Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 795 Gäste online

Neue Kommentare

Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...
Elisabeth Warken zu Gurre-Lieder in der Elbphilharmonie: Zu wenig Vertrauen in die leisen Töne: Die Kritik zu den Sängern kann ich nicht ganz ve...

Anzeige


Meinung

Meine 11. Lange Nacht der Museen in Hamburg

Drucken
(238 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Sonntag, den 17. April 2011 um 23:00 Uhr
Meine 11. Lange Nacht der Museen in Hamburg 4.7 out of 5 based on 238 votes.
Meine 11. Lange Nacht der Museen in Hamburg

Viel habe ich mir vorgenommen – wie immer zu viel. Und schließlich komme ich aus einem ein Quadratkilometer großen Umfeld gar nicht hinaus.
Meine Stationen, sechs an der Zahl, sind kurzweilig, spannend, faszinierend und die Lange Nacht verfliegt auf wundersame und wunderbare Weise.
Es ist sonnig, der Samstagabend angenehm mild und die Innenstadt ist voller Menschen. Zwischen Fußballfans aus Hamburg (dunkelblau) und Hannover (grün/rot) immer wieder ein Pulk von Menschen mit kleinen Heften (hellblau) in den Händen. Magisch angezogen scheinen die Kulturlemminge gen Deichtorhallen zuzustreben. Ich bewege mich in Gegenrichtung und komme mir vor wie ein Gegen-den-Strom-Marschierer.

Identität und Licht
Michael Batz’ Lichtprojektionen von Kamerabildern im Lichthof der Galerie der Gegenwart sind mein Magnet. Verzerrte, langestreckte und im Bildauslauf unschafte Projektionen, aufgenommen von kleinen auf Stativen angebrachten Kameras erinnern an Fotoläden, in deren auf Monitoren im Schaufenster man sich selbst sehen kann wie man sich selbst sieht. Jede Bewegung im Lichthof wird aus allen vier Ecken projiziert und verharrt man einen Moment bewegungslos so sucht sich ein ockerfarbenes Rechteckt das Gesicht des Besuchers und scannt dieses. Je mehr Menschen es im Raum werden und so schneller springt das Rechteck von Gesicht zu Gesicht. Plötzlich wird der Betrachter mit Identitäten konfrontiert – ein sinnvoller Verweis auf die Ausstellung „Photographien“ von Roni Horn im Sockelgeschoss.
Je dunkler es im Lichthof wird, umso deutlicher wird die Dimension seiner Arbeit, denn auch aus den oberen Etagen sind Projektionen zu sehen, allerdings schwächer in der Lichtintensität. Am Ende der Nacht wird Batz viele Stunden Material eingescannter Gesichter zu sichten haben.

