Zum Anfang

Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 764 Gäste online

Neue Kommentare

Claus Friede zu „Paterson” – Die Poesie des Alltäglichen: Aber natürlich fällt Rockmusik darunter!
...

Ein Miltenberger in Eimsbüttel zu „Paterson” – Die Poesie des Alltäglichen: Ein neuer Film von Jim Jarmusch ist (zumindest f...
Didi Thureaux zu „Mapplethorpe: Look at the Pictures” – Die Rehabilitierung des Obszönen: Zensierte Fotos in der Bildergalerie? Hm......
Hans-Juergen Fink zu Großes Miau in der Staatsoper Hamburg: „Katze Ivanka“ nervt die Primadonna: Sehr geehrter Herr Matesic, da haben Sie natürli...
Peter Schmidt zu Hamburgs Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler gestorben: Zum Tod von Senatorin Barbara Kisseler

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


CDs KlassikKompass

Kopatchinskaja und Currentzis – eine explosive Mischung

Drucken
(90 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 21. März 2016 um 10:00 Uhr
Kopatchinskaja und Currentzis – eine explosive Mischung 4.9 out of 5 based on 90 votes.
Kopatchinskaja und Currentzis – eine explosive Mischung

Der exzentrische Dirigent Teodor Currentzis und die musikverrückte Violinistin Patricia Kopatchinskaja legen die Messlatte sehr hoch mit ihrer Aufnahme von Tschaikovskys Violinkonzert und Stravinskys „Les Noces“ und geben Einblicke in verborgene Ecken der russischen Seele. In beiden Werken geht es bei ihnen um pure Leidenschaft und Sinnlichkeit.

Es ist noch nicht lange her, dass wir die beiden Protagonisten mit anderen neuen Aufnahmen hier vorgestellt haben: Teodor Currentzis als Dirigent seiner MusicAeterna bei der Peter-Sellars-Neuauflage von Purcells „The Indian Queen“ und Patricia Kopatchinskaja als Duett-Gastgeberin ihres großartigen Konzept-Albums „Take Two“. Jetzt haben beide zusammen eine so eigenwillige wie spektakuläre CD herausgebracht, dass sie einfach empfohlen werden muss. Sie enthält Tschaikovskys Violinkonzert D-Dur und Stravinskys Tanzkantate „Les Noces“. Und zeigt, dass die beiden Werke mehr gemeinsam haben als man denkt.

Kopatchinskaja und CurrentzisSchon die Aufmachung des Albums ist ungewöhnlich: Es zeigt, in altertümlichem Schwarzweiß, allerliebst gestellte Fotos der beiden Musiker, Fotos, die auf einer ländlichen Hochzeit nach russischem Ritus entstanden sein könnten, die Braut verschleiert und mit Geige, der Bräutigam ernst, mit Akkordeon, oder beide in sorgfältig drapierten Tableaux im Stil alter Familienfotos. Sie knüpfen weitläufig an die Handlung der Ballettmusik von „Les Noces“ an, die eine von russischen Eltern arrangierte Hochzeit aufleben lässt.
Und an die hübsch offenen wie verschrobenen Texte der beiden, die in je einem musikalischen Liebesbrief ihre Gedanken zu den Werken und zu den Gefühlen notieren, die sie in ihnen auslösen werden. Dort schreibt die Geigerin zu „Les Noces“ (wo sie nicht mitspielt): „Einverstanden, heiraten wir, verheiraten wir uns mit Sonne und Erde, Sternen und Mond, dem Klang und dem Verstand – Igor und Pjotr, Russland mit Westen, Stein und Wasser. Nun trage ich ein weißes Kleid, das mir nicht ganz passt, aber wann hat mir schon etwas wirklich gepasst? Und vor allem, wann habe ich schon jemandem je gepasst?“
Und „Teo“ antwortet noch eine Nummer skurriler: „Es ist, als wäre ich dabei, meinen Träumen zu begegnen, aber gleichzeitig überkommt mich ein Gefühl der Entfremdung. Als bekäme ich am Tag meiner Hochzeit plötzlich kalte Füße. Denn Klänge sind wie Träume: Sobald sie Gestalt annehmen, sterben sie, das ist unvermeidlich.“

Kopatchinskaja heiratet natürlich nicht, und Currentzis bekommt auch keine kalten Füße. Aber aus beider musikalischen Beziehung sind diese beiden Aufnahmen hervorgegangen, die aus dem Violinkonzert eine aufregende Seelenreise und aus dem Hochzeitstag eine spannende, emotional aufgeladene Begegnung machen.

