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Meinung

Meine 12. Lange Nacht der Museen in Hamburg

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Montag, den 30. April 2012 um 12:57 Uhr
Meine 12. Lange Nacht der Museen in Hamburg 4.6 out of 5 based on 145 votes.
12. Lange Nacht der Museen in Hamburg

Es war im Jahr 2004 als die damalige Kultursenatorin den Wunsch äußerte, mit einem Sonderbus und Gästen ihrer Wahl, durch die Lange Nacht der Museen zu reisen.
Die Senatorinnen haben inzwischen mehrmals gewechselt, die Tradition der Sonderfahrt nicht. Zum ersten Mal bin ich eingeladen, an dieser Fahrt teilzunehmen. Neben der Zweiten Bürgermeisterin und Senatorin für Wissenschaft und Forschung, Dorothee Stapelfeldt sind Sponsoren, Förderer und Journalisten mit an Bord sowie einige Mitarbeiter der Kulturbehörde.
Bei herrlichem Sonnenwetter treffen wir uns auf dem Deichtorplatz. Vor der nördlichen Deichtorhalle steht eine lange Menschenschlange. Alle wollen das gerade eröffnete Kunstwerk des britischen Künstlers Anthony Gormley sehen und "Horizon Field Hamburg" betreten.

Fanny Jenisch / Jenisch-HausUnser erstes Ziel ist jedoch das Jenisch-Haus. Empfangen werden wir mit Sekt und stilvoll, von den Herrschaften des Hauses, Fanny Jenisch und ihrem Gatten Senator Martin Johan Jenisch. Der Hausherr kommt etwas spät, denn er ist mit seiner Kutsche von Hamburg durch das dänische Altona länger unterwegs als wir im Bus – der Wegzoll und die dänisch-altonaer Grenzsoldaten halten ihn auf. „Das jeder Reisende jedes Mal Obolus entrichten muss, muss dringend im Senat diskutiert werden und gemeinsam mit den königlich dänischen Behörden zu einer deutlichen Vereinfachung führen!“, sagt der adrett-reiterlich gekleidete Jenisch bestimmt. Das Temperament von Fanny ist das Gegenteil von hanseatisch: sie ist schnell, redegewandt, gesellschaftssicher, ein wenig französisch und – ja, geradezu feurig in ihrer Art. Das Haus ließen die kinderlosen Eheleute nach Plänen von Franz Gustav Forsmann und Karl Friedrich Schinkel bauen, der Park wurde von Hermann Fürst von Pückler-Muskau angelegt.

Längst sind wir eingetaucht in die Historie, so passt die Ausstellung „Louis Gurlitt (1812-1897). Ein Künstlerleben", die dem Künstler zum 200. Geburtstag geschenkt wird gut ins Ambiente und die Stimmung der Zeit. Heinrich Louis Theodor Gurlitts naturalistischen Bildern des 19. Jahrhunderts, Hamburger Motive, Dörfer in den italienischen Abruzzen, Studienzeichnungen und Stillleben, sind zeitgenössische Positionen entgegengesetzt. Das funktioniert nicht immer wirklich überzeugend, jedoch in einem Raum besonders gut: Lene Markusens „Wunder Nr. 4“, ein kleiner Flachbildschirm auf dem ein Video zu sehen ist, zeigt das Wachsen von Pflanzen aus einem leblosen Ast. Es ist konfrontiert mit Zeichnungen und Bildstudien von Pflanzen Gurlitts.

Unsere Tour geht weiter zu Fuß durch den langsam grün austreibenden Jenischpark und ich sinniere darüber, ob hier wirklich im Jahr 1833 die Dame des Hauses, Fanny Jenisch, ein verbotenes Liebesverhältnis mit dem Gartenarchitekten und Fürsten gehabt haben soll. Beide sollen sich Liebesbriefe in Geheimschrift geschrieben haben.

Auch am Teufelsbrück atmen wir Geschichte. Hatte ich nicht eben noch ein Bild Louis Gurlitts mit dem Titel „Teufelsbrücke“ gesehen und sieht das Motiv auf dem Bild, dass um 1860 gemalt wurde, nicht verblüffend ähnlich aus wie heute?

Der alte Dampfeisbrecher „Elbe“ liegt am Elb-Ponton und dicker schwarzer Rauch quillt aus seinem Schornstein. Die Dampfsirene ruft uns an Bord. 1911 erbaut und liebevoll vom Förderverein Dampfeisbrecher Elbe e.V. restauriert, schippert uns die gepflegte hundertjährige Dampfmaschine stromaufwärts. Man mag meinen, ganz Hamburg sei ein Museum, wenn man den Nordhang des Stroms anschaut. Architektur aus den verschiedensten Epochen geben sich gerade dem Dämmerlicht hin. Es ist dunkel als wir an der Elbphilharmonie anlegen und vom Bus abgeholt werden. Die Stadt ist voller Menschen, überall stehen und gehen sie, das Maritime Museum ist wegen einer Lichtprojektion umlagert und die Kunstmeile gleicht einem Ameisenhaufen.

