Anzeige

AktionsPort - Gewinnspiele

Wer ist online?

Wir haben 670 Gäste online

Neue Kommentare

B.F.Schwarze zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo, Frau Lampert,
leider gibt es nicht ...

Angela zu „The Square”. Oder das Zeitalter des Misstrauens: Oh, dann Danke für den Lang-Spoiler - da muss ja...
Eva-Maria Reinders zu Opernstars auf der Leinwand – die Met-Saison im Kino: 14.10.17
ich habe schon mehrere Aufführun...

Constanze Rüttger zu Film Festival Cologne 2017: Einiges Bekanntes, einiges Brandneues: Ich habe bereits alle 6 Folgen von 'Broken' mit S...
Tim of Fonland zu „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik: Ich habe geweint, dann gelacht und zum Ende wiede...

CDs KlassikKompass

Kopatchinskaja und Currentzis – eine explosive Mischung

Drucken
(91 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 21. März 2016 um 11:00 Uhr
Kopatchinskaja und Currentzis – eine explosive Mischung 4.9 out of 5 based on 91 votes.
Kopatchinskaja und Currentzis – eine explosive Mischung

Der exzentrische Dirigent Teodor Currentzis und die musikverrückte Violinistin Patricia Kopatchinskaja legen die Messlatte sehr hoch mit ihrer Aufnahme von Tschaikovskys Violinkonzert und Stravinskys „Les Noces“ und geben Einblicke in verborgene Ecken der russischen Seele. In beiden Werken geht es bei ihnen um pure Leidenschaft und Sinnlichkeit.

Es ist noch nicht lange her, dass wir die beiden Protagonisten mit anderen neuen Aufnahmen hier vorgestellt haben: Teodor Currentzis als Dirigent seiner MusicAeterna bei der Peter-Sellars-Neuauflage von Purcells „The Indian Queen“ und Patricia Kopatchinskaja als Duett-Gastgeberin ihres großartigen Konzept-Albums „Take Two“. Jetzt haben beide zusammen eine so eigenwillige wie spektakuläre CD herausgebracht, dass sie einfach empfohlen werden muss. Sie enthält Tschaikovskys Violinkonzert D-Dur und Stravinskys Tanzkantate „Les Noces“. Und zeigt, dass die beiden Werke mehr gemeinsam haben als man denkt.

Kopatchinskaja und CurrentzisSchon die Aufmachung des Albums ist ungewöhnlich: Es zeigt, in altertümlichem Schwarzweiß, allerliebst gestellte Fotos der beiden Musiker, Fotos, die auf einer ländlichen Hochzeit nach russischem Ritus entstanden sein könnten, die Braut verschleiert und mit Geige, der Bräutigam ernst, mit Akkordeon, oder beide in sorgfältig drapierten Tableaux im Stil alter Familienfotos. Sie knüpfen weitläufig an die Handlung der Ballettmusik von „Les Noces“ an, die eine von russischen Eltern arrangierte Hochzeit aufleben lässt.
Und an die hübsch offenen wie verschrobenen Texte der beiden, die in je einem musikalischen Liebesbrief ihre Gedanken zu den Werken und zu den Gefühlen notieren, die sie in ihnen auslösen werden. Dort schreibt die Geigerin zu „Les Noces“ (wo sie nicht mitspielt): „Einverstanden, heiraten wir, verheiraten wir uns mit Sonne und Erde, Sternen und Mond, dem Klang und dem Verstand – Igor und Pjotr, Russland mit Westen, Stein und Wasser. Nun trage ich ein weißes Kleid, das mir nicht ganz passt, aber wann hat mir schon etwas wirklich gepasst? Und vor allem, wann habe ich schon jemandem je gepasst?“
Und „Teo“ antwortet noch eine Nummer skurriler: „Es ist, als wäre ich dabei, meinen Träumen zu begegnen, aber gleichzeitig überkommt mich ein Gefühl der Entfremdung. Als bekäme ich am Tag meiner Hochzeit plötzlich kalte Füße. Denn Klänge sind wie Träume: Sobald sie Gestalt annehmen, sterben sie, das ist unvermeidlich.“

Kopatchinskaja heiratet natürlich nicht, und Currentzis bekommt auch keine kalten Füße. Aber aus beider musikalischen Beziehung sind diese beiden Aufnahmen hervorgegangen, die aus dem Violinkonzert eine aufregende Seelenreise und aus dem Hochzeitstag eine spannende, emotional aufgeladene Begegnung machen.