Tschaikovskys Violinkonzert – ganz ohne Birkenwäldchen
Tschaikovsky: Der spätromantische Dauerbrenner jedes Virtuosen, ganz viel Birkenwäldchen für die Seele, ganz viel Griffakrobatik fürs atemlose Staunen. Was meistens auf der Strecke bleibt: Wie verrückte, explosiv, sinnlich und impulsiv dieses Konzert sein kann, wenn es nicht brav gespielt wird sondern auf den Prüfstand zweier charismatischer Ausnahmemusiker gestellt wird. Kopatchinskaja und Currentzis – CoverCurrentzis und Kopatchinskaja finden fast durchgängig neue Lesarten, wagen leidenschaftliche Ausbrüche, innige Kantilenen, überraschende Tempowechsel, treiben die Virtuosität für Solistin und Orchester an der Grenze zur Zauberei. Sie spielen nicht die Musik, sie spielen mit der Musik, bis die Ohren ihres Publikums ordentlich durchgepustet sind. Dann gibt es in der Canzonetta ganz große, absolut süßstoff-freie Romantik und seufzende, fast sakrale Sehnsucht, bis – attacca subito – der Wahnsinn des Finales, Allegro vivacissimo, losbricht, als würden beide von blutdurstigen russischen Mücken gejagt. Kopatchinskaja lässt ihre Geige hier himmelhoch jauchzen, dort seelentief schluchzen, hier übermütig tanzen, dort vibratolos mit den Darmsaiten krächzen und knarzen, und das alles in einem Höllentempo.
So direkt, ungeschützt, prall, so bunt man den Assoziations- und Gefühlsreigen von Tschaikovskys Violinkonzert wirklich noch nicht gehört, Klischees müssen draußen bleiben und alles ist erlaubt, wenn’s nur der Wahrheitsfindung dient. Hier schimmern auch die harmonischen und rhythmischen Pfade durch, die direkt zu Stravinskys „Les Noces“ führen. Das Ergebnis ist eine außerordentlich kurzweilige, eine ganz und gar unwiderstehliche musikalische Affäre. Klang als pure Energie. Eine Aufnahme aus einem Guss, elektrisierend, grandios, bei der nur eines verboten ist: jeder leiseste Anflug von Routine.

Stravinskys „Les Noces“ – gespielt mit geradezu hypnotischer Kraft
Stravinskys Ballettmusik „Les Noces“, komponiert kurz nach seinem „Sacre du Printemps“ zwischen 1914 und 1917, geschrieben für Diaghilevs „Ballets Russes“, uraufgeführt 1923 in Paris, erzählt mit ähnlichen Stilmitteln, nur in der Instrumentation radikal reduziert, wieder von einem Opfer. Diesmal ist es eine von den Eltern arrangierte Hochzeit. Das Opfer ist die Braut, die sich hier zwar nicht zu Tode tanzen muss, aber mit vielen Vorbehalten und Fragen in die Hochzeit geht, mit den Riten in einem Dorf, bis hin zum Beginn der Hochzeitsnacht. Impresario Diaghilev hielt diese Komposition Stravinskys für das am tiefsten russische und schönste Stück, das für seine Compagnie geschrieben wurde.
Currentzis nimmt die Fassung für vier Klaviere und sieben Schlagzeuger, vier Solisten und den MusicAeterna-Chor, um Stravinskys Geschichte zu erzählen. Auch hier geht es um nackte Gefühle, Ängste, Freude, Unsicherheiten, dargestellt mit auf volkstümlichen Melodien basierender Musik, aufgemischt durch verstörende rhythmische Verschiebungen und kraftvolle Akzente. Seine Interpretation erreicht in ihrer Klarheit und Präzision geradezu hypnotische Kraft und Direktheit.

Tschaikovsky/Violinkonzert und Stravinsky/Les Noces
MusicAeterna, Leitung: Teodor Currentzis, Violine: Patricia Kopatchinskaja.
CD Sony Classical
8887 5165 122

Hörbeispiel: Teodor Currentzis, Patricia Kopatchinskaja & MusicAeterna : Tchaikovsky & Stravinsky


Abbildungsnachweis:
Fotos: Aleksey Romanov Nikolaevich / Sony Music Entertainment

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Kopatchinskaja und Currentzis – eine explos...

Mehr auf KulturPort.De

Arnold Kamenz: „Muckis Beichte“. Ausbruchsversuche
 Arnold Kamenz: „Muckis Beichte“. Ausbruchsversuche



Alte Weisheit: Es gibt nichts, was unpolitisch wäre. Alles und jedes menschliche Tun hänge von den jeweiligen Umständen ab. Seitdem ich das Büchlein „M [ ... ]



Hamburg Ballett: „Das Lied von der Erde“. John Neumeiers getanzter Weltschmerz
 Hamburg Ballett: „Das Lied von der Erde“. John Neumeiers getanzter Weltschmerz



Fünfzig Jahre hat Ballettintendant John Neumeier gewartet, bis er seine Tanzfassung zu Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ für das Hambu [ ... ]



Christoph Spering musiziert ohne Dogma: Bach – Lutherkantaten
 Christoph Spering musiziert ohne Dogma: Bach – Lutherkantaten



Um die rechte Art, Johann Sebastian Bachs Kantaten aufzuführen, tobt seit Jahrzehnten fast ein Glaubenskrieg. Nun nimmt Christoph Spering den bevorstehenden 500 [ ... ]



„Marie Curie” – Das Innenleben eines Genies
 „Marie Curie” – Das Innenleben eines Genies



Mit ihrem Film „Marie Curie” zeigt Regisseurin Marie Noëlle die legendäre Wissenschaftlerin und zweifache Nobelpreisträgerin von einer [ ... ]



Nikolai Astrup – Norwegen. Eine Entdeckung in der Kunsthalle Emden
 Nikolai Astrup – Norwegen. Eine Entdeckung in der Kunsthalle Emden



„Ich wollte mich in den rohen Farben Westnorwegens waschen, um mich von all dem zu reinigen, was ich von der Kunst anderer aufgenommen haben könnte, u [ ... ]



Teresa Präauer: „Oh Schimmi“
 Teresa Präauer: „Oh Schimmi“



Teresa Präauers erster Roman „Für den Herrscher aus Übersee“ wurde 2012 mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman „Joh [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.