Meinung

SpiegelLive: Joschka Fischer im Gespräch - "Ist Europa noch zu retten"

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Donnerstag, den 08. Dezember 2016 um 15:59 Uhr
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Fischer-Sandberg

Während die ganze Stadt zu fiebern scheint, vor dem Rathausmarkt mehr Polizisten als Schaulustige stehen und über den Messehallen die Hubschrauber kreisen, fand am Alstertor eine angenehm unaufgeregte OSZE-Konferenz der anderen Art statt: In der Talk-Reihe „SPIEGELlive im Thalia Theater“ stellte sich Joschka Fischer den Fragen von Britta Sandberg zum Thema "Ist Europa noch zu retten?"


Vom Brexit bis zu Trumps Taiwan-Telefonat, von der Wahl in Österreich zum italienischen Referendum, von Putin bis Marine LePen – es war ein großer Rundumschlag und wirklich neue Erkenntnisse sind dabei nicht herausgekommen. Das hat wohl auch niemand erwartet. Viele waren gekommen, so hatte man jedenfalls den Eindruck, um den ehemaligen deutschen Außenminister und Vizekanzler einmal live und zum Anfassen nah zu erleben. Schließlich war Fischer jahrzehntelang die schillerndste Figur der Grünen, ach was, der gesamten deutschen Politik und nie um einen guten Spruch verlegen. Das ist er auch heute noch nicht. Im grauen Anzug, weißen Hemd und schwarzen Boots verkörperte er auf der Bühne des Thalia Theaters einen Elder Statesman wie er im Buche steht: Unprätentiös, abgeklärt, humorvoll. Ein überzeugter Europäer und Mann der klaren Worte, dem man sie auch glaubt.

Ist Europa noch zu retten?Er hätte nie gedacht, dass er einmal ein ernsthaft gefährdetes Europa erleben würde, betont Fischer zum Auftakt. Die Vorteile der Union seien doch einfach zu offensichtlich. Nach dem physischen und moralischen Zusammenbruch 1945 sei durch die EU, sowie die scheinbar unverbrüchliche Westbindung eine neue Realität in und um Deutschland entstanden, die Jahrzehnte des Friedens und des Wohlstands ermöglichten.
Plötzlich nun würde alles wieder in Frage gestellt. Plötzliche kommen Vokabeln wie das „Völkische“ wieder auf und die Forderung nach „Bio-Deutschen“.
Fischer nennt die AfD nicht beim Namen, doch es ist klar, an wen sich sein Appell richtet: „Wie kann man allen Ernstes meinen, dass die Antworten auf Zukunftsprobleme im völkischen Nationalismus zu suchen sind? Was sind Bio-Deutsche? Muss man bald wieder einen Stammbaum nachweisen? Ich möchte nie wieder was von Mitläufern hören. Jeder Erwachsene hat eine Verantwortung. Die Demokratie wird von der Mehrheit entschieden. Also Mehrheit…“ sagt er erwartungsvoll und hebt die Arme Richtung Publikum, das ihm begeistert applaudiert.
Roosevelt und Churchill, die Amerikaner und die Engländer seien es damals gewesen, die das atlantische Bündnis geschlossen haben. Dass sich jetzt „ausgerechnet die Briten und die USA vom Westen verabschieden, ist deprimierend“, so Fischer. Insbesondere auf Deutschland komme nun „eine große Herausforderung zu“. Sollten jetzt nämlich die Nationalisten die Oberhand gewinnen und Europa scheitern, „befinden wir uns in einer geopolitischen Situation, auf die wir nicht vorbereitet sind“. Ein Europa ohne England sei machbar. Ein Europa ohne Frankreich nicht: „Die deutsch-französische Versöhnung ist das Fundament von Europa – das sitzt in den beiden Völkern sehr tief“.
Wenn allerdings Marine Le Pen gewählt wird, „wird es ernst“, warnt Fischer. „Das wird Europa zerstören“. Der Austritt aus dem Euro käme einem „ökonomischen und sozialen Selbstmord“ gleich und Europa würde in Folge wieder auf Einflusszonen zurückfallen. „Das wäre ein Europa, das ich nicht erleben möchte“.

Putin würde das nur gelegen kommen, der strebe ohnehin eine andere politische Ordnung an. Doch darauf wollte Joschka Fischer an diesem Abend nicht näher eingehen. „Wir werden mit den Russen leben müssen“, stellte er lakonisch fest. „Das ist wie mit Nachbarn oder in der Familie. Man kann sie sich nicht aussuchen“.
Doch wer sollte Europa retten, wenn nicht die Europäer selbst? Die Chinesen sicher nicht und die Zeit, da man sich „auf die USA verlassen konnte, komme was wolle, geht zu Ende“.
Europa muss anfangen, strategische Interessen wahrzunehmen, fordert Fischer, auch militärisch. Und die demokratischen Parteien „müssen wieder lernen zu kämpfen“. Sie sollen dem „Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Maul reden.“
Er selbst wäre schon früh zum Europäer geworden, die Reisen als Jugendlicher nach Frankreich, die Rede von Charles De Gaulle an die deutsche Jugend im September 1962 in Ludwigsburg – das alles hätte dazu beigetragen.

Und wenn er jetzt an die OSZE-Konferenz denkt und die Stunden um Stunden von ermüdenden Diskussionen um irgendwelche Detail-Fragen, die er selbst abzusitzen hatte, dann seien diese nicht enden wollenden Verhandlungen einfach „ätzend“ gewesen. Aber, und damit habe er sich immer getröstet, auch „ein gigantischer Fortschritt!“ Wie großartig sei es doch, „dass Du hier sitzt und Dir bloß der Hintern weh tut, während Dein Vater und Dein Großvater für solche Fragen noch aufs Schlachtfeld geschickt wurden!“ Das ist Europa und dieses Europa solle man nicht aufs Spiel setzten.



Abbildungsnachweis: Fotos: Florian Hammerl
Header: Joschka Fischer im Gespräch mit Britta Sandberg (Der Spiegel) im Thalia Theater Hamburg.
Im Text: v.l.n.r: Thalia Interndant Joachim Lux, Britta Sandberg, Joschka Fischer
 

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