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Kopf-Hörer 12: 100 Jahre „1917“, 80 Jahre Philip Glass, 30 Jahre munteres Mittelalter

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Montag, den 20. Februar 2017 um 10:02 Uhr
Kopf-Hörer 12: 100 Jahre „1917“, 80 Jahre Philip Glass, 30 Jahre munteres Mittelalter 4.1 out of 5 based on 74 votes.
Kopfhoerer 12

Musik rund ums Jahr 1917 – ein tönender Rückblick auf Krieg und Revolution. Philip Glass’ hypnotisierende Klavier-Etüden mit Vikingur Olafsson. Love me ... loves me not – Camilla Tilling singt Gluck & Mozart. Herreweghe und sein Collegium Vocale Gent legen atemberaubende Gesualdo-Madrigale vor. Und das Mittelalter-Ensemble „La Reverdie“ feiert seinen 30. mit einer Box früher Aufnahmen: Knights, Maids and Miracles.

The Year 1917The Year 1917 – Music in turbulent times. Gute Ideen für das Recycling vorhandener Aufnahmen werden immer gern genommen. Warum also nicht Musik auf zwei CDs zusammenpacken, die zeitlich in enger, wenigstens enger geistiger Nachbarschaft entstanden ist – und im Booklet die feinen Verbindungslinien aufdecken, die zwischen der Geschichte und der Musik verlaufen? Wo doch in der Literatur ein ähnliches Konzept schon mit Florian Illies’ Zeiten-Collage „2013“ höchst erfolgreich war? Die Deutsche Grammophon hat sich 1917 ausgesucht, ein Kriegsjahr. Mörderisches Schlachten, zerronnene Siegesgewissheiten, hilflose Pazifisten, der Aufbruch der Oktoberrevolution in Russland. Es braucht schon einen kenntnisreichen Text wie den im Booklet von Michael Stegemann, um die Geschichten hinter den 16 ausgewählten Werken zu erschließen. Die sechs Sätze von Ravels „Tombeau de Couperin“, jeder einem gefallenen Freund gewidmet (einer zwei gefallenen Brüdern). Musik verzweifelter Friedensfreunde wie die Cello-Sonate von Frank Bridge. Ästhetischer Aufruhr, wie ihn Satie „Parade“ entfesselte. Eislers später Nachklang im „Hollywood Liederbuch“ von 1941/42. Noch später Shostakovichs 12., Lenin gewidmete Symphonie „The Year 1917“. Oder Ralph Vaughan Williams’ täuschend friedlich betitelte „Pastoral Symphony“, die an die Schlachtfelder von Flandern erinnert. Alles eingespielt in bester DG-Qualität. Zweieinhalb tönende Geschichtsstunden – wichtiger und kein leichter Stoff für die Ohren. Sollte mich wundern, wenn das nicht der Auftakt zu einem Reigen weitere Jahreszahlen ist.

The Year 1917 – Music in turbulent times
Mit Anna Prohaska, Ian Bostridge, Martha Argerich, Benjamin Britten, Boston, Chicago und Gothenburg Symphony, New York Philharmonic, Claudio Abbado, Leonard Bernstein, Pierre Boulez, Neeme Järvi, Lorin Maazel, Giuseppe Sinopoli u.v.a.
2 CDs + 32 Seiten Booklet
Deutsche Grammophon
479 6969



Philip GlassPhilip Glass: Piano Works. Am 31. Januar konnte der Komponist Philip Glass („Musik ist ein Ort so real wie Chicago oder jeder andere Ort, den man sich denken kann“) seinen 80. Geburtstag feiern – Zeitpunkt für viele CD-Veröffentlichungen. Kein Wunder, Glass ist einer der produktivsten Komponisten der Gegenwart mit mehr als 20 Opern, neun Symphonien, Filmmusiken. Konzerte und Kammermusik im vergangenen Vierteljahrhundert. Wer dicht an ihn heranrücken will, kann das mit der CD eines Pianisten tun, der oft mit Glass zusammengearbeitet hat: Der Isländer Vikingur Olafsson hat eine Auswahl der 20 Klavier-Etuden eingespielt – sie enthalten Glass’ minimalistisches Universum wie in einer Glaskugel. Entstanden zwischen 1991 und 2012 zeigen sie, wie Glass’ Musik entsteht, wie sich aus minimal veränderten Ideen scheinbar spielerisch und improvisiert Erzählstränge und Gefühlsräume öffnen. Olafsson lässt sich wie ein staunender Poet durch diese Klänge treiben, manche werden unter seinen Händen zu Balladen, andere zu zarten, meditativen Träumen. Glass pur.
Philip Glass: Piano Works
Vikingur Olafsson, Piano, spielt Etudes und “Opening” from Glassworks.
CD
Deutsche Grammophon
479 6918



