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Meinung

Vom Glotzen & Labern oder Durchbruch durch acedia

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Freitag, den 24. März 2017 um 11:04 Uhr
Vom Glotzen & Labern oder Durchbruch durch acedia 3.5 out of 5 based on 74 votes.
Vom Glotzen & Labern oder Durchbruch durch acedia

„Trägheit, lateinisch acedia, der wir alle unterliegen (…) ein Zustand,
den schon die alten Buddhisten reflektierten,
ob Versenkung und Meditation denn auch Tun sei,
oder, wie man heute sagt, Lethargie,
uneffektives Verhalten, Gleichgültigkeit, (…)
Durchbruch durch acedia.“ (1)


Ein Essay
Herr Kluge schreibt an gleichgesinnte gute Freunde im Internet:
Lieber ALEX, liebe Lotti,
entschuldigt bitte, dass ich mich in der letzten Zeit wenig bei Euch per Mail gemeldet habe. Aber jetzt drängt es mich. Will etwas schreiben zum Auseinanderdriften zwischen Wort und Tat, zwischen Denken und Tun, zwischen Glotzen und Klotzen. Dazu ein winziges aber typisches Beispiel. Habe nämlich neue Freunde gefunden. Und zwar jede Menge. An die 800! Dufte, sag ich Euch. Ihr glaubt es nicht. Und mit allen verstehe ich mich bestens. Glaube ich. Warum? Die melden sich bei mir per Mail einfach so an. Wollen meine Freunde werden. Und ich tippe auf Bestätigung. Und schon habe ich einen neuen Freund, obwohl ich ihn nie gesehen, geschweige denn gesprochen habe. So schnell geht das. Ihr kennt das sicherlich. Also erwarte ich eine zünftige Kommunikation. Einen Austausch von Gedanken. Über all das, was so in der Welt passiert, was den normal Sterblichen so bewegt. Aber die Stunden und Tage vergehen. Wenn man mich schon bittet, jemandes neuer Freund zu werden und ich dem zustimme, dann lauere ich auf Fragen. Warum er wohl mich ausgewählt hat. Schließlich bin ich ein kleines Nichts wie andere auch. Oder bilde ich mir ein, meine oft ins Netz gestellten kritischen Buchrezensionen reißen jemanden vom Stuhl? Und wenn, dann soll er das sagen. Würde mich freuen. So jedenfalls passiert es mir in sozialen Foren. Und nun „Facebook“. Der Dialog bleibt aus. Nichtssagende gegenseitige Glückwünsche – was ja schon viel bedeuten kann – beherrschen das Netz. Manchmal kommt eine Bitte um ein „gefällt mir“ zu einem der gesendeten kurzen Infos oder Fotos. Ich schicke als Diskussionsthema dann unverschämterweise gleich einen längeren Artikel. Aber der geht meistens im Äther verloren. Oder wollen die neuen Freunde den nicht lesen? Oder können sie nicht lesen? Ich habe den Eindruck, sie stehen bei Facebook wie vor dem Spiegel und begrüßen sich selbst, ihre eigene Erscheinung. Selbstdarstellung. Selbstinszenierung. Guckt mal, wer ich bin. Ich! Genau, das ICH ist das Problem. Im Labern sind manche ICHS wahre Weltmeister. Aber es ist auch sehr menschlich, wer will das bestreiten?

Nun will ich´s wissen. Ein letzter Versuch, diese Art von „Facebook"-Freunden miteinander und mit mir bekannt zu machen. Ich male mir folgenden Traum aus: Wie wäre es, einige der neuen und unbekannten „Internetfreunde“ zu mir einzuladen, zu einer Party. Das klappt. Tage später steigen die Gäste die Treppe zu mir hoch. Ich staune nicht schlecht, sie halten bereits das Smartphone in der Hand. Schweigend. Ihr starrer Blick auf die leuchtenden Schriftzüge gerichtet. Sie sagen kaum guten Tag. Ich sperre alle in ein Extra-Zimmer, damit sie „telefonieren“ können was das Zeug hält. Nach einer halben Stunde scheinen sie ihre „Gespräche“ beendet zu haben. Oder? Ich lade sie ein ins Wohnzimmer. Zu Kaffee und Kuchen. Sie nicken dankbar. Keine Fragen. Auch nicht zum Grund der Einladung. Auch nicht zu den paar Büchern, mit denen du sie eigentlich überraschen willst. (Dann lasse ich´s lieber, denn mir entgeht nicht deren abschätziges Grinsen.) In die nahezu atemlose Stille dringt lediglich das sehr menschliche Schmatzen und Schlucken. Die Augen aller sind aber unentwegt starr auf ihre Handys gerichtet. Wann kommt die nächste Info?

