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Meinung

KlassikKompass – Musik im Mittelalter: Die Pracht der Burgen und Minne der Ritter

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Montag, den 12. November 2012 um 10:09 Uhr
KlassikKompass – Musik im Mittelalter: Die Pracht der Burgen und Minne der Ritter 4.7 out of 5 based on 183 votes.
Die Minnesänger: Themen und Stellung
Natürlich stand im Mittelpunkt des Minnesangs immer die Liebe, die reine ritterliche und späterhin auch die persönliche und sogar körperliche. Sängerfestspiele rundeten den Rahmen der höfischen Unterhaltung wie man gute in Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ (uraufgeführt 1845) erleben kann, die den Sängerkrieg der Minnesänger auf der Wartburg beschreibt.

Darin verlangt Landgraf Herrmann I. von Thüringen (gestorben 1217) von den „lieben Sängern“ ihm „der Liebe wahres Wesen“ zu beschreiben, ein Thema das dann auch prompt zu heftigen künstlerischen und schließlich dramatischen Auseinandersetzungen führt.
Auch die tragische Liebesgeschichte von „Tristan und Isolde“, die in Richard Wagners berühmter Oper 1865 ihre spätromantische Fassung fand, ist eigentlich mittelalterlichen Ursprungs. Daher sei hier ein besonderes Juwel für den mittelalterlichen Plattenschrank empfohlen, die originalgetreue Rekonstruktion des Lieddramas von Tristan und Isolde, letztere auf mittelalterlich „Iseult“ genannt, das die Boston Camerata unter Joel Cohen vorgenommen hat. Die tragische Liebesgeschichte wird in Mittelhochdeutsch von Andrea von Ramm erzählt. Der Text basiert auf dem Tristan-Lied des Dichters und Minnesängers Gottfried von Straßburg das um 1210 entstand und bezieht auch die frühe Quelle des altfranzösischen Tristan-Epos, entstanden um 1100, mit ein. Die Geschichte wird mit Minnelidern und Instrumentalstücken der Zeit garniert, vorgetragen von Instrumentalisten und den beiden Hauptakteuren, dem Altus Henri Ledroit als Tristan und der Sopranistin Anna Azema als Iseult.

Die Musikstücke die der Geschichte eingefügt wurden folgen einem Originalmanuskript der Zeit in der sogenannte „Lais“ oder auf Deutsch „Leich“ eingeschoben wurden. Der Leich ist eine Prunkform der mittelalterlichen Lyrik.

Die CD „Tristan & Iseult“ mit Henri Ledroit (Tristan) und Anne Azema (Iseult, Andrea von Ramm (Erzaehlerin) und dem Ensemble „Boston Camerata“ ist zu haben bei Erato Records unter der Bestellnummer 2564 69634-0.

Die berühmtesten Minnesänger der deutschen Sprachraums waren unter anderem:
- Walther von der Vogelweide (1170- 1230). Er gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Von ihm sind 500 Strophen in 90 Liedern und 150 Sang Sprüche überliefert. Walther von der Vogelweide geht als erster weg vom Ideal der Hohen Minne und singt Lieder der „gleichberechtigten Liebe“.
- Hartmann von Aue (gestorben etwa 1220) gilt neben Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg als der bedeutendste Epiker der sogenannten mittelhochdeutschen Klassik um 1200.Von ihm sind die Verserzählungen sowie unter dem Namen Klagebüchlein bekanntes allegorisches Streitgespräch und einige Minne- und Kreuzlieder überliefert
- Neidhart, genannt von Reuental lebte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und war einer der bedeutendsten und fruchtbarsten deutschsprachigen lyrischen Dichter des Mittelalters. 56 bis 132 Lieder und 55 Melodien sind von ihm überliefert.
- Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob (1250 -1318) war ein einflussreicher Dichter deutscher Volkssprache, dessen programmatischer Künstlername wohl in seinen Marienliedern seinen Ursprung hat. Die darin gepriesene „frouwe“ ist die Himmelskönigin Maria.
- Wolfram von Eschenbach (1160-1220) war ein deutschsprachiger Dichter. Die mittelhochdeutsche Literatur verdankt ihm mehrere epische Werke. Ebenso verfasste er als Minnesänger lyrische Dichtungen.
- Der Tannhäuser gestorben nach etwa 1265, war ein deutscher Minnesänger und Spruchdichter. Seine Lebensdaten sind unbekannt; historisch datierbare Hinweise in seiner Lyrik weisen auf die Jahre zwischen 1245 und 1265.

