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Meinung

KlassikKompass - Weihnachten II

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(170 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Herby Neubacher  -  Sonntag, den 09. Dezember 2012 um 10:54 Uhr
KlassikKompass - Weihnachten II 4.5 out of 5 based on 170 votes.
Neujahr und alle Tage
„Es bringt das rechte Jubeljahr
Was trauern wir denn immerdar!
Frisch auf! Jetzt ist es Singenszeit
Das Jesulein wend’t alles Leid.“

Schlusschoral von Cyriacus Schneegass (1597) der Kantate am Sonntag nach Weihnachten „Das neugeborne Kindelein“ BWV 122 von Johann Sebastian Bach (1685-1750), komponiert für den 31. Dezember 1724 in Leipzig.

Zum Abschluss unserer Reise durch die weihnachtliche Musik wollen wir noch ein paar Beispiele internationaler Musik zum Fest anfügen.
Mehrchörige und mitreißende Bläsersätze und Motetten zur Weihnachtszeit aus Italien, „Villancicos“ – Bauernlieder aus der Renaissance in Spanien, geistliche Konzerte des französischen und italienischen Hochbarock und schließlich englische Folk Christmas Carols zum fröhlichen Ausklang.

Weihnachten wurde in der Stadt der Gondeln und Dogen immer besonders festlich begangen, namentlich im 16. und 17. Jahrhundert. Zentrum war die Hauptkirche Vendigs, die Basilika San Marco.
Alle Instrumentalisten und Sänger der „Capella Ducale“, der fürstlichen Musikgruppe, hatten anwesend zu sein und oft wurde ihre beträchtliche Zahl für groß angelegte Werke sogar noch aufgestockt.
Der berühmteste Komponist für die Musik an San Marco war Giovanni Gabrieli (1557-1612). Er hatte zunächst bei seinem Onkel, dem Komponisten Andrea Gabrieli, und bei Orlando di Lasso während dessen Zeit in München studiert. 1584 wurde er dann Organist an der Kirche San Marco und übernahm nach dem Tod seines Onkels 1586 auch dessen Position als Komponist und Kantor. Gabrieli gilt als wahrer Meister der Tradition der Venezianischen Mehrchörigkeit, die sich durch das Alternieren von zwei bis zu acht im Raum verteilten Chören definiert.

Alessandro Grandi (1577 -1630) wirkte ab 1617 ebenfalls in Venedig an San Marco als Kapellsänger und seit 1620 auch als Vizekapellmeister. Grandi war einer der wichtigsten italienischen Komponisten des frühen 17. Jahrhunderts.
Seine zahlreichen sakralen und profanen Kompositionen übten auf seine Nachfolger großen Einfluss aus. Er war der erste, der die Bezeichnung “Kantate” verwendete.

Beide Musiker schrieben großartige Werke zum Christfest, die nun „Musica Fiata“ und die „Capella Ducale“ unter der Leitung von Roland Wilson auf einer neuen gerade in diesen Wochen veröffentlichten CD einspielten unter dem passenden Titel „Christmas in Venice“. Gelungene Bläsersätze gemischt mit der Weihnachtsgeschichte erzählt in strahlenden Motetten machen diese CD zu einem reinen Vergnügen.
„La Capella Ducale“, das Gesangsensemble, ist hochkaratig mit Alte Musik Experten besetzt unter anderem mit: Nele Gramss (Sopran), Alex Potter (Altus) und den beiden Bassisten Wolf Matthias Friedrich und Joel Frederiksen.

„Musica Fiata“ konzertiert dazu mit Zinken, Dulzianen, Cornetto und Posaunen sowie Cembali, Orgel und Violen.
Himmlische Musik, die auch so richtig stimmungsvoll das neue Jahr einläuten kann. Nicht nur zur Weihnachtszeit lohnt sich auch dieser musikalische Besuch in San Marco.

Übrigens wurde bei der Aufnahme sehr auf die originale akustische Situation in San Marco geachtet und die Wechselwirkung und die Echo Effekte, die von den Vocal- und Instrumental-Ensembles ausgehen, die auf verschiedenen Emporen im Kirchenraum verteilt singen und konzertieren.

Die CD „Christmas in Venice“ mit dem Ensemble „Musica Fiata“ und „Capella Ducale“ unter Roland Wilson ist zu haben bei Deutsche Harmonia Mundi unter der Bestellnummer 88691944742.

