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Darius Milhaud - Une Vie Heureuse

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Montag, den 30. Juni 2014 um 11:44 Uhr
Darius Milhaud

Verspottet wird er, der aus Marseille stammende und vor genau 40 Jahren verstorbene Komponist Darius Milhaud (1892-1974). Seine Musik sei Tumult, seine Polytonalität sei eine „verrückte Abirrung“ meint der französische Komponist Camille Saint-Saëns (1835-1921) abwertend. Wieso also nennt Milhaud seine Autobiographie dann „Une Vie Heureuse“? (Ein glückliches Leben) und warum bringt das Label Erato eine zehn CD starke Sammlung gleichen Namens heraus?

Weil sich erstens Milhaud selbst als glücklicher Mensch bezeichnet und Spott mit Gelassenheit und unverletzt übersteht –  er war zweitens, im Gegenteil, regelrecht über schlechte Kritik amüsiert.
Er entstammt einer südfranzösischen jüdischen Familie, sein Vater ist einer der Gründer des Beit Knesset (Synagoge) von Aix-en-Provence. Er lässt daher in seinen Kompositionen immer wieder jüdische Musik- und Texteinflüsse einfließen: Die „poèmes juifs“ (1916) und „Les Réves de Jacob" (1949) stehen dafür. Die Familie ist angesehen und gibt den kleinen Darius Violinunterricht, bevor er schließlich in Paris bei Charles Widor Komposition studiert.
Körperlich plagen ihn bald gesundheitliche Probleme einer Arthritis, die ihn schließlich ab den 1930er-Jahren im Rollstuhl halten. Trotz des Gebrechens reist er in den letzten 30 Jahren seines Lebens zwischen Europa und den USA hin und her, komponiert – seit 1939 auch Filmmusik – und unterrichtet an Musikschulen in Kalifornien und Frankreich. Zu seinen Schülern zählen Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, der schwedische Bratschist Gustav Allen Petterson sowie Jazzpianist Dave Brubeck und der Minimal-Musiker Steve Reich. Milhaud stirbt am 22. Juni 1974 in Genf.

Une Vie HeureuseSeine Musik wird zunächst aus der Tradition des Mittelmeerraums gespeist. Mit dem Titel „Le Boeuf sur le toit“ (CD 1) kommt sehr früh ein Schuss Surrealismus in seine Ballettsuite des Jahres 1919. Das Libretto schreibt übrigens Jean Cocteau.
Ein Arbeitsaufenthalt in Brasilien als Kulturattaché im französischen Generalkonsulat in Rio de Janeiro im Jahr 1916 haben jedoch ebenso einen musikalischen Eindruck hinterlassen wie die vier Jahre später angetretene Reise in die USA. Die Aufenthalte in den Jazz-Clubs von Harlem und die Emigration 1939 in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Saudades do Brasil (1920-21, CD 1, 5 und 10) und „Scaramouche“ (1937, CD 5) für brasilianische und „La Création du monde“ (1923, CD 1) für afro-amerikanische Einflüsse sind hörbare Zeugen.
Nicht erschrecken, da die Einspielungen aus den Jahren zwischen 1928 und 1999 stammen, sind einige der Aufnahmen in mono. Milhaud ist nicht nur als Komponist, sondern auch als Pianist in der CD-Sammlung hörbar.vAufgebaut ist sie nicht chronologisch, sondern themengeordnet: „ballet and orchestral music“, „symphonies“, „vocal music“ und „music for piano“ beispielsweise.

