Zum Anfang

Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 843 Gäste online

Neue Kommentare

Friedrich von der Lange zu „Snowden” – Patriot oder Verräter? : Von keinem anderen, als von Ollie Stone hätte ic...
Hein Daddel zu „Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue: Ein starker Film über eine starke Frau. Sehr gut...
Gerhard P. zu OKRA – Piano & Field Recordings: Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spa...
Hans G. Gohlisch zu Chefredakteur von ZEIT ONLINE spricht über "Community Engagement und New Storytelling: Eigentlich habe ich einen Bericht über David Hoc...
adarompf@gmx.de zu „Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei : In allen Facetten genaue Beschreibung des Films, ...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


CDs KlassikKompass

Praetorius. Pablo Heras Casado, Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble

Drucken
(97 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 12. August 2015 um 14:03 Uhr
Praetorius. Pablo Heras Casado, Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble 4.7 out of 5 based on 97 votes.
Praetorius. Pablo Heras Casado, Balthasar-Neumann-Chor und –Ensemble

Drei Musiker mit dem Namen Praetorius – und ihre Kompositionen aus den ersten 25 Jahren des 17. Jahrhunderts. Ein Zeitalter rasanter Entwicklung der Stilmittel und Kompositionstechniken, ohne die die Musik des Barock nicht möglich geworden wäre. Der junge spanische Dirigent Pablo Heras-Casado mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble hat Kompositionen aus dieser faszinierenden Umbruchzeit aufgenommen.

Zu den Schultern, auf denen die Großkomponisten des Barock stehen, gehören auch die etlicher Musiker mit dem Namen Schulz oder Schultheiß. Nie gehört? Das mag daran liegen, dass sie ihren Namen der Zeitmode folgend, latinisiert hatten und sich nun Praetorius nannten. Wobei der berühmteste, der Komponist des vierstimmigen Satzes von des Weihnachtsliedes „Es ist ein Ros entsprungen“, Michael Praetorius – nicht verwandt ist mit der gleichnamigen Hamburger Organisten- und Komponisten-Dynastie.

Cover Praetorius Pablo Heras Casado, Balthasar-Neumann-Chor und –EnsembleDer spanische Dirigenten-Shooting-Star Pablo Heras-Casado hat sich mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble elf Werken von drei Trägern des Namens Praetorius gewidmet, die sämtlich im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts entstanden – der Zeit des Übergangs von der Renaissance zum Frühbarock. Heras-Casado wählte Musik von Michael Praetorius(1571-1621), geboren in der Nähe von Eisenach. Er war ein bedeutender Komponist, Organist, Hofkapellmeister und Musikgelehrter, der in Thüringen, Braunschweig, Lüneburg, Dresden und Wolfenbüttel lebte.
Von ihm stammen nicht nur mehr als 1.200 Liedbearbeitungen in der Sammlung „Musae Sioniae“, das musikalische Erbe der Reformationszeit, und die bekannten weltlichen Tänze unter dem Titel „Terspichore“ (1612) – er schrieb auch die drei musiktheoretischen Bände von „Syntagma musicum“, erschienen 1615-1619, ein Werk, das heute als wichtige Quelle zur zeitgenössischen Aufführungspraxis und der Instrumente des Frühbarock gilt. Michael steuert zur Praetorius-CD ein Magnificat, komponiert 1611, bei.
Und eine 1607 entstandene Vertonung von Versen aus dem Hohen Lied Salomos. jener Sammlung von Liebesliedern, die zu den freud- und lustvollsten Texten des Alten Testaments zählen. Sie sind wohl zwischen 500 und 300 v. Chr. zusammengetragen worden und wurden wegen ihrer Sinnlichkeit wegen gern als Textgrundlage für Hochzeitsmusiken verwendet – womit auch Heras-Casado das Grundthema seines Praetorius-Albums gesetzt hat.

Neben Michael Praetorius liefern zwei Mitglieder der Hamburger Praetorius-Familie Kompositionen: Hieronymus (1560-1629), Sohn Jacobs des Älteren, ab 1582 Organist an St. Jacobi und hoch geachtet wegen seines großen Engagements für das Hamburger Musikleben, steuert ein Magnificat und fünf weitere Vertonungen bei. Sein Sohn Jacob der Jüngere (1586-1651), ab 1604 Organist an St. Petri und eines von drei Kindern des Hieronymus, die sich selbst wieder der Musik zuwandten, ist hier mit drei Werken vertreten.

Brüche mit den Konventionen der Vergangenheit
Die Musik der drei Komponisten entsteht in einer Epoche der Neuerungen, in der vielfach mit Konventionen der Vergangenheit gebrochen wird. Aus Italien brachten Komponisten von ihren Dienstreisen die berauschende Kunst vielstimmiger Vokalkompositionen über die Alpen, im Norden mischte sie sich mit einem gewissen rauen, protestantischen Ernst. Die neue Musik lässt die in großen sakralen Räumen lang schwebenden melodischen Linien der Renaissance hinter sich und wendet sich kürzeren Motiven zu, mit denen man konzertierende (dieses Wort erklärt Michael Praetorius so: „welches miteinander scharmützeln heißt“) Spannung und Dramatik ins Hörgeschehen holt, die die Seele auf lebendigere Art bewegen kann: Die Musik wird gesungen von mehreren Chören und gespielt von mehreren Instrumentengruppen. Über dem neuartigen Generalbass können sich reich ausgezierte Stimmen entfalten. Die Vielzahl der alten Kirchentonarten wird langsam immer weiter reduziert auf eine Dur/Moll-Tonalität. Dazu kommt eine wahre Lust an der ungewohnten Spannung, die durch punktuelle Dissonanzen entsteht.

