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Wagner lesen – Unterschiede

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(171 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 15. November 2013 um 10:14 Uhr
Wagner lesen – Unterschiede 4.6 out of 5 based on 171 votes.
Wagner lesen – Unterschiede

Bücher werden selbstredend auch zu Wagners Geburtstag zuhauf veröffentlicht.
Zwei aus der langen Liste möchte ich Ihnen vorstellen: Erst einmal zu einem Autoren, der sich eitel darstellend mit ‚Künstler Schlapphut’ auf der innerseitigen Schutzumschlagsklappe seines Buches abbilden lässt: Martin Geck.
Ich besorgte mir seine Wagner-Biografie weil – so wird immer wieder betont – er einer der führenden Musikkritiker und Kenner unserer Zeit sei, und dann folgt zumeist eine lange Latte von Referenzen, wo er schon überall veröffentlicht hat; im ‚Spiegel’, der ‚FAZ’, auch in der ‚Süddeutschen Zeitung’!

Doch in diesem Fall ist ‚Nomen echt Omen’ – denn der Mann ist ein wahrhafter Geck. Er dreht sich in seiner Wagner Biografie ununterbrochen um sein persönliches Buchwissen, zitiert seinen ganzen Bücherschrank und ist nicht in der Lage eine simple journalistisch saubere und recherchierte Biografie über Richard Wagner, sein Leben und seine Musik zu verfassen.
Das scheint eine deutsche Krankheit zu sein, weil Geck sich ununterbrochen entschuldigt, warum er Wagner mag und doch nicht mag und von Baudelaire bis Thomas Mann alles zitiert was ihm in die Hände fällt. Daneben unterbricht er die ohnehin schon karge biografische Information seiner Buches dauernd mit ‚Apropos’-Seiten über Mendelssohn-Bartholdy, den er wohl als Gegenkonzept (weil jüdisch?) zu Wagner dauernd zitiert. Das Ganze ist dazu einfach grausam zu lesen.
Für den Leser den Schlauberger zu spielen kann ja wohl nicht das Ziel sein. Man fühlt sich veralbert bei dieser permanenten Selbstdarstellung des Wissens des Autors. Wie schön für ihn, aber was hilft es dem Leser? Der quält sich von Seite zu Seite durch unsinnige und überflüssige Literaturzitate!
Schade drum. Die Chance zu Wagners Geburtstag etwas Interessantes und Breitenwirksames beizutragen wurde hier verschenkt.
Ich habe das Buchmachwerk – das muss ich hier zu meiner Schande gestehen – entsorgen müssen. ‚Tschuess und wech’, wie man in Hamburg sagt.

Wer sich das Lesen selbst antun möchte: Martin Geck ‘Richard Wagner’ Biographie. Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag, 416 Seiten mit Abbildungen. Zu haben beim Siedler Verlag unter ISBN: 978-3-88680-927-1.

Und nun schnell zu einem der in der Tat ein Künstler ist und daher keine Schlapphüte braucht, auch wenn er zum Buchautoren wurde, der Dirigent Christian Thielemann.
Thielemanns Buch „Mein Leben mit Wagner“ ist eines der gelungensten Abhandlungen, die ich jemals über den Bayreuther Meister in die Finger bekommen habe. Ein wirklich spannend geschriebener, rundumfassender Überblick über Wagner und sein Werk – orientiert, zum Glück! in erster Linie an der Musik und ihren Aufführungen. Ich bin begeistert und habe die unterhaltsamen und informativen 320 Seiten in einem langen Sonntag durchgelesen. Man kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen!

Thielemann schreibt dazu ein sehr persönliches Buch über Wagner – wie er als schon als Kind zu Wagners Musik kam und dann aber wird es richtig interessant: In einem zweiten Teil ‚Wagners Kosmos’ beschriebt Thielemann das Wagner-Orchester und seine wichtigsten Dirigenten, inklusive dem Meister selbst. Er äußert sich außerdem offen und sehr deutlich zum Thema ‚Wagner und Politik’: „Was tun mit Wagners Antisemitismus? In den Noten ist dafür kein Platz, den C-Dur bleibt tatsächlich C-Dur. Selbst erklärte Wagner-Feinde sind der Welt bisher schlüssige Beweise dafür schuldig geblieben das Beckmesser in den ‚Meistersingern’, Kundry im ‚Parsifal’ oder Alberich und Mime im ‚Ring“ böswillige Karikaturen des ewigen Juden darstellen (...)“.

Und weiter fragt Thielemann: „Wollen wir Wagner, dann wollen wir Wagner – was ist eine ‚gute Aufführung’?“
Im dritten Teil analysiert und erklärt Thielemann dann kundig alle Wagner’schen Musikdramen aus ihrer Geschichte und der Sicht des Dirigenten, der Inszenierungen und der Sänger. Das Ganze ist auch noch mit Bildern zu den Schlüsselinszenierungen ausgestattet – ich kann nur nochmal sagen – das ist, meiner Ansicht nach, das ultimative Einstiegswerk für Wagner-Interessierte und eine reiche Fundgrube für bereits Wagner Begeisterte. Zum Selberlesen und Verschenken.

Christian Thielemann: ‘Mein Leben mit Wagner’. Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag, 315 Seiten mit Abbildungen. Erschienen bei C.H. Beck Verlag unter der ISBN: 978-3-406-63446-8.

Ihr Herby Neubacher


Herby Neubacher stammt aus Wuppertal und wurde in Salzburg zum Musikliebhaber: Mit sieben Jahren hat er als Sopranist im Salzburger Dom Bach-Kantaten aufgeführt. Nach einem Kunststudium arbeitere er 20 Jahre in der Musikindustrie. Heute ist er als Journalist und PR-Experte tätig. Seit 2012 schreibt er regelmäßig für Kultur-Port.De über Alte Musik, Barock bis zur Romantik. Er lebt und arbeitet in Vietnam.

Foto: Buchcover Christian Thielemann: ‘Mein Leben mit Wagner’; (c) C.H. Beck.
Hinweis: Die Inhalte  geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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