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Meinung

KlassikKompass: Musikalisches Sommerfestival (Teil 1)

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(189 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Herby Neubacher  -  Donnerstag, den 02. August 2012 um 13:12 Uhr
KlassikKompass: Musikalisches Sommerfestival (Teil 1) 4.6 out of 5 based on 189 votes.
Musikalisches Sommerfestival (Teil 1) - Familie Mozart

Mit dieser weiteren Ausgabe von „KlassikKompass“ führt Kultur-Port.De eine Kolumne weiter, die sich mit empfehlenswerten CDs und DVDs aus dem Bereich Klassik beschäftigten soll.
Ich habe jede der in ihr empfohlenen Aufnahmen selber gehört und die Textbeilagen gelesen und nehme davon Abstand, allgemeine Neuheiten anzukündigen, die ich nicht kenne. Ich denke es ist für jeden Leser möglich, Websites der Schallplattenindustrie nach Novitäten zu durchsuchen – ich möchte lieber meine persönliche Auswahl von Highlights auf CD und DVD vorstellen. Soviel vorweg zum Prinzip.

Der Sommer ist die Zeit der Musikfestivals. Sonne, Champagner und klassische Töne mischen sich – überall in Europa freut man sich – außer in Salzburg wo es beständig während des Festivals „Schnürlregen“ gießt – zum Kunstgenuss auch noch einen leichten Teint in den Pausen zu bekommen. Festivalkarten kosten zumeist ein Vermögen. Und wer weder die Zeit noch die Mittel hat, sich mit den Reichen und Feinen nach Bayreuth neben die Kanzlerin in den Garten zu stellen, der freut sich sicherlich über unsere Festivalreise mit Aufnahmen für zuhause.

Salzburg – Mozart am Piano und in Liebes-Kalamitäten
Die Salzburger Festspiele sind eine Kulturveranstaltung, die seit 1920 jeden Sommer im Juli und August für fünf bis sechs Wochen in Salzburg stattfindet. Unter den Aufführungen ist dabei traditionell Hugo von Hofmannsthals Stück „Jedermann“ vertreten, dessen Aufführung in der Regie von Max Reinhardt am 22. August 1920 auf dem Domplatz die Geburtsstunde der Festspiele markierte.
Seither etablierten sich die Festspiele für Oper, Schauspiel und Konzert mit jährlich etwa 200 Veranstaltungen und mehr als 250.000 Besuchern zu einem der weltweit bedeutendsten Festivals.

Der Festreigen gilt natürlich in erster Linie Wolfgang Amadeus Mozart – dem bekanntesten Sohn der Stadt – sein vollständiger Taufname war Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus, den Namen „Amadeus“ (der „Geliebte“) gab er sich selbst, der in Salzburg am 27. Januar 1756 als Sohn des Musikers Leopold und als zweites Kind nach seiner älteren Schwester „Nannerl“ geboren wurde.
Bis zu seinem frühen Tod 1791 in Wien blieb Mozart der Stadt an der Salzach verbunden. Doch seine Zeit in Salzburg war nicht nur eitel Freude und Sonnenschein, viele irren sich im Zerrbild des „süßen Mozart“, der ein knüppelhartes Leben als „Wunderkind“ hatte und bereits mit fünf Jahren von seinem Vater gnadenlos als Klavier- und Cembalovirtuose durch Europa gejagt wurde.
Salzburg sah später den 18-jährigen Mozart als „Angestellten“ des Erzbischofs. Im Jahr 1772 wurde Hieronymus Franz Josef von Colloredo zum Fürsterzbischof von Salzburg gewählt. Vom neuen Fürsten wurde der junge Mozart im August zum besoldeten Konzertmeister der Salzburger Hofkapelle ernannt. Colloredo war ein harter Fuerst und als Mozart einmal wagte eine Konzertreise anzutreten, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu bitten, ließ der „gnädige geistliche Herr Bischof“ ihn – sehr „unchristlich“ - kurzerhand von seinen Dienern die gesamte Freitreppe herunterprügeln.
Mozart war zuerst und besonders ein Klaviervirtuose. Man muss sich dieses Klavier, das sich damals noch mit „C“ schrieb aber nicht vorstellen, wie einen modernen Konzertflügel von heute. Die verschiedenen Stimmungen (damals auch „Temperamente“ genannt – daher Bachs „Wohl-temperiertes Clavier“) waren gerade für das Instrument erfunden worden und man sprach von einem „Fortepiano (heute eher von einem Pianoforte), das laut und leise und in allen Stimmungen spielen konnte.
Mozart entwickelte das Klavierkonzert: am Anfang sogar einige Konzerte noch für den Vorläufer, das Cembalo. Mozart soll schon im Alter von nur vier Jahren vom Vater bei der Komposition eines Cembalo-Konzertes gestört worden sein. In jedem Fall verstand Mozart das Piano als „sein Stamminstrument“. Zwischen 1784 und 1986 komponierte Mozart 27 Piano Concertos in denen er seine ganzen Einfallsreichtum und die Breite seines künstlerischen Spektrums ausleben konnte. Ein Kritiker nannte diese Konzerte mal „Kurzopern ohne Gesang“.

