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Das zweite Klavierkonzert: Rachmaninov und seine Erlösung von der Depression

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Donnerstag, den 17. November 2016 um 15:00 Uhr
Das zweite Klavierkonzert: Rachmaninov und seine Erlösung von der Depression 4.4 out of 5 based on 92 votes.
Das zweite Klavierkonzert: Rachmaninov und seine Erlösung von der Depression

Alexandre Tharaud ist eine Ausnahmeerscheinung unter den französischen Pianisten. Das hat er 2014 mit seinen feinnervigen Mozart-Aufnahmen bewiesen und im vergangenen Jahr mit seinen aufregend neu entdeckten „Goldberg-Variationen“. Jetzt spielte er das zweite Klavierkonzert und etliche kleinere Werke von Sergei Rachmaninov ein und geht dabei auf die Suche nach den dunklen Seiten des Komponisten.

Als Kind wollte er Zauberer werden. Das zuerst. Dann Tänzer. Die Mutter, Tänzerin an der Pariser Oper, unterrichtete ihn. „Aber ich war eher unbegabt und mochte auch die Situation nicht wirklich“, sagt Alexandre Tharaud. Komponist wurde sein nächstes Ziel. „Und heute bin ich Pianist.“ Ziemlich unterschiedliche Professionen, oder? „Wenn man genau hinsieht, erfordern sie alle denselben Umgang mit einer jeweils anderen Materie.“

Tharaud muss nicht alles erklären. Der gertenschlanke Franzose, 47 Jahre alt, mit den langen, schmalen Pianistenhänden und der zurückgenommenen, klaren Stimme freut sich, wenn er mal wieder in der Abteilung „Wir geben Ihnen zu denken“ angekommen ist. „Auch bei der Zauberei braucht man eine enorme Fingerfertigkeit, damit Effekte entstehen, die das Publikum staunen machen.“ Und es an Dimensionen der Wirklichkeit heranführen, die ihm bis dahin verschlossen waren.

So ist es auch beim Klavierspielen. Konkret: bei Rachmaninovs weltberühmtem Klavierkonzert Nr. 2, das er gerade eingespielt hat und für das er die Werbetrommel rührt. „Nicht jeder weiß, dass dieses Konzert das Leben und das Werk Rachmaninovs klar aufteilt, es gibt ein Davor und ein Danach.“ Das Dazwischen ist eine schwere depressive Krise des Komponisten in den Jahren vor 1900. Selbstzweifel, Komponierblockade, lähmende Apathie Stillstand. Ein schwarzer Mahlstrom, ein Loch ohne Boden. Sein Arzt Dr. Nikolai Dahl behandelte das mit Hypnosetherapie – der dankbare Rachmaninov widmete ihm die Komposition, die er dank der Mantras des Doktors – „Du wirst dein Konzert schreiben – Du wirst mit großer Leichtigkeit arbeiten – Das Konzert wird von exzellenter Qualität sein“ – fertigstellen konnte. „Nicht nur der Arzt und die Hypnose, auch die Musik selbst wird ihm geholfen haben“, sagt Tharaud. „Mit diesem Konzert hat er wieder den Rand des Swimmingpools erreicht.“

Er erzählt von seiner Auseinandersetzung mit dem Werk. Mit 22 Jahren habe er es zum ersten Mal gespielt und seine virtuosen Schwierigkeiten gemeistert. „Das ist ein Meilenstein für jeden jungen Pianisten, man fühlt sich als König der Welt. Man lernt durchaus mit so einem Konzert, wie man ein Publikum beeindruckt. Aber Virtuosität ist das Leichteste, wenn du ein Virtuose bist.“ Dann begann er langsam, einen anderen Rachmaninov zu entdecken, den dunklen und tiefen. „Ich habe seine ‚dark sides’ verstanden, ich kenne solche dunklen Momente auch.“ Tharaud zitiert mit dezenter Selbstironie den schönen Satz: „Wenn ich Rachmaninov höre, fühle ich mich besser unglücklich.“

„Ich habe es dann fünfundzwanzig Jahre lang nicht aufgenommen, weil ich dafür die perfekte Konstellation haben wollte: den perfekten Dirigenten, das Orchester, den Saal, das Instrument – das ist eine Wissenschaft!“ Sechs Monate Arbeit für die Aufnahme – dann gehört der Pianist wieder seinem Publikum, denn die Magie des Live-Konzert wird für ihn durch nichts übertroffen. Das hat er schon bei kleinen Aufführungen als Tänzer gespürt – „das Feuer der Scheinwerfer. Und wenn man am Ende getragen wird vom Applaus.“ Der Klaviersolist spürt es noch stärker – „Jedes Konzert ist ein Rendezvous mit mir selbst, mit dem Stück, mit dem Instrument, und mit dem Publikum. Aber ich spiele ja nicht nur für das Publikum, das Publikum spielt auch für mich; auf der Bühne konzentriert sich die Energie des Musikers und des Publikums, wir spielen zusammen, man redet quasi mit jedem einzelnen im Saal. Meine Arbeit und mein Leben finden auf der Bühne statt, ich bin davon besessen, dem Publikum etwas zu erzählen durch die Musik.“

Tharaud - Rachmaninov Cover„Natürlich ist Rachmaninov romantisch, so wie man in einer Liebesgeschichte bereit ist zu sterben“
Etwas eigenes. Anders als die vielen hundert Aufnahmen, die es von Rachmaninov 2 gibt. Anders auch als die Aufnahme, die der Komponist selbst im April 1929 in Amerika mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy eingespielt hat. Verglichen mit der Tharaud-CD klingt Sergei Rachmaninov als Pianist deutlich kühler, struktureller, technischer. Und wählt durchweg langsamere Tempi in allen Sätzen.

