Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 743 Gäste online

Neue Kommentare

Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...
Elisabeth Warken zu Gurre-Lieder in der Elbphilharmonie: Zu wenig Vertrauen in die leisen Töne: Die Kritik zu den Sängern kann ich nicht ganz ve...

Anzeige


Meinung

Wagners Wirkung – Psychologie des Scheiterns

Drucken
(163 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 27. November 2013 um 11:16 Uhr
Wagners Wirkung – Psychologie des Scheiterns 4.5 out of 5 based on 163 votes.
Wagners Wirkung – Psychologie des Scheiterns

Wanderer
Du bist – nicht, was du dich wähnst!

Urmütter-Weisheit geht zu Ende:
Dein Wissen verweht vor meinem Willen.
Weißt du, was Wotan will?
(Langes Schweigen)
Dir Unweisen ruf' ich ins Ohr,
Daß sorglos ewig du nun schläfst!
Um der Götter Ende grämt mich die Angst nicht,
Seit mein Wunsch es will!
(...)
Drum schlafe nun du, schließe dein Auge;
Träumend erschau' mein Ende!
Was jene auch wirken,
Dem ewig Jungen weicht in Wonne der Gott.
Hinab denn, Erda! Urmütterfurcht!
Ursorge!
Hinab! Hinab, zu ewigem Schlaf!
Aus “Siegfried” 3.Akt

Was ist nun Wagners Wirkung? Warum gelingt es dieser Musik fast zwei Jahrhunderte nach ihrem Entstehen immer noch eine solche Brisanz zu entwickeln? Klassik – besonders Oper - wird doch allzu oft als gesellschaftlich tragend, etabliert und den Betuchten und Gesettelten zugehörig gesehen.
Schön zu hören, nicht? Weihevoll. Wagner ist da immer noch die wilde Ausnahme. Er wühlt auf.
Warum kommt ein Francis Ford Coppola auf die Idee einen Huey-Angriff aus dem Amerikanischen Krieg in Vietnam mit dem Walküren-Ritt zu unterlegen? Moderne Schlachtrösser, die totale Vernichtung auf ihrem Rücken tragen – tote ‚Helden’ sammelnd von der ‚Walstatt’. ‚This is the end my friend“ singen die Doors am Beginn des Films ‚Apocalypse now’ und das ist auch was Wotan will: ‚Das Ende – und für das Ende sorgt Alberich!“ der die Liebe verfluchte, der die Gier und den Besitz über das Leben stellte.
Ich stelle mir manchmal als absurde Vorstellung Adolf Hitler vor Augen der die ‚Götterdämmerung’ über alles liebte – obwohl sie glasklar sein Ende zeigt.
Sie brennt ihn und sein faschistisches System gnadenlos nieder und der ‚Führer’ jubelt dazu... Hat das etwas mit unserem inneren Wunsch zu tun zu verlieren – wie die Spieler? Im Verlust endlich erlöst zu werden?
Wagner erzählt nur Geschichten von ‚Loosern’. Der ‚Holländer’ verliert Senta, auch wenn sie mit ihm vergeht. ‚Tannhäuser’ verliert die inspirative Welt der Venus und die Bürgerlichkeit, auch wenn man ihn halbherzig am Ende im Tode ‚segnet’.
‚Lohengrin’ wird nicht bedingungslos geliebt, ohne hinterfragt zu werden – er muss gehen. Selbst Hans Sachs in den ‚Meistersingern’ verzichtet auf Eva, er will nichts von ‚Herrn Markes Glück’. Der Ritter-Künstler Stolzing wird ‚ein-gemeistert’, um eines langweiligen Goldschmieds Töchterlein willen.
‚Parsifal’ erlöst Amfortas nur in den Tod und hält den Speer und den Gral – für wen eigentlich?
Dieses grausame Liebespaar ‚Tristan und Isolde’, die sich nicht lieben können, weil sie von Anbeginn an nur den Tod suchen. Diese Kälte die von ihnen ausgeht, die Heiner Müller in seiner Inszenierung dadurch richtig darstellte, als er den beiden Akteuren jede Berührung auf der Bühne verbot.
Nur die Verletzungen sich gegenseitig zeigend und alle Menschlichkeit egoistisch zu Asche zu machen – selbst König Markes großzügiges Opfer zu verzichten. Alles tot. Wie kann man damit (weiter)-leben? Und dennoch ist Isoldes ‚Verklärung’ ‚ als ‚Liebestod’ missverstanden, am Ende dieser Oper das versöhnlichste Stück Musik, das ich kenne. Der traurige Trost über eine kalte Welt, die liebende Nähe nicht zulässt. Der ‚Lastwagen in den Himmel’ hat Thomas Mann das genannt – ein passender Vergleich.
Und dann der ‚Ring’ – alle in ihm verlieren. Siegmund und Sieglindes Traum zerbricht, Wotans Wunschheld, Siegfried, ist nichts als ein dummer Junge, der beim ersten ernsthaften Test als Mann völlig versagt – ein Kunstprodukt ohne Seele – und ohne Furcht.
Brünnhilde versteht am Ende, es ist an ihr , der Welt eine neue Chance zu geben:
‚O ihr, der Eide ewige Hüter! Lenkt euren Blick auf mein blühendes Leid,
Erschaut eure ewige Schuld! Meine Klage hör, du hehrster Gott!
Durch seine tapferste Tat, dir so tauglich erwünscht, weihtest du den, der sie gewirkt,
Dem Fluche, dem du verfielest: mich mußte der Reinste verraten, daß wissend würde ein Weib!
Weiß ich nun, was dir frommt? Alles, alles, alles weiß ich, alles ward mir nun frei!.’

