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Meinung

„Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“

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(58 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Harry Popow  -  Donnerstag, den 17. Dezember 2015 um 11:00 Uhr
„Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“ 4.6 out of 5 based on 58 votes.
„Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“

Ein mutiges Buch von Ece Temelkuran
"Was soll nur aus diesem Land werden?“ Das ist der letzte Satz eines aufwühlenden und zum tiefen Nachdenken anregenden Buches. Ihn findet man wiederholt auf den 239 Seiten zählenden Werkes „Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“ der am 22. Juli 1973 in Izmir geborenen türkischen Juristin, Schriftstellerin und Journalistin Ece Temelkuran.

In drei Kapiteln 'Gestern', 'Heute' und 'Morgen' beschreibt die oppositionelle Autorin die Zeit des Osmanischen Reiches und die Gründung der Türkei im Jahre 1923. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Geschichte der Türkei und auf den Machtantritt Erdogans und der AKP. Im zweiten Kapitel nimmt sie dessen Herrschaft kritisch unter die Lupe. "Du bist die Türkei! Denke groß", sagt Erdogan, den manche Sultan nennen, zu seinen Untertanen. Seine Phantasien von einer Großmacht haben die weitgehende Islamisierung des Landes bewirkt. Im dritten Teil versucht sie einen optimistischen Blick in das Morgen der Türkei.

Auf Seite 228 mahnt die Autorin, Türken-Reisende mögen „nicht mit touristischer Leichtigkeit reisen“, sondern sich ebenfalls fragen, was aus diesem Land werden soll. Folgt man den zahllosen Fakten, Ereignissen, Schilderungen und Kommentaren, so sieht man sich ebenso mit dieser Frage konfrontiert. Wie an einer langen Kette fügt Ece Temelkuran Symptom an Symptom und zeigt so ein Mosaik der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Türkei.

Dabei geht es der Autorin nicht nur darum, den Alltag zu beschreiben, wie etwa das unausgesprochene Verbot, sich offen auf der Straße küssen zu dürfen oder das Tragen des Kopftuches kritisch zu beäugen, sondern dass seit dem Wahlsieg der AKP 2002 „mit immer drastischeren sogenannten Antiterrorgesetzen eine Gehorsamkeitsgesellschaft geschaffen werden sollte“. Zuvor auf Seite 16 fragt sich die Autorin, warum der Staat noch heute als heiliger Vater angesehen wird und „Kurden, Aleviten und Armenier drastisch bestraft werden, weil sie diesen heiligen Vater attackieren“.

Ece Temelkuran Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbstWas sich im Inneren dieses Staates abspielt seit Jahrzehnten, das offenbart die Autorin in diesem von der Obrigkeit in der Türkei so gefürchteten Texten der Publizistin. Ihre Hauptaussage: Die Türkei sei gespalten und gefährlich. Sie befinde sich in einem "mentalen Bürgerkrieg". Sie werde im Ausland völlig verkehrt beurteilt. Im Detail erfährt der Leser von Gewalt an Kindern und Frauen, von Putschs und Militärdiktaturen, von Bürgerkriegen mit Kurden, von Pogromen gegen Minderheiten, von Massakern, von Wut und Hass, vom Verfall der Kultur, von der Entpolitisierung der Jugend, von der Lobpreisung der Spaßgesellschaft, von der Auflösung der Demokratie, von zahllosen Morden an Andersdenkenden, von der Zensur in den Medien; von der rigorosen neoliberalen Wirtschaftspolitik. Überhaupt: Linke Themen wie Armut, Ungerechtigkeit und Kampf um Rechte seien tabu. Andererseits müsse man sich „tagtäglich auf allen Fernsehkanälen anhören, wie hervorragend dieses Land regiert wird“.

Eine klare Position bezieht die Autorin hinsichtlich des sich aufbäumenden Widerstandes gegen Erdogan und die zunehmend autoritären Tendenzen im Juni 2013 im Gezi-Park. Das sei – wie von der Auslandspresse gelogen wurde – weder eine ideologiefreie noch eine spontane Demonstration gewesen. Auf Seite 180 betont sie: Gezi richtete sich gegen den „zunehmenden Verfall der politischen und gesellschaftlichen Moral“. Das Besondere daran: Andersdenkende aus entgegengesetzten politischen Lagern fanden sich zusammen zu einer verbindenden oppositionellen Energie gegen die Macht.

