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Kopf-Hörer 13: Am Anfang war das Wort – Zum Reformationsjubiläum kommt Musik hinzu

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Montag, den 27. März 2017 um 09:50 Uhr
Kopf-Hörer 13: Am Anfang war das Wort – Zum Reformationsjubiläum kommt Musik hinzu 4.4 out of 5 based on 98 votes.
Kopfhörer 13: Am Anfang war das Wort – Zum Reformationsjubiläum kommt Musik hinzu

Der 31. Oktober 1517 ist das Bezugsdatum unseres Kopf-Hörers. Auf jenen Tag wird die Reformation festgesetzt, die ganz Europa und die Glaubenswelt veränderte. Vor 500 Jahren hämmerte Martin Luther die 95 Thesen („Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum“) ans Portal der Schlosskirche in Wittenberg.
Der radikale Wandel und ein Neubeginn spielten sich nicht allein in den Kirchen ab, sondern auch in den Komponierzimmern, Schreibstuben und Künstlerwerkstätten. Ex Kathedra ist das Stichwort, weg vom päpstlichen Stuhl, hin zu einer gesellschaftlichen und verständlicheren Annäherung. Bis heute stehen sich jedoch in einigen grundsätzlichen Fragen die christlichen Konfessionen noch immer unversöhnlich gegenüber.
Luther-Portraits von Lucas Cranach d. Ä. haben auf den Covern im Jubiläumsjahr Hochkonjunktur. Um die Fülle der CD-Neuerscheinungen in Gänze abzubilden zu können sind mehrere „Kopf-Hörer“ notwendig: dies ist der erste zum Thema.

Luthers LiederLuthers Lieder. Fünfunddreißig Lieder – Chorsätze und Choralkantaten – vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart sind als Sammlung und als Gemeinschaftswerk des Musikverlags Carus, von Deutschlandradio Kultur und der Edition Chrismon erhältlich. Der Aufnahmezeitraum erstreckt sich über zwanzig Jahre. Ein großer Bogen, der da geschlagen wird – und vieles davon mag all jenen bekannt sein, die sich in der protestantischen Liturgie bestens zuhause fühlen; alle anderen mögen eine ganze Reihe von unbekannten Liedern (neu) entdecken. In knapp zweieinhalb Stunden kann man sich vom ältesten (Johann Walter 1496-1570) zum jüngsten Komponisten (Jonathan R. Brell *1987) durcharbeiten und bleibt ganz lutherisch und reformiert in der deutschen Sprache beheimatet.
Erwähnenswert ist das umfangreiche Textbuch mit „Meditationen zu ausgewählten Liedern u. a. von Margot Käßmann, Frank-Walter Steinmeier, Markus Meckel, Judith Zander, Uwe Kolbe und anderen, die die Einspielungen ergänzen“. Das Vorwort stammt von Johann Hinrich Claussen, dem Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Selbstverständlich lassen sich Text und Musik überall, auch außerhalb des Kirchenraums, genießen.

Luthers Lieder
Praetorius, Bach, Scheidt, Mendelssohn, Jennefelt, Schwemmer, Reger uva.
Athesinus Consort Berlin, Leitung: Klaus-Martin Bresgot. Kammerchor Stuttgart, Leitung: Frieder Bresgott. Sophie Harmsen, Mezzosopran. Matthias Ank, Orgel
2 CDs , Edition Deluxe, Booklet,103 Seiten
Carus
EAN: 4009350834699