Meine verwunderten Blicke sagen ihnen, ich bin schon sehr ergraut. Sie lassen das Grinsen und denken sich ihren Teil. Eh, was verstehen die schon? Die Alten? Nicht mal ein Smartphone haben die. Können per „Facebook“ nicht mal ein freundliches „gefällt mir“ senden. Wissen mit diesem Medium nichts anzufangen, erst recht nicht mit „Messenger“, dem fixen Hohlheitsgeflüster zwischen „Freunden“. Die Alten – sie essen keine Bio-Ware. Sie sind keine Veganer, die keiner Fliege etwas antun, lieber wird diese in einem Becher gefangen und auf dem Balkon wieder in die Freiheit entlassen. Sie meditieren nicht und beten auch nicht, in der blinden Illusion, die Gesellschaft möge sich verändern. Stattdessen machen sie mobil gegen das politische Establishment, rufen zu Protesten auf. Doch das bringt doch nur Stress. Wer will das schon? Sie lesen noch richtige Bücher, fragen viel und hören noch zu, wenn andere etwas sagen. Sie suchen nach Gründen und Motiven des Verhaltens und Denkens. Sie empören sich, wenn Deutsche wieder mit dem Säbel rasseln und das Rüstungsetat hochschrauben. Sie verkapseln sich nicht und schlagen sinngemäß ihre Wohnungstür nicht zu, wenn Politisches anklopft. Sie sind halt die Alten...

Lieber ALEX, liebe Lotti: Ich frage mich und Euch, die Ihr ja auch so alt seid wie ich: Woher kommt so manche Abstinenz? Das rücksichtslose Niedertrampeln von Sinn und Inhalten? Das resolute Abrücken von der Realität? Der jubelnde Beifall für die größte Banalität, für Klischees, für substanzlose, inhaltsleere Streifen im Fernsehen? Man spürt, wie sehr Krankheiten, Sex, Fressen, Morde und Vergewaltigungen die Schirme oder auch die Theaterbühnen beherrschen. Wir wissen ja, dass die Medien Waren sind, die sich verkaufen müssen. Das nennt sich dann Freiheit. Wer wüsste das nicht. Aber im Ernst: Woher kommt das kotzüble Zeug der Leere? Die „In-sich-Zurückgezogenheit“, ja, Einsamkeit? Warum hat sie von vielen Leuten Besitz ergriffen? Gewiss, der Alltagsstress – vor allem im Beruf - wird sie niedergedrückt haben. Und vor allem die Ziellosigkeit in der Gesellschaft. Das Bla-Bla von wegen Demokratie, Freiheit, Terrorismus und absichtsvoll herbei definierte Kriegsgefahr. Wohin führt die absolut hochgepeitschte marktgetriebene Gesellschaft, in der einer des andern Konkurrenten geworden ist, angepasste Masken auf der Jagd nach immer mehr... Am besten, man taucht ab. Zurück in eine religiöse Gemeinschaft von Leichtgläubigen und Tatenlosen? Oder?

Durch Zufall stoße ich im Internet auf einen mir bislang unbekannten Verein. Der nennt sich Achtsamkeit. Dort wird gepredigt, du sollst deinen Blick in dieser stressigen Welt nach innen richten, auf den Augenblick, den Moment anerkennen. Nicht rückwärts schauen, nicht vorwärts. Nur sich selbst sehen. Wie atme ich? Ein und aus. Schön langsam. Man beobachte sich, horche in sich hinein, analysiere jeden Atemzug, jedes Jucken im Leib. Nicht verändern wollen, denn daraus folgt bereits wieder hochgradiger Stress, den du ja vermeiden willst. Also Inaktivität nach außen. Abwarten was kommt. Auch dieser wohlgemeinte Rat an diejenigen, die beispielsweise unter starken Schmerzen leiden: Das seien oft nur eingebildete Wehwehchen. Man denke nicht an sie. Einfach wegstecken. Und dieses Gelaber soll man einfach so tolerieren? Das geht entschieden zu weit. Ich denke, da könnten doch mindestens die Hälfte aller Schmerzpatienten umgehend aus Krankenhäusern entlassen werden. Meditiere zu Hause und das Problem ist gelöst.

