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Meinung

Im Zeichen der Pressefreiheit

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Geschrieben von Dagmar Seifert  -  Donnerstag, den 20. September 2012 um 14:04 Uhr
Im Zeichen der Pressefreiheit 4.5 out of 5 based on 252 votes.
Im Zeichen der Pressefreiheit

Wir aufgeklärten westlichen Demokraten haben unsere Pressefreiheit.
Die haben wir uns hart erarbeitet und erkämpft. Dafür sind Menschen gestorben. Das ist ein Zeichen von hoher Kultur.
Uns verbietet niemand mehr das Maul. Kein Diktator. Keine Regierung. Und das ist wirklich großartig.
Es existiert auch keine Verpflichtung zu Feingefühl oder Anstand. Das ist nicht ganz so großartig.
So entsteht beispielsweise hin und wieder etwas Presse-Kollateralschaden, wie etwa, wenn eine ‚Königin der Herzen‘ vom Öffentlichkeitsinteresse im Tunnel zerdetscht wird oder so was. Vielleicht wird manchmal auch etwas zu hemmungslos veröffentlicht. Zu rücksichtslos. Zu respektlos.

Bedeutet Pressefreiheit im Prinzip, wir können alles veröffentlichen, was uns einfällt?
Na ja, gut, alles nicht: wir werden uns hübsch hüten, hierzulande, etwas Antisemitisches zu äußern.
Es spricht für Takt und guten Geschmack, wenn gerade wir uns da sehr zurücknehmen. Unser zu Recht so schlechtes Gewissen in dieser Beziehung macht im Übrigen auch weltweit einen sympathischen Eindruck.

Sonst darf man jedoch ungeniert rausposaunen, wonach einem Zumute ist.
Na ja, außer vielleicht: seit ungefähr zwanzig, dreißig Jahren schreiben wir nach Möglichkeit auch nicht mehr ‚Neger‘.
Das klingt dem gebildeten Menschen mit Englischkenntnissen zu sehr nach ‚Nigger‘.
Eine Weile hieß es stattdessen ‚Schwarzer‘ – das ist jetzt auch Pfui.
Es dauert zwar ein wenig länger, aber man darf im Zweifel ‚Afroamerikaner‘ sagen. Stammt der Bezeichnete nicht aus Amerika, hat man damit natürlich ein Problem.
Am besten lässt man‘s gleich außen vor, falls ein Mensch von sehr viel dunklerer Hautfarbe ist. Wozu darauf aufmerksam machen?
Es könnte denjenigen kränken und es ist ja nicht so wichtig.
Sind wir nicht alle gleich, irgendwie?
Also lässt man‘s, bei aller Pressefreiheit, oft weg, und wenn derjenige noch so schwarz ist.
Sieht man ihn zufällig im Bild, denkt man: Ups, Aha.
Ist ja auch wirklich nicht so wichtig.

Über Krüppel macht die Pressefreiheit sich ebenfalls nicht mehr lustig.
Das durfte sie vor dreihundert, vierhundert Jahren.
Das ist ja nun ganz schön lange her.
Kann man sich gar nicht mehr vorstellen.

Direkte, fette Beleidigungen gegen öffentliche Personen sind allerdings heikel. Vor allem, wenn diese Personen genug Geld für einen guten Anwalt haben.

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen: vollkommene Freiheit!
Der gebildete, kulturell hochstehende, säkulare, westliche weiße Mensch kann sich doch wohl mal ein bisschen amüsieren über jene, die sich nicht auf gleicher Höhe befinden?

Das französischen Satiremagazin ‚Charlie Hebdo‘ hat wahnsinnig witzige Karikaturen über Mohammed gebracht.
Die Redakteure besitzen einen ausgeprägten Sinn für Humor.
Es ist so possierlich, Menschen durcheinanderwuseln zu sehen, wenn ihr Glauben verunglimpft wird.

Die Redakteure besitzen auch einen ausgeprägten Sinn für den richtigen Zeitpunkt: wenn die putzigen Moslems sowieso gerade wütend sind durch diesen ebenfalls urkomischen Mohammed-Film und rumrennen und brüllen, dann macht das besonders Laune.

