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Pärt/Wilson: „Adams Passion“ – Der provokative Klang der Stille

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 01. Januar 2016 um 11:35 Uhr
Pärt/Wilson: „Adams Passion“ – Der provokative Klang der Stille 4.9 out of 5 based on 109 votes.
Pärt/Wilson

Die erste Zusammenarbeit des Komponisten Arvo Pärt und des Theatermanns Robert Wilson in Tallinn, auf DVD dokumentiert: „Adam’s Passion“ zeigt langsamst bewegte Bilder zu einer bewegenden Musik. Klar, einfach und packend für alle, die sich dieser gut kalkulierten Einfachheit öffnen wollen. Ein Kulturgipfel der Minimalisten, dazu auf einer zweiten DVD: Gespräche mit Pärt, das „Making of“ dieses Kulturereignisses und Gedanken von Zeitgenossen zur Musik des Meisters aus Estland.

Da haben sich zwei gefunden, endlich. Zwei Apologeten der absoluten Reduktion – was Arvo Pärt in der Musik schreibt, führt uns Robert Wilson auf den Theaterbühnen rund um die Welt vor. Der eine ist als musikalischer Minimalist der meistgespielte zeitgenössische Komponist, der andere als Experte der reduzierten Bilder und heruntergebremsten Bewegungen der meistbeschäftigte Theatermacher unserer Tage. Vor 35 Jahren faszinierte die Musik des Komponisten aus Estland den Theatermann aus Texas. Ihre erste Zusammenarbeit muss auf einen Wink von ganz oben zustande gekommen sein: Man begegnete sich irgendwann im Vatikan, Wilson hörte Pärts Musik in der Sixtinischen Kapelle, fragte den Meister, ob man nicht etwas gemeinsam machen könne. Und Pärt antwortete: „Warum nicht?“
Pärt/Wilson Adams Passion2015, im Mai, erlebte dann das Publikum in der estnischen Haupstadt Tallinn die Premiere von „Adam’s Passion“, uraufgeführt in der „Noblessner Foundry“, einer ehemaligen sowjetischen U-Boot-Werft. 2015 war in Estland zum „Jahr der Musik“ ausgerufen worden, und es war das Jahr von Pärts 80. Geburtstag, den er im September feiern konnte. „Accentus Music“ aus Leipzig hat die Uraufführung in Bild und Ton festgehalten, in Koproduktion mit ERR und WDR und in Kooperation mit ARTE und Eesti Kontsert, gefördert durch Enterprise Estonia.
Quasi als Bonus und Geburtstagsgeschenk hat der Kamera- und Interview-scheue Jubilar zugestimmt, dass während der Vorbereitung und Proben auch Material für eine Dokumentation gedreht werden konnte – Titel: „The Lost Paradise“. In der 55-Minuten-Dokumentation von „Accentus“ sprechen die Schöpfer von „Adam’s Passion“ über ihre Arbeit und Zusammenarbeit, die Kamera begleitet Pärt zu den Proben, nach Tokio zur Verleihung des „Praemium Imperiale“ und in den Vatikan. Außerdem kommen musikalische Wegbegleiter von Pärt zu Wort. Sehr viel näher wird man im Beisein einer Kamera dem wortkargen Komponisten kaum kommen.
Vier seiner Werke hat Pärt für „Adam’s Passion“ aneinander gefügt. Unter der Leitung von Grammy-Preisträger Tönu Kaljuste, der bereits viele Werke von Pärt uraufgeführt hat, erklingt zu Beginn eine neu komponierte kurze musikalische Einstimmung mit dem Titel „Sequentia“, die er Bob Wilson gewidmet hat. Musik, die aus der Stille kommt, Musik, die in ihrer Reinheit, Zartheit und Klarheit Pärts Satz illustriert, dass Musik das Ziel habe, Seelenruhe zu schaffen. Nicht die Noten sind wichtig, sagt er, sondern die Pausen zwischen den Noten. Seine Musik kommt aus der Stille und verschwindet wieder in der Stille.

Töne von provokativer Einfachheit in den Zeiten des Lärms
Es folgt „Adam’s Lament“ für Chor und Orchester, komponiert 2010, zum russischen Text eines Mönchs vom Berg Athos – in dessen Kern Adam die Schuld der gesamten Menschheit auf seine Schultern lädt. Die Schuld einer Menschheit, die unter der Abwendung von Gott leidet. Musik, die in der zwingenden Intensität von Chor und Orchester unter die Haut geht. Das anschließende, in die Stille mündende Orchesterstück „Tabula rasa“ aus dem Jahr 1977 war eines der ersten Werke Pärts in dem von ihm in einer acht Jahre währenden Periode der Stille geschaffenen Tintinnabuli-Stil. Töne von provokativer äußerster Einfachheit in den Zeiten des allgegenwärtigen Lärms, Musik an der Grenze zur Stille: „Ich erkannte, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird.“
Den Schlusspunkt setzt sein „Miserere“, geschrieben 1989/92 für das Hilliard Ensemble. Die Vertonung einer Collage von lateinischen Zeilen aus dem Bußpsalm König Davids und aus dem Requiem.
Bob Wilson nähert sich Pärts Klangkosmos mit spürbarem Respekt. „Fast alles“, sagt er, „was man macht, kann von der Musik ablenken.“ Er wollte unbedingt vermeiden, dass sich Musik und das Geschehen auf der Bühne gegenseitig illustrieren. Wilson lässt Musik, die er in Szene setzen will, vorher gern mit geschossenen Augen auf sich wirken. Um sich dann zu fragen: „Kann ich etwas auf die Bühne bringen, das mir hilft, besser zu hören als mit geschlossenen Augen? Es geht mir um den Weg des Zuhörens.“
Das Ergebnis ist extreme reduktive Kraft, da trifft er sich mit der Musik von Pärt, auch wenn er sich nicht auf die Religiosität der Werke einlassen mag. „Das ist für mich wie bei Wagners ‚Parsifal’“ – den er 1991 in der Hamburger Staatsoper auf die Bühne brachte. „Der ist auch nicht religiös oder katholisch, er ist ein spirituelles Event.“ Auch dort geht es um Raum und Zeit. „Die sind immer das Wesentliche. Zeit ist für mich eine Verbindung zum Mittelpunkt der Erde und eine vertikale Linie. Raum ist eine horizontale Linie. In diesem Konstrukt liegt die Keimzelle für alles. Das Kreuz von Zeit und Raum ist Grundlage aller Architektur.“ Die so entstehende Kreuzform prägt auch die spartanische Bühne in Tallinn mit ihrem langen „Catwalk“ ins Publikum hinein.

