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Agostino Steffani: Niobe, Regina di Tebe

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 06. Mai 2015 um 13:49 Uhr
Agostino Steffani: Niobe, Regina di Tebe 4.7 out of 5 based on 84 votes.
Agostino Steffani: Niobe, Regina di Tebe

Jahrhunderte lang vergessen, nun gleich zwei Gesamtaufnahmen von Agostino Steffani: „Niobe, Regina di Tebe“ ist ein faszinierendes Beispiel für barocke Opernkunst, der Italiener – damals in München angestellt – zog virtuos alle emotionalen Register für ein Meisterwerk, das Thomas Hengelbrock 2008 mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble wiederentdeckte und in London mit überbordender Musizierfreude live aufnahm. Das Boston Early Music Festival Orchestra legte kurz danach eine Studio-Aufnahme vor.
Das muss man erst mal in einer einzigen Oper unterbringen: ein Monster, das sich in Krieger auflöst, zwei Drachen, einen Luftwagen für etliche Göttter, die zauberhafte Errichtung der Mauern des sagenhaften Thebens und gegen Ende ein veritables Erdbeben, das sie wieder zerstört. Unter den zwölf Bühnenbildern müssen sich die Hölle, der Mars, ein Museum, ein Palast und ein Amphitheater befinden. Dazu kommen an die 60 Arien in 56 Szenen. Die je nach Fassung und Strichen etwa drei- bis dreieinhalbstündige Handlung lässt sich in den Worten „Hochmut kommt vor dem Fall“ zusammenfassen. Die Oper heißt „Niobe, Regina di Tebe“ – es ist die Geschichte der Niobe, einer Tochter des Tantalus und Enkelin von Zeus, die sich mit den Göttern anlegt, die dann alle ihre Kinder – der Sage nach waren es sieben Söhne und sieben Töchter – töten. Niobe Mann bringt sich um, sie selbst wird in ihrem namenlosen Schmerz zu einem weinenden Stein.

Eine gewaltiges Spektakel, dass Agostino Steffani, 31 Jahre alter Hofkapellmeister am Münchener Kurfürstenhof, da mit einem erheblich erweiterten Orchester als Abschiedsknaller in der Karnevalssaison 1688 auf die Bühne gebracht hat, bevor er zu seinem neuen Dienstherrn in Hannover abreiste.
Mag sein, dass die Oper noch ein paarmal danach aufgeführt wurde, Steffani kam nur langsam aus der Mode. Aber dann wurde es doch fast dreihundert Jahre lang sehr still um sie. Agostino wer bitte...?

Donna Leon beleuchtete das schillernde Leben Steffanis
Agostino Steffani war – fleißige Donna-Leon-Leser wissen das seit 2012 (nachzulesen in „Himmlische Juwelen“) – eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Musikgeschichte.
Geboren 1654 im Veneto, wurde in jungen Jahren vom bayerischen Kurfürsten gefördert und im Alter von 13 Jahren nach München geholt, wo er 21 Jahre lang am Hof angestellt war.
Seine Talente war auf ganz unterschiedliche Gebiete verteilt: Er war auf Orgel und Cembalo ein Virtuose von hohem Können, was ihm viele Türen öffnete. Als Komponist wurde er in München gefeiert, wo der im Jahr zuvor zum Priester geweihte Mann seit 1681 Kammermusikdirektor war und für regelmäßigen Nachschub an Opern und Balletten sowie Musik für allerlei höfische Events zu sorgen hatte.
Kurfürst Max Emanuel schickte ihn in allerlei Missionen als Diplomat quer durch Europa, bis Steffani 1688 nach Hannover wechselte.1698 ging er nach Brüssel, dann folgte Düsseldorf, die Jahre 1703/04 erlebten ihn als Rektor der Universität Heidelberg, 1706 brachte ihm die Würden eines Titularbischofs. Als Diplomat war er auch in rämischen Diensten, bevor er mit dem Ziel, deutsche Herrscher wieder in die Arme der katholischen Kirche zu treiben, nach Deutschland zurückkehrte. 1728 starb Steffani, er liegt im Frankfurter Dom begraben.