Schon nach den ersten Alben ist klar, dass Milhaud ein wunderbar vielseitiger Komponist ist, der es versteht, die Moderne mitzugestalten. Rhythmik, Melodik, Stilistik, die gleichzeitige Nutzung verschiedener Tonarten und seine gut gelaunte, oft spritzige Kompositionsart und die Offenheit gegenüber experimentellen Ideen machen sein produktives Werk aus. Mehr als 400 Einträge finden sich in seinem Werkverzeichnis. 1922 dirigiert er in Paris die Erstaufführung von Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“, seine Nähe zu Eric Satie, zu Strawinsky, zu Aaron Copland und zum Jazz ist zwar spürbar, aber Milhaud kopiert nie, er lässt sich inspirieren und „macht alles zu einem reinen und homogenen Milhaud“, wie es Copland einmal schreibt.

Milhaud par lui-même (Milhaud allein) heißt die letzte und zehnte CD und bestätigt zum Abschluss die große Lebensfreude in seinem Werk.
Nach über 10 Stunden Milhaud hat der Hörer endgültig die Gelegenheit gehabt das Spektrum dieses außerordentlich besonderen Komponisten kennengelernt zu haben.

Darius Milhaud – Une Vie Heureuse
Label: Erato, Warner Classics
Nr. 0825646348442

Hörproben


Details: Symphonien Nr. 2, 4,8; Le Boeuf sur le toit op. 58 (in zwei Versionen); Saudades do Brasil op. 27b; La Creation du Monde op. 81(in zwei Versionen); Suite francaise op. 248b; Suite provencale op. 152c; Le Carnaval d'Aix op. 83b für Klavier & Orchester; Klavierkonzerte Nr. 1 (2 Eispielungen) & Nr. 4; Etüden für Klavier & Orchester; Ballade op. 61 für Klavier & Orchester; Cellokonzert op. 136; Harfenkonzert op. 323; Konzert für Marimba, Vibraphon & Orchester op. 278; Konzert für 2 Klaviere & Percussion op. 394; Tango des Fratellini op. 58c; Scaramouche op. 165b; Paris-Suite op. 284b für 4 Klaviere; Saudades do Brasil op. 67 (Klavierversion); Romances sans Paroles op. 133; Le Printemps op. 25 & 66; L'Automne op. 115; Streichquartette Nr. 12, 14, 15; Streichoktett op. 291; Sonate op. 47 für Flöte, Oboe, Klarinette, Klavier; Sonatine op. 76 für Flöte & Klavier; Violinsonate Nr. 2; Suite op. 120c für Ondes Martenot & Klavier; Sonatine op. 221b "a trois" für Streichtrio; Streichtrio op. 274; La Cheminee de Roi Rene op. 205; Les Reves du Jacob op. 294; 2 Esquisses op. 227; Kantate "Les deux cites" op. 170; Kantate de la paix op. 166; Quatrains Valaisans op. 206; 6 Sonnets compose au secret op. 266; Medee op. 191; 3 Chansons de negresse op. 148b; Ill sans feu ni lieu; Poemes juifs op. 34; Chansons de Ronsard op. 223; Cantate nuptiale op. 168; Les Soirees de Petrograd op. 55; L'Ancien regime; Les Quatre Elements op. 189; Bolivar op. 236; Fontaines et Sources op. 352; Scaramouche op. 165b für 2 Klaviere; Les Songes op. 124; Cinema Fantasie nach "Le Boeuf sur le toit" op. 58b.
Künstler: Claude Helffer, Mstislav Rostropovich, Peter Sadlo, Jean-Claude Casadesus, Michel Beroff, Alexandre Tharaud, Brigitte Fassbaender, Hermann Reutter, Emmanuel Pahud, Frank Peter Zimmermann, Jeanne Loriod, Alexander Lonquich, Yvonne Loriod, Francois Meyer, Christian Ivaldi, Natalie Dessay, Marguerite Long, Quartetto Italiano, Orchestre National de I' ORTF, Orchestre National de France, Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, Quatuor Bernede, Sergiu Celibidache, Kent Nagano, Georges Pretre, Leonard Bernstein, David Robertson, Darius Milhaud.


Abbildungsnachweis:
Portrait Darius Milhaud um 1930. Quelle: Archiv
CD-Box-Cover

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