Spanien feierte Weihnachten in der Renaissance neben sakralen Konzerten in den Kirchen und Kathedralen auch mit „Villancicos“ – einer Art Volks-Weihnachtslied der musikalischen Frühzeit. Sie waren aber ursprünglich nicht für das Volk bestimmt, sondern wurden im „ländlichen Stil“ gehalten bei Hofe aufgeführt. Eine ganze Sammlung dieser zumeist von anonymen Komponisten und fahrenden Sängern komponierten Lieder ist erhalten geblieben. Die 1556 in Venedig gedruckte Liedsammlung wurden in neuerer Zeit in der schwedische Stadt Uppsala wiedergefunden und wird deshalb als „Cancionero de Uppsala“ bezeichnet. Dieses enthält unter anderem zwölf Weihnachtslieder, die alle am Hofe des Herzogs von Valencia, zwischen 1525 und 1550 entstanden sind.

Die Gruppe Capella de la Torre hat sie neu aufgenommen und auf ihrer CD „Feliz Navidad“ („Fröhliche Geburt“) veröffentlicht. Diese Gruppe wird geleitet der Münchner Musikerin Katharina Bäuml, einer Expertin für alte Blasinstrumente wie Schalmei, Dulzian und Pommer. Auf der Aufnahme kommen dazu weitere Blech- und Holzbläser wie Posaunen und Flöten dazu auch Lauten und Schlagwerk. Capella de la Torre beschäftigt sich hauptsächlich mit Blasmusik der Renaissance und hat schon mehrere beachtliche CD Alben zu diesem Thema veröffentlicht, unter anderem eines über die Kunst der Stadtpfeifer. Auf ihrer spanischen Weihnachtsplatte tobt in der Tat das pralle Leben – fröhliche Lieder wie „Riu riu chiu“ oder der spanische Springtanz in „Yo me so la Morenica“ und schließlich „E la don don“ sind musikalische Liebeserklärungen an das neugeborene Kind und in ihrer Herzlichkeit und Fröhlichkeit wirklich mitreißend und bestechend.
Das ist sicherlich auch eine CD für Weihnachten, Neujahr und alle Tage.

Die CD „Feliz Navidad“ mit dem Ensemble „Capella de la Torre“ unter Katharina Bäuml ist zu haben bei Coviello Classics unter der Bestellnummer COV 20811.

Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk ist die 3-CD-Box „A Baroque Christmas“ von Ricercar Records. Das hat nicht nur mit dem Preis dieser Box voll bester Weihnachtsmusik zu tun, der bei dem liegt, das man normalerweise für eine einzelne Aufnahme zu zahlen hat.
Ricercar ist zur Zeit das spannendste Label für Alte Musik vertrieben von OutThere Records in Brüssel. Das Label vereinigt die neue Elite der Musiker und Ensembles – oft auch sehr junge Gruppen – die zurzeit zu hören sind.

Die CD Box bietet einen wahren Mikrokosmos unserer Reise durch die Weihnachtsmusik der späten Renaissance, des Früh- und Hochbarock. Für denjenigen der sich erst mal „warmhören“ will in diesem Genre, ist diese Box die beste Empfehlung.

Das bekommt der Käufer geboten: CD 1 vereinigt Konzerte und Motetten aus dem deutschen Bereich unter anderem von Samuel Scheidt (1587-1654) „Puer natus in Bethlehem“ und „Das alte Jahr vergangen ist“ bis hin zu Orgelwerken und der Kantate „Das neugebor’ne Kindelein“ von Dietrich Buxtehude (1637-1704), dem Zeitgenossen Bachs. Wahre Highlights dieser ersten Platte sind das deutsche Magnificat „Gegrüßet seist du Maria“ des Hamburgers Matthias Weckmann (1619-1674) bei dem der Engel in den Violinen mit den „Flügeln schlägt“ und die Sopranistin Greta de Reyghere in der Tat die zarteste Maria ist, die man sich vorstellen kann. Dazu auch gibt es die „Historia der Freuden und gnadenreichen Geburt Gottes und Marien Sohnes Jesus Christus“ von Heinrich Schuetz (1585-1672) in einer erstklassigen Aufnahme des jungen, flämischen Ensembles „Akademia“. Diese Historia ist ein Vorläufer des Bach’schen Weihnachtsoratoriums in seiner Dramatisierung des Geschehens um die Krippe.

