankreichs unter englische Herrschaft brachte.
Die britische A-Capella Gruppe ‚Gothic Voices’ hat sich mit der Musik um England und Frankreich zur Zeit des Hundertjährigen Krieges beschäftigt. Sie veröffentlichte 5 CDs, die sowohl geistliche als auch weltliche Werke umfassen. Gothic Voices CD Discografie. Veröffentlicht zwischen 1995 und 1997. Zu erwerben bei Hyperion/Helios Records:
- The Spirits of England & France, Vol. 1. ‘Music of the later Middle Ages for Court and Church’. Bestellnummer CDH 55281.
- The Spirits of England & France, Vol. 2. ‘Songs of the Trouvères’. Bestellnummer CDA 66773.
- The Spirits of England & France, Vol. 3. ‘Binchois & His Contemporaries’ Bestellnummer CDH 55283.
- The Spirits of England & France, Vol. 4. ‘Missa Caput and the story of the Salve Regina’. Bestellnummer CDH 55284.
- The Spirits of England & France, Vol. 5. ‘Missa Veterem hominem and other fifteenth-century English music’. Bestellnummer CDH 55285.

Die Gruppe formierte sich bereits 1981 um den Musikwissenschaftler und Dirigenten Christopher Page. Die Aufnahmen unter dem Motto ‚The Spirits of England & France’ breiten einen hochfarbigen musikalischen Teppich der Musik der 14. und 15 Jahrhunderts aus, der zeigt wie in beiden Nationen, die durch diesen Krieg verbunden waren, sich durch Musikaustausch kulturell inspirierten. Auf den CDs findet sich die Elite der englischen Stimmen Alter Musik so die Sopranistinnen Emma Kirkby und Emily van Evera, die Tenoere Charles Daniels, Rogers Covey-Crump, James Gilchrist sowie Paul Agnew, John Mark Ainsley und der Bassist Peter Harvey - alle mittlerweile vielbeschäftigte Stars der internationalen Alten Musik im Originalklang. Die Plattenreihe, die zwischen 1995 und 1997 entstand, ist heute zu einem günstigen Kurs als Wiederveröffentlichung zu haben. Diese Aufnahmen haben nichts an ihrer Intensität und Originalität eingebüßt.
Messen, Lieder, Kampfgesänge, Liebesschwüre für Engländer und Franzosen – friedvoll beisammen in ihrer Musik sich inspirierend – obwohl auf dem ‚Feld der Ehre’ 100 Jahre lang unversöhnliche Gegner.
Eine ungewöhnliche CD-Aufnahme ist ‚Ce Diabolic Chant’ – ‚Teufelslieder’ sogenannte ‚Virelai’ die ebenfalls zum Repertoire der Musik während dieser Zeit gehörten und in den Tavernen wie an den Höfen gesungen wurden. Sie erzählen Geschichten von Helden, von Liebe und vom Abschied und Lebensweisheiten.
Gesungen und interpretiert von ‘The Medieval Ensemble of London’ – Margaret Philpot (Alt), Rogers Covey-Crump und Paul Elliot (Tenor), Michael George und Geoffrey Shaw (Bariton). Dazu ein Instrumentalensemble aus Rebec, Fiddle, Harfe und Laute (Cittern) unter der Leitung von Peter und Timothy Davies
Die CD „Ce Diabolic Chant“ mit The Medieval Ensemble of London unter Peter und Timothy Davies ist zu haben bei Decca/L’Oiseau de Lyre Records unter der Bestellnummer 475 9119.

Hier noch ein Filmtipp zum Thema: ‘Henry V.’ nach Shakespeare mit Kenneth Branagh in der Titelrolle und als Regisseur 1989. Eine spannende Darstellung der Ritterschlacht von Azincourt. Weitere Darsteller sind Emma Thompson als Prinzessin Katherie de Valois, Ian Holm als Captain Fluellen und Robbie Coltrane als John Falstaff. Die DVD ist im Fachhandel erhältlich.

Johanna von Orleans: Heldin, Hexe, Heilige

"Rejoys toi terre de France
Voici ton Roy prest de venir
Aves espoir d’estre plus franche
En son tres joyeux avenir."

"Freude Dich, Frankreich!
Dein König wird bald kommen.
Hoffe darauf, wieder frei zu sein.
Bei seiner freudigen Ankunft."

Chanson aus Frankreich 15. Jahrhundert und deutsche Übertragung.

