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Kopf-Hörer 6. Finesse - Schönheit - Augenzwinkern

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(76 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 24. Februar 2016 um 10:04 Uhr
Kopf-Hörer 6. Finesse - Schönheit - Augenzwinkern 4.7 out of 5 based on 76 votes.
Kopf-Hörer 6

Zweimal Manhattan, destilliert in Musik von Wolfgang Rihm und amerikanisch/britischen Komponisten. Mozarts und Webers Klarinettenkonzerte ausgelotet von Jörg Widmann in großer Finesse und Schönheit. Kunstvolle Chormusik von Heinrich Schütz, geschrieben für einen fürstlichen Begräbnisakt vor fast 400 Jahren. Und eine Auferstehung ganz fröhlicher Art für Bachs Musik – gespielt mit einem munteren Augenzwinkern von German Brass.

Wolfgang Rihm - CoverWolfgang Rihm: Two other Movements/Abkehr/Schattenstück. Folge 7 der verdienstvollen Wolfgang-Rihm-Reihe, diesmal mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Roger Norrington und Christian Arning. Darin enthalten zwei Weltersteinspielungen. Musikstücke, deren Entstehung 30 Jahre auseinander liegt. Das Hauptwerk dieser CD ist „Two Other Movements“, das Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, für die New Yorker Philharmoniker 2004 schrieb. Man kann es lesen als Hommage an die quirlige Stadt und als Musik, die Rihm aus dem großen Block an Musik herausmeißelte, von dem er sagt, dass er ihn in sich trägt. Hörbare Klänge, umgeben von unhörbaren, Übergänge, Reminiszenzen. Deutlich der große symphonische Gestus, der aus vielen musikalischen Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts schöpft, bunt und vielfältig im ersten, konzentrierter und abstrakter im zweiten, deutlich kürzeren. 30 Jahre zuvor geschrieben: das siebenteilige Schattenstück, ein Tongemälde für Orchester, eine Hommage an die nordische Klangwelt von Jean Sibelius. Und „Abkehr“, auch eine Ersteinspielung, entstand als Kontrapunkt für eine Aufführung der 9. Sinfonie von Gustav Mahler, macht er deren ersterbende Klänge und das schon Verstummte hörbar – aber bitte „nicht allzu ersterbend“ – und bricht die Sentimentalitäten in Mahlers Musik schroff. Für Rihm-Fans ein Muss, für Einsteiger ein guter Zugang.

Wolfgang Rihm: Two other Movements/Abkehr/Schattenstück
RSO-Sinfonieorchester Stuttgart, Leitung: Roger Norrington.
1 CD, SWR
19001CD


Manhattan IntermezzoManhattan Intermezzo. Viermal Klavier mit Orchester, Werke dreier amerikanischer Komponisten und eines Briten – und eine ungewöhnliche Zusammenstellung, die hübsche Entdeckungen ermöglicht. Zum Beispiel das titelgebende „Manhattan Intermezzo“ des Zeitgenossen Neil Sedaka, Jahrgang 1939, das Manhattans Multikulti-Gesellschaft zum Klingen bringt und den Spirit der Stadt einfängt – eine muntere melodische Reise von lateinamerikanischen, asiatischen, jüdischen, russischen Einflüssen bis hin zum Broadway. Der Brite Keith Emerson (Jahrgang 1944, „Emerson, Lake and Palmer“) steuert sein Klavierkonzert No.1 bei – er schrieb es in den frühen 1970ern, um in seinem Landhaus Abstand vom Tourneegeschäft zu gewinnen und um im 3. Satz seine Wut über dessen Untergang in einem Großfeuer zu verarbeiten. Das Konzert bewegt sich zwischen vitaler 12-Ton-Musik und tonalen Abschnitten von klassischer Anmutung. Von Duke Ellington, Jahrgang 1899, stammt „New World a-Comin’“, 1943 in New York komponiert und in Carnegie Hall uraufgeführt. In dem Stück entwirft Ellington eine neue, bessere Welt ohne Krieg, Gier und Diskriminierung. Uraufgeführt mit einer 15-köpfigen Jazzband wurde es später für Symphonieorchester arrangiert. Und dann darf natürlich Gershwins „Rhapsody in Blue“ aus dem Jahr 1924 nicht fehlen – das Vorbild für alle, die New York in Musik zu fassen versuchen, in einer restaurierten Fassung mit mehr als 50 zeitweilig gestrichenen Takten. Eine hörenswerte, zeitweise überraschende muntere kleine Sammlung, mit brillant gespielten Klaviersoloparts (Jeffrey Biegel) und einem eleganten swingenden Orchester unter Paul Philips.