Wer sich auf einer einzelnen CD gerne ein möglichst komplettes Bild machen möchte, wie das Minnelied geklungen hat und welche Formen es annahm, ist mit der Aufnahme „Trobadors, Trouveres, Minnesaenger“ des Ensembles für alte Musik Augsburg gut beraten. Es bietet einen Strauß der bekanntesten Minnelieder, so auch das oben genannte „Unter der Linden an der Heide“ von Walther von der Vogelweide. Dazu gibt es Lieder von Neidhard. Sein „Willekomen sumerweter sueze“ war ebenfalls ein Mittelalter Hit. Die Winter waren die schlimmste Zeit auf den zumeist nur durch simple Kaminfeuer geheizte Burgen – so sehnte man sich nach dem Sommer. Das besondere an der Aufführungspraxis des Ensembles für frühe Musik aus Augsburg ist nicht nur die hervorragende Kenntnis der mittelalterlichen Quellen und der Instrumente der Zeit.

Das Ensemble hat auch eine gewisse „Pop-Ader“ bewahrt – die Lieder sind echt unterhaltsam und werden mit viel Verwe und zum reinen Vergnügen aufgeführt.

Die CD „Troubadors, Trouveres, Minnesaenger“ mit dem „Ensemble für frühe Musik Augsburg“ ist zu haben bei Christophorus Records unter der Bestellnummer CHE 0148-2.

Oswald von Wolkenstein (1377 -1445) war ein Sänger, Dichter und Komponist sowie ein Politiker von mehr als nur regionaler Bedeutung. Sein Leben und Wirken kann als beispielhaft für einen Ritter des ausgehenden Spätmittelalters angesehen werden.

„Frau du solst unvergessen sein
In meinem Herzen ewikleich
Und wer das ouch der Wille dein
So ward nie Kaiser mein geleich ...“
Aus dem Lied: „Herz, Mut, Leib, Sel“ von Oswald von Wolkenstein

Er war Diplomat in Diensten des deutschen Kaisers Sigismund I. (1368-1437). Wolkensteins Liebeslyrik umfasst rund ein Drittel seiner mehr als 130 Lieder und Spruchgedichte. Im Unterschied zum klassischen Minnesang des 12. und 13. Jahrhunderts dominieren in Oswalds Liebesdichtung Liedtypen mit sinnlichen oder szenischen Liebesmotiven, die, wie beispielsweise das Tagelied und die Pastourelle. Die geistlichen Lieder machen zahlenmäßig rund ein Viertel seines Werks aus. Macht man indes den Textumfang zum Maßstab, so füllt der geistliche Lied-Teil fast die Hälfte von Wolkensteins Gesamtwerk. Oswald selbst hat der geistlichen Lieddichtung allergrößte Bedeutung beigemessen, da er jede seiner Liedersammlungen mit einer Gruppe geistlicher Lieder eröffnet. Den übrigen Anteil an seinem lyrischen Werk füllt die Gruppe autobiographischer Lieder. Diese Dichtungen zählen heute zu den originellsten Liedtexten Oswalds. Hier thematisiert Wolkenstein die interessantesten Höhen und Tiefen seines Lebens: seine Ritter- und Minneabenteuer, seine offenen Kämpfe wie seine privaten Querelen und vor allem seine ausgedehnten Reisen durch Europa, Afrika und Asien, wobei der Dichter seine künstlerischen Auftritte in den erlauchten Kreisen fremder Ritter- und Fürstengesellschaften wirkungsvoll zu inszenieren versteht. So vermitteln beispielsweise die Reiseimpressionen aus Spanien, Frankreich, Ungarn, Italien und anderen Mittelmeer-Gegenden Bilder voller lebensnahem Lokalkolorit, wie sie selbst in der Lyrik dieser Nationen einzigartig sind.

