Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 820 Gäste online

Neue Kommentare

Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...
Elisabeth Warken zu Gurre-Lieder in der Elbphilharmonie: Zu wenig Vertrauen in die leisen Töne: Die Kritik zu den Sängern kann ich nicht ganz ve...

Anzeige


Meinung

Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut

Drucken
(216 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 23:57 Uhr
Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut 4.7 out of 5 based on 216 votes.
Zweifellos bewahren Bücher eine ganz eigene unverwechselbare, unnachahmliche Aura, eine eigene Benutzbarkeit, die das Nachschlagen eines Abschnitts nach Belieben ermöglicht und eine unendliche Reihung unterschiedlichster Lektüren ein und desselben Textes durch die Zeit hindurch gewährleistet. Der Leser wächst, entwickelt und verändert sich, der (kulturell anspruchsvolle) Text bleibt in seinem Wahrheitsgehalt, in seiner künstlerischen Aussage und seiner sozialen Wirksamkeit zwischen zwei Kartoneinbänden zwar haptisch begreifbar, inhaltlich aber immer wieder neu auslegbar und – einen sicheren und gut temperierten Aufbewahrungsort vorausgesetzt – Zeit überdauernd bestehen. Die Postmoderne kennt keine eindeutige, keine definitiv abschließbare Interpretation eines Buches mehr. Im Gegensatz zur Endgültigkeit seiner gedruckten Form, ist die Dekonstruktion seines Inhalts ad infinitum denkbar. Gerade aus dieser Spannung speist sich das Mysterium des Mediums Buch.

Unübertroffen bleibt auch die Ästhetik aneinandergereihter Buchrücken, das sensorische Erleben eines Buchs, das ich in den Händen halte, das Ritual des Durchblätterns, Beschriftens, Verzettelns oder von hinten nach vorne Lesens. Ob in den modernen Literaturarchiven dieser Welt oder in den historischen Bibliotheken Deutschlands, wie die der Herzogin Anna Amalia in Weimar oder vom Herzog August in Wolfenbüttel, verdichtet sich der atmosphärische oder ästhetische Wert des Buchs. Man denke nur an die labyrinthischen Bibliotheken in der Eco-Verfilmung Jean-Jacques Annauds von „Der Name der Rose“ (1986), an Borges’ „Bibliothek von Babel“ (1941) oder Michel Foucaults Begriff vom Bibliotheksphänomen als Vorstellungswelt zwischen den Zeichen, vom Werk Flauberts als Protokoll eines freigesetzten Traums oder „als Traum der anderen Bücher“, als ein imaginäres und visionäres Heraufbeschwören von Bildern, die „völlig traumhaft zu sein scheinen“ (1967). In den phantastischen Überhöhungen der Schriftsteller und Literaten wird über eine mögliche Welt spekuliert, die als eine Bibliothek aller möglichen Bücher dargestellt werden kann.

Was Eco, Borges oder Foucault an der Unendlichkeit der Geschichten, Ordnungssysteme und Zitate derart fasziniert, dass sie Bücherwelten und -galaxien mystifizieren, ohne je eine finale, sinnvolle Antwort zu finden, spiegelt sich in den Räumen, Sälen und Archiven wider, in denen neue und alte Büchersammlungen oder beständig sich vergrößernde Bibliotheken untergebracht sind. Unsichtbar, doch zum Greifen nah materialisiert sich im Buch das kulturelle Gedächtnis. Ideen, Angewohnheiten, Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Erfindungen, Lieder und Geschichten bilden Einheiten, die sich verbreiten und vermehren. Bücher bilden die Identität und Diskurse der Menschheit aus, die in der Gesellschaft weiterwirken.
Heute verbinden sich neueste Befunde der neurowissenschaftlichen Hirn- und Gedächtnisforschung mit denen der Psychologie und Kulturwissenschaft in der Annahme, dass das Gedächtnis sozial und kommunikativ ausgerichtet sei. Ohne Austausch, ohne das vielfältige Wechselspiel mit anderen und ohne Emotionen wäre unsere Erinnerung leer – das glauben wir heute. Neben dem kollektiven Gedächtnis (Maurice Halbwachs) und Jan Assmanns Begriff des kulturellen Gedächtnisses verkörpern Bücher auch das kommunikative Gedächtnis (Harald Welzer). Die Erinnerung und die Zukunft als Potenzialität noch nie da gewesener Interaktionen und Strukturen schlummern in Büchern, die ein Licht werfen auf das Chaos des menschlichen Daseins und Fühlens, indem sie beleuchten und erhellen, was Zufall sein kann, aber in Wahrheit Orientierung, eine ordnende Archäologie und Zusammensetzung von geschichtlichen Begebenheiten und wissentlichen Formungen bietet: Bücher sind Produkte einer langen, ursprünglich deutschen Kulturtradition, die die individuelle und kollektive Identität auf transkultureller, nationaler und regionaler Ebene konsolidiert und das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft sowohl auf dem Niveau ihrer Herstellung als auch ihrer Rezeption festschreibt. Und gerade aus diesem Grund rückt in den letzten Jahren der Akt des Schreibens – und damit auch der Akt des Lesens – in seiner gefühlsbedingten, befreienden und autobiographischen, ja therapeutischen Bedeutung wieder in den Fokus: Lesen ist nicht zuletzt ein Genuss, es ist gut für Leib und Seele, und das geschriebene (und gelesene) Wort immer auch eine spirituelle Übung, denn es schult die Intimität des eigenen Bewusstseins ebenso wie es Meinungen und Verhalten verändern kann.

Ihre Dagmar Reichardt

(Dagmar Reichardt ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, die über 50 Bücher sowie rd. 100 weitere akademische und kulturpolitische Publikationen geschrieben und herausgegeben hat.)
Header-Foto: © Max Friede

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken


 

Home > Kolumne > Meinung > Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Ku...

Mehr auf KulturPort.De

Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe – magische Farborigien
 Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe – magische Farborigien



Es gibt sie noch, die wundersamen Glücksmomente im Theater, die gestandene Kritiker (und Kritikerinnen) mit großen Augen dasitzen und staunen lassen wie Kinder [ ... ]



Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“
 Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“



Was für ein ungewöhnliches Stück! Eines? Nein: Was für drei ungewöhnliche Stücke – so intelligent, humorvoll und hintersinnig!
Mariano Pensottis „Lod [ ... ]



Vienna Vocal Consort: Nostre Dame
 Vienna Vocal Consort: Nostre Dame



Das Vienna Vocal Consort zählt seit Gründung im Jahr 2007 zu Österreichs renommiertesten Vokalensembles für Alte Musik. Deren neues Album „Nostre Dame“  [ ... ]



„Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit
 „Dalida”. Oder die Angst vor der Dunkelheit



Wie viel Tragik verkraftet ein Film in Zeiten von „Wonder Woman” oder „Atomic Blonde”? Tough ist angesagt, und viele Kritiker reagierten eher störrisch  [ ... ]



Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend
 Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend



Der Schlafrock war schwarz und nicht rot, wie am Vorabend in der Elbphilharmonie. Entsprechend seriös, ganz leise und melodisch der Einstieg.
Chilly Gonzales l [ ... ]



Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel
 Sommerliche Musiktage in Hitzacker: Durchwoben vom ständigen Wandel



Dass „die Tonkunst eine rührend-kurze Freude (ist), die aus dem Nichts entsteht und ins Nichts vergeht... eine kleine fröhliche Insel... die auf dem dunklen, [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.