1517 Mitten im Leben1517. Mitten im Leben. Eine Mischung aus geistlicher und weltlicher Musik taucht auf diesem Album ganz anders in das Leben der Menschen der Reformationszeit. Eingerahmt vom „Das Geläut von Speyer“, bewegt sie sich im traditionellen Liedgut der Zeit, nimmt Tanzmelodien auf und huldigt neben Gott und Jesus auch die Natur und die Jahreszeiten. Möglicherweise ist die CD auch genau deswegen eine der lebendigsten, musikalisch vielseitigen und volksnahen Veröffentlichungen der im Wochentakt erscheinenden Jubiläumsscheiben. Leipzig meets Berlin – das Calmus Ensemble mit seiner ausgesprochen hohen A-capella-Qualität trifft auf die für diese Aufnahme etwas geschrumpfte Lautten Compagney, die, wie man es kennt, auf historischen Instrumenten der Renaissance spielt. Die 76 Minuten sind höchst abwechslungsreich und darüber hinaus durch unterschiedliche Komponisten, Arrangeure und Sprachen weit gegenüber dem Leben in deutschen Flickenteppich-Landen extrovertiert. Herausragend übrigens das von Ludwig Senfl (um 1490-1543) komponierte und von Juan Garcia arrangierte Stück „Ach Elslein, liebes Elslein“, das zeitgenössisch daher swingt und einem die zeitliche Orientierung abhandenkommt.

1517. Mitten im Leben.
Calmus Ensemble. Lautten Compagney, Leitung: Wolfgang Katschner
CD, Booklet, 35 Seiten
Carus
EAN: 4009350834774



Ein feste Burg ist unser Gott - CoverLuther und die Musik der Reformation. Zugegeben, es hat mich etwas erstaunt, dass die Aufnahmen dieses kleinen Büchleins, in dessen Umschlaginnenseiten die beiden rotbraunen CDs stecken, zwischen Mai und August 2018(!) in unterschiedlichen Kirchen aufgezeichnet sein sollen. Soviel Zukunft auf einmal – das nenne ich Reformation.
Aber ernsthaft, das Repertoire aus der ‚echten’ Reformationszeit kann sich sehen lassen. Und hören lassen kann sich das belgische Ensemble Vox Luminis. Das 2004 gegründete Vokalensemble, zurecht bedacht mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik (2008) überzeugt mit seiner stimmlichen Ausgewogenheit und feinen Sensibilität.
Das symbolträchtige Element der Musik zur Zeit Luthers ist der Choral, ob poly- oder homophon. Das „Geistliche Konzert“ wird hier im Wechsel von Vokal- und Orgelmusik durch das Kirchenjahr begleitet. Die inhaltliche Aufsplitterung der beiden CDs in „Das Kirchenjahr“ – geordnet und zyklisch – und „Fundamente der Lutherischen Liturgie“ – in denen der Geist evangelischen Musikguts verdeutlicht wird – ist dabei sehr sinnvoll. So umfasst das Gesamtwerk beginnend mit dem Weihnachts-, über dem Osterfestkreis bis Trinitatis – beispielhaft aus dem weiteren Jahreskreis – das liturgische Jahr (CD I) und vom Gebetstext über die biblischen Gebote und Lobgesänge bis zu lyrischen Liedtexten aus den Schreibfedern Luthers und anderer (CD II), außerordentlich viel.
Einleitende Hintergrunds- sowie sämtliche Liedtexte sind im Büchlein ebenso zu finden wie Fotos und Werkregister der beiden sehr unterschiedlichen Orgeln in Gedinne (Belgien) und Ciboure (Frankreich).

Ein feste Burg ist unser Gott. Luther und die Musik der Reformation
Vox Luminis, Leitung: Lionel Meunier. Bart Jacobs, Orgel
2 CDs im Büchlein, 44 Seiten
Ricercar
EAN: 5400439001527