„Schmerz ist es, wenn es an Liebe fehlt“
Auf dieser Bühne lässt Wilson in Zeitlupe wirkungskräftige Urbilder der Menschheit ablaufen: die Einsamkeit des Menschen, seine schutzlose Nacktheit, Fragen, Wachsen, Aufbauen, und wieder Einsamkeit. Gedanken zu Pärts Musik, die Wilson wie Pärt selbst vom Komplizierten zum Einfachen hin ordnet. Antwortversuche auf letzte Fragen. Bilder, die das Publikum fast in eine Art Trance versetzen und neuen Denkraum im Kopf weit öffnet. Bei Wilson ist der Weg immer schon ein gutes Stück vom Ziel. Seine Gedanken wandern, die Erklärungen mäandern. Am Ende merkt man, dass man über viele Stationen im Kreis um eine zentrale Idee herumgeführt wurde. Seine eigentliche Arbeit ist es, diese Reduktion aufs Wesentliche hinzubekommen.
Pärt/Wilson LOST IN PARADISEIm Gespräch mit dem Autor hat er den Sinn dieser Reduktion gezeichnet. Er zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnet zwei Rechtecke auf ein Blatt Papier. Eines füllte er mit einer wirr verschlungenen Linie, in das andere setzte er einen Punkt. „Was wirkt größer und wichtiger?“ Pause. „Der Punkt.“ er verglich das mit der Gestik von Marlene Dietrich in einem ihrer letzten Chansonabende: „Drei Songs lang hat sie ihre Arme nicht bewegt. Und am Ende des dritten Songs ging die rechte Hand ein bisschen zur rechten Seite, sie öffnete die Finger ein wenig. So geht das.“
Ein zentraler Satz in der Dokumentation lautet: „Schmerz ist es, wenn es an Liebe fehlt.“ Pärt sagt: Die Menschen haben die schlechten Seiten von Adam geerbt.“ Und setzt sein Ziel: „Wir müssen alle diese dunklen Ecken loswerden, die in uns schlummern.“ Pärt und Wilson treffen sich in ihrem Bestreben, eindringliche Klänge und Bilder für das Unsagbare zu schaffen. Pärt formuliert das so: „Ich habe meine Suche nach Licht in Noten gesetzt. Wilson sieht die Musik, und sein Phänomen ist das Licht. Licht ist wahrscheinlich ewig – etwas das stillzustehen scheint. Und gleichzeitig ist es Bewegung, das Leben. Die Verbindung von Stillstand und Bewegung.“
Jenseits aller Virtuosität und optischen Spielerei nehmen die beiden die Trauerarbeit der Menschheit in Angriff. Als eine in die Stille führende Meditation, eine Deklaration der Stille, die alle Gegensätze aufhebt und auflöst.

Arvo Pärt / Robert Wilson: Adam’s Passion
Kammerorchester Tallinn, EstnischerPhilharmonischer Kammerchor, Leitung: Tönu Kaljuste.
DVD Accentus
20333

The Lost Paradise. Arvo Pärt / Robert Wilson
Videodokumentation von Günter Atteln. Mit Sofia Gubaidulina, Paul Hillier Gideon Kremer.
DVD Accentus
20321


Abbildungsnachweis:
Header: Arvo Pärt, Robert Wilson. Foto: Kristian Kruuser
DVD-Cover

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avatar Herby Neubacher
0
 
 
Im Gespräch mit dem Autor hat er den Sinn dieser Reduktion gezeichnet. Er zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnet zwei Rechtecke auf ein Blatt Papier. Eines füllte er mit einer wirr verschlungenen Linie, in das andere setzte er einen Punkt. „Was wirkt größer und wichtiger?“ Pause.

Erinnert mich stark an den alten Psychaiter Witz wo der Mann zum Seelenklempner kommt und sagt : Herr Doktor - ich sehe ueberall nackte Frauen, koennen Sie mir helfen, bitte!

Der Doktor nimmt Bleistift und Papier und zeichnet ein Dreieck und fragt den Patienten: Was ist das? Der antwortet: Eine wilde nackte Frau!

Der Psychiater versucht sein Glueck erneut und zeichnet einen Kreis: Was sehen Sie?
Zwei wueste nackte Frauen.

Schliesslich verzweifelter Versuch mit einer Line - " Ein ganzer Bus voll nackter Frauen!"

Fragt der Arzt: Warum sehen Sie eigentlich dauernd und ueberall nackte Frauen? -
Antwort: Wer zeichnet denn hier die ganzen Schweinereien!

Tabula Rasa Mr. Paert. In der Tat.


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