Alexandre Tharaud spielt organischer, sein Klavier durchdringt förmlich den Orchesterklang des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Alexander Vedernikov, verwächst mit ihm, wird manchmal fast ununterscheidbarer Teil davon. Lässt die majestätischen Glocken-Akkorde des Anfangs ruhig klingen und findet volle, reich instrumentierte Klavierklangfarben. Dabei hilft ihm sein Faible für all das, was der Komponist zwischen Ober- und Bassstimme noch so notiert hat – die Mittelstimmen, die ungehobenen Schätze des Klavierrepertoires (wer wissen will, was man damit so alles anstellen kann, sollte sich unbedingt Tharauds erstaunliche Interpretation von Bachs „Goldberg-Variationen“ anhören – am besten gleich via DVD, die dem Bach-Album beigefügt ist, da kann man sich gleich an seiner ästhetischen, ruhigen Spielweise erfreuen). Er lässt Rachmaninovs romantische Passagen zart und verträumt aufblühen, schürft nach den Spuren der Depression, kostet die allgegenwärtige Melancholie des Werks aus, platziert hinreißend impressionistisches Geflirr und ist auch der großen virtuosen Geste nicht abgeneigt, der er aber nie größeren Raum einräumt. Und natürlich ist sein Rachmaninov auch romantisch – in dem Sinn, dass er bis zum Ende einer Emotion zu gehen bereit ist, so wie man in einer Liebesgeschichte bereit ist zu sterben.“

Tharauds Spiel macht einen entschlackten, aufgeräumten, klaren, aber nie kühlen Eindruck und es gibt nicht wenige Stellen, bei denen er bekannten Hörgewohnheiten neue Ansichten gegenüberstellt. Er spielt mit Leidenschaft, ohne sie mit ihm davongaloppiert.

Auf seiner CD finden sich noch „Fünf Fantasiestücke op.3“, unter ihnen das berühmte cis-Moll-Prélude, und zwei Stücke zu sechs Händen. Sowie das Original der vielgehörten „Vocalise“ op.34 für Klavier und Singstimme. Den geheimnisvoll schwebenden Klang bekommt Sopranistin Sabine Devieilhe hin, für mein Empfinden ist ihr Vibrato allerdings mehrere Spürchen zu üppig angelegt.

Das Gespräch mit Tharaud ist beim Lehren angekommen – kann man seine Art, Klavier zu spielen, weitergeben? „Ich kann es nicht besonders gut, obwohl ich manchmal Meisterklassen gebe. Sehen Sie, das ist nicht kompatibel mit dem Leben eines Solisten.“ Er sagt, worum es wirklich geht: „Letzte Woche habe ich einen jungen Geiger getroffen. Ich habe ihn kurz angehört und dann gesagt: Wir müssen reden, aber nicht über Technik, die kann man lernen. Reden über das Leben. Wenn jemand Schwierigkeiten mit einem Stück hat, dann doch wegen seines Lebens, seines Umgangs mit seinem Körper, seinen Gefühlen, wir sollten über das Leben reden. Ich bin kein guter Lehrer, aber ein guter Zuhörer, ich kann zuhören, im Dialog antworten, das ist das Wichtigste.“ Der erfahrene Solist macht ein kleine Pause. „Die neue Generation ist ja ziemlich allein – trotz iPhone und Computer. Da kann ich mit meiner Erfahrung helfen. Reden ist das Wichtigste.“

Nicht perfekte Klaviere sind wie Hunde, man muss sie verstehen und beruhigen
Ihm selbst hilft Meditation. Ruhig zu werden mit sich selbst, seine Energie zu finden und sich auf das nächste Konzert zu fokussieren. „Das Solistenleben ist ja ein wirklich sportliches Leben. Meditation hilft mir, mein Zentrum zu finden bei all der Reiserei... immer wieder neue Stadt, neues Hotel, neues Bett, neues Klavier – über die Meditation fühle ich mich zu Hause. Mein tiefer Mittelpunkt ist immer Paris.“

Der Klavierspieler, der dort in seiner eigenen Wohnung keinen Flügel stehen hat („das ist wie mit einem alten Paar: Manchmal ist es eben besser, unterschiedliche Räume zu haben“), hat eine ganz eigene Auffassung von Klavieren: Er mag auch die, die nicht ganz perfekt sind. „An einem Steinway D ist alles perfekt, das behindert das Üben. An einem nicht perfekten Klavier muss man viel mehr tun, um die richtigen Farben zu finden, den schönen Klang, man probiert viel mehr aus – und sie belohnen das. Sie sind wie Hunde, man muss sie verstehen und beruhigen, dann werden sie freundlich.“

Aber wenn die Hunde dann freundlich sind, muss wieder das perfekte Klavier ran: Das Rachmaninov-Konzert hat er doch lieber auf einem Steinway D eingespielt.

Tharaud plays Rachmaninov
Mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Leitung: Alexander Vedernikov.
CD Erato/Warner
01902959469

Alexandre Tharaud: Bach – Goldberg-Variations
CD und Bonus-DVD Erato/Warner
0825646051779


Videos:
Alexandre Tharaud Records Rachmaninov Piano Concerto No.2

Tharaud Rachmaninov


Abbildungsnachweis:
Header: Alexandre Tharaud. Foto: Marco Borgreve; Warner/Erato
CD-Cover

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