Ein feste Burg ist unser Gott - Telemann - CoverEin’ feste Burg ist unser Gott. Georg Philipp Telemann ist im Spätbarock und gut 200 Jahre nach dem Reformationstag angesiedelt. Er hat aber – wie kaum ein anderer – in faszinierender wie umstrittener Weise seine Zeit mit Passionen, oratorischen Werken und Kantaten bereichert. Von einigen als Universalgenie beschrieben, war er für andere ein vielschreibendes Leichtgewicht.
In einem Punkt indes muss man den Herausgebern dieses Albums Recht geben: „Es strotzt nur so von musikalischen Einfällen“ und ist darüber hinaus einfach extrem schön anzuhören. „Wertes Zion, sei getrost“ ist gleich zu Beginn wesentlich mehr als lediglich Trost, es ist erhebend und im Weltenfluss regelrecht mitreißend. Das gilt bis zum 31. und letzten Stück „Welch’ Getümmel erschüttert den Himmel“, der Kantate zum Michaelisfest. Diese Kantate galt gerade in der Trompeten-Partie als unspielbar (über welche gute Musiker musste Telemann in Hamburg verfügt haben!), denn Georg Michael Telemann, Enkel des Meisters, milderte die extremen Clarin-Lagen für die zweite Aufführung im Dom von Riga ab und machte sie auch für das Gros der Trompeter aufführbar.
Einige dieser festlichen Kantaten sind übrigens auf der Rückseite der CD-Hülle mit einem Sternchen markiert und es wird angegeben, dass es sich dabei um Weltpremieren-Aufnahmen handelt.
„Welch’ Getümmel“ nicht nur den Himmel, sondern über Jahrhunderte auch die Erde erschüttern sollte, darf hier in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Der Glaube war und ist eben nicht nur die feste Gottesburg, sondern für Millionen auch Todbringer der Religionskriege und -auseinandersetzungen gewesen.

Georg Philipp Telemann: Ein’ feste Burg ist unser Gott – Festliche Kantaten zum Reformationstag und Michaelisfest
Simone Schwark, Sopran / Johanna Krell, Alt / Hans Jörg Mammel, Tenor / Markus Flaig, Wolfgang Weiß, Bass. Kammerchor der Erlöserkirche Bad Homburg. Johann Rosenmüller Ensemble, Leitung: Arno Paduch
CD, Booklet, 31 Seiten
Christophorus Records
EAN: 4010072774057



Da Pacem - CoverDa Pacem. Echo der Reformation. Der RIAS Kammerchor und die Capella de la Torre begehen das Luther-Jahr mit einer Reflexion. „Verleih uns Frieden“, dieser Dauerbrenner, ob als Imperativ oder als Bitte gemeint, oder wie hier den Bezugspunkt einer gregorianischen Melodie des 9. Jahrhunderts umkreisend, begleitet dieses Album und sollte auch uns in konsequenter Weise ummanteln. „Da Pacem“ integriert wie selbstverständlich Komponisten beider Konfessionen und welche, die auf der Landkarte der Tonkünstler unleserlich klein aufgeführt sind: Luca Marenzio, Leonhard Lechner und Jacobus de Kerle. Letzterer ist mit einem wundervollen ruhigen „Agnus dei“ seiner Missa Da pacem Domine“ von 1582 vertreten. Christus wirkt musikalisch hier als sinnbildlich erhabener und souveräner Sündenreiniger.
Die Choreographie der sechszehn „Da Pacem“-Bekundungen des Albums ist intelligent gewählt, so folgt sinnhaft der Gregorianik die gleichbetitelte fünfstimmige Motette des Münchener Hofkapellmeisters Orlando di Lasso, um ein wenig später in den von Luther ins Deutsche gewandelten Melodietext „Verleih uns Frieden gnädiglich“ gregorianisch zurück zu gleiten. Musik sei, so wird Luther zitiert, ein Geschenk Gottes und keineswegs eines der Menschen.
Von heute aus gesehen ist neben der unglaublichen Qualität und Ernsthaftigkeit der Musiker und ihrer Kompositionen beider christlicher Gemeinschaften, insbesondere der kulturelle Wert von Bedeutung, der Generation um Generation geprägt hat. Das Echo ist bis heute vernehmbar.

Da Pacem. Echo der Reformation
Di Lasso, Gabrieli, Monteverdi, Praetorius, Schütz, Altenburg, u.a.
RIAS Kammerchor. Capella de la Torre. Leitung: Florian Helgath
CD, Booklet, 23 Seiten
Deutsche Harmonia Mundi
EAN: 889854054120


Abbildungsnachweis:
CD-Cover

alt

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