Der Roni-Horn-Schock in der Galerie der Gegenwart
Ich bin mir unsicher wie ich tatsächlich kunstkritisch, kunsthistorisch und psychisch drauf bin als ich die Ausstellung der New Yorker Künstlerin betrat, aber schon im ersten Moment bin ich gebannt. Ich behaupte dies ist weder eine Stimmungs- noch eine Zufallsgeschichte! Und natürlich bekommt eine solche Wahrnehmung sofort Schwierigkeiten mit der Objektivierung. Egal, jemand, der so viele Ausstellungen sieht wie ich, erhält ein solches Geschenk selten und da vergesse ich den Journalisten und bin wieder ganz in der Kunst. Fasziniert stehe ich vor den Portrait-Landschaften aus Island, gehe durch die abgedunkelten Räume an Buchseiten aus Zeichnungen, Fotos, Texten und Drucken. Bis ich im Raum „Clowd and Cloun“ (Grey) und „Clowd and Cloun“ (Blue) endgültig die Fassung verliere. (Nein, ich habe mich nicht vertippt, der Titel der beiden Werke ist so richtig, in dekonstruktivistischer Manier à la Derrida, geschrieben.) Auf gegenüberliegenden Wänden begegnen sich rhythmisch unscharf fokussierte Portraits eines Clowns und einer Wolke, die sich sukzessive in der Reihung auflöst.
Schon die Einzelarbeit „Cabinet of“ aus dem Jahr 2001, die ein einzelnes "Cloun"-Bild zeigt ist eindrucksvoll. Es scheint zu verschwimmen, präsentiert ein verwackeltes Gesicht, mit roter Nasenspitze und einem riesigen roten Mund, weiß geschminkter Gesichtsfläche vor weißem Mittel- und Hintergrund. Grimassen, Metamorphosen verzerrt erstarrt verzogen spricht das Werk unsere Gefühlswelten an. Wer ist der Kerl, und um wessen Kabinett handelt es sich? So verschwommen aufgelöst wie der Gesicht, so verwandelt sich auch die Wolke und vergeht im Nichts. So bleibt auch der "Cloun“ als periphere Erscheinung ohne fassbare Identität.
Auch die nächsten Räume sind von überzeugender Stärke. Die Serie "Some Thames" besteht aus Abbildern unterschiedlicher Wasseroberlächen. In Ihnen untersucht die Künstlerin buchstäblich die Idee von begrenzten Dingen, denen eine unbegrenzte Bandbreite an Erscheinungsformen oder Ausdrücken innewohnen.
altDas Thema der Identität (-ssuche, -frage, -findung) ist allgegenwärtig und wirkungsvoll inszeniert. Egal, ob im Werk „a.k.a“, "This is Me, This is You", "You are the Waether" oder „bird“. Vogelköpfe von hinten zu fotografieren; wir erfahren gar nichts über sie, weder ob sie leben oder ausgestopft sind, noch ob es sich überhaupt um Vögel handelt oder nur um gefiederte Attrappen.
Übrigens ein großes Kompliment auch an die Hängung und die Choereographie der Ausstellung die einen weiteren Besuch und eine eigene Rezension wert sind!

Space Ship auf der Kunstmeile
Ein paar hundert Meter die Kunstmeile entlang, zwischen Markthalle und Kunsthaus haben in dieser Nacht auch die kleinen Galerien geöffnet. Die Mikiko Sato Gallery zeigt Werke des in Tokio lebenden Künstlers Yoshiaki Kaihatsu. altEr, der 2004 im japanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen war, hat den schmalen Galerieraum in einen Orbit verwandelt. Seine aus Styropor zusammen gesetzten Gebilde, namens „Space Ship“, „Astronaut with Space Probe Spider“ und „The Year we Make Contact“ katapultieren den Besucher in eine fragile Welt. Und der Aspekt des Fragilen beherrscht auch die Diskussionen des Galeriepublikums an diesem Abend: Japan und die Folgen...

Tucholsky, Kästner, Schwitters und Heine
Uwe Friedrichsen ist bestens gelaunt, schon eine gute halbe Stunde vor seiner Lesung in der Freien Akademie, merke ich seine positive Stimmung in unserem kurzen Gespräch. Und in der Tat, Friedrichsen liest „Anna Blume“ von Kurt Schwitters mit einer solchen Bravour, dass das Publikum hingerissen ist und den Präsidenten der Akademie, Armin Sandig, zu dem Ausruf „besser geht es nicht“ hinreißt. Uwe Friedrichsen hat Spaß an den Texten von Brecht, Tucholsky, Fontane, Schwitters, Heine und Kästner und an den Reaktionen des Publikums. Auch er muss immer wieder über das Gelesene Lachen. Seine Stimme trägt die Besucher durch die wohl ausgesuchte Literatur. Nach einer Stunde endet seine Lesung, „ohne roten Faden“ wie er betont, mit Erich Kästners „das Märchen von der Vernunft“. „Aus gegebenen Anlass...“, so Friedrichsen.