Man kann sich kaum eine bessere Interpretation der Lieder des einäugigen Minnesängers vorstellen, als die durch den berühmten Altus Andreas Scholl und seine Gruppe Shield of Harmony auf der CD „Songs for Myself“ die dem Schaffen Wolkensteins gewidmet ist. Sie enthält seine bekanntesten Lieder, so „Durch Barbarei Arabia“ ein wahrer Minnesägner-Hit der das harte Leben des fahrenden Sängers beschreibt. Hier wird Altus Scholl der zu den besten Altisten aller Zeiten zählt zum Bass. Seine Tief- Stimme ist rauh und eindringlich und beschreibt richtig und plastisch dieses Wolkenstein’sche Reiselied. Einiges singt Scholl auch gemeinsam mit der Sopranistin Kathleen Dineen im Duett. Dabei besonders schön und eindrucksvoll die A-cappella-Lieder wie das oben eingefügte Liebelied. Begleitet wird Scholl von Zittern, Hackbrett und Harfen – diese CD ist wohl zur Zeit mit das beeindruckende, das mit mittelalterlicher Musik auf CD zu haben ist.

Scholl hat die Platte in der St. Valentins Kirche seiner Heimatgemeinde Kiedrich (nahe Mainz) aufgenommen, wo er 1975 als Chorknabe des Kirchenchores seine Karriere begann. Diese alte Kirche, in der heute noch jeden Sonntag die Choralschola Gregorianik singt, war der richtige Einspielort für Oswalds beeindruckende Lieder über Minne, Gott, den Himmel und das harte Leben auf den Straßen des Mittelalters.

Eine wirklich ungewöhnliche und einmalige Aufnahme, die zeigt wie weit es heute gelungen ist, den originalen Geist der mittelalterlichen Musik wieder mit neuem Leben zu füllen.

Die CD „Songs of Myself“ mit Andreas Scholl, Altus und dem begleitenden Instrumental-Ensemble „Shield of Harmony“ ist zu haben bei Harmonia Mundi Records unter der Bestellnummer HMC 902051.

Die Bürger: Aus Minnesang wird Meistergesang
Der höfischen Musik traten die bürgerlichen Kreise der Kaufleute und Handwerker und die bis dahin gering geachtete Instrumental- und Tanzmusik in zunftmäßig geordneten Genossenschaften zur Seite und förderten das allgemeine Verständnis für Dicht- und Tonkunst. Die Schulen der Meistersinger in Nürnberg, Ulm, Straßburg, die Instrumentalgenossenschaften Nikolai-Bruderschaft zu Wien (1288) und Confrérie de Saint-Jullen des Ménestriers zu Paris (1330) sind Beispiele dafür. Ebenso bedeutend ist die Entwicklung des Volksgesanges, von dessen hoher Blüte zu damaliger Zeit z.B. das im 15. Jahrhundert verfasste so genannte Lochamer Liederbuch Zeugnis gibt.

In Richard Wagners Oper zum Thema „Die Meistersinger von Nürnberg“, uraufgeführt am 21. Juni 1886 im Nationaltheater München, fünf Jahrhunderte nach dem späten Mittelalter,das die in dieser Oper dargestellte Problematik erlebte, wird der Konflikt zwischen Minnesängern und Rittertum in der Gestalt des Walther von Stolzing und den Meistersingenden Handwerkern Nürnbergs eindrucksvoller dargestellt. Stolzing, ein verarmter Ritter, beruft sich in seinem Lied auf den Lehrer Walther von der Vogelweid („Am stillen Herd zur Winterszeit“) doch die singenden und komponierenden Bürger haben wenig Verständnis für den Freigeist ritterlicher Minne.

Aus dem freien Minnelied ist das Volkslied geworden – der „Gassenhauer“ wie der Nürnberger Schuster und Poet Hans Sachs sie dichtete, dargestellt und aufgeführt nach festen Gesangs-Regeln des Bürgertums. Gegen diese Bewegung entsteht Mitte des 15.Jahrhundertrs, im Herbst des Mittelalters, das Madrigal, eine höfische, verfeinerte Form des Minnegesangs und das Volkslied.
Wer sich ein Bild der ersten Madrigale und Lieder machen möchte, kann dies sehr beeindruckend auf der CD „Melancholia – Tränen der Seele“ machen. Wieder eingespielt vom oben bereits erwähnten Ensemble für frühe Musik Augsburg.

