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Kopf-Hörer 5. Drei Komponisten – drei Schicksale – drei Unbeugsame

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Geschrieben von Claus Friede  -  Montag, den 15. Februar 2016 um 11:02 Uhr
Kopf-Hörer 5. Drei Komponisten – drei Schicksale – drei Unbeugsame 4.8 out of 5 based on 99 votes.
Kopf-Hörer 5. Drei Komponisten – drei Schicksale – drei Unbeugsame

Wenn Namen von Komponisten aus den Archiven gestrichen werden, wenn Berufsverbot auferlegt wird, wenn Menschen ins äußere oder innere Exil gedrängt werden und sie von vorne anfangen müssen, dann sind unsere Erinnerungslücken und das Vergessen vorprogrammiert. Die Musikgeschichte ist manipulierbar. Jemand will, dass wir sie und deren Arbeit vergessen. Aber wir tun es nicht!

Wer kennt das Werk von Walter Braunfels (1882-1950) und Heinz Tiessen (1887-1971)? Wer weiß was aus Michael Gielen (*1927) geworden wäre, wenn seine Eltern nicht 1940 nach Argentinien hätten emigrieren müssen? Was wäre aus einem zunächst erfolgreichen Komponisten wie Walter Braunfels geworden, wenn er frei komponieren und aufführen hätte dürfen? Und wie wäre die Karriere des noch während der Weimarer Zeit sehr bekannten Heinz Tiessen weiterverlaufen, ohne die braune Brut, die seine Werke als unerwünscht brandmarkten und von den Spielplänen strichen?

Die drei Alben, die in diesem Kopf-Hörer vorgestellt werden, haben keine umfangreichen oder gar befriedigenden Antworten auf die gestellten Fragen parat, aber sie zeigen zumindest interessante Schaffensbilder, verschiedene Haltungen und das, was sich genau aus den genannten Gründen konstituiert hat. Kompositionen, Aufnahmen und Alben sind biographische und somit auch kompositorische wie interpretatorische Besonderheiten.

altWalter Braunfels. Der innere Migrant. Sein „Don Juan“ op.2 4 ist vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten entstanden – 1922 bis 24. Der Einleitung und dem Thema folgen sieben Variationen. Kein geringerer als Wilhelm Furtwängler stand bei der Uraufführung 1924 am Dirigentenpult des Leipziger Gewandhauses. Braunfels war auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt; er, der versuchte, die Klassische Moderne ins 20. Jahrhundert mitzunehmen. Der „Don Juan“ ist dafür das Beispiel schlechthin. Seine Nähe zu Mozarts „Don Giovanni“ ist durchgehend hörbar. „Es soll hier ein klassisches Gebilde, mit dem Geiste der Romantik verbunden, traumhaft aufsteigen und abtauchen“, schrieb er nach Beendigung des reinen Orchesterwerks. Ab ob er, der Halbjude – sein Vater, der Literaturwissenschaftler war als Jude zum Protestantismus konvertiert – auch seine Zukunft beschreibt: aufsteigen und abtauchen. Zwar blieb Braunfels in Deutschland während des Krieges, er zog sich aber komplett aus der Öffentlichkeit zurück und komponierte zuweilen und ohne nennenswerten Widerhall.
Im zweiten Teil der CD ist ein lyrisches Variationsspiel eines altfranzösischen Kinderliedes zu hören: Symphonische Variationen op. 15 aus dem Jahr 1909. Zwar lobten Zeitgenossen vor 1933 Walter Braunfels als zukunftsweisenden Vertreter der Neuen Musik, auf diesem Album ist er jedoch vielmehr der Klassiker, dem die Tradition näher liegt als die Neue Musik.

Walter Braunfels: Don Juan
Philharmonische Orchester Altenburg-Gera. Leitung Markus L. Frank. Capriccio Wien. EAN: 845221052502