Der Dalai Lama soll gepredigt haben, achtjährigen Kindern möge man das Meditieren lehren. Nach drei Generationen gäbe es keine Gewalt mehr. So so!! Achtsamkeit, so sage ich mir, ist doch wohl eine der großen Verführungsmethoden zum Stillhalten, zum Innehalten, zum Schnauze halten zu dem, was die Politik zum Niederhalten von sozialen Protesten und für höhere Gewinne so treibt. Daniel Strassberg (Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph) meinte kritisch: Man fühlt sich fremdbestimmt und besinnt sich wieder auf sich. Doch letztlich haben auch solche Aussagen über den Zeitgeist etwas Triviales. Ein politischer Protest ist zudem nicht erkennbar, ebenso wenig eine gemeinsame Utopie, dafür wird Achtsamkeit zu selbstbezüglich ausgelegt. Und der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, die Achtsamkeitsbewegung sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

Ich frage mich, kriegen wir auf diese Art den ewigen Frieden hin? Andere Machtverhältnisse? Die Abdankung der Kapitaleliten? Keine Gewalt mehr? Warum erst jetzt, da das Meditieren offenbar so uralt ist wie die Menschheit? Müssten da nicht die Weltprobleme im Sinne der arbeitenden Menschen längst gelöst sein?

Kurz und gut: Ich bin wieder bei Euch, lieber ALEX und liebe Lotti. Beinahe wäre das Nur-Glotzen und nur Labern über mich gekommen. Immerhin beeindruckend und lähmend genug, wenn man nicht dagegenhält. Ich habe mich kurzentschlossen bei „Facebook“ als Nutzer löschen lassen. Somit verliere ich den doch zu blassen und nichtssagenden Kontakt zu „Freunden“, die – von sich felsenfest überzeugt – unbemerkt für sie selbst, längst die Flucht aus der Wirklichkeit angetreten haben. Oder ist das nur eine formale und ungerechtfertigte Unterstellung gegenüber jenen, die sich mit einem hohen Schutzwall gegen geistige Ansprüche zur Wehr setzen? Die sich mit Mauern des Stumpfsinns vor zu viel Nachdenklichkeit schützen, die im Sumpf der Medienmanipulationen abhandengekommen ist? Geistige Regsamkeit nur als Konsument bis zum nächsten Geschäft? Und wenn sie sich dagegen auflehnen? Dann wird man ihnen schnell mal das Markenzeichen eines Verdächtigen oder gar „Gefährders“ ans Zeug flicken.

Natürlich – die Erfinder und Prediger des Neoliberalismus reiben sich die Hände. Du sollst gefälligst – da der Sozialstaat zu teuer ist – nur Beobachter sein, für dich selbst sorgen und weder werten noch urteilen, schon gar nicht etwas verändern wollen in dieser Gesellschaft. Die nach Selbstdarstellung strebenden vereinzelt auftretenden „Facebook“-Freunde und die mit Meditation die Welt nicht vordergründig verändern wollenden Fanatiker des Scheuklappengeschwaders sind mit ihren Fluchtversuchen aus der Wirklichkeit hoch willkommen und leicht in die Irre zu führen. So bekommt jeder, was er verdient. Auch mit der Waffe in der Hand. Und: Achtsamkeit ist ein gutes Geschäftsmodell, das den Weg zu eigener Erkenntnis erschwert. Glotzt also weiter in die Welt, bis es nichts mehr zu glotzen gibt... Doch eure Mitschuld werdet ihr nicht mehr wahrnehmen können.

Ehrlich, ich halte es in diesem Fall lieber mit einer Mahnung des Philosophen Wolfgang Fritz Haug: „Individuen müssen die Grenzen ihres Berufes, ihrer fachlichen Spezialisierung und zugleich die der Privatheit überschreiten, um Intellektuelle zu werden. Intellektueller ist nicht bloß ein weiteres Steinchen im horizontalen Mosaik der Berufe.“ (siehe "junge Welt“ vom 2./3. Mai 2009, Seite 10, „Rückkehr kritischer Potenz“)

Allerdings würde es reichen, ein politisch aktiver Bürger zu werden.
Labere ich etwa zu viel? Es bleibt dabei: Durchbruch durch acedia.

ALEX und Lotti, wir bleiben in Verbindung. Mit Euch lohnt es sich...
Euer Gesinnungsfreund Kluge


(1) Quelle: Buchverlag der Morgen: „Mir scheint, der Kerl lasiert. Dichter über Maler“, 1978, (Hrsg: Joachim Walther, Zitat von Gerhard Wolf)

Erstveröffentlichung: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=23650&css=print



Abbildungsnachweis:

Headerfoto: Claus Friede

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