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Friedrich Gulda: Johann Sebastian Bach – Das wohltemperierte Klavier

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Donnerstag, den 11. Juni 2015 um 13:59 Uhr
Friedrich Gulda: Johann Sebastian Bach – Das wohltemperierte Klavier 4.7 out of 5 based on 107 votes.
Friedrich Gulda: Johann Sebastian Bach – Das wohltemperierte Klavier

Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ in der großartigen Aufnahme Friedrich Guldas. Neu abgenommen von den Masterbändern aus den Jahren 1972/73 – ein Klaviererlebnis der Sonderklasse.
Der Pianist Friedrich Gulda, Jahrgang 1930, hatte 1968 seine höchstgelobte Gesamtaufnahme der Beethoven-Klaviersonaten vorgelegt, die als „Neues Testament“ der Klavierkunst gelten. Im April 1972 und Mai 1973 ging er daran, auch das „Alte Testament“ einzuspielen – Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“, beide Teile. Jeweils 24 Präludien und Fugen in allen Tonarten zwischen C-Dur und h-Moll. Jetzt hat Edel Germany diese legendäre Aufnahme wieder auf CD herausgebracht.

Friedrich Gulda: Johann Sebastian BachIm Villinger Studio des Labels MPS stand 1972 ein Bösendorfer Grand Imperial bereit, die Mikrofone relativ dicht über den Saiten des gewaltigen Instruments befestigt – nichts sollte zwischen den Tönen und den elektronischen Ohren sein als ein paar Zentimeter Luft. Musik pur, von allergrößter Klarheit – das war das Ziel von Friedrich Gulda und Label-Gründer Hans Georg Brunner-Schwer. So wurde es aufgenommen, und nun erstmal seit langer Zeit wieder direkt von den Masterbändern abgenommen, ohne dass in die Dynamikunterschiede des Originals noch einmal regulierend eingegriffen wurde. Denn sie gehören zum Interpretationskonzept Guldas. Diese Aufnahme holt den Zuhörer so dicht wie möglich an das Klanggeschehen heran, man sitzt quasi im Flügel, während um einen herum die Hämmerchen die Saiten anschlagen – die Musik wird zur ganz persönlichen Erfahrung.

Das bringt nicht nur eine unfassbare Klarheit des Klangs zum Vorschein, sondern auch die große Bandbreite in der Lautstärke. Was Sinn macht: Bach hatte sein Werk nicht explizit für ein bestimmtes Instrument geschrieben. „Clavier“, das bedeutete damals Instrument mit Tasten, das konnte eine Orgel, ein Cembalo oder ein Clavicord sein. Und Bach, der auf allen Clavieren zuhause war, packte in seine Musik die unterschiedlichen Eigenarten und Möglichkeiten der unterschiedlichen Tonerzeuger hinein. Das perlende, aber wenig tragfähige Staccato des Cembalos, der feine, modulationsfähige Klang des Clavicords und der tragenden vollen Klang der Orgel.

Die Aufteilung der Oktave in zwölf gleiche Halbtöne veränderte die Musik
Dass Gulda dies alles dem modernen Konzertflügel entlockt, hat auch historisch eine Berechtigung: Bach war selbstverständlich genauestens informiert über neue Entwicklung in Sachen Clavier – er korrespondierte zum Beispiel mit Gottfried Silbermann, dem Orgelbauer, über die Technik eines Fortepianos mit Hammermechanik und die Qualität dessen Anschlags.

Doch nicht allein die avancierteste Klavier- und Spieltechnik wollte Bach in seinem „Wohltemperierten Klavier“ vorführen, das übrigens keineswegs aus einem Guss entstanden ist, sondern nach und nach zusammengefügt wurde. Bach machte sich auch zum Vorkämpfer der zwischen 1681 und 1691 von dem Organisten und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister vorgeschlagenen, aber nur zögerlich eingesetzten „wohl temperierten Stimmung“. Sie folgt nicht mehr der reinen Stimmung, sondern versucht, deren Unsauberkeiten durch gleich große Halbtonschritte auszugleichen. In seinem 1707 posthum erschienenen Werk „Musicalische Paradoxal-Discourse“ hatte Werckmeister in letzter Konsequenz die „gleichschwebende Stimmung“ mit mathematisch exakter Aufteilung der zwölf Halbtöne vorgestellt.