altHeinz Tiessen. Der Unerwünschte. 1937 schreibt der in Königsberg geborene Heinz Tiessen ein „Entartetes Weihnachtslied“ für Klavier, variiert die nach ein paar Minuten schnell decodierbare Melodie von „Stille Nacht“ mit leichten, heute würde man sagen, jazzigen Anklängen. Der Sozialist Tiessen verband zunächst die Spätromantik eines Richard Strauss mit dem musikalischen Expressionismus, um später zu einer klaren polyphonen Atonalität eines Hindemith zu gelangen.
Die frühen Stücke auf der CD sind Naturbeschreibungen seiner Ostpreußischen Heimat (1913: „Auf dem „Gipfel der Toten Düne“, „Am Kurischen Haff“, Nacht am Meere“), die noch der Spätromantik verpflichtet sind. Seine Blütezeit waren die späten 1910er- und 20er-Jahre, zu hören in den Zwei Phantasie-Stücken op. 26 (1915 bis ca. 1920) und den Sechs Klavierstücken op. 37 der Jahre 1925 bis 1928. Allein wegen dieser Schaffensperiode lohnt es sich den Komponisten intensiver kennenzulernen.
Zeit seines Lebens interessierte Tiessen der Vogelgesang, besonders der von Amseln. So hat auf dem Album ein Stück Platz bekommen, das seiner Leidenschaft gerecht wurde. Zwar ist unbekannt, wann die Drei Tanzcapricen op. 61 komponiert wurden, aber der „Tanz der Amseln“ ist hörenswert, denn auch hier, wie schon bei den Kurischen Interpretationen ist die Übersetzung von Naturbeobachtung in musikalische Komposition äußerst gelungen und nachvollziehbar.
Nach 1945 arbeitete Tiessen als Lehrer an Musikhochschulen, konnte aber nie mehr an seine einstige kompositorische Innovation und Produktivität anknüpfen.

Heinz Tiessen: Piano Music
Matthew Rubenstein, Piano, Toccata Classics London. EAN: 506113442918



altMichael Gielen. Der Rückkehrer. Es ist die erste von zehn kompakten Boxen, die das Schaffen des legendären Dirigenten und Komponisten Michael Gielen in den nächsten drei Jahren fokussiert. In der Volume 1-Box ist ein Satz von 6 CDs mit Dirigaten zu Werken von Bach, Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert, aufgenommen zwischen 1967 und 2010. Das alles ist eine Hommage zu Gielens 50. Arbeits-Jubiläum und zum 90. Geburtstag im kommenden Jahr. Als Gielen Ende 2014 seine Dirigententätigkeit aus gesundheitlichen Gründen zurückstellte, gab es zu Recht viel Lob und Achtung.
Als 13-jähriger folgte Michael Gielen seinen Eltern 1940 aus Österreich ins südamerikanische Exil, was blieb ihm auch anderes übrig, aber prägend war es, denn Gielen hat sich immer – auch in seiner Musik politisch engagiert. Nicht in dem Sinn, dass er Ideologie in Komposition verwebt, sondern in seinem grundsätzlichen Engagement. Dazu ein schönes Beispiel, das einem Gespräch mit Volker Hagedorn entstammt: „Als Dirigent haben Sie in Beethovens ‚Neunte’ den ‚Überlebenden aus Warschau’ von Schönberg hineinmontiert. Das hat Geschichte gemacht. Und von den Komponisten heute verlangen Sie, man dürfe keine friedliche Musik schreiben, sonst könne man sich gleich volllaufen lassen. Sie erwarten von Musik, dass sie die Leute beunruhigt“, sagt Hagedorn und Gielen reagiert darauf: „Ja, natürlich. Vor allem, dass sie sich gegen die jetzige sogenannte Zivilisation richtet, die ausschließlich vom Geld beherrscht wird und in der die Dummheit von den Regierungen gefördert wird – nur dumme Menschen können diese Regierungen wählen.“

Ob man die biographische Verwicklung und politische Haltung in einer solchen Edition wirklich wiederfindet mag dahin gestellt sein, was aber höchst spannend ist, ist die Tatsache, dass Gielen, als immer selbstkritischer Geist, sich und die Werke, die er interpretiert selbst in Frage stellt und zu erstaunlichen Ergebnissen kommt. Ich bezweifle, ob man mit dem Begriff – der „wahre“ Gielen, wie es im Begleitbüchlein zur Box heißt, wirklich operieren kann. Gielen kommt nämlich im Laufe seiner Arbeit bei ein und demselben Stück zu unterschiedlichen Ergebnissen, mit der Einschränkung, dass er eigentlich im klassischen Standardrepertoire bleibt.
Als Gielen 1950 nach Europa zurückkehrt muss er dafür kämpfen und viel Überzeugungsarbeit leisten – gerade bei den Orchestern selbst die Dinge auch anders sehen zu dürfen. Darauf und auf die Ablehnung von „technischer Interpretation“ begründet sich sein Ruf. Genau hier kann die Qualität dieser Sammlung seiner Aufnahmen liegen. Wir können sehr gespannt sein, vergleichen, bewerten und genießen.

Michael Gielen. Edition Vol. 1 1967-2010
Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert. SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg/Br. Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, Radio Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, SWR Vokalensemble Stuttgart. SWR Music, EAN: 747313900787

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