Tschaikovskys Violinkonzert – ganz ohne Birkenwäldchen
Tschaikovsky: Der spätromantische Dauerbrenner jedes Virtuosen, ganz viel Birkenwäldchen für die Seele, ganz viel Griffakrobatik fürs atemlose Staunen. Was meistens auf der Strecke bleibt: Wie verrückte, explosiv, sinnlich und impulsiv dieses Konzert sein kann, wenn es nicht brav gespielt wird sondern auf den Prüfstand zweier charismatischer Ausnahmemusiker gestellt wird. Kopatchinskaja und Currentzis – CoverCurrentzis und Kopatchinskaja finden fast durchgängig neue Lesarten, wagen leidenschaftliche Ausbrüche, innige Kantilenen, überraschende Tempowechsel, treiben die Virtuosität für Solistin und Orchester an der Grenze zur Zauberei. Sie spielen nicht die Musik, sie spielen mit der Musik, bis die Ohren ihres Publikums ordentlich durchgepustet sind. Dann gibt es in der Canzonetta ganz große, absolut süßstoff-freie Romantik und seufzende, fast sakrale Sehnsucht, bis – attacca subito – der Wahnsinn des Finales, Allegro vivacissimo, losbricht, als würden beide von blutdurstigen russischen Mücken gejagt. Kopatchinskaja lässt ihre Geige hier himmelhoch jauchzen, dort seelentief schluchzen, hier übermütig tanzen, dort vibratolos mit den Darmsaiten krächzen und knarzen, und das alles in einem Höllentempo.
So direkt, ungeschützt, prall, so bunt man den Assoziations- und Gefühlsreigen von Tschaikovskys Violinkonzert wirklich noch nicht gehört, Klischees müssen draußen bleiben und alles ist erlaubt, wenn’s nur der Wahrheitsfindung dient. Hier schimmern auch die harmonischen und rhythmischen Pfade durch, die direkt zu Stravinskys „Les Noces“ führen. Das Ergebnis ist eine außerordentlich kurzweilige, eine ganz und gar unwiderstehliche musikalische Affäre. Klang als pure Energie. Eine Aufnahme aus einem Guss, elektrisierend, grandios, bei der nur eines verboten ist: jeder leiseste Anflug von Routine.

Stravinskys „Les Noces“ – gespielt mit geradezu hypnotischer Kraft
Stravinskys Ballettmusik „Les Noces“, komponiert kurz nach seinem „Sacre du Printemps“ zwischen 1914 und 1917, geschrieben für Diaghilevs „Ballets Russes“, uraufgeführt 1923 in Paris, erzählt mit ähnlichen Stilmitteln, nur in der Instrumentation radikal reduziert, wieder von einem Opfer. Diesmal ist es eine von den Eltern arrangierte Hochzeit. Das Opfer ist die Braut, die sich hier zwar nicht zu Tode tanzen muss, aber mit vielen Vorbehalten und Fragen in die Hochzeit geht, mit den Riten in einem Dorf, bis hin zum Beginn der Hochzeitsnacht. Impresario Diaghilev hielt diese Komposition Stravinskys für das am tiefsten russische und schönste Stück, das für seine Compagnie geschrieben wurde.
Currentzis nimmt die Fassung für vier Klaviere und sieben Schlagzeuger, vier Solisten und den MusicAeterna-Chor, um Stravinskys Geschichte zu erzählen. Auch hier geht es um nackte Gefühle, Ängste, Freude, Unsicherheiten, dargestellt mit auf volkstümlichen Melodien basierender Musik, aufgemischt durch verstörende rhythmische Verschiebungen und kraftvolle Akzente. Seine Interpretation erreicht in ihrer Klarheit und Präzision geradezu hypnotische Kraft und Direktheit.

Tschaikovsky/Violinkonzert und Stravinsky/Les Noces
MusicAeterna, Leitung: Teodor Currentzis, Violine: Patricia Kopatchinskaja.
CD Sony Classical
8887 5165 122

Hörbeispiel: Teodor Currentzis, Patricia Kopatchinskaja & MusicAeterna : Tchaikovsky & Stravinsky


Abbildungsnachweis:
Fotos: Aleksey Romanov Nikolaevich / Sony Music Entertainment

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Kopatchinskaja und Currentzis – eine explos...

Mehr auf KulturPort.De

Das ist Hamburg! 10. Spielzeit im Hansa-Theater: Magie, Charme, Eleganz
 Das ist Hamburg! 10. Spielzeit im Hansa-Theater: Magie, Charme, Eleganz



Man musste wirklich zwei Mal hinsehen, um sie zu erkennen: Als Bob-Marley-Verschnitte, mit langen, schwarzen Dreadlocks, grün-gelb-rot gestreiften Mützen und r [ ... ]



Hudson (Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski, John Scofield): Hudson
 Hudson (Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski, John Scofield): Hudson



Unter dem Bandnamen „Hudson” haben sich mit Jack DeJohnette, Larry Grenadier, John Medeski und John Scofield vier großmächtige Jazzmusiker zusammengetan, d [ ... ]



„The Square”. Oder das Zeitalter des Misstrauens
 „The Square”. Oder das Zeitalter des Misstrauens



Ein Museum ist der perfekte Tatort, doch in Ruben Östlunds Film „The Square” steht weniger der Kulturbetrieb als Jahrmarkt der Eitelkeiten am Pranger sonder [ ... ]



Clegg & Guttmann „Die Offene Bibliothek“
 Clegg & Guttmann „Die Offene Bibliothek“



Ein Musterbeispiel partizipativer Kunst mit Langzeitwirkung und gesellschaftlicher Verselbstständigung. Ein Entwicklungsbestimmung.

1989 begannen die Künstl [ ... ]



Jeff Cascaro: Love & Blues In The City
 Jeff Cascaro: Love & Blues In The City



Also – ich mag Sänger, die zwischen Blues, Soul und Jazz oszillieren. Und Jeff Cascaro ist so einer. Der Mann aus Bochum, der mittlerweile Professor in Weimar [ ... ]



Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung
 Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung



Gezüchtete Unschärfen
Den Blick in die Welt könne man mit einer Zeitung versperren, so ein Aphorismus. Von wegen. In die große Welt schon, aber nicht in die [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.