Camilla Tilling -CoverCamilla Tilling: Gluck & Mozart Arias. loves me ... loves me not – diesen beiden Abteilungen kann man die Mehrheit aller Opernarien zuordnen. Für BIS Records aus Schweden übernimmt das im Œuvre von Mozart und Gluck die schwedische Sopranistin Camilla Tilling. Sie war einer der Pechvögel der Elbphilharmonie-Eröffnung: Als Einspringerin für Anja Harteros musste sie ihre Teilnahme am Eröffnungskonzert am Tag selbst ebenfalls absagen – ein Virus. Schön also, auf dieser CD zu hören, was den Hamburgern und ihren Gästen entgangen ist: ein betörender, weicher, bei ausdrucksstarker und ungemein facettenreicher Sopran. Für diese CD hat sie Arien ausgewählt, bei denen sie die Ambivalenzen der Liebe nachspüren kann, zumeist ruhigere, reflektierende Momente in den Opern. Ein tragfähiges Konzept, wobei man sich zwischendrin gern auch mal ein, zwei Stücke Drama mit Biss hörte. Aber das ist schnell vergessen – zu sehr packen die detailreich ausgemalten Gefühlswelten von Susanna, der Gräfin, von Fiordiligi, Euridice, Ilia, Armide und Iphigénie – fein ziselierte Momentaufnahmen, bei denen man jedesmal wünscht, die Oper möchte nicht enden. Feinfühliger Begleiter ist das europäische Ensemble Musica Saeculorum unter Philipp von Steinaecker.

Loves me ... loves me not – Gluck & Mozart Arias
Camilla Tilling; Sopran, und Musica Saeculorum, Leitung: Philipp von Steinaecker. SACD,
BIS records,
BIS/2234



GesualdoGesualdo: O dolce mio tesoro. Madrigali a cinque voci, Libro sesto – 16611, zwei Jahre vor seinem Tod, erschienen diese Kompositionen des Fürsten Don Carlo Gesualdo. Es scheint, als wären sie gemacht, dem Zuhörer alle Sicherheiten der damaligen Musik unter den Füßen wegzuziehen: Überraschendste Harmoniewechsel, chromatische Passagen, die sich anfühlen, als tauche man in ein schwarzes Loch, wo sich jede Orientierung verliert. Spannende Musik entlang des großen Themas der Texte: der Unmöglichkeit von Liebe mit der einzigen Alternative, dem Tod. Über biographische Motivationen des Principe soll an dieser Stelle nicht erneut geschrieben werden, das hat kultur-port.de an anderer Stelle bereits aufgeblättert http://www.kultur-port.de/index.php/kunst-kultur-blog/film/13034-werner-herzog-gesualdo-death-for-five-voices.html. Um so mehr gelobt werden muss die hinreißende Aufnahme seines sechsten Madrigalbuches durch das Collegium Vocal Gent. Besser: durch fünf hochklassige Sänger des Ensembles von Philippe Herreweghe. Glasklar, gestochen scharf artikuliert, perfekte Intonation – das ist das Rüstzeug, mit dem sie sich daranmachen, Gesualdos kühne, in die Spätromantik ausgreifende Klangwelt zum Strahlen zu bringen. Fünf Stimmen deluxe, so schön wird selten geliebt und gestorben – der schwer melancholische Fürst würde da wohl eine Extra-Geißelung für sich befehlen müssen.

Carlo Gesualdo: O dolce mio Tesoro
Madrigale a cinque voci, Libro sesto. Collegium Vocale Gent, Leitung: Philippe Herreweghe.
1 CD Phi,
LPH 024



Knights, Mais and MiraclesKnights, Maids and Miracles. La Reverdie ist ein poetisches Genre im 14. Jahrhundert, in dem das Wiederergrünen der Natur im Frühling gefeiert wird. „La Reverdie“, das Mittelalter-Ensemble, sorgt seit 1986 dafür, dass die Musik-Schätze des Mittelalter in ehrwürdigen Bibliotheken gehoben, entstaubt und neu zum Klingen gebracht werden. Zwei Schwestern-Paare und Doron D. Sherwin lassen Melodien und Texte von der einstimmigen Gregorianik und den frühesten Notationen bis hin zu quirlig mehrstimmiger Musik wieder lebendig werden. Und das bedeutet: Nix da finsteres Mittelalter! Ob Mönche, Meister- oder Minnesänger, Kaufleute und Troubadoure, ob sakrale Hymnen oder weltliche Lieder: Schon bald erreichen die vielfältigen Klänge hohe Komplexität, emotionale Tiefe und kompositorische Raffinesse, in Kanons, in rhythmisch packenden Tänzen, in Balladen, die sich ausgehend vom Lateinischen bald in den frühen Versionen der unterschiedlichen Nationalsprachen ausdrückte. Fünf hörenswerte frühe CDs von La Reverdie aus den Jahren 1992 bis 2000 vereint eine kleine Box zum 30jährigen Bestehen der Gruppe – zusammen ein hörenswerter Ausflug zu den Anfängen unserer Musik vom 8. Jahrhundert an bis zur Vor-Renaissance zum Beinahe-Schnäppchenpreis. Lustvoll und schwungvoll und frisch gespielt, präzise, authentisch im historischen Instrumentarium (u.a. die Violinenvorläufer Rebec und Fidel, verschiedene Harfen, Psalter, Kornett und Drehleier) und so kenntnisreich wie überraschend in der Auswahl der Stücke über die Grenzen in Europa hinweg. Eine erfrischende Erweiterung hin zu den Wurzeln des Repertoires.

La Reverdie: Knights, Maids and Miracles – The spring of Middle Ages
Box mit CCD + 60 Seiten Booklet (englisch und französisch, Songtexte auch in der Originalsprache).
Arcana
A399




Abbildungsnachweis:

CD-Cover

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