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Furios: Yuja Wang mit Rachmaninov #3 und Prokofiev #2 in Carácas

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Donnerstag, den 03. April 2014 um 13:44 Uhr
Yuja Wang mit Rachmaninov  und Prokofiev

Zwei solch massive Brocken der Konzertliteratur für Klavier hört man selten in einem einzigen Konzert. Yuja Wang und Gustavo Dudamel – beide längst etablierte Jung-Stars der Deutschen Grammphon – haben für ihre erste gemeinsame Aufnahme ausgesucht: das dritte Klavierkonzert von Sergei Rachmaninov und das zweite von Sergei Prokofiev. Aufgenommen wurde live im Februar 2013 in der venezolanischen Hauptstadt Carácas, in der Sala Simón Bolívar des Centro de Acción Social por la Musica. Yuja Wang, die chinesische Ausnahme-Pianistin, wird begleitet von Dudamels „Simón Bolívar Symphony Orchestra“, dem Vorzeige-Ensemble des überall bewunderten venezolanischen „Sistema“.

Es ist eine pianistische Ochsentour. Sein drittes Klavierkonzert, geschrieben 1909, nannte Rachmaninov selbst „ein Konzert für Elefanten“, was nun so gar nicht zu der eher zarten Solistin passen will. Er wusste, warum: Er schrieb einen ungewöhnlich dichten und ausdauernden (mehr als 40 Minuten langen) Solopart, immer wieder vollgepackt mit pianistischen Herausforderungen bis an die Grenze des Machbaren.

Yuja Wang mit Rachmaninov  und Prokofiev Es handelt sich um eine sehr leidenschaftliche, sehr lebendige, sehr russische Erzählung, man braucht einen spätromantisch-epischen Atem für sie und dann noch die Kraft, sich immer wieder zu steigern, Gefühlsausbrüche im Dutzend zu meistern, kleine akustische Erdbeben anzuzetteln, und die vielen unterschiedlichen Charaktere in dieser Geschichte ohne Worte zu skizzieren. Yuja Wang schafft das mit einem großen musikalisch-schauspielerischen Talent. Sie kostet leise lyrische Momente aus, tupft in irrem Tempo und superpräzise impressionistisch flirrende Passagen in die Tasten, lässt einen Ansturm von Sehnsucht und Leidenschaft nach dem anderen heranrauschen und sich auftürmen, um im nächsten Augenblick wieder kribbelnd und nervös nach einem neuen Bild zu suchen. Das klingt bei aller Technik sehr spontan musiziert und manchmal auch etwas ungewohnt, weil sie hier und da neue Akzente setzt, weil sie die Nebenlinien im Auge behält und manchmal unerwartet vorne holt, Klangfarben auskostet.

Dudamel assistiert sorgfältig – es ist schließlich auch das erstemal, dass sein Orchester als Solistenbegleiter auf einer CD zu hören ist. Die manchmal für einen etwas rustikalen Zugriff bekannten jungen Musiker (Dudamel war bei der Aufnahme mit 32 Jahren der älteste auf dem Podium, die Solistin war damals eben 26 Jahre jung, die Orchestermusiker zwischen 18 und 28) begleiten feinfühlig, lassen Solopassagen ihrer Bläser klingen, fühlen sich aber durchaus in den gefühlssatten Tutti wohler. Sie geben bei den Klangexplosionen Rachmaninovs wirklich alles und gehen auch das Höllentempo eingangs des Finales tapfer mit.

Yuja Wangs Flügel kann sich, auf der heimischen Anlage losgelassen, dagegen so brillant und leicht zur Geltung bringen, dass man fast nicht glauben mag, das sei nur dem großen Respekt des Orchesters vor der Solistin geschuldet, sondern vermutet, da sei ein Spürchen nachjustiert worden.

Spielt sie bei Rachmaninov 3 im ersten Satz noch die „kleine“ Kadenz, die ihr großes Vorbild Horowitz und auch Rachmaninov selbst gern vortrugen, darf sie bei der Riesen-Kadenz im ersten von Prokofiev 2 ganz groß in die Tasten greifen – fast ein Drittel dieses Satzes nimmt der mörderisch schwierige Solopart ein, den Prokofiev auf drei Notensystemen für zwei Hände notiert hat. In ihr türmt die Solistin am Klavier so gewaltige, himmelstürmende, mit dem Schicksal hadernde Klangkaskaden auf, die ein fast räumliches Vorstellungsvermögen provozieren – bis unter Führung der Tuben das sich aufbäumende Individuum wieder vom Kollektiv eingefangen wird.

Auch dieses Konzert erzählt. Die dunkle Geschichte vom sehr frühen Tod eines guten Freundes des Komponisten. Vom Aufbäumen, vom Ringen mit dem Unabänderlichen, mit dem Tod, von der hereingebrochenen Trauer. Geschrieben wurde es 1912/13, verbrannt in den Revolutionswirren 1917, später neu aufgeschrieben. Man kann gut hören, wie die spätromantischen Melodien und Klangstimmungen von einer rastlosen, nervösen und dissonanten Moderne gebrochen und infrage gestellt werden, wie sich die hochdramatischen Passagen mit sehr lyrischen abwechseln. Eine doppelte Herausforderung für die Solistin und das Orchester gleichermaßen. Beide beherrschen das: technisch perfekt zu spielen und gleichzeitig emotional tief einzutauchen in die Welt der großen, dunklen Empfindungen.

Man ahnt – wenn man’s nicht im Booklet gelesen hat – bis zum tosenden Applaus kein bisschen, dass dies eine Live-Aufnahme ist. So präsent die Instrumente klingen, so atemlos lauscht das Publikum und gibt schon dadurch eine Idee von der enormen Spannung, die während dieses Konzerts geherrscht haben muss. Ein brillantes Dokument jugendlichen Zupackens, wunderbarer Spielfreude und großer Kraft.


Yuja Wang, G. Dudamel, Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela: Klavierkonzerte Rachmaninov #3 und Prokofiev #2, Deutsche Grammophon 00289 479 1304

Yuja Wang ist derzeit zwei Kammermusik-Konzerte zu Gast in Deutschland, bei denen sie mit dem Violinisten Leonidas Kavakos die drei Violinsonaten von Johannes Brahms spielt:
am 3.4.2014, 20.00 Uhr, München, Prinzregententheater, 29-59 €
und am 7.4.2014, 20.00 Uhr, Hamburg, Laeiszhalle, Kleiner Saal, 11-45 €


Yuja Wang auf Youtube:
Trailer: Yuja Wang & Gustavo Dudamel: Rachmaninov & Prokofiev - Album
Mit Interview-Schnipseln und Szenen aus Caracas
Nur Rachmaninov

Fotonachweis:
Header: Detail mit Gustavo Dudamel, Yuki Wang. Foto: Noheli Oliveros. Copyright Deutsche Grammophon
CD-Cover

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