Wir fahren durch die Nacht gen Osten zur Elbinsel Kaltehofe. Die ehemalige Trinkwasseraufbereitungsanlage Hamburgs ist nicht nur ein attraktiver Naturraum geworden, durch die „Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe“ entstand hier ein industrieller- und kultureller Ort. Zum ersten Mal beteiligt sich das 2011 eröffnete Wasserkunstareal an der Langen Nacht der Museen. Das Angebot von Kaltehofe – die ökologische Vielfalt, die Industrie- und Kulturgeschichte Hamburgs und die faszinierende Natur mitten in der Elbe ist einzigartig und besonders und nur in Hamburg so zu entdecken: von Wasser umgeben. In dem vom Studio Andreas Heller gebauten Ausstellungskubus, der sich unterirdisch mit dem alten Villengebäude verbindet, ist eine Ausstellung über Hamburgs Brunnen zu sehen. Ansprechend gemacht – wie ein großes Atelier eines Künstlers wie Rodin oder Giacometti – können sich die Besucher in die Welt der urbanen Wasserspiele versenken.
„Eigentlich sind wir ein kontemplativer Ort“, sagt die Leiterin des Hauses. Davon ist in der Langen Nacht wenig zu spüren, wären da nicht die Klangschalen im Park des Physikers Erich Bäuerle. Die großen, tellerförmigen Metallschalen erzeugen akustische, musikalische und physikalische Überraschungen. Bäuerle, der selbst die Klangschalen vorführt, erzählt davon, wie seine Klangschalen schon für konzertante Musik zur Verfügung standen und professionelle norwegische Perkussionsspieler wunderbare Klänge hervorriefen. Bis zum 13. Mai sind diese Wunderwerke noch zu genießen.

Wasser hat auch im Museum für Hamburgische Geschichte seinen Ort gefunden. Die „Große Flut“ heißt die Ausstellung, die sich der Katastrophe von 1962 widmet und die ins kollektive Gedächtnis aller Hamburger eingegangen ist. Auch heute stellt der Hochwasserschutz eine Herausforderung dar und Projektleiter Herbert Hötte, der durch die großartige Ausstelllung führt, erläutert die Perspektiven für zukünftige Maßnahmen im Zuge des Klimawandels. Unvorstellbar erscheint eine solche Katastrophe heute nicht mehr zu sein. Gleich einem Parcours hat sich die sehr gut verständliche Ausstellung choreographische Schwerpunkte gesetzt: „Wo warst du, als das Wasser kam? – Erinnerungsstücke und Zeitzeugengeschichte – Was tust du, wenn das Wasser steigt?“ Anhand einer Chronik, von Modellen, Fotos und Filmbeiträgen, Computerstationen zur interaktiven Nutzung und Schutzvisionen der HafenCity bis hin zu Bodenproben kann der Besucher sich umfassend ein Bild seiner Stadt machen, in der das Wasser immer eine Rolle spielte und auch zukünftig spielen wird. Die Sonderausstellung ist noch bis zum 2. September zu sehen.

Meinen Abschluss finde ich in der benachbarten Peterstraße. Eine „Komponistenmeile“ soll dort entstehen und ein guter Anfang ist gemacht mit dem Telemann-Museum und dem Brahms-Museum. Hinzukommen sollen Carl Philipp Emanuel Bach, Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Gustav Mahler. Hamburg als Musikmetropole seit 500 Jahren!

Ihr Claus Friede


Fotonachweis:
Header: © Claus Friede
Abbildung im Text: © Jenisch-Haus
Galerie:
01. Jenisch Haus von Süden © Jenisch-Haus
02. Aufgang zur Ausstellung "Louis Gurlitt (1812-1897). Ein Künstlerleben" im Jenisch-Haus. Foto: © Claus Friede.
03. Lena Marcusen: "Wunder Nr. 4", 1997, Trickfilm auf Screen. Foto: © Claus Friede.
04. Blick in die Ausstellung "Louis Gurlitt (1812-1897). Ein Künstlerleben" im Jenisch-Haus. Foto: © Claus Friede.
05. Historischer Flussdampfeisbrecher "Elbe". Foto: © Claus Friede.
06. Maschinenraum der "Elbe". Foto: © Claus Friede.
07. Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe. Kubus gebaut von Studio Andreas Heller. Foto: © Klaus Frahm.
08. Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe. Innenraum mit Brunnenausstellung im Kubus. Foto: © Klaus Frahm.
09. Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe. Brunnenausstellung. Foto: © Claus Friede.
10. "Die große Flut", Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte. Deichbruch bei Neuenfelde. Foto: © Hamburg Museum.
11. "Die große Flut", Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte. Fotoalbum. Foto: © Hamburg Museum.
12. Johannes Brahms 1853 in Hamburg. Foto: Brahms Museum Hamburg.alt

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