Die zweite CD der Box umfasst einen Strauß der berühmtesten italienischen Weihnachtskonzerte und Kantaten des Barock beginnend mit dem instrumentalen „Hit“ des Arcangelo Corelli (1653-1713) dem „Concerto Grosso Fatto per la Notte di Natale“ („Concerto Grosso komponiert für die Nacht der Geburt“) aufgeführt von dem jungen Barock Ensemble „La Pastorella“. Kantaten von Ignazio Donati (1575-1638) zur Verkündigung des Engels Gabriel „Angelus Gabriel decendit“ mit den beiden Engelsstimmen Marie Christina Kier und als „Maria“ Kathelijne van Lathem – beide Sopran und dem Ensemble „La Fenice“ unter Jean Tubery und weitere Motetten und Kantaten von Francesco Caccini (1587-1640) und Tarquino Merula (1594-1605) geben ein umfassendes Bild der geistlichen Musik Italiens zum Christfest vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Zwei englische Viol-Lieder von William Byrd (1543-1623), der am Hofe Elisabeth I. (1533-1603) wirkte, „ Lullaby my sweet little Baby“, ein Wiegenlied für das Kind in der Krippe und „Sweet was the Song the Virgin sung“, ein Marienlied schließen die zweite CD ab.

Bleibt die dritte CD zum Entdecken: auf ihr findet sich weihnachtliche Musik des französischen Barocks, sowie verschiedene Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Eustache du Caurroy (1594-1609) schrieb die „Cinq Fantasies sur une jeune fillette“ (Fünf Fantasien über das Lied „Ein junges Mädchen“) für Violen aufgeführt vom Ensemble „Mare Nostrum“. Die Melodie wurde zu einem der bekanntesten Weihnachtslieder des Frühbarock auch bei uns in Deutschland: „Mit Ernst o Menschenkinder“.

Frankreich hat die Tradition der „Noëls“, die in ihrer Art so gesungen werden wie unsere Weihnachtslieder. Das Ensemble Faux Bourdon führt das „Noël de Rois et des Princes“ („Weihnachtslieder des Königs und der Prinzen“) auf.
Interessant ist dabei das verwendete Hirteninstrumentarium, ein Hurdy Gurdy oder auf Deutsch eine Drehleier, dazu Dudelsack und Violen sowie eine Handorgel.

Henri du Mont (1610-1684) war einer der berühmten französischen Komponisten des Frühbarock und ist mit einer Weihnachtsmotette „Christus natus est nobis“ („Christus ist uns geboren“) gesungen vom „Choeur de Chambre de Namur“ und Kantate „O flos convalium“ vertreten, die unter anderem von dem berühmten spanischen Altus Carlos Mena und dem Ricercar Consort unter Philippe Perlot aufgeführt wird.
Höhepunkt – wie überall und immer – ist die Musik Johann Sebastian Bachs. Die CD bietet eine hervorragende Aufnahme der Kantate zum Dritten Weihnachtstag „Ich freue mich in Dir“ BWV 133 nach dem gleichnamigen Kirchenlied von Kaspar Ziegler (1697) aufgeführt zum ersten Mal an Weihnachten am 27. Dezember 1724. Die Kanate ist ebenfalls eine reine Liebeserklärung an das Christuskind. Das Ensemble „Les Agrements“ führt es mit den Solisten Aurore Bucher (Sopran), Paulin Bündgen (Altus), Henning Kaiser (Tenor) und Etienne Debaisieux (Bass) verstärkt durch den Choeur de Chambre Namur mit fröhlicher, durchsichtiger Eleganz auf.

Der Schlusschoral der Kantate:
„Wohlan, so will ich mich an Dich, o Jesu halten.
Und sollte gleich die Welt in tausend Stücke spalten.
O Jesu dir, nur dir, dir leb’ ich ganz allein;
Auf dich, allein auf dich, mein Jesu schlaf ich ein.“

Das festliche Finale der weihnachtlichen Box bildet eine vierteilige Orgel-„Pastorale in F- Dur BWV 590“ gespielt von Berhard Foccroulle an der Riepp Dreifaltigkeits Orgel der Abtei Ottobeuren.

Die CD-Box „A Baroque Christmas“ mit verschiedenen Interpreten ist zu haben bei Ricercar/OutThere Records unter der Bestellnummer RIC 329.

Der fröhliche Weihnachts-Kehraus naht...
Schlusspunkt unserer Reise durch die Weihnachtsmusik vom 13. bis zum 18. Jahrhundert ist die CD „An English Folk Christmas“. Wen es schon immer mal im Tanzbein gejuckt hat, das Christfest so richtig ausgelassen zu feiern, der wird hier bestens bedient. Wer hier nicht mitsingt und tanzt, der hat einfach keine Ohren.