Manhattan Intermezzo
Musik von Sedaka, Emerson, Ellington, Gershwin. Brown University Orchestra, Jeffrey Biegel, Piano, Leitung: Paul Phillips.
1 CD Naxos
8.573490


Jörg WidmannMozart – Weber – Widmann: Klarinettenkonzerte. So konzentriert unprätentiös und von fast beiläufigem Tiefgang wie in diesem Live-Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie hat man Mozarts Klarinettenkonzert – ein Schlüsselwerk von Jörg Widmanns Künstlerkarriere – noch nicht gehört. Das Soloinstrument bewegt sich in geradezu beängstigend perfekter Balance zum vom Dirigenten Peter Ruzicka fein austarierten Klang des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Widmann sucht die Ambivalenzen, die Schattentöne, die Dissonanzen in Mozarts Musik. Wunderschön schwebend das Adagio, erlesen heiter das abschließende tänzerische Rondo. Widmanns respektvolle Interpretation kommt auch Carl Maria von Webers Konzert zugute, über den Widmann sagt, er habe die Geheimnisse der erotischen Klangzonen der Klarinette wie kein zweiter begriffen. Drama, Sehnsucht, Träumen, Herzstillstandsmomente. Und dann noch Widmanns eigene virtuose Solo-Komposition „Drei Schattentänze von 2013“: Echo-Tanz, (Under)Water Dance, Danse africaine – drei spielerische Miniaturen, in denen die Klangpalette des Instruments signifikant erweitert wird.

Mozart/Widmann: Klarinettenkonzerte/Drei Schattentänz
Deutsches Symphonieorchester, Jörg Widmann, Klarinette, Leitung: Peter Ruzicka.
1 CD Orfeo
C 897 151 A


Heinrich schützHeinrich Schütz: Musikalische Exequien. Heinrich II. Posthumus war ein frommer, gottesfürchtiger Fürst, der Heinrich Schütz, den Hofkapellmeister des Königs von Sachsen, sehr schätzte. Der Adlige, vom Krankheit gezeichnet, entwarf im Jahr seines Todes den Plan für seiner Trauerfeier und Begräbniszeremonie. Und einen Kupfersarg, der mit selbst ausgesuchten Bibelsprüchen kunstvoll geschmückt ist. Diese Sprüche übergab seine Ehefrau nach Heinrichs Tod 1635 Schütz mit dem Auftrag, sie als Texte für die Begräbnismusik zu verwenden. Schütz schuf aus ihnen ein dreiteiliges Gegenstück zu den katholischen Exequien: meditative Musik, deren Gedanken um das Ende des Lebens und die erhoffte Erlösung kreisen. Mit acht Singstimmen und vier Continuo-Instrumenten besetzt hat jetzt Sigiswald Kuijken die deutsche Begräbnismesse aufgenommen. In höchster Klarheit, ultratransparent und textverständlich singen sie vom Sterben und der Gelassenheit, die aus dem Glauben erwächst. Tröstliche Musik nach langen Jahren des 30-jährigen Krieges. Musikalische ars moriendi, hohe Vokalkunst, auch mehrchörig, in den Tempi kein bisschen schleppend, wie von Kuijken nicht anders zu erwarten – zum Sterben schön.

Heinrich Schütz: Musikalische Exequien
La Petite Bande, Leitung: Sigiswald Kuijken.
1 CD Accent
ACC 24299


Bach on BrassJohann Sebastian Bach on brass. Ist Bach Blech? Ja – und wie! Jedenfalls dann, wenn die Experten von German Brass zuschlagen. Dann klingt nämlich alles, als hätte Bach außer Blaskapellen gar keine anderen Instrumente gekannt. Die mächtige Toccata und Fuge d-Moll, flirrende Cembalokonzerte, Sätze aus Bachs strahlenden Oster-Oratorium, ein Präludium samt Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier, der Ohrwurm „Jesu bleibet meine Freude“ oder gleich das ganze dritte Brandenburgische Konzert – die Herren um Trompeter Matthias Höfs spielen das so virtuos, so innig, wunderbar aufpoliert und tonschön, dass man diese Wiederveröffentlichung der Aufnahmen aus dem Jahr 2010 gar nicht mehr von CD-Spieler nehmen möchte.

Bach on brass
German Brass.
1 CD Berlin Classics
0300 720 BC




Abbildungsnachweis: CD-Cover

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