Michael Praetorius, den Zeitgenossen als „weitberühmten, kunstreichen, vortrefflichen und von Gott hoch begnadeten Musicus“ lobten, den man sogar als „deutschen Orpheus“ bezeichnete, verwendete den konzertierenden Stil ab 1613, über seinen Nachfolger in Dresden, Heinrich Schütz, der sich auch in Italien umhören konnte, und über importierte Werke Vivaldis gelangte er später zu Johann Sebastian Bach.

Die Musiker experimentieren mit Leise/Laut- und Hoch/Tief-Kontrasten, mit einander antwortenden Sängergruppen wie in Jacob Praetorius’ „Indica mihi“ – komponiert von Jacob Praetorius für die Hochzeit seiner Tochter Gesa mit einem dänischen Komponisten. Michael Praetorius’ „Magnificat“ besticht durch lebhafte, fast dramatische Chorpassagen, in denen fast schon ein bisschen Swing zu hören ist. „Quam pulchra es“ von Jacob ist vertonte Leidenschaft, Sehnsucht und Sinnlichkeit mit freudig ausgekosteten Dissonanzen.

Pablo Heras-Casado mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble versteht es hervorragend, das Spannende, Neue dieser Musik, die sich dem „Menschlichen, dem körperlich Erfahrbaren, dem Genussvollen“ zuwendet, zum Klingen zu bringen. Es sind nicht mehr nur vertonte religiöse Setzungen – die Musik macht sich in diesem Vierteljahrhundert der Neuerung auf den Weg, die Menschen in ihren lebendigen Erfahrungen zu berühren – eine Welt unverbrauchten musikalischen Ausdrucks, die für die Zeitgenossen damals mit geradezu erschreckend neuartiger Kraft daherkam.

Praetorius. Pablo Heras Casado, Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble.
Archiv Produktion
479 4522

Hörbeispiele


Abbildungsnachweis:
Header: Barockmusiker. Quelle: Wikipedia
CD-Cover

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Bücher & CDs – wissen was sich lohnt

OKRA – Piano & Field Recordings
Kultur Magazin



Die Okra, auch Gemüse-Eibisch, ist eine Gewächsart aus der Familie der Malvengewächse. Sie ist eine aus dem Hochland Ostafrikas stammende Pflanze, [ ... ]



Till Brönner: The Good Life
Kultur Magazin



Baba-bäää, baba-bo-bääääbää – die Trompete ist unverkennbar, der smoothe und doch intensive Sound auch. Till B [ ... ]



Neil Cowley Trio: Spacebound Apes
Kultur Magazin



„Dies ist ein Projekt, an dem ich lange gearbeitet habe. Es beinhaltet Themen wie Schuld, Angst, Verlust und Sehnsucht – mit ein paar überraschenden [ ... ]



Melt Trio: Stroy
Kultur Magazin



Die beiden Brüder Peter (Gitarre) und Bernhard Meyer (Bass) sowie Moritz Baumgärtner (Drums) bringen ihr drittes Album heraus: Stroy.
Die archaische V [ ... ]



Mehr auf KulturPort.De

„Snowden” – Patriot oder Verräter?
Kultur Magazin



Das Schlachtfeld heißt Cyberspace, und für US-Regisseur Oliver Stone ist sein Protagonist ein Widerstandskämpfer mit Vorbildfunktion. Ziviler Ung [ ... ]



Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch
Kultur Magazin



„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit [ ... ]



Saisonstart mit philharmonischem Glück und symphonischem Tiefgang
Kultur Magazin



Die Hamburger Philharmoniker mit Kent Nagano punkten bei ihrer Saisoneröffnung mit Brahms’ Erster. Die Symphoniker Hamburg holen mit Thomas Adè [ ... ]



Jonas Burgert – Hälfte Schläfe
Kultur Magazin



Die Hamburger Produzentengalerie in der Admiralitätsstraße zeigt bis zum 30. Oktober 2016 Werke von Jonas Burgert. Seit der Ausstellung „Geschichtenerzä [ ... ]



„Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue
Kultur Magazin



Lucie Borleteau inszeniert die Odyssee ihrer Protagonistin ästhetisch virtuos als Chronik einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung: sinnlich, melancholis [ ... ]



Gilla Cremer auf der Spur der Geheimisse wahrer Freundschaft
Kultur Magazin



Was ist eigentlich Freundschaft? Wie entsteht sie? Was hält langjährige Freunde zusammen? Was kann sie trennen? Was ist bei Freundschaft anders als bei Liebe?  [ ... ]



Weitere aktuelle Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Events