Klangraum St. Jacobi
Weil die Schlangen vor der nördlichen- und südlichen Deichtorhalle derartig lang sind, dass ich befürchte kostbare Zeit zu verlieren, gehe ich weiter zur Hauptkirche St. Jacobi. Eine kleine, aber sehr feine Ausstellung zeigt Druckgrafik der Moderne mit dem Titel „Passio – Der Menschen Sohn“. Viele große Namen sind versammelt: Lovis Corinth, Otto Dix, Oskar Kokoschka, Max Slevogt, Karl Schmidt-Rottluff, Max Beckmann und Wilhelm Lehmbruck. Im Kirchenschiff ist die Uraufführung der „Lamentationes“ (Die Propheten warnten Israel. Israel hörte nicht. Jerusalem wurde zerstört, das Volk Israel verschleppt.) von Johann Adolph Hasse zu hören. Der Kirchenraum ist erfüllt von den Singstimmen und dem Orgelspiel der Passionsmusik.

Wunschkonzert im Plenarsaal des Hamburger Rathauses
altSo gut besucht ist der Plenarsaal der Hamburgischen Bürgerschaft nicht so häufig, alle Abgeordnetensessel sind besetzt und mindestens die gleiche Menge Leute stehen im hinten Bereich des Saales. „Scheibes Wunschkonzert – Zwischenrufe ausdrücklich erlaubt“ ist eine musikalische Unterhaltung, zwischen Improvisationstheater, schlagfertiger Comedy und Mitmachaktion. Wunschkonzert ist da ganz wörtlich zu verstehen, Begriffe fliegen dem Frontmann Scheibe zu, der mit Gitarren- und Schlagzeugbegleitung wohl jede Musikrichtung beherrscht und mit viel Witz noch die absurdesten Texte verarbeiten kann. Alles mit Unterstützung des Publikums. Ab und zu dreht Scheibe an einer Scheibe, die wie Glücksrad aussieht und Stilrichtungen von Flamenco, Jazz und Schlager, über HipHop und Folk alles bis Zydeco aufweist. Und da muss dann auch mal der Text eines SPD-Flugblatts, einer Fernsehzeitschrift und eines Einkaufszettels als Schlager herhalten, Hauptsache es folgt ein „Nanä-nana“ als Refrain.
Die Stimmung im ehrwürdigen Rathaus war gelöst und ausgelassen und selbst Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit war bis spät nachts im Stimmungshoch dabei.

Ihr Claus Friede

Fotonachweis:
Header: Claus Friede
bird (Detail), 1998/2007. 10 Fotografiepaare, je 55,9 x 55,9 cm © Roni Horn, Courtesy die Künstlerin u. Hauser & Wirth
The Year we Make Contact (Titelmotiv der Einladungskarte)
Jan Christof Scheibe: Claus Friedealt

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > Meinung > Meine 11. Lange Nacht der Museen in Hamburg

Mehr auf KulturPort.De

Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“
 Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“



Was für ein ungewöhnliches Stück! Eines? Nein: Was für drei ungewöhnliche Stücke – so intelligent, humorvoll und hintersinnig!
Mariano Pensottis „Lod [ ... ]



Vienna Vocal Consort: Nostre Dame
 Vienna Vocal Consort: Nostre Dame



Das Vienna Vocal Consort zählt seit Gründung im Jahr 2007 zu Österreichs renommiertesten Vokalensembles für Alte Musik. Deren neues Album „Nostre Dame“  [ ... ]



„Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit
 „Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit



Wie viel Tragik verkraftet ein Film in Zeiten von „Wonder Woman” oder „Atomic Blonde”? Tough ist angesagt, und viele Kritiker reagierten eher störrisch  [ ... ]



Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend
 Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend



Der Schlafrock war schwarz und nicht rot, wie am Vorabend in der Elbphilharmonie. Entsprechend seriös, ganz leise und melodisch der Einstieg.
Chilly Gonzales l [ ... ]



Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel
 Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel



Dass „die Tonkunst eine rührend-kurze Freude (ist), die aus dem Nichts entsteht und ins Nichts vergeht... eine kleine fröhliche Insel... die auf dem dunklen, [ ... ]



Kassé Mady Diabaté – ein Ausflug in die westafrikanische Musik
 Kassé Mady Diabaté – ein Ausflug in die westafrikanische Musik



„La parole des anciens est secrée.“ (Das Wort des Ältesten ist heilig)

Das Mandingo-Reich (Manding) wurde im 13. Jahrhundert vom sagenhaften Mali-Kaiser [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.