Henrys großer Sieg bei Azincour reichte nicht um Frankreich zu überwältigen. Eine Jungfrau drehte das Rad der Geschichte in eine andere Richtung und der Hundertjährige Krieg fand schließlich nach ihrem Feuertod - sie wurde geächtet als „Ketzerin“ und ‚Hexe’ auf dem Markplatz von Rouen verbrannt - sein Ende...

Jeanne d’Arc (1412-1431), im deutschsprachigen Raum auch Johanna von Orléans oder die Jungfrau von Orléans genannt, in Frankreich auch Jeanne ‚La Pucelle’‚ die Lerche, hatte mit 13 Jahren ihre ersten Visionen. In diesen erschien ihr die heilige Katharina, später kamen der Erzengel Michael und die heilige Margareta hinzu. Von ihnen erhielt sie den Befehl, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum Thron zu führen. Die Erscheinungen wiederholten sich. Am 25. Dezember 1428 verließ Jeanne ihr Elternhaus.
Während des Hundertjährigen Krieges führte sie die Franzosen gegen die Engländer und die Burgunder. In Poitiers ließ der Dauphin Jeanne drei Wochen lang von Geistlichen und hochgestellten Persönlichkeiten auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen und sogar ihre ‚Jungfräulichkeit’ von Hofdamen untersuchen. Nach erfolgreichem Bestehen beider Prüfungen beschloss der Kronrat, ihr eine Rüstung anfertigen zu lassen, und stellte ihr eine kleine militärische Einheit zur Seite. Sie machte aus einfachen Räubern Soldaten, wie z. B. aus Étienne de Vignolles, besser bekannt als ‚La Hire’ (‚der Wilde’). Ihr erster Auftrag war es, einen Proviantzug nach Orléans durchzubringen.
Am 29. April kam ihr Zug in der eingeschlossenen Stadt an. Die Truppen in Orléans wurden von dem Erfolg motiviert und ließen sich überzeugen, einen Ausfall zu wagen. Am 7. Mai ritt Jeanne d’Arc vorneweg.
Von einem Pfeil getroffen und vom Pferd geworfen blieb sie dennoch auf dem Feld. Das beeindruckte ihre Mitkämpfer und steigerte die Kampfbereitschaft des Heeres. Einen Tag später zogen die Engländer von der aussichtslos gewordenen Stellung ab.
Bis Juni 1429 waren die Engländer unter der Mitwirkung Jeanne d’Arcs aus den Burgen südlich der Loire vertrieben. Am 17. Juli 1429 konnte der Dauphin, wie von Johanna von Orléans prophezeit, in der Kathedrale von Reims als Karl VII. (1403-1461) gekrönt werden; Jeanne nahm, mit der Siegesfahne neben dem Altar stehend, an der Feier teil.
Der Ruhm Jeanne d’Arcs war auf dem Höhepunkt. Doch die königlichen Ratgeber unterminierten den Einfluss Jeannes. Immer wieder bat sie den König, nach Paris vorstoßen zu dürfen – erst nach etlichen strategischen Fehlentscheidungen gab er im September 1429 ihrem Drängen nach. Der Versuch am 8. September 1429 misslang jedoch und Karl VII. wandte sich von ihr ab. Er wollte nun lieber Frieden mit den Engländern schließen, entließ sogar Teile der Armee und versagte Jeanne die Unterstützung in ihrem Bemühen, die Besatzer restlos vom Festland zu vertreiben. Jeanne d’Arc wurde mit Billigung des Königs am 23. Mai 1430 bei Compiègne von Johann von Luxemburg festgenommen und den Burgundern und damit den mit ihnen verbündeten Engländern ausgeliefert.
Ein Kirchenprozess sollte sie diskreditieren. Unter dem Vorsitz des Bischofs von Beauvais, Pierre Cauchons, der den Engländern nahestand, wurde sie wegen einiger Verstöße gegen die Gesetze der Kirche verurteilt und auf Befehl des Herzogs von Bedford auf dem Marktplatz von Rouen auf einem Scheiterhaufen verbrannt. 24 Jahre später strengte die Kurie einen Revisionsprozess an, hob das Urteil im Jahre 1456 auf und erklärte sie zur Märtyrerin. Im Jahre 1909 wurde sie von Papst Pius X. selig – und elf Jahre später 1920 von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen.