Die Folk-Musiker Ian Giles dazu John Spiers am Melodron (einer Art Ziehharmonika) und Jon Bowden, Fiddle und Giles Lewin, Irish Pipes und andere Flöten machen eine solch gute Weihnachtslaune mit dem ganzen Reigen englischer, schottischer, irischer und amerikanischer Weihnachtslieder, Chorals und Gospels das man es kaum aushält. Es gibt natürlich die ganze weihnachtliche Hitparade unter anderem: „Good King Wenceslas“, „The First Nowell“, „Tomorrow will be my Dancing day”, “Ding Dong merrily on high” , “While shepherds watched their flock at night”, “Deck the halls with boughs of holly” und endet im wohl berühmtesten aller Weihnachtslieder der englischen Kirche “O come all ye faithful” (“Herbei o ihr Gläubigen”).

Die Gruppe beschränkt sich nicht darauf nur Spaßmusik zu machen sondern entwickelt ein tiefes Gefühl und Verständnis für die Botschaft des Christfestes. Das zeigt sich ganz besonders bei meinem persönlichen Favoriten auf dieser CD. Einmal gehört lässt einen dieses Lied nicht mehr los...

"O Little Town of Bethlehem" ist ein Christmas Carol aus den USA, das Reverend Phillips Brooks (1835–1893), Rektor der Church of the Holy Trinity in Philadelphia schrieb. Er wurde durch einen Besuch in Bethlehem in Palestina 1865 dazu inspiriert:
O little town of Bethlehem,
How still we see thee lie!
Above thy deep and dreamless sleep,
The silent stars go by.
Yet in thy darkness shineth
The everlasting Light.
The hopes and fears of all the years
Are met in thee tonight.

For Christ is born of Mary,
And fathered all above,
While mortals sleep, the angels keep
Their watch of wondering love.
O morning stars, together
Proclaim the holy birth
And praises sing to God, the King,
And peace to men on earth.

How silently, how silently,
The wondrous Gift is giv'n!
So God imparts to human hearts
The blessings of His heaven.
No ear may hear His coming,
But in this world of sin,
Where meek souls will receive Him still,
The dear Christ enters in.

O holy Child of Bethlehem,
Descend to us, we pray;
Cast out our sin and enter in,
Be born in us today.
We hear the Christmas angels
The great glad tidings tell:
Oh, come to us, abide with us,
Our Lord Emmanuel!
Die CD „An English Folk Christmas – Christmas cheer in songs and carols“ mit Ian Giles, John Spiers, Jon Bowden und Giles Lewin ist zu haben bei The Gift of Music Records unter der Bestellnummer CCL CDG 1157.

Wir wollen uns an weihnachtlicher Musik erfreuen und sie auch mal unter der Zeit auflegen und das eine oder andere Lied gerne mits(w)ingen. Und dann im Alltag den Stern von Bethlehem nicht aus dem seelischen Auge verlieren und bereit sein im Sinne der Zeilen die der Journalist, Poet und Liedautor Jochen Klepper (1903-1942) einst in dunkler Zeit zu Weihnachten schrieb:

"Die Feier ward zu bunt und heiter, mit der die Welt dein Fest begeht.
Mach uns doch für die Nacht bereiter, in der dein Stern am Himmel steht.
Und über deiner Krippe schon zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn."


Foto- und Bildnachweis:
Header: Detail aus "Anbetung der Heiligen Drei Könige" von Giotto di Bondone (1267-1337) in der Cappella degli Scrovegni zu Padua/Italien.
Galerie:
01. Heiliger Stephanus; Meister der Altöttinger Türen, um 1520-30, Laubholz, Fassung entfernt, Bayerisches Nationalmuseum in München
02. Die Verkündigung Mariens, Seitenflügel, Hans Memling, 1467-1470, Groeninge Museum, Brügge/Belgien 
03. CD-Cover: Johann Sebastian Bach „Magnificat“, Ensemble Netherlands Bach Society unter Jos van Veldhoven
04. CD-Cover: Johann Sebastian Bach „Christmas Oratorio“, Ensemble Netherlands Bach Society unter Jos van Veldhoven
05. Die singenden Engel, Jan van Eyck, "Genter Altar", St. Bavo, Öl auf Holz, 1432, Gent/Belgien
06. CD-Cover: „Angels & Shepherds“, Ensemble „Netherlands Bach Society“ unter Jos van Veldhoven
07. CD-Cover: „Christmas in Venice“, Ensemble „Musica Fiata“ und „Capella Ducale“ unter Roland Wilson
08. Bildnis des Komponisten Giovanni Gabrieli (1557-1612)
09. CD-Cover: „Feliz Navidad“, Ensemble „Capella de la Torre“ unter Katharina Bäuml
10. CD-Cover: „An English Folk Christmas – Christmas cheer in songs and carols“.

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