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Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch – Fünfzehn Sinfonien: ein Leben

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(106 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Claus Friede  -  Mittwoch, den 13. Januar 2016 um 16:03 Uhr
Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch – Fünfzehn Sinfonien: ein Leben 4.8 out of 5 based on 106 votes.
Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch – Fünfzehn Sinfonien: ein Leben

Der junge Dirigent Vasily Petrenko (Jahrgang 1976) leitet seit 2009 als Chefdirigent das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra. Seit August 2013 ist er Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Oslo. Er ist so etwas wie ein Spezialist für russische Komponisten: Tschaikowski, Rachmaninow und Schostakowitsch (1906-1975) kennt er bis in die Kapillargefäße.
Er hat fast alles eingespielt, was diese Komponisten auf Notenblätter schrieben, und was Schostakowitsch angeht, hat er zwischen 2009 und 2014 alle fünfzehn Sinfonien des großen sowjetischen Komponisten mit den Liverpoolern aufgenommen und vor kurzem veröffentlicht. „Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören“, schrieb einmal die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti sehr passend.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch – Fünfzehn SinfonienDas klingt als ob es lediglich eine Liebhaber- oder Spezialistensammlung sei, die da auf den Markt gekommen ist, aber weit gefehlt, der Hörer kommt nach einer Weile regelrecht in einen Schostakowitsch-Modus und kann davon nicht mehr lassen. Das ist auch Petrenko zu verdanken, der die künstlerische Qualität und Reife des Orchesters aus Liverpool seit 2009 hörbar steigern konnte. Egal in welcher Sinfonie, welcher Passage – das Orchester ist ausgezeichnet. Das gleiche gilt für den Philharmonischen Chor und vor allem für die Solisten.
Schostakowitschs Werke gelten als schwer, düster und zuweilen melancholisch – das stimmt allerdings nur bedingt. Wenn man sich die Mühe macht, die elf Stunden anzuhören, fällt einem die Vielseitigkeit auf und deutliche Unterscheidungen von den sehr bekannten und häufig gespielten und den weniger oft aufgeführten Werken. Und natürlich die thematischen Verschiebungen und Lernprozesse, die der Komponist durchlebt.
Auffallend an den Einspielungen ist einerseits eine gewisse Präzision der Interpretationen, anderseits auch die emotionale, schicksalshafte Verwicklung, die Schostakowitsch in alle seine Kompositionen hineinschrieb und von allen Beteiligten sehr ernst genommen wird, sowohl in der Dramatik als auch in der Ruhe. Schostakowitsch war politisch, menschlich, nach Gerechtigkeit-suchend und mitfühlend zugleich, eine Kombination die zur Zeit des „großen Vaterländischen Kriegs“ und der Stalinzeit sehr rar waren. Er scheute zu keiner Zeit vor Kritik zurück, weder in Inhalten seines Frühwerk, noch im Spätwerk und wurde selbst auch an seinen Werken bei der sowjetischen Kritik so manches Mal auseinandergenommen. Das alles konnte er aushalten.
„Babij Jar“*, die Sinfonie Nr. 13 ist für die Kritikfähigkeit und Standhaftigkeit ein gutes Beispiel: Bassist Alexander Vinogradov findet exakt die richtige Temperatur für die gleichnamige Dichtung aus dem Jahr 1961 von Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko, die sich insbesondere dem Thema des Antisemitismus und der Notlage der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion widmet. Paul Celan übersetzte das Gedicht übrigens eindrucksvoll in die deutsche Sprache. Jewtuschenko und gesanglich Vinogradov identifizieren sich in dem Gedicht mit dem geknechteten Volk, leiden bei den Pogromen und am Kreuz hängend, definieren sich in den Rollen einer Mutter, eines Kindes und Greises oder in der Rolle der Anne Frank und werfen Fragen auf. Von Seiten sowjetischer Offizieller gab es sowohl für das Gedicht als auch für die Komposition harsche Kritik.

Petrenko formuliert in einem Interview die musikalische Nähe zum Melodram Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ und findet im narrativen Faden eine strukturelle Gleichheit. Aber auch Werke seines Landsmanns Modest Mussorgski tauchen als Orientierungspunkt hier und da in der 13. Sinfonie auf.

Kaleidoskop-artig sind fast alle der sinfonischen Werke, sie zeigen facettenreich die Lebenszeit und die synchronakustische Geschichte des Komponisten im 20. Jahrhundert – und hier liegt auch die tiefere Bedeutung und die Leistung der elf CDs – es ist alles künstlerisch nachvollziehbar, als ob die musikalisch Biographie eines früh verstorbenen Mannes in die Gehörgänge dringt und uns erinnert – so war es und so ist es.

Dmitry Shostakovich – The Complete Symphonies No. 1-15
Royal Liverpool Philharmonic Choir and Orchestra. Leitung: Vasily Petrenko Alexander Vinogradov, Bass
Gal James, Soprano
Huddersfield Choral Society
Naxos
EAN: 730099111140

*In Babij Jar (zu deutsch: „Weiberschlucht") – eine Schlucht in der näheren Umgebung Kiews – wurden am 29. und 30. September 1941, mehr als 33.000 Juden von deutschen Einheiten (des SD, SS und der Wehrmacht) erschossen. In den folgenden Tagen wurden weitere 20.000 Juden umgebracht. Bis zur Einnahme Kiews durch die Rote Armee wurden dort mehr als 100.000 Menschen von deutschen Tätern ermordet. Erst 1976 wurde dort ein Mahnmal errichtet und ist heute Gedenkstätte.

Lesen Sie auch: Andris Nelsons startet Shostakovich-CD-Zyklus mit dem Boston Symphony Orchestra


Abbildungsnachweis:
Header: Motiv einer russischen Briefmarke aus dem Jahr 2000. (Quelle: Wikipedia. This work is not an object of copyright according to Part IV of Civil Code No. 230-FZ of the Russian Federation of December 18, 2006.)
CD-Box

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