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Die Geschöpfe des Prometheus: Beethovens sinfonische Werkstatt

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 15. August 2014 um 12:50 Uhr
Die Geschöpfe des Prometheus: Beethovens sinfonische Werkstatt

Prometheus aus dem Geschlecht der Titanen legt sich mit den Göttern an:
Nicht nur erschafft er die Menschen und lehrt sie die Vernunft zu gebrauchen. Der revolutionäre Gauner und Menschenfreund beschafft ihnen – mit einer am Sonnenwagen entzündeten Fackel – auch das Feuer wieder, das Zeus ihnen entzogen hatte. Strafe für die Menschen: alle Übel der Welt, die Zeus ihnen durch Pandora und ihre Büchse zukommen lässt – aber das ist eine andere Geschichte. Und Prometheus selbst muss etliche Jahrtausende unfroh an den Kaukasus gekettet schmachten und täglich seine Leber von einem Adler fressen lassen.

Der gewaltige Mythos hat immer wieder Dichter, Denker, Maler und Musiker angeregt. Beethoven, immer wieder gern zum Titanen stilisiert, schrieb 1801 in knapp 14 Tagen die Musik zu einer Prometheus-Handlung, die samt ihrer Choreographie verloren ist. Auch von Beethovens Musik zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ wird fast nur noch die Ouvertüre gespielt. Wie die neue, aufregende Gesamtaufnahme des griechischen Orchesters „armonia atenea“ unter George Petrou zeigt, ist diese Vernachlässigung ein sträflicher Irrtum des internationalen Konzertbetriebs. Denn Beethovens Ballett-Musik gewährt einen einmaligen und faszinierenden Blick in seine sinfonische Werkstatt – zu Beginn seiner Karriere als Sinfoniker, geschrieben zwischen seiner 1. und seiner 2. Sinfonie.

Und als Werkstattbericht war eine Ballett-Musik, die der Handlung und schnell wechselnden Emotionen folgen musste, aufs Beste geeignet. Wobei es in der Ballett-Handlung, so viel weiß man, nur um die Erschaffung des Menschenpaares und seine Ausbildung in der Götterschule auf dem Parnass geht – die horriblen Szenen um Pandora und den Adler bleiben außen vor.

Cover Beethoven - PetrouWas aber macht diese Musik, von der es vergleichsweise wenige Gesamtaufnahmen gibt, so besonders? In einer Ouvertüre, einer Introduzione und 16 Sätzen, die selten länger sind als zwei, drei, vier Minuten, legt sich Beethoven sein musikalisches Werkzeug zurecht – kurz vor dem Aufbruch in das neue sinfonische Zeitalter, den 1802 seine „Eroica“ markiert. Es sind die Fingerübungen eines Genies, sinfonische Experimente im Häppchen-Format.
Der Komponist testet unterschiedlichste Stimmungen, instrumentale Kombinationen und Wirkungen, Modelle für effektvolle Satzschlüsse, rhythmische Irritationen, die dann in seinen Scherzi wieder auftauchen, ausgedehnte Streicher- und Tutti-unisono-Passagen, langsame, suchende Einleitungen, abrupte Tempi-Wechsel, ein Pastorale-reifes Gewitter in der Introduzione. Er spielt mit ungewöhnlichen Soli (u.a. Harfe und Bassetthorn), untersucht melodische Linien auf ihre Robustheit für wilde Durchführungen. Noch wird nichts von alledem größer ausgeführt, oft sind es knappe skizzenhafte Andeutungen, manchmal nur einige Takte.

Doch wer Beethoven sinfonisches Werk gut kennt, kann in der „Prometheus“-Musik entdecken, wie der Komponist sich darauf vorbereitet hat. Manches ist noch ganz Haydns klassischer Tonsprache verhaftet, aber es finden sich vor allem die Keime vieler Ideen, die später ausgearbeitet auftauchen und dann zu den Markenzeichen von Beethovens Musik werden. Man hört Material, das so oder ähnlich für die fünfte, sechste, siebente oder neunte Sinfonie bereitgelegt wird; auch in der „Eroica“, die er dem revolutionäre „Titanen“ Napoleon widmen wollte, finden sich Passagen aus dem Prometheus-Fundus.

Unter der drängenden Stabführung von George Petrou spielt die im Originalklang verwurzelte „armonia atenea“ das mit einem geradezu elektrisierendem Zugriff, der Aufbruchstimmung signalisiert: Hier entsteht Neues, Beethovens Musik ist ein vor Energie vibrierendes Pendant zum gesellschaftlichen Aufbruch nach der Französischen Revolution. Noch ist Napoleon „nur“ Erster Konsul der Französischen Republik, die er gefestigt hat und über die er nun, so hoffen wie Beethoven viele, den Geist der neuen Zeit nach Europa tragen wird. Als sich Napoleon im Dezember 1804 zum Kaiser krönt und eine neue Alleinherrschaft begründet, wird Beethoven die Widmung „geschrieben auf Bonaparte“ enttäuscht ändern: „Heroische Sinfonie, komponiert, um das Andenken eines großen Mannes zu feiern.“

1801 ist das noch anders, da geht es um Hoffnung und die Erwartung großer Dinge – das mag den Komponisten mit dem „Prometheus“-Thema verbunden haben. Diesen nervösen Furor, die kreativ suchende Unrast des Revolutionären haben Petrou und seine 35 Musiker hörbar, in sensationeller Hochspannung und mit großer Klangfarbenpracht eingefangen. Die Musik wurde aber auch brillant aufgenommen – ein wahrer Ohrenschmaus, was bereits die einleitenden trockenen Tutti-Akkorde des Orchesters unwiderruflich markieren.

Beethoven, der nach der Uraufführung nörgelte: „...habe ich ein Ballet gemacht wobei der Ballettmeister seine Sache nicht ganz zum besten gemacht“, konnte seine sinfonischen Appetithäppchen und ihre Wirkungen eine ganze Zeit lang in Wien live studieren, den „Die Geschöpfe des Prometheus“ wurden nach der Premiere noch 28 Mal gespielt und getanzt – ungewöhnlich oft. Dabei waren die Premierenkritiken eher lau.
Doch kluge Rezensenten spürten schon, dass es da musikalisch um etwas anderes ging als gut choreografierbare Tanzstückchen: Einer registrierte irritiert die „Originalität, durch welche freilich er [Beethoven] öfters seinen Zuschauern den Reiz sanfter gefälliger Harmonien entzieht“. Und der Kritiker der Leipziger „Zeitung für die elegante Welt“ ahnte schon: „daß er [Beethoven] aber für ein Ballet zu gelehrt und mit zu weniger Rücksicht auf den Tanz schrieb, ist wohl keinem Zweifel unterworfen. Alles ist für ein Divertissement, was denn doch das Ballet eigentlich seyn soll, zu groß angelegt, und bey dem Mangel an dazu passenden Situationen.“

Beethoven ging es sicher nicht um pures „Divertissement“. Und in der großartigen Aufnahme von „armonia atenea“ kann man nun endlich hören, was die „passenden Situationen“ für diese Musik sind – sie müssen, dort erprobt und für gut befunden, nur noch ihren Platz finden in den großen Dramen der Sinfonien Ludwig van Beethovens.


Beethoven: Prometheus – komplette Ballettmusik zu „Die Geschöpfe des Prometheus“, op. 43. „armonia atenea“
Leitung: George Petrou. CD,
Decca 478 6755

Hörbeispiele aus den Sätzen des Werks


Abbildungsnachweis Header: Decca/Paul Barendregt
CD-Cover

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