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Aurora Orchestra: Insomnia

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(78 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Claus Friede  -  Dienstag, den 22. September 2015 um 11:50 Uhr
Aurora Orchestra: Insomnia 4.7 out of 5 based on 78 votes.
Aurora Orchestra

Musik zur Nacht. So könnte der Untertitel des Albums des britischen Kammerorchesters Aurora lauten.
Neben den Übervätern der Neuen Musik, dem rumänisch-österreichischen Komponisten György Ligeti sowie Benjamin Britten, kommen François Couperin, der Australier Brett Dean und der eher unbekannte englische Komponist Ivor Gurney zum Erklingen sowie sogar John Lennons und Paul McCartneys Stück „Blackbird“ u.w.

Vor exakt zehn Jahren gründete sich das „Aurora Orchestra“, mit Sitz und London, und schnell, sehr schnell konnte es sich in die Herzen des Publikums spielen. Mit Präzision, Lockerheit, neuen Programmideen, einer Prise Witz und genreübergreifender Ausrichtung ist es weit über London hinaus zu einer Institution mit Intuition geworden. Allein die Homepage des Orchesters sieht nach allem anderen aus als nach Klassischer Musik und Orchester. Mit ihrem letzten Album „Roadtrip“ erhielten die Musiker verdientermaßen den begehrten ECHO Klassik-Preis.

altDas neue Album „Insomnia“ (Schlaflosigkeit) beschäftigt sich mit Musikliteratur der Nacht, des Schlafens und Wachens und ein wenig auch immer mit Träumen. Gleich das erste Stück von Ivor Gurney (arr. von Ian Farrington) „Sleep“ aus dem Jahr 1914 verweist zwar auf etwas, das als Schlaf stetig und erholsam sein soll, hier jedoch sich die Unruhe und Aufgewühlt-Sein durchsetzt und von Tenor Allan Clayton entsprechend subtil quälend bis leidend interpretiert wird. Dem Text liegt einem Gedicht von John Fletcher (1579-1625) zugrunde, das dieser um 1605 zu Papier brachte. Es steht jedoch nicht nur textlich in der Tradition der Lieder des Elisabethanischen Zeitalters, sondern ist auch musikalisch filigran und sensibel wie aus der Feder eines John Dowlands.

François Couperin (1668-1733) Hofmusikus von König Ludwig XIV. folgt mit seinem kurzem, 1717 für Cembalo geschriebenen „Les Barricades Mystérieuses“. Das in Rondo-Form komponierte Stück ist eine locker und schnell fließende romantisierende, neu überarbeitete Cembalo-Version. Der Titel ließ Generationen rätseln worauf dieser anspielen könnte. Er hat wohl eher eine Bedeutung als abstrakte Wirkung, denn als konkretes Objekt oder Geschehnis.

Benjamin Brittens „Nocturne“ (Op. 60 – 1958 komponiert) ist hingegen eine echte Herausforderung an die Instrumentalisten und den Tenor. Bravourös, wie alle die acht unterschiedlichen poetischen Texte und jeweiligs individuellen Hauptinstrumente strukturiert haben und zu Gehör bringen. Allein diese Interpretation rechtfertig die ganze CD.

Beim Aurora Orchestra darf es auch immer ganz zeitgenössisch zugehen: John Winston Lennon und James Paul McCartney schrieben 1967 das Lied vom schwarzen Vogel „Blackbird“, der sich in die dunkle Nacht aufmacht, um einen Moment von Freiheit zu genießen auf den er sein Leben lang gewartet hat. Dieser ziert auch symbol- und sinnhaft das Cover der CD. Allan Clayton singt es natürlich anders als das McCartney gemacht hat, aber nicht weniger eindrucksvoll. Sein „Blackbird“ ist tänzelnder und musikalisch hier und da mit einem ganz leichten schönen Tremolo versehen und ausgearbeitet. Dazu darf auch gepfiffen werden. Eine anregende Version.

Zu den wohl unbekannteren Komponisten gehört der 1961 in Bisbane geborene Brett Dean. Vierzehn Jahre war er Mitglied bei den Berliner Philharmonikern, bevor ihn freies Schaffen zurück in sein Heimatland Australien trieb. Seine „Pastoral Symphony“ nimmt Bezug auf Beethovens gleichnamiges Stück aus dem Jahr 1808. Über eine Minute mimen Instrumente Vogelgezwitscher, bevor die Nacht einbricht und der Klang ein anderer wird. Dean ist ein durchaus politischer Künstler mit Kritikerpotential: insbesondere beklagt er die Umweltzerstörung und den respektlosen Umgang mit der Natur Australiens. Seime 17-minütige Symphonie ist eine Hommage an die Vogelwelt des südlichen Kontinents.

Nach dem vermeintlich „taktlosen Geklapper“ – wie es nach der Premiere 1962 kolportiert wurde – und im Niederländischen Fernsehen eine geplante und mitgeschnittene Ausstrahlung unterbunden wurde (anstatt dessen wurde ein Fußballspiel übertragen und hatte selbstredend viel mehr Zuschauer...), hat György Ligetis „Poéme Symphonique“ mit seinem Ensemble aus einhundert Metronomen einen guten Platz auf „Insomnia“ gefunden, die die Nacht rhythmisieren.

Eine überaus sinnvolle Überleitung zum Peter Buck, Mike Mills und Michael Stipe-Titel „Ive Been High“. Von Richard Tognetti arrangiert kommt diese R.E.M.-Ballade der Jahrtausendwende ganz ruhig und besänftigend zum Ausklang der CD.

Vielseitig und ausgesprochen gut gelungen, was das Aurora Orchestra mit Allen Clayton uns da anbietet.

Aurora Orchestra: „Insomnia“
Allan Clayton, Aurora Orchestra, Nicholas Collon.
CD
EAN: 0825646082230

Homepage
Hörprobe
Video: Aurora Orchestra: Insomnia


Abbildungsnachweis:
Header: Aurora Orchestra Insomnia) with Allan Clayton (tenor) and Nicholas Collon (conductor). Foto: Simon Weir. © Aurora Orchestra
CD-Cover

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