Freiheit – vielleicht ist es das, die nur durch den Verlust zu erreichen ist.
Den ewigen Wechsel – das Ende das immer wieder zum Anfang wird.
Wagners unendliche Melodie des Lebens. Diese Psychologie des Scheiterns, dieses hautnahe Drama des Lebens hat Wagner in unerklärliche, immer wieder erschreckende und hinreißende Musik gebannt.
Was wäre geschehen, wenn die Rheintöchter Alberich geküsst hätten?
Wäre er schlagartig weise geworden und hätte auf Gold und Macht gepfiffen?
Ich glaube kaum.

Wagners Wirkung – sie liegt in uns selbst! Diese Musik berührt unsere innersten Seiten, unsere Wirklichkeiten. Deshalb wird sie auch in weiteren 200 Jahren so aktuell sein wie heute. Ich denke immer an den Schluss der beiden berühmtesten Bayreuther Ring-Inszenierungen, einmal von Patrice Chéreau und dann von Harry Kupfer. Bei Chéreau kommen, als Walhalla brennt, Menschen aller Altersstufen mit Taschenlampen auf die Bühne und suchen die ewige Wahrheit. Sei stehen am Schluss, bis der Vorhang fällt und sehen das Publikum – uns alle an – fragend. Harry Kupfer zeigt am Ende zwei Kinder die sich umklammern. Sie sehen sich um und sie sehen sich an – sie sehen die Welt, die man zerstört hat, und die sie nun neu begreifen und neu formen müssen.

Welttheater, wie es intensiver und berührender nicht sein kann: Wagners großes Welttheater.

Ihr Herby Neubacher


Herby Neubacher stammt aus Wuppertal und wurde in Salzburg zum Musikliebhaber: Mit sieben Jahren hat er als Sopranist im Salzburger Dom Bach-Kantaten aufgeführt. Nach einem Kunststudium arbeitere er 20 Jahre in der Musikindustrie. Heute ist er als Journalist und PR-Experte tätig. Seit 2012 schreibt er regelmäßig für Kultur-Port.De über Alte Musik, Barock bis zur Romantik. Er lebt und arbeitet in Vietnam.

Abb.: Richard Wagner Festspielhaus am Grünen Hügel in Bayreuth. Foto: Rico Neitzel (This photo is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.)
Hinweis: Die Inhalte geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > Meinung > Wagners Wirkung – Psychologie des Scheitern...

Mehr auf KulturPort.De

Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“
 Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“



Was für ein ungewöhnliches Stück! Eines? Nein: Was für drei ungewöhnliche Stücke – so intelligent, humorvoll und hintersinnig!
Mariano Pensottis „Lod [ ... ]



Vienna Vocal Consort: Nostre Dame
 Vienna Vocal Consort: Nostre Dame



Das Vienna Vocal Consort zählt seit Gründung im Jahr 2007 zu Österreichs renommiertesten Vokalensembles für Alte Musik. Deren neues Album „Nostre Dame“  [ ... ]



„Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit
 „Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit



Wie viel Tragik verkraftet ein Film in Zeiten von „Wonder Woman” oder „Atomic Blonde”? Tough ist angesagt, und viele Kritiker reagierten eher störrisch  [ ... ]



Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend
 Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend



Der Schlafrock war schwarz und nicht rot, wie am Vorabend in der Elbphilharmonie. Entsprechend seriös, ganz leise und melodisch der Einstieg.
Chilly Gonzales l [ ... ]



Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel
 Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel



Dass „die Tonkunst eine rührend-kurze Freude (ist), die aus dem Nichts entsteht und ins Nichts vergeht... eine kleine fröhliche Insel... die auf dem dunklen, [ ... ]



Kassé Mady Diabaté – ein Ausflug in die westafrikanische Musik
 Kassé Mady Diabaté – ein Ausflug in die westafrikanische Musik



„La parole des anciens est secrée.“ (Das Wort des Ältesten ist heilig)

Das Mandingo-Reich (Manding) wurde im 13. Jahrhundert vom sagenhaften Mali-Kaiser [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.