Die Lieder sind verschiedenen Sammlungen der Zeit entnommen, u.a. dem Lochhamer Liederbuch. Auch das Rostocker Liederbuch steuert einige Lieder bei, etwa entstanden um 1487 und aufgeschrieben durch Scholaren der 1419 gegründeten Rostocker Universität. Dazu das Schedelsche Liederbuch des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel (1440-1514). Schließlich findet sich auch Material aus dem böhmisch-österreichischen Glogauer Liederbuch.

Viele dieser Stücke wurden später zu reinen Volksliedern – wie „All mein Gedenken die ich hab“ oder das Reiselied „Ich var dohin“. Die frühe Renaissance übernahm diese Musik und instrumentierte sie teilweise reich oder begleitete sie mit Laute – das Madrigal oder Kunstlied war geboren.
Die CD ist mit einem hochinteressanten, sehr informativen Textbuch ausgestattet das die einzelnen Lieder erklärt.

Die CD „Melancholia“ mit dem „Ensemble für frühe Musik Augsburg“ ist zu haben bei Christophorus Records unter der Bestellnummer CHR 77225.

Den Abschluss unserer Betrachtungen über das Minnelied des Mittelalters soll die CD „Tempus Fugit“ („Die Zeit verfliegt“) der Gruppe Spielleyt aus Freiburg bilden. Diese Gruppe nimmt ähnlich wie die bereits erwähnte Gruppe „Ougenweide“ die mittelalterliche Musik zum Anlass einen eigenen Musikstil zu entwickeln der auch modernen Ohren geläufig wird. Das Instrumentarium bleibt traditionell und original wird aber durch modern verstärktes Instrumentarium und ein reiches Schlagwerk ergänzt. Die CD „Tempus Fugit“ ist ein Konzeptalbum, das den Hörer durch die Jahreszeiten führt und thematisch passende Lieder und Musiken dazu anbietet. Im Frühling die „Umgangsformen der Liebe“. Sommer bringt „Spannung des Lebens“, der Herbst „Sehnsucht nach schönerem Leben“ und schließlich im Winter das „Bild des Todes“. Am Ende des Lieder-Reigens der CD steht John Dowlands (1563-1626) Madrigal „Time stands still“ – geschrieben für den englischen Hof Elizabeth I. In der Tradition der mittelalterlichen Naturlieder verankert und angesiedelt in der Hochrenaissance. Diese Platte gibt noch einmal einen guten Überblick über den ganzen Reichtum und die Themenvielfalt der höfischen Musik des Mittelalters bis hin zu den Liedern und Arien der folgenden Jahrhunderte. Und sie ist dabei noch hoch unterhaltsam.
Natürlich dazu auch mit einem sehr informativen Textbuch ausgestattet.

Die CD „Tempus Fugit“ mit dem „Ensemble Spielleyt Early Music Freiburg“ ist zu haben bei Christophorus Records unter der Bestellnummer CHR 77258.

Unsere Reise mit dem KlassikKompass durch die Musik des Mittelalters geht weiter. Das nächste Mal beschäftigen wir uns mit der Macht der Kirchen und Not der Ketzer.

Eine Serie von Herby Neubacher


Bildnachweis:
Header: Detail aus „Jongleure und Troubadoure“.Manuskriptillumination aus dem Codex Manessa, um 1320.
Galerie:
01. CD Cover: Codex Manesse, „I Ciarlatani“, Minnesänger der Heidelberger Liederhandschrift.
02. CD Cover: Ougenweide, „Liederbuch“.
03. Ein Troubadour spielt die Fiddel. Perdigon, Mittelalterliche Handschrift.
04. CD Cover: Le Jeu d’Amour
05. Mittelalterliche Kassette mit Troubadour-Darstellungen, 12. Jahrhundert
06. CD Cover: Minnesänger, Troubadours, Trouvère, Ensemble Perceval
07. Der Landgraf von Thüringen mit Gattin. Faksimilie einer Miniatur der Sammlung von Minnesängern, 14. Jahrhundert.
08. CD Cover: Tristan & Iseult, The Boston Camerata.
09. „Tannhäuser“ Codex Manesse, um 1320.
10. Detail aus: Oswald von Wolkenstein – Porträt aus der Innsbrucker Handschrift von 1432
11. CD Cover: „Songs of Myself“ mit Andreas Scholl
12. CD Cover: „Melancholia“ mit dem „Ensemble für frühe Musik Augsburg“ 

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