Bachs 1722 (erster Teil) und 1740/42 (zweiter Teil) erschienenes Werk demonstriert die Möglichkeiten dieser neuen Stimmung. Klangen bis dahin die Tonarten umso verstimmter, je mehr sie sich von C-Dur als Grundtonart entfernten, so stehen sie nun völlig gleichberechtigt nebeneinander – was in der musikalischen Praxis die ganze Welt der Tonarten öffnete und Modulationen in alle Tonarten möglich machte.

Knapp zehn Jahre nach Glenn Goulds verstörend eigenwilliger, aber vielen noch immer als Benchmark geltender Interpretation zeigt Gulda, dass man die faszinierenden Manierismen des Kanadiers, der zwei Jahre jünger war als Gulda, nicht unbedingt braucht, um eine Interpretation der Präludien und Fugen zu spielen, in der sie das Image der Übungsstücke für Weltklasse-Pianisten hinter sich lassen.

Friedrich Gulda ist ein Zauberer der Klangfarben
Gulda verzichtet mit wenigen Ausnahmen (B-Dur-Präludium) auf Affentempi, die er selbstverständlich mit derselben Präzision und einem ebenso knackig rasenden Staccato (d-Moll-Präludium) beherrscht wie Gould. Er steht ihm auch in nichts nach, wenn es in den Fugen darum geht, drei und mehr Stimmen gleichzeitig so zur Geltung zu bringen, dass man jede einzelne verfolgen kann. Dazu bremst er den Vortrag in Einzelfällen auch mal stark herunter, wie man gleich in der C-Dur-Fuge hören kann. Das klingt manchmal herausfordernd langsam, fast suchend wie in den Fugen f-Moll und fis-Moll.

Vor allem aber ist Gulda ein Zauberer der Klangfarben. Sein Bösendorfer klingt manchmal wie ein Cembalo (Präludien D-Dur, E-Dur und e-Moll, G-Dur-Fuge), manchmal zurückgenommen wie ein Clavichord (Präludium und Fuge gis-Moll oder die pastellfarbige Basslinie des e-Moll-Präludiums, über dem eine allerklarste Sopran-Improvisation schwebt). Zuweilen sucht er auch den gewaltigen Orgelklang wie in der cis-Moll-Fuge oder dem Es-Dur-Präludium.

Er entlockt dem Grand Imperial ganz zarte verträumte Passagen wie im e-Moll- oder dem f-Moll-Präludium, kann ihn raubauzig stampfen lassen wie in der F-Dur-Fuge oder singen lassen wie im H-Dur-Präludium, meditativ zurücknehmen wie für das gewaltig ausgedehnte h-Moll-Präludium mit seiner wunderbar weich hingetasteten Non-Legato-Basslinie.

Es klingt hart und streng wie das a-Moll-Präludium (alle genannten Beispiele beziehen sich auf den ersten Teil des „Wohltemperierten Klaviers“). Oder nach elegantem Swing, den Gulda auch in einem Stück wie der A-Dur-Fuge mit ihren sperrigen Sprüngen herauszukitzeln versteht. Und bei all dem klingt sein Spiel nie wie ein Kampf mit dem Instrument auf Leben und Tod, Gulda strahlt überlegene Lässigkeit aus.

Das 4-CD-Album, neu herausgegeben anlässlich des 85. Geburtstags des im Jahr 2000 gestorbenen Pianisten, brilliert aber auch durch das 36-Seiten-Booklet mit Texten zu Gulda und Bach und Ausführungen des Künstlers über Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ und eine von Peter Schimmerling verfasste ausführliche Erläuterung zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte.

Friedrich Gulda: Johann Sebastian Bach – Das wohltemperierte Klavier
(Gesamtausgabe). 4CDs
MPS 0300 650 MSW.
Auch erschienen auf 5 Vinyl-LPs in der originalgetreuen Ausstattung samt Original-Booklet in einer LP-Box

Video: Gulda spielt Bach
Hörbeispiele


Abbildungsnachweis:
Header: H.G.Brunner-Schwer (links), Gründer von MPS Records und Friedrich Gulda (rechts). Foto: German Hasenfratz
CD-Cover 3D

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