Sogar für’s Geschäft besitzen die ‚Charlie Hebdo‘-Macher einen ausgeprägten Sinn.
Sie haben ja keineswegs trotz der Gewaltwelle in islamischen Ländern ihre Karikaturen veröffentlicht.
Sondern eben darum, weil es gerade so angenehm gefährlich ist.
Promotion muss sein.
Herausgeber Charbonnier erklärte beglückt, die sonst übliche Magazin-Auflage von 75 000 würde für die aktuelle Ausgabe mindestens verdoppelt werden, weil das Heft noch am Erscheinungstag ausverkauft war.
(Keine Sorge, ab Freitag ist die Neuauflage da.)
Charbonnier sagte sehr pointiert vor Journalisten in seinen – natürlich polizeigeschützten – Redaktionsräumen:
‚Eine Zeichnung hat noch nie getötet. (…) Die Freiheit, uns ohne Zurückhaltung über alles lustig zu machen, gibt uns bereits das Gesetz. Die systematische Gewalt der Extremisten gibt sie uns erst recht. Danke an die Idiotenbande.‘ Und: ‚Der Premierminister soll gefälligst die Pressefreiheit verteidigen und sich nicht von lächerlichen Clowns einschüchtern lassen, die demonstrieren.‘

Das ist ein cooler Kommentar.

Engagierte Foristen überall posten Ähnliches: Meinungsfreiheit über alles, wer sich beleidigt fühlt, ist selber schuld.
Gleich, nachdem SPIEGEL ONLINE gestern am frühen Abend über die humorvolle Aktion von ‚Charlie Hebdo‘ berichtete, begeisterte man sich im Forum:
‚Mohammed muss so lang durch den Kakao gezogen werden bis die Muslime gelernt haben vernünftig damit umzugehen.‘

Und:

‚Bravo ! Bravo! Gerade geht über andere Ticker, dass auch die Titanic nachzieht! Endlich bewegt sich was. Mutig sind die schon. Respekt. Würde mir das unter den gegebenen Umständen nicht trauen. Ich finde das heldenhaft und vorbildlich.‘

Das Wort ‚Respekt‘ im letzten Beitrag finde ich bemerkenswert.
Ich hatte es bisher etwas vermisst.

Klar, diese dummen Gläubigen müssen einfach so lange gereizt werden, bis sie begreifen, wie dumm sie sind und in ein befreiendes Lachen ausbrechen.
Dann ist alles gut.
Aber wenn alles gut ist: wen reizen wir dann?

Heldenhaft? Wirkt es nicht ein wenig wie tapfere kleine Jungen, die vorm Käfig einer möglicherweise gefährlichen Riesenschlange stehen und sie, durch das Gitter, mit Stöckchen pieken? Die kreischend zurückhüpfen, wenn das Tier sich regt: ‚Endlich bewegt sich was.‘
Aber richtig gefährlich ist es nicht. Noch sind ja Gitter davor.
Dafür wird schon der Premierminister oder wer immer sorgen, mit Polizeischutz. Oder indem sie vorsichtshalber Botschafter nach Hause zurückholen.

Richtig: die ‚Titanic‘-Redaktion will nachziehen.
Wir sollten jetzt bloß nicht in Appeasement-Haltung verfallen.
Zu diesem Zeitpunkt nicht mit drastischen Beleidigungen nachzulegen, würde ja wirken, als hätten wir Angst. Oder als würden wir uns die mühsam erkämpfte Pressefreiheit beschnippeln lassen.

Ihre Dagmar Seifert

(Dagmar Seifert ist Autorin zahlreicher Romane, Drehbücher, Rundfunk-Features und Theaterstücke.)


Hinweis: Die Inhalte dieser "Kolumne" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.
Abb.: Claus Friede

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avatar Lydia Abdulgawad
+18
 
 
Danke, ich habe auch schon überlegt, wo ich etwas dazu sagen mag.
Ich bin ebenfalls entsetzt, wenn es als witzig gilt, und es ein Ausdruck von Freiheit sein soll, wenn Personen / Religionen, die anderen Menschen heilig sind durch den Kakao gezogen werden. Ja, es muss nicht meine Religion, mein verehrter Prophet sein – ich muss mich auch nicht bekehren lassen. Aber, muss ich denn andere unbedingt "humorvoll" bekehren müssen, bis sie so frustriert von der Intoleranz anderer "Kulturen" sind, dass ihnen alles egal wird? (bestimmt hat das nichts mit Fanatismus zu tun)
Jedenfalls wird ihnen dann auch Gastfreundschaft und Freundschaft egal werden. Wenn das mal keine grandiose Grundlage für Abschreckungspolitik ist.
Und, Pressefreiheit für respektlose Dummköpfe, aber unterdrückte Berichterstattung über Technologien wie "Freie Energie" – ich frage mich, wem das etwas nützt? Wie kultiviert sind wir eigentlich wirklich?
Trotz allem, oder genau deswegen:
Liebe Grüße!
Lydia Abdulgawad
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avatar Maxi Schüler
+14
 
