Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 1724 Gäste online

Neue Kommentare

Willem van Rensenbrink zu „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri”. Oder die Heimat des Zorns: Danke für den Tipp. Ein klarer Oscar-Kandidat!...
h. pöhls zu James Rosenquist. Eintauchen ins Bild – vom Plakatmaler zur Pop-Art-Ikone: war genauso beeindruckt. Gut beschrieben....
Gerd Kruse zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo Frau Lampert,
ich war durch meine He...

Herby Neubacher zu Elbphilharmonie: Das perfekte Buch zum Bau: Absolut richtig. Ich habe das gabnze Drama Elbphi...
Giulio zu „Die Spur”. William Blake und die Rache der Eigenbrötler : Prost Neujahr! Und danke für die vielen schönen...

Meinung

mail aus riga - Nebels Welt XV

Drucken
(255 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 07. März 2013 um 10:07 Uhr
mail aus riga - Nebels Welt XV 4.6 out of 5 based on 255 votes.
„Schwarze Milch“ von Alvis Hermanis - Copyright: Gints Mālderis

Von Alvis Hermanis, dem Letten, vom Publikum, dem deutschen und wie alles mit allem oft einen ungeahnten Sinn ergibt.
Lessingtage am Thalia Theater in der Gaußstraße, Hamburg. Im Programm am 1. Februar: „Schwarze Milch“ von Alvis Hermanis. Geschildert wird die innige Beziehung vom Bauern zu seinem Vieh im alten Lettland. „Die Kuh sei das für einen Bauern, was das Auto für einen Mann sei.“, so beschreibt der Protagonist auf der Bühne das Verhältnis.

Doch die Moderne hält auch hier unbarmherzig Einzug, die Globalisierung der Milchwirtschaft gilt auch für Lettland. Die Kühe wurden von 5 Darstellerinnen hinreißend verkörpert. In einer Metamorphose verwandelten sie sich mit Hörnern am Haupt, Stempelmarke im Ohr, mit einen geflochtenen Schwanz wedelnd, glotzäugig, staksend, alles in allem ein großes allumfassendes Muh. Was den um Korrektheit bemühten Deutschen irritierte, waren die ins unermäßlich vergrößerten Brüste, hier als Euter definiert. Man muss wissen, dass sich just zu diesem Zeitpunkt Unerhörtes in deutschen Landen zutrug.

Der neue Spitzenkandidat der Kleinpartei FDP, Rainer Brüderle, habe vor einem Jahr zu einer Journalistin vom Stern – namens Himmelreich – im außerpolitischen Rahmen gesagt, dass sie gut in ein Dirndel passen würde. Den nichtdeutschen Lesern sei erklärt, dass ein Dirndel eine Tracht in Bayern und Österreich bezeichnet, dass die sekundären Geschlechtsmerkmale der Frau oberhalb der Gürtellinie – nun sagen wir – zur Geltung bringt. Ja, er – der Brüderle – solle sogar dabei auf die sekundären Geschlechtsmerkmale oberhalb der Gürtellinie gestarrt haben. Da war was los – der Empörungsjournalismus war mal wieder von der Kette gelassen. Zu einer routinemäßigen Pressekonferenz der FDP kam Frau Himmelreich nur in Begleitschutz zweier Kollegen – man weiß ja nie, zu was so ein Unhold noch fähig ist und ein Journalist schlug auf dieser Pressekoferenz der FDP vor, dass dies doch für Brüderle eine gute Gelegenheit wäre, sich zu entschuldigen. Der Journalist Jakob Augstein geiselte den Bürderle (67) gar als Sex-Opa; nur hier schmeißt einer Steine im Glashaus. Denn Jakob ist nicht der Sohn des Spiegelverlegers Rudolf Augstein, dessen Namen er trägt, sondern in einer Ménage à trois von dem Schriftsteller Martin Walser gezeugt.

