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Patricia Kopatchinskaja: Take Two

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 04. März 2016 um 10:53 Uhr
Patricia Kopatchinskaja: Take Two 4.6 out of 5 based on 61 votes.
Patricia Kopatchinskaja: Take Two

Der Spaß am Duett trieb die Violinistin Patricia Kopatchinskaja zu dieser CD: auf „Take Two“ hat sie 21 Duette versammelt, Fundstücke aus einem Jahrtausend Musikgeschichte. Ganz alte, ganz neue – auf jeden Fall kaum Gehörtes, das unter ihren Händen zu einer faszinierenden Schule des Hörens wird.

“One should not go to the woods looking for something
but rather to see what is there.”

Dieses Zitat des großen Komponisten und Musikdenkers John Cage hat die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ihrem Album „Take Two“ vorangestellt. Es sind weise Worte von Cage, von denen noch eine ganze Reihe weiteren Kapiteln im ausführlichen und wunderhübsch gestalteten Booklet vorwegstehen. „Take Two“ muss ein Herzensprojekt der Musikerin sein, so liebevoll, wie diese CD zusammengestellt ist und mit Texten begleitet wird. „Duette aus tausend Jahren Musikgeschichte für junge Leute von 0 bis 100 Jahren“ lautet ihr Untertitel. Ein gelungener Einstand bei ihrem neuen Label Alpha.

Damit das funktioniert, bringt Kopatchinskaja gemeinsam mit Jorge Sanchez-Chiong erstmal einen Ohrenputzer zum Laufen („die sind ja ganz verstopft von lauter alter Klassik“), der gleichzeitig als Zeitmaschine agiert. Die kurzen Transitstücke aus der Serie Overclockers, für Violine, Elektronik und Turntables, pusten auch zwischendurch immer wieder mal die Ohren für neue akustische Abenteuer frei, sie verbinden einzelne Blöcke der meist kurzen Duette und sind selbst aufregende Mosaiksteinchen dieser Zeitreise.
Auf der die Barfußgeigerin Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, auslotet, mit welchen Instrumenten und Klangerzeugern man eine einsame Violine kombinieren kann, und was man mit diesen Kombinationen so alles anstellen kann. Sie fordert vom Zuhörer Neugier, kindliche Neugier auf Klänge, die für das Ohr neu sind, selbst wenn sie schon 1000 Jahre alt sind. So wie das Alleluja aus dem Winchester Troper – eines der ältesten Duette der Musikgeschichte überhaupt, hier gespielt mit Violine und Tenorgambe. Es geht munter durch die Jahrhunderte. Patricia Kopatchinskaja nimmt ihre Zuhörer an die Hand und sorgt dafür, dass sie sich trotz vieler Neutöne ein bisschen zuhause fühlen können.

Das tut sie mit Erklärtexten im Booklet zu jedem Werk und zu ihrem jeweiligen Duett-Partner, und das tut sie im Gespräch mit ihrer Tochter Alice, von dem einige Ausschnitte abgedruckt sind. Hochphilosophische Schnipsel – zwei Beispiele:

Pat: Weißt du, es gibt Menschen, die nicht Musik spüren.
Alice: Die sind fantasielos. Sie müssen ins Kloster.

Pat: Alice, glaubst du, die Musik könnte einmal sterben?
Alice: Ja, wenn die Melodie ganz alt ist, wird sie traurig, und wir hören nur noch Popmusik.

Patricia Kopatchinskaja Cover zu Take TwoDazu gibt es ‚Bicinien’, eine alte Duett-Form, in denen man eine Kuckuck hört, eine Sonate, in der Nachtigall, Kuckuck, Hahn, Henne und Wachtel vorkommen. Das Eingangsstück zu einem Musiktheaterstück – mit einem Grashüpfer und einer Ameise. Musik von John Cage und Heinz Holliger (Jahrgang 1939), der eine hübsche kleine Geschichte von Alice vertont hat, ein Jugendwerk, das auch optisch im Booklet präsent ist. Wir erfahren, was es mit zeitgenössischer Musik auf sich hat und dass Emmi, der Hund im Hause Kopatchinskaja ihr aufmerksam zuhört, während er bei älterer Musik gleich einschläft.

Das Instrumentarium der Duettpartner ist vielfältig: Okarina, Darbuka, Spielzeugklavier, Gitarre, Cembalo, Gambe, Klarinette, Trommel. Dazu diverse menschliche Stimmen, die die Klangwelt durch expressive Rezitation bereichern – so wie in Mauricio Sotelos „Cuatro Fragmentos de Luz“. Oder in Otto Matthäus Zykans „Das mit der Stimme“, so wie in Holligers Alice-Geschichte „The little something“ geschrieben für Violine und Stimme und aufgeführt von Kopatchinskaja in eindrucksvollen Doppelrollen.

Man spürt jeder Note dieses Album den Spaß an, den es den Musikern beim Einspielen gemacht hat. Der Spaß, Neues nicht nur aufzuführen, sondern Musik im wahrsten Sinn des Wortes zu spielen.

Am Ende wird gar Bachs berühmter Chaconne eine Cembalo-Begleitung hinzufantasiert – und selbst das klingt so wunderbar traumtänzerisch verspielt, dass man meint, die einsame Solovioline würde eben wie ihren verlorenen Tanzpartner wiederfinden. Das ist Musik, die lebt. Denn wie sagt gleich John Cage?

“A finished work is exactly that, it requires resurrection.”

Patricia und Alice sehen das ähnlich:

Pat: Was wäre mit den Menschen, wenn sie keine Fantasie hätten?
Alice: Dann wären sie sinnlos.


Patricia Kopatchinskaja: Take Two
CD Alpha 211

Die Geigerin ist am 15. und 17. sowie am 19. Mai 2016 in Hamburg mit Konzerten in der Laeiszhalle, in St. Katharinen und auf Kampnagel beim 2. Internationalen Musikfest Hamburg zu hören.
Weitere Informationen

Hörbeispiele


Abbildungsnachweis:
Header: Patricia und Tochter Alicia. Foto: Marco Borggreve
CD-Cover

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