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Nico Muhly und Philip Glass. Im Schatten großer Bäume wächst man doch

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Geschrieben von Claus Friede  -  Montag, den 04. Juli 2016 um 10:00 Uhr
Nico Muhly und Philip Glass. Im Schatten großer Bäume wächst man doch 4.8 out of 5 based on 84 votes.
Nico Muhly und Philip Glass. Im Schatten großer Bäume wächst man doch

Es beginnt mit einer U-Bahn-Fahrt durch New York City. Menschen sitzen und stehen sich gegenüber, manche lesen in einer Zeitung oder einem Magazin, andere tippen auf ihr Smartphone ein, andere lauschen über Kopfhörer Musik. So auch Nico Muhly.
Der 1981 im US-Bundestaat Vermont geborene Komponist und Arrangeur zählt seit Anfang der 2000er zu jenen jungen Aufstrebenden, bei denen man gerne und intensiv zuhört. Er arbeitet 2004 mit Björk und für Philip Glass, editiert, spielt Keyboard und kopiert für dessen Filmmusik. Glass’ Musik hört er gerade auf seiner U-Bahn-Fahrt. Er kennt New York, denn er studierte an der Columbia University und danach an der Juilliard School.
„Music in Twelve Parts“ klingt zum ersten Mal an Muhlys Ohr und er ist fasziniert. Schon früh ist der Minimalist sein Vorbild. Wenn man jetzt allerdings zu glauben verführt ist man wisse wie der Wind wehe, dem sei gesagt, der Wind weht unvermittelt aus einer anderen Richtung. Muhlys Kompositionen auf dem im April erschienenen CD-Produkt aus dem Hause „Harmonia Mundi“ ist kein Schüler-Lehrer-Verhältnis, kein Schattenwerfender Gigant dessen Brotkrumen der Junge aufpickt. Die Gegenüberstellung vermag das zu klären.

Nico Muhly und Philip Glass. Harmonia Mundi CoverNico Muhlys „Four Studies“ sind für die Violinistinnen Angela und Jennifer Chun extra komponiert und von ihm am Piano und am Synthesizer begleitet. Sie sind eben Etüden, ziehen Kreise, öffnen und schließen Klangräume, loten aus und spielen mit Ton und Pausen. Klanglich unterscheidet sich das Werk sowie die „Honest Music“ deutlich von den anschließenden Kompositionen Philip Glass’. Den beiden Violinen ist der Synthesizer-Klang kontrapunktisch gegenübergestellt. Muhly ist nicht so Detailversessen wie Glass. Seine Strukturen erinnern an Igor Strawinsky, wiederholen sich nicht scheinbar ewiglich, wollen mehr individuellen Charakter vorgeben.

Die beiden Interpretinnen, die Schwestern Chun lieben Neue Musik und schon früh in ihrer Karriere arbeiteten sie gemeinsam mit György Kurtág, György Ligiti, Luciano Berio und Isang Yun. Besonders hörenswert sind aber deren herausragende Interpretationen von Bartók und Schostakowitsch!
Einige Komponisten schrieben Stücke extra für die beiden aus Seattle stammenden Musikerinnen, so auch Muhly. Die leibgeschneiderte kompositorische Nähe ist präzise und fein. Zwar gab es auch zu Philip Glass schon Kontakte, aber erst ein Treffen beim Besuch des Dalai Lama im Jahr 2009 in Nordamerika vertiefte die Beziehung. Für das Oberhaupt der tibetischen und mongolischen Buddhisten und dessen aller ersten Besuch in den USA, 1981 schieb Glass das Klavierstück „Mad Rush“, ein viertelstündiges Werk von allerhöchster Präzision und Anspruch.

„In The Summer House“ war 1991 ursprünglich als Bühnenmusik (Violinen, Cello, Stimmen und Synthesizer) für ein Jane Bowles Stück komponiert, was Glass 2014 für die Chun-Schwestern neu bearbeitete. Hervorzuheben ist, wie er in diesem Arrangement äußerst zittrig erregte Bogenstriche mit sanftem Streicherklang ablöst. Die sieben Miniaturen, keine länger als dreieinhalb Minuten, sind aber dennoch in ihrer Klanggewaltigkeit nicht mit der authentischen Originalversion vergleichbar. Überhaupt, wer erwartet, etwas vergleichbares zu „Einstein on the Beach" oder „Analog" zu erhalten, der sei gewarnt.
„Glass wendet ein Minimum an Klangmaterial auf, um ein Maximum an Emotionen zu vermitteln, sei es die absteigende Schubert-artige Linie, die an Bartók gemahnende Erregung oder der nachgebildete elegische Schlusssatz“, schreibt William Robin im Begleitheft. Wie so häufig bei Philip Glass verfällt auch hier der Hörer, unterstützt durch die Kürze der Stücke, in eine äußerste, aber kurze Konzentration und vermisst dann jedoch und leider die berühmten metronomischen Endlosschleifen und Muster.

Am Ende bleibt das Resümee, dass es zwar bei beiden Komponisten Gemeinsamkeiten gibt, aber Ausdruck und persönliche Linien unterscheiden sich. Minimalmusik ist eben auch lediglich eine Kategorie. Muhly jedenfalls wächst musikalisch prächtig neben Glass.

Philip Glass: In The Summer House / Mad Rush
Nico Muhly: Four Studies / Honest Music

Angela und Jennifier Chun (Violinen)
Nico Muhly (Piano, Orgel)
Label: Harmonia Mundi USA
EAN: 093046759926
HMU907599
auch als Download erhältlich
Gesamtspielzeit : 56mn 59s


Abbildungsnachweis:
Header: Jennifer und Angela Chun. Foto: Benjamin Ealovega. Hammonia Mundi
CD-Cover

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