Und nun Alvis Hermanis mit seinen übergroßen – na, Sie wissen schon – Kostümierungen. Gott lob, blieb diese Aufführung ohne politische Konsequenzen. Der Krieg mit Lettland fand nicht statt. Hermanis zum zweiten. In der Schaubühne in Berlin gab es am 23.2. unter seiner Regie „Sommergäste“ von Maxim Gorki. Es zeigt die lähmende, lebensunerfüllbare Situation im vorrevolutionären Russland. Zugegeben – die Rezensionen waren durchaus gemischt – aber Hermanis ist es durchaus gelungen, in dreieinhalb Stunden den Nihilismus und das Versagen der bürgelichen Gesllschaft auf die Bühne zu bringen; allerdings so gut, das die Lethargie sich auf das Publikum übertrug. Nichts klappte – selbst die Suizide waren ohne Erfolg und lächerliche Höhepunkte. Das einzige Lebendige war ein Hund, der durchaus zum Publikumsliebling avancierte. Hermanis hat die Erstarrung auch unserer Gesellschaft gut empfunden – vielleicht kann diese Inszenierung nur ein paar Jahre zu früh.

Am 24.2. gab es Parsival von Richard Wagner – fünfeinhalb Stunden in Lübeck. Auch hier Seltsames. In der ersten Szene ein Krankenhaus mit Halbgöttern in Weiß, dann die nächsten Akte nur noch Gral und Speer. Aber dies wäre nun wieder eine ganz andere Geschichte.

Ihr Klaus Peter Nebel


Prof. Dipl.-Bibl. Prof. h.c. Klaus Peter Nebel ist Leiter des Studiengangs Kultur- und Medienmanagement an der Lettischen Kulturakademie in Riga/Lettland. Von 2007 - 2010 arbeite er als Professor für Marketing- und Unternehmenskommunikation an der UMC (University of Management and Communication), Berlin, Potsdam; In den Jahren 2007 und 2008 war er als Direktor der Konzernkommunikation der maxingvest AG, Hamburg tätig (Holding für Beiersdorf AG, Tchibo GmbH, tesa AG) und Leiter der Unternehmenskommunikation der Tchibo GmbH, Hamburg. Über 20 Jahre, von 1983 bis 2007 war er Leiter Presse & Public Relations der Beiersdorf AG in Hamburg.

Hinweis: Die Inhalte dieser "Kolumne" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

Header-Foto: Schwarze Milch / Copyright: Gints Mālderis
Copyright: mail aus riga | Latvijas Kulturas akademija
Anhänge:
Diese Datei herunterladen (mailausriga_0112.pdf)mailausriga_0112.pdf[ ]4476 Kb

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > Meinung > mail aus riga - Nebels Welt XV

Mehr auf KulturPort.De

Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd
 Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd



Gut Ding will Weile haben, heißt es. Manchmal erstaunlich lange Weile: Zum ersten Mal untersucht eine Ausstellung den Einfluss außereuropäischer Kunst auf das [ ... ]



„Alles Geld der Welt”. Die Kapitalismuskritik des Ridley Scott
 „Alles Geld der Welt”. Die Kapitalismuskritik des Ridley Scott



Elegantes Kidnapping-Drama als Psychogramm menschlicher Gier.
Rom, Juli 1973. „Bambino” nennen ihn die Prostituierten vom Piazza Farnese ironisch-mitleidig, [ ... ]



Machen sie mich schön, Madame d’Ora
 Machen sie mich schön, Madame d’Ora



Sie setzte mit großer Leidenschaft die schönen Dinge des Lebens in Szene: Die Mode. Die Kunst. Die feine Gesellschaft im Wien der K.u.k.-Monarchie und später  [ ... ]



Uri Korea – Ruhe in Beschleunigung
 Uri Korea – Ruhe in Beschleunigung



In den vergangenen Monaten machte Korea oft Schlagzeilen, aber immer war es Nordkorea, verbunden mit den Drohgebärden seines atomraketenverliebten Staatschefs K [ ... ]



„The Disaster Artist”. James Franco und der Kult um das Scheitern
 „The Disaster Artist”. James Franco und der Kult um das Scheitern



Vor vierzehn Jahren erlangte Tommy Wiseaus Leinwand-Epos „The Room” in Hollywood zweifelhafte Berühmtheit als „schlechtester Film aller Zeiten”. Lächer [ ... ]



Hamburger Kunsthalle – erneutes Finanzdefizit
 Hamburger Kunsthalle – erneutes Finanzdefizit



Zwei Mal hat die Freie und Hansestadt die Hamburger Kunsthalle mit großer Anstrengung entschuldet, jetzt muss sie wohl wieder in das Staatssäckel greifen: Das  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.