 
Sehr klug geschrieben. Ein Jammer was da gerade passiert. Interessant, wie es weitergehen wird.
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avatar Julia Engelbrecht
+12
 
 
Wenn ich an die "Pressefreiheit" in der Ex-und-Hopp-DDR (Entschuldigung) denke, ist diese heute schon ein Segen, aber von Diplomatie hat kaum ein Schreiberling, der lustig sein will, gerade im reliogiösen Bereich oder auch auf anderen heiklen Gebieten eine Ahnung. Mir scheint, es ist unsere Spaßgesellschaft, die keine anderen Themen mehr findet als Schwule, extrem Pigmentierte oder eben Religion. Immer rein in die Wunden, wie schön, wenn der Schmerz nachlässt. Vielleicht bin ich ja auch humorlos und gehe zum Lachen in den Keller. Das Bild von dem kleinen Jungen vor dem Schlangenkäfig finde ich sehr treffend.
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avatar Herby Neubacher
-10
 
 
Wieviele Jesuswitze gibt es eigentlich? Oder Karikaturen über die christliche Kirche? Den Papst?!? Damit wird gelebt. Auf allen Seiten. Aber bloss kein Witz über Mohammed - so ein dummes Zeug! Witze sind Witze - sie sind witzig oder nicht. Wer sie als dumme Ausrede zum Morden und Brandstiften benutzt gehört weggesperrt. Ganz egal welcher Religion er angehört.
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avatar Sissi Klauser
+11
 
 
Endlich mal ein vernünftiger Artikel zu diesem hoch brisanten Thema. Die Autorin spricht mir aus der Seele.
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avatar Dogan
+9
 
 
Es ist leider immer noch so das die Menschen nur an das von den Medien uns übermittelten glauben und nicht ``Global`` es sehen. Das es immer in verschiedenen Zeitpunkten herausgebracht wird (Karikatur, Film), daran denkt meist keiner. Es ist einfach, wie im Artikel drauf hingewiesen ist, eine klare Provokation von irgendwelchen für solche und ähnlichen Aktionen verantwortlichen ``Spendern`` ,die nur vom Durcheinander ihr Profit machen und meist noch beide Seiten darstellen. Das der Prophet (Friede sei auf Ihm) oder der Koran immer wieder als Material für die Provokationen benutzt werden, weil diejenigen auch genau wissen das die ``Muslime``(nur im Mundwerk und nicht vom Herzen) damit gereizt werden, ist ja nichts neues und wird auch weiterhin als Material genommen. Wie es schon vor Jahren war, wo sich selbsternannte
``Heilige Krieger ``des ``Heiligen Krieges`` sich gezeigt hatten und auf einmal von der Bildfläche verschwunden waren und sind es noch, wird für oder in den islamisch orientierten oder islamischen Ländern diesen Grund immer geben wenn da was zu holen oder für jemanden ein Weg frei zu machen gilt.
Wir als Muslime verehren alle Prophete, (eines der Glaubensbekenntnissen) sowie Jesus, Abraham, Ismael ..etc. (Friede sei auf ihnen allen) so wie unseren Propheten. Da er aber der letzte der ``Prophetenkette`` ist und als `´Tradition`` des Galubens so ist das man den letzten erwählten sich annehmen muss und weil der Prophet Muhammed (Friede sei auf Ihm) ein Prophet für die ganze Menschheit gesandt wurde, haben die Muslime natürlich eine ganz andere Liebe zu Ihm gegenüber. Ich verachte auch diejenigen die andere Propheten schlecht oder böse darstellen. Sei es eine Karikatur oder ein Witz oder was erniedrigendes über Jesus (Friede sei auf Ihm). Soviel Respekt sollte ja wohl schon sein, da Jesus (Friede sei auf Ihm), laut christlichem Glaubens, sich für die Menschen geopfert hat.Ein Witz ist immer entweder beleidigend oder erdrückend oder etc. egal wie man es versteht und sieht, es ist ein Witz! Daher bitte ich immer generell die nicht-Muslime und Muslime! den Koran und die Geschichte des Propheten von einer glaubwürdigen Quelle zu lesen und nicht von Zeitungen die nur auf der Baustelle als Zeitvertreiber dienen.

MfG
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