Die Aufnahme, die wir hier im „Klassik Kompass“ empfehlen wollen, wurde von Musica Antiqua und dem Collegium Varsoviense (Warschau) unter Tadeusz Karolak mit der jungen polnischen Pianistin Viviana Sofronitsky eingespielt.
Das Orchester musiziert auf Originalinstrumenten oder deren Nachbauten. Das Fortepiano der Aufnahme wurde von Paul McNulty einem Original das Mozart benutzt hat nachgebaut.

Was ich an der Aufnahme, die sicherlich nicht Mainstream ist, besonders schön finde, ist die hohe Musikalität und das Einfühlungsvermögen in Mozarts Welt. Hier wird nicht nur akademisch „korrekt“ musiziert, sondern mit vollem Herzen. Diese Aufnahme ist perfekt geeignet, einen schönen Sommerabend auf dem Balkon mit Festival Stimmung zu „vergolden“.

Und noch eins, ich weiß, man spricht nicht darüber, aber diese wirklich aufregende Aufnahme ist zum echten Schnäppchenpreis zu erhalten. Sie kostet weit weniger als eine durchschnittliche Festivaleintrittskarte ins Klavierkonzert.

Die 11er CD-Box Wolfgang Amadeus Mozart „Complete Fortepiano Concertos“ mit Musica Antiqua Collegium Varsoviense unter Tadeusz Karolak und der Pianistin Viviana Sofronitsky ist bei ETCETERA Records zu haben unter der Bestellnummer KTC 1424.

„Così fan tutte o sia La scuola degli amanti“ („So machen es alle (Frauen) oder Die Schule der Liebenden“) ist eine Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart, KV 588, nach einem Text von Lorenzo da Ponte, der auch den Text für „La Nozze di Figaro“ („Figaros Hochzeit“) und „Don Giovanni“ lieferte.
„Die Cosi“ ist regelmäßig auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele. Dieses Jahr allerdings wurde sie ersetzt durch eine vielbeachtete Neuinszenierung der „Zauberflöte“ unter dem großen Meister der Alten Musik, dem Dirigenten und ehemaligen Cellisten der Wiener Symphoniker, Nikolaus Harnoncourt.

Mozart begann mit der Komposition der „Cosi“ im Herbst des Jahres 1789. Uraufgeführt wurde die Oper jedoch nicht in Salzburg sondern am 26. Januar 1790 im Wiener Burgtheater.
„Così fan tutte“ war lange Zeit umstritten. Schon kurz nach Mozarts Tod wurde Kritik am angeblich albernen und unmoralischen Textbuch geübt. Abfällige Äußerungen sind unter anderem von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner überliefert.
Im 19. Jahrhundert wurde “Così fan tutte“ daher leider häufig in verstümmelnden Bearbeitungen aufgeführt, teilweise wurde Mozarts Musik sogar ein völlig neuer Text unterlegt. Erst im 20. Jahrhundert wurde diese Oper dann als gleichberechtigtes Meisterwerk neben „Figaro“ und „Don Giovanni“ akzeptiert.
Unsere Aufnahme der „Cosi“ war bei Erscheinen fast eine musikalische „Revolution“. Rene Jacobs, der flämische ehemalige Counter Tenor und heutige Dirigent, Regisseur und Meister der Alten Opernszene im originalen Klangbild hatte sie völlig neu angefasst.

Wer häufiger die Kolumnen bei Kultur-Port.De liest, der wird sich an Jacobs erinnern, den wir in der Geschichte über Hamburger Musik mit Händel und Telemann vorstellten.