Jordi Savall und seine Gruppe Hesperion XXI sowie La Capella Reial de Catalunya haben das Leben, den Kampf und Sterben der Jungfrau von Orléans in ein einmalig faszinierendes, musikalisches Hörspielprojekt eingebunden.
Wie schon in seinem Projekt ‚Jerusalem’, das wir oben besprochen haben, veröffentlichte Savall ein ganzes ausführliches, reich farbig bebildertes mehrsprachiges Buch ‚Jeanne d’Arc’ (diesmal in französisch, englisch, kastilisch, katalanisch, deutsch und italienisch) von 502 Seiten Umfang über das Leben der Jungfrau begleitet von zwei CDs die den verschiedenen Lebensstationen Jeannes gewidmet sind.
Die Initialzündung zu diesem ausführlichen Werk erhielt Savall schon 1990. Er wurde damals gebeten einen Soundtrack für den Film ‚Jeanne la Pucelle’ des in Rouen geborenen Regisseurs Jaques Rivette über die Jungfrau von Orléans einzuspielen.

Der Rivette Film ‚Jeanne La Pucelle’, mit Savalls Musik unterlegt, gewann den Großen Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Die Schauspielerin Sandrine Bonnaire spielte darin Jeanne d’Arc in dem zweiteiligen Werk ‚Jeanne la Pucelle’ (1994), das aus ‚Batailles’ (Schlachten) und ‚Prisons’ (Gefangenschaft) besteht. Damals veröffentlichte Savall auch eine einzelne CD mit der Filmmusik. Sie ist leider nur noch antiquarisch zu bekommen.
2011 nahm er dann das Thema wieder auf und erweiterte den Soundtrack um viele neue und interessante Musiken aus der Zeit und um die Geschichte der Jungfrau, die in Hörspielform vorgetragen wird.
Besonders interessant sind dabei die Schlachtmusiken die Savall aufführt – sie gründen sich weitgehend auf das oben erwähnte Soldatenlied über den ‚L’Homme Armé’. Diese Melodie zieht sich wie ein ‚Cantus firmus’ durch die ganze Geschichte über Jeanne. Leider ist das Hörspiel nur in französischer Sprache zu haben – aber wer das nicht versteht, kann dem Text in Deutsch aus dem Buch folgen. Sehr empfehlenswert!
2 CDs mit ausführlichen 502 Seiten starken Buch „Jeanne d’Arc“ mit Jordi Savall, Hesperion XXI und Gastmusikern ist zu haben bei Alia Vox Records unter der Bestellnummer AVSA 9891 A+B.

Wiederum ein französischer Filmemacher – der Action Regisseur Luc Besson (‚Colombiana’ und ‚Taken 2’) - drehte 1999 einen spannenden und aufwendig ausgestatteten Kostümfilm über Johanna von Orléans. Toll zu erleben ist Millia Jovovich in der Titelrolle, die damit ihren internationalen Durchbruch schaffte.
Auch die weitere Besetzungsliste ist vom Besten – John Malkovich als ironisch bösartiger Dauphin – kaum zu überbieten – und Faye Dunaway (bekannt aus dem Film von 1967 ‚Bonnie & Clyde’) als stetig intrigierende, zickige Königin Mutter – einfach toll. Dustin Hoffman brilliert außerdem als Inquisitionspater.
Das ist sicherlich einer meiner persönlichen Lieblingsfilme über das Mittelalter.
Die Ausstattung ist außerdem bis aufs Letzte authentisch und der ganze Film bietet ein genaues Bild der Kriegszeiten kurz vor Ende des Hundertjährigen Konflikts zwischen England und Frankreich. Die DVD ‚Johanna von Orléans’ ist im Fachhandel zu erwerben.

Ihr Herby Neubacher


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus einer Darstellung der Schlacht bei Maupertuis in der Nähe des Ortes Poitiers, 1356. Gemäde um 1400. Quelle: Wikipedia
Galerie:
01. Karl VI. von Frankreich, Meister des Maréchal de Boucicaut. Bibliothek der Universität Genf. Circa 1412. Quelle: De Vecchi-Cerchiari, I tempi dell'arte, volume 2, Bompiani, Milano 1999
02. Heinrich V von England, Anonymes Porträt, spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. National Portrait Gallery, London
03. CD-Cover „Messes de L’Homme Arme“ mit ‚A Sei Voci’ unter Bernard Fabre Garrus, Naive Records
04. Schlacht von Azincourt (1415), Frühes 15. Jahrhundert Quelle: H. W. Koch: Illustrierte Geschichte der Kriegszüge im Mittelalter, S. 133, Bechtermünz Verlag
05. CD-Cover von The Spirits of England & France, Vol. 3. ‘Binchois & His Contemporaries’
06. Jeanne d’Arc (Anonyme Miniaturmalerei, zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts; ein zu Lebzeiten entstandenes Bild ist nicht überliefert.)
07. Cover von „Jeanne d’Arc“ mit Jordi Savall, Hesperion XXI und Gastmusikern, Alia Vox Record

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