In die Tiefe geht die Autorin mit der Feststellung, besonders seit dem 11. September 2001 sei die Außenpolitik aus dem Lot geraten. Erdogan „positionierte sich geschickt als Verfechter des Sicherheitskonzeptes nach dem 11. September, als ambitionierter Partner der neoliberalen Politik...“ Er war in den Augen Washingtons das Musterbeispiel des guten Muslims. Das islamische NATO-Mitglied Türkei sei zum Musterschüler des Westens im Osten geworden.

Ausblicke? Hoffnung und ein wenig Zuversicht? Wohin treibt die Türkei? Während Ece Temelkuran auf Seite 40 das Desinteresse vieler Türken beklagt, dass man gelernt habe, keine Fragen zu stellen, nicht neugierig zu sein, registriert sie mit Genugtuung den Einzug der HDP (Demokratische Partei der Völker) im Juni 2015 „mit ganzen 81 Abgeordneten“ ins Parlament.

Allerdings erreichte die AKP bei den Neuwahlen am 1. November die absolute Mehrheit. Trotz des staatlichen Terrors der gegen all jene geführt wurde, die potentiell nicht die AKP wählen, ist es nicht gelungen die HDP aus dem Parlament zu verbannen. Dass die HDP weiterhin im Parlament vertreten ist, kann als Erfolg betrachtet werden.

Ihre persönliche Prognose für die kommenden zehn Jahre lautet, „dass in der Türkei und ihren Nachbarländern die Dekade der Kurden angebrochen ist“, nicht nur in politischer, sondern auch „in kultureller Hinsicht“. Es sei eine neue Generation von Kurden aufgewachsen, die gebildet ist, das Weltgeschehen verfolge und ihre Sache auch international vertritt. Über die Minderheiten Armenier, Aleviten, Kurden, Aramäer und andere, so sei zu hoffen, werde in Zukunft viel mehr gesprochen werden. Das könne eine neue Seite in den Beziehungen zu Europa aufschlagen. Trotzdem sei zu resümieren: Politik und gesellschaftliches Leben – auch durch die Situation in Syrien und dem Irak – seien unberechenbar geworden. Die Menschen um sie herum seien wie gelähmt in diesem Sturm der Aufregung. (Und nicht nur in der Türkei!) Sie schließt mit der Frage: „Was soll nur aus diesem Land werden?“

Leser sollten sich darauf einstellen, dass die Autorin Ereignisse, Sachlagen, persönliche Beobachtungen und Fakten stets als Aufhänger benutzt, um sodann kommentierend zu verallgemeinern und schlussfolgernd Lösungen anzubieten. Dazu erwähnt sie zahlreiche Namen von Türken, die an unterschiedlichen Stellen des Textes unvermittelt in einem neuen Zusammenhang wieder auftauchen.

Das Buch „Euphorie und Wehmut“ gewährt einen eindrucksvollen Einblick in ein Land, das nicht wenige Touristen in seiner landschaftlichen Schönheit und deren Menschen zwar gesehen, aber nicht unbedingt im Innersten kennengelernt haben dürften. Ohne Zweifel ein Muss für alle, die die gegenwärtigen Konflikte im Nahen Osten und um Syrien, insbesondere die Politik der Türkei, näher kennenlernen und beurteilen wollen. Schon allein deshalb, weil die von der Autorin aufgedeckten politischen Hintergründe von den Medien entweder verschwiegen oder entstellt dargestellt werden.

Zu danken ist einer mutigen und ehrlichen Widerständlerin, die in ihrer Heimat ihre Arbeit als Journalistin verlor und – wie alle ausgegrenzten Intellektuellen – von der herrschenden Elite als „Vaterlandsverräterin“ abgestempelt wird.

Ece Temelkuran: „Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“
eBook oder Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH,
Sprache: Deutsch,
ISBN-10: 345550373X, ISBN-13: 978-3455503739, Preis: 20 Euro.
Leseprobe


Lesung am 11.02.2016 um 19:30 Uhr
Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut
In Kooperation mit der Buchhandlung Lesesaal
Lesung der deutschen Passagen: Patricia Paweletz
Literaturzentrum im Literaturhaus, Schwanenwik 38, 22087 Hamburg


Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen. Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.


Abbildungsnachweis:
Header: Ece Temelkuran. Quelle: galeri.uludagsozluk.com
Buchumschlag

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