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Arvo Pärt: Te Deum

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 05. Juni 2015 um 09:56 Uhr
Arvo Pärt: Te Deum 4.8 out of 5 based on 107 votes.
Chor des Bayerischen Rundfunks

Das „Te Deum“ und andere geistliche Vokalwerke von Arvo Pärt entwickeln, interpretiert vom Chor des Bayerischen Rundfunks, aus der raffinierten Schlichtheit der Kompositionen eine enorme spirituelle Kraft.

Die spirituelle Kraft der Einfachheit der chaotischen Welt entgegensetzen, als Traumbild dessen, was sein könnte. Das ist das Credo des estnischen Komponisten Arvo Pärt, die Leitlinie seiner Musik, mit der er seine Menschen berührt und bezaubert. Und wo würde dieses Konzept der Einfachheit besser passen als bei geistlicher Vokalmusik in der Tradition der christlichen Mönche?

Cover te DeumEine ungewöhnliche CD des vielfach ausgezeichneten Chors des Bayerischen Rundfunks und mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Peter Dijkstra führt das eindrucksvoll vor. Auf ihr sind versammelt Pärts „Te Deum“ aus dem Jahr 1985, ein „Wallfahrtslied“, das 1984 als Nachruf auf den estnischen Regisseur Grigori Kromanov zu Worten aus dem Psalm 121 entstand. Dann die 1990 für den 90. Katholikentag in Berlin entstandene „Berliner Messe“ und – eingeschoben zwischen Gloria und Credo das Stück „Doppo la vittoria“, das Pärt 1997 für die Stadt Mailand zur 1600-Jahrfeier des Todes des Heiligen Ambrosius schrieb. Es vertont einen russischen Lexikonartikel zur Geschichte der Entstehung des Lobgesangs „Te Deum“.

Pärts „Te Deum“ zum Text des uralten christlichen Gotteslobs, das angeblich im Jahr 387 während der Erwachsenentaufe des heiligen Augustinus im lobpreisenden musikalischen Dialog mit dem taufenden Ambrosius entstanden ist, beginnt mit dem archaischen klagenden Ton einer Windharfe, zugespielt aus einer Aufnahme. Er mündet in lange, liegende Töne, aus dem sich organisch die Männer- und dann die übrigen Chorstimmen entwickeln – monophone Passagen stehen polyphonen Phrasen gegenüber, das düstere d-Moll als Grundtonart erblüht immer wieder in helles D-Dur von strahlender Leichtigkeit.

Kein triumphales Gotteslob, sondern tief empfundene Innerlichkeit
Pärt, der in den 70er-Jahren vom estnischen Evangelen zur russischen Orthdoxie konvertiert ist, zelebriert kein triumphales Gotteslob einer überlegenen Religion – sein „Te Deum“ ist geprägt von tief empfundener Innerlichkeit, die Stimmen erinnern an alte gregorianische Gesänge, die Begleitung in der Bearbeitung für Kammerorchester kommt minimalistisch daher. Beides ist typisch für Pärts Kompositionsstil, dem er sich seit 1976 - nach einer achtjährigen Pause – verschrieben hat. Sein „Tintinnabuli“-Stil sucht aus einfachen Dreiklängen reine Klarheit, die ihre Kraft, die Menschen zu berühren, in einer sehr altertümlichen Reduzierung und Strenge findet und gleichwohl ganz modern anmutet.
Ähnlich der reduktiven Bühnenphilosophie des Theatermachers Robert Wilson, die ihre Stärke daraus holt, dass möglichst wenig explizit gezeigt wird, verzichtet Pärt auf komplexe Rhythmik und komplizierte Melodien und weitläufige Modulationen, auf den Klang des vollen Orchesters, auf verzierendes Beiwerk und setzt auf betonte Schlichtheit, die er als Kontrapunkt zum Chaos des modernen Lebens verstanden wissen will. Pärt schreibt: „Je mehr wir ins Chaos geworfen werden, desto mehr müssen wir an der Ordnung festhalten. (...) Je größer dieser Teil von Ordnung und je weiter dieser Flügelschlag, desto mächtiger ist auch die Wirkung eines Kunstwerks.“
Dieses Konzept des „weniger ist mehr“ geht im „Te Deum“ auf, ja, es entwickelt ein große spirituelle Kraft, eine still leuchtende Gewissheit der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. „Die Stille“, hat Pärt einmal gesagt, „ist immer vollkommener als die Musik. Man muss nur lernen, das zu hören.“

Ein Gruß über die unpassierbare Linie des Todes hinweg
Nur acht Minuten dauert sein „Wallfahrtslied“, dass er zum Tod seines Freundes Kromanov geschrieben hat. Eine Musik, die von traurigen Seufzern in der Tradition von Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken geprägt wird – in die hinein der Männerchor auf einem Ton singt: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Pärt schrieb dazu, es sei sein Versuch, die unpassierbare Linie zwischen Leben und Tod wenigstens für „eine zarte Berührung, einen Gruß“ zu überwinden.

Seine knapp zwanzigminütige „Berliner Messe“ folgt im Text dem lateinischen ordinarium missae mit den Sätzen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei – ein Werk, das im Rhythmus des menschlichen Atmens wie eine gewaltige Meditationsmusik aufscheint.
Ein fast volksmusikhaft fröhlichen, tänzerischen Grundton bringt die kleine, zwischen Gloria und Credo eingefügte Kantate, die die Entstehungsgeschichte des „Te Deum“-Textes erzählt und in den Textzitaten daraus seinen strengeren Kirchenton wieder aufnimmt.
Der seit 1946 bestehende Chor des Bayerischen Rundfunks lässt sich unter der Leitung von Peter Dijkstra vollkommen auf Pärts Gedankenwelt ein, singt in geradezu engelhaft rein intoniert, gibt Pärts Kompositionen in anrührender Schlichtkeit wieder und vertraut zu Recht auf die große Intensität, die genau daraus entsteht.

Arvo Pärt: Te Deum.
Chor des Bayerischen Rundfunk, Münchner Rundfunkorchester, Leitung Peter Dijkstra.
CD BR Klassik
900511


Hörbeispiele
Video: Peter Dikstra probt Pärts „Te Deum“


Abbildungsnachweis:
Header: Chor des Bayerischen Rundfunks
CD-Cover

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