Die „Cosi“ wird in der Besetzung mit Veronique Gens (Sopran) in der Rolle der Fiordiligi, Bernarda Fink (Mezzo Sopran) als Dorabella, Werner Guera (Tenor) als Ferrando, Marcel Boone (Bariton) als Guglielmo, Pietro Spagnoli (Bariton) als Don Alfonso und schliesslich Graciela Oddone (Sopran) als „Kammerkätzchen“ Despina aufgeführt. Es spielt das Concerto Köln im Originalklang unter Jacobs Leitung.

Die Geschichte der Cosi ist schnell erzählt: Zwei Edele (Ferrando und Guglielmo) werden von ihren väterlichen Freund Don Alfonso zu einer Wette herausgefordert. Alfonso ärgert sie mit der zynischen Meinung, alle Frauen seien im Prinzip gleich untreu, wenn sich nur die Gelegenheit biete. So ziehen die beiden Freunde von Alfonso gereizt angeblich lauthals in den Krieg und lassen ihre beiden Verlobten Fiordiligi und Dorabella allein zurück.
Sie kommen allerdings, verkleidet als „Türken“, sogleich wieder zurück und machen sich an die Braut des jeweils anderen heran. Erfolgreich nach einiger Zeit des Zögerns bei den Damen – am Ende die große, peinliche Demaskierung. Alfonso hat, mit Hilfe der Kammerzofe Despina, die verkleidet, urkomisch mal einen Doktor, mal einen Hochzeitsanwalt gibt, gewonnen. Und am Ende stehen alle betreten herum und versuchen die angeschlagenen Beziehungen zu kitten.

Das Problem der „Cosi“ ist das sie zu lange nicht ernst genommen und als eine reine „Komödie“ verstanden wurde. Dabei ist sie eine zwar unterhaltsame aber auch sehr zynische Abrechnung mit der Unfähigkeit monogam zu lieben. Jacobs nimmt die Dramatik der Oper in seiner Interpretation an jeder Stelle wörtlich. Die Arien sind tief empfunden und brillant vorgetragen. Ich verweise hier nur auf die Szene und Arie der Fiordiligi „Per Pieta ben io perdona“ – die an ihrem Climax fast in einen „Sprit Orgasm“ ausbricht. Fiordiligi singt mit immer heftiger, tiefer werdenden Atemzügen gegen ihre eigene Zögerlichkeit an, sich dem Werben des „Türken“ hinzugeben und steigert sich dabei in diese fast orgastische Stretta am Ende der Arie. Die Sängerin der Fiordiligi, die Französin Veronique Gens, ist übrigens dem Hamburger Opernpublikum vermutlich noch gut in der Titelrolle als „Alcina“ in der gleichnamigen Händeloper in Erinnerung.
Wir beschäftigen uns mit dieser Oper im zweiten Teil des Artikels, wenn wir „unsere“ Händelfestspiele in Teil 2 des KlassikKompass erreichen.
Kurz – Jacobs nimmt die Cosi ernst und heiter zugleich und sorgt damit beim Erscheinen für ein völlig ungehörtes, neues Mozartgefühl. Noch eins zum Schluss - Jacobs lässt die Rezitative (Sprechgesänge) der Oper stilecht von einem Fortepiano begleiten. Ganz wie es Mozart bei Aufführungen selber gemacht hat.

Die 3er CD-Box Wolfgang Amadeus Mozart „Cosi Fan Tutte“ mit Concerto Köln und Solisten (siehe oben) unter der Leitung von Rene Jacobs ist zu haben bei Harmonia Mundi Records unter der Bestellnummer HCM 901663.65


Fotonachweis:
Header: Detail aus "Die Familie Mozart". (Nannerl, Wolfgang und Leopold, an der Wand die Mutter Anna Maria, die niemals den Kontakt zur Heimatstadt Augsburg abreissen ließ und zweimal das Augsburger Bürgerrecht wiederholte! Ölgemälde von Johann Nepomuk della Croce um 1780/81.)
Galerie:
01. Mozart als Knabe am Klavier (Archiv)
02. CD-Cover - Wolfgang Amadeus Mozart „Complete Fortepiano Concertos“ mit Musica Antiqua Collegium
03. Noten des Adagio (Piano Concerto)
04. CD-Cover - Wolfgang Amadeus Mozart „Cosi Fan Tutte“ mit Concerto Köln und Solisten

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