Ein Komponist, von dem sich Händel manches ausborgte
Als Musiker brachte Steffani die großen Stilrichtungen der Barockepoche zusammen: Äußerst effektvoll mischte er deutsche, französische und italienische Einflüsse. Händel – den er zweimal traf – muss ihn sehr bewundert haben, denn er lieh sich hin und wieder melodische Einfälle bei Steffani, um sie in eigene Werke einzubauen – damals ein durchaus übliches Verfahren.
1977 wurde die Oper – „Dramma per musica“ nannte sie der Komponist – in New York kurz gespielt, und erneut vergessen. Cecilia Bartoli brachte 35 Jahre später zeitgleich mit Donna Leon und quasi im Doppelpack ein virtuoses Steffani-Album heraus unter dem Titel „Mission“. Und machte den Komponisten damit erstmals einem breiteren Publikum bekannt.
Das Verdienst, Steffanis „Niobe“ nachhaltig wieder ausgegraben zu haben, gebührt allerdings einem anderen: dem heutigen NDR-Chefdirigenten Thomas Hengelbrock. Eine gute Entscheidung, denn Steffanis fünfte Oper erweist sich als ein barockes Füllhorn an musikalischer Brillanz, eine Reise durch alle Emotionen, derer die Menschen fähig sind, in hochexpressiver Leidenschaft vertont, mitreißend, berührend, faszinierend, mit hinreißenden melodischen Einfällen, oft überraschend instrumentiert.
Hengelbrock führte sie 2008 zur Eröffnung der Schwetzinger Festspiele mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble erstmals wieder auf. Drei Jahre später tat es ihm das Boston Early Music Festival Orchestra unter Paul O’Dette und Stephen Stubbs nach, und nun legen beide Ensembles – im selben Frühjahr – ihre Gesamtaufnahmen vor. Und der geneigte Hörer hat die Qual der Wahl.

Hengelbrocks Aufnahme ist schwungvolles Musizieren pur
hengelbrockHengelbrock (bei Opus Arte) setzt auf einen Live-Mitschnitt aus dem Londoner Royal Opera House, Covent Garden aus dem Jahr 2010. Unter den Solisten glänzen Véronique Gens (Niobe), Counter Jacek Laszczkowski (ihr Mann Anfione), Counter Iestyn Davies als Creonte und Alastair Miles als Bösewicht Poliferno.

Die Hengelbrock-Aufnahme ist schwungvolles Musizieren pur, und weil ein Live-Auftritt dokumentiert ist, rumpelt und pumpelt die Theatermaschinerie kräftig mit, wenn auf der Bühne andere als stimmliche Wunder gefragt sind. Man ist mitten drin im dramatischen Geschehen, das hat Kraft, natürlich wird hier und da mal eine Phrase in Mitleidenschaft gezogen, wenn das Spiel richtig zupackend wird. Eine äußerst lebendige Aufnahme, lebendige Musik von heute, in die sich alle richtig hineinwerfen.

o'detteO’Dette und Stubbs haben ihre Niobe zwar auch für die Bühne einstudiert, sie sind aber für die Aufnahme dann ins Studio umgezogen. Sie setzen auf kristallklar präsentes Spiel und haben mit Karina Gauvin (Niobe) und dem unfassbar eleganten Edel-Counter von Philippe Jaroussky (Anfione) zwei Edelstimmen im Angebot.

Es ist letztlich eine Frage des eigenen Geschmacks, welcher Aufnahme man den Vorzug geben möchte. Mir gefällt die kräftige Lebendigkeit, der überraschende Klangfarbenreichtum, der Drive und die mitaufgenommene Live-Atmosphäre mit den Publikumsreaktionen eine deutliche Spur besser als die oft elegant in Feinheiten versponnene und nur manchmal emotional ausbrechende Gefühlslage der Studioaufnahme.


Agostino Steffani: Niobe, Regina di Tebe
Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble, Veronique Gens, Jacek Laszczkowski u.a. live aufgenommen im Royal Opera House Covent Garden. Opus Arte
CD9008 D (3 CDs)

Paul O’Dette, Stephen Stubbs und das Boston Early Music Festival Orchestra, Karina Gauvin, Philippe Jaroussky u.a., Studioaufnahme
Erato/Warner Classics 0825646343546 (3 CDs)

Hörbeispiele: Hengelbrock & Co.:
Agostino-Steffani-Niobe-Regina-Tebe
Video: Jaroussky als Anfione


Fotonachweis: Header: Portrait Agostino Steffani, Lithographie (1816) von H. E. von Winter nach unbekanntem Original auf Notenblatt ''Pria ch'io faccia'' von Agostino Steffani. London, British Museum. Quelle: Wikipedia public domain.
CD- Cover

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