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Musik für wehrhafte Hanseaten – Bürgerkapitänsmusiken 1736/1780

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Donnerstag, den 25. Dezember 2014 um 13:41 Uhr
Musik für wehrhafte Hanseaten – Bürgerkapitänsmusiken 1736/1780 4.8 out of 5 based on 28 votes.
Bürgerkapitänsmusik - Staatsarchiv Hamburg

Auch so kommt Musik zustande: Die freie Stadt Hamburg, groß und wohlhabend geworden durch den Handel, war wehrhaft.
Ihre 1619 gegründete Bürgerwache bestand analog zu den fünf Kirchspielen aus fünf Regimentern, denen je ein Ratsherr und ein „Kolonelbürger“ (Oberst) vorstanden. Die Regimenter waren gegliedert in 57 Kompagnien – denen wiederum war je ein „Bürgerkapitän“ (Hauptmann) vorgesetzt. Dienst zu tun in der Bürgerwache hatten alle vereidigten Bürger von ihrem 18. bis zum 60. Lebensjahr; die notwendige Ausbildung dafür bekamen sie im Drillhaus, das ungefähr am Standort Ballindamm, Ecke Brandsende gestanden hat, bis es 1802 abbrannte.

Einmal im Jahr, immer gegen Ende August, kamen die Offiziere, die Capitaine der Bürgerwache, im diesem Drillhaus – dem größten öffentlichen Festsaal Hamburgs – zusammen zu einem Convivium, einem prachtvollen Festmahl. Es war ein wichtiger Teil der hamburgischen Feierkultur, eine opulente Selbstdarstellung der Macht der reichen Hafenstadt und ihrer wachen Wehrbereitschaft. Für die repräsentative Musik dazu errichtete man eigens einen Balkon für an die 40 Sänger und Instrumentalisten und gab seit 1719 am Tag des Conviviums jeweils mittags ein geistliches Oratorium und am Abend eine weltliche Serenata.

Cover BürgerkapitänsmusikenGeorg Philipp Telemann, der seinen Dienst als hamburgischer „Director Musices“ und Kantor am Johanneum 1721 antrat, komponierte die stolze Zahl von 36 solcher „Bürgerkapitänsmusiken“. Er sorgte auch dafür, dass sie wenige Tage nach dem Festmahl noch einmal für die Öffentlichkeit wiederholt wurden – einer der Anfänge des öffentlichen Konzertlebens in Hamburg.
Telemanns Nachfolger im Amt, sein Patenkind Carl Philipp Emanuel Bach, vollendete gerade mal eine solche Kapitänsmusik. Ob an diesem Kreativitätseinbruch Geldnöte der Stadt oder ein Bedeutungsverlust der Bürgerwache schuld waren, ist nicht geklärt.
Zwei beispielhafte Teile solcher hamburgischen Jubelmusiken hat jetzt das Ensemble La Stagione Frankfurt vorgelegt – ein interessanter Einblick in die bürgerliche Musikkultur der Hansestadt. Auf der deutsche-harmonia-mundi-CD finden sich die weltliche Serenata von Telemanns „So kömmt die kühne Tapferkeit“ (1736) und das im März 2014 vom „Barockwerk“ in Hamburg aus den Noten in der Staats- und Universitätsbibliothek erstmals wieder aufgeführte geistliche Oratorium von Carl Philipp Emanuel Bachs 1780 komponiertem „Hebt an, ihr Chöre der Freuden“.
Beide illustrieren den hohen Stand des musikalischen Schaffens in Hamburg. Dabei war die Thematik der Kapitänsmusiken relativ eng umrissen. Immer ging es im geistlichen Teil um Gottes Gnade, die die Stadt wachsen und gedeihen ließ und sie weitgehend vor der Verwicklung in kriegerische Händel bewahrte. Die weltliche Serenata führt fast schon auf schmalem Grat zwischen Kantate und früher Oper anhand von allegorischen Figuren den Sieg des Prosperität sichernden Friedens über den zerstörerischen Krieg vor. Gelobt wird, was dem sicheren Handel nutzt: Ruhe, Gerechtigkeit, Sicherheit.
So treten bei Telemann Frieden, Eigennutz, Untreue, Freude, Glück und Herrschsucht in personam auf – natürlich behält nach dramatischen Szenen der Frieden die Oberhand, wobei nicht die Klagen darüber fehlen, dass die Stadt von Kaiser Karl VI. zu schmerzlichen Kriegskontributionen herangezogen worden war. Also lobt man den Herrscher als Friedensbringer – in der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Musik als diplomatischer Wink mit dem Zaunpfahl.
CPE Bachs Musik, 44 Jahre später entstanden, kommt harmonisch deutlich kühner und expressiver daher, ist melodiöser und von einer größeren Formenvielfalt geprägt und nicht frei von Humor – wenn Hammonia, die personifizierte Stadt Hamburg, auftritt mit den selbstbewussten Worten: „Heil mir!“ Neben ihr singen „Die Menschenliebe“, „Der Patriotismus“ und „Die Dankbarkeit“.

Über einen Choral und eine abschließende siebenstrophige Choralbearbeitung mit Pauken und Trompeten sorgt Bach dafür, dass der geistliche Dank an den „Gott der Stärke, Hamburgs Gott“ nicht zu kurz kommt. Dem mit großem Schwung musizierenden Ensemble La Stagione Frankfurt unter seinem Gründer Michael Schneider und den Gesangssolisten Kateryna Kasper, Christian Rohrbach, Anne Bierwirth, Christian Zenker, Andreas Wolf und Gotthold Schwarz ist es zu danken, dass dieses bemerkenswerte Stück bürgerlich-hanseatischer Musikgeschichte nun auch auf CD vorliegt und dem Vergessen entrissen ist.


G. Ph. Telemann / C. P. E. Bach: Bürgerkapitänsmusiken 1736/1780
La Stagione Frankfurt, Leitung: Michael Schneider.
2 CDs, deutsche harmonia mundi
8888 3746 742

Hörprobe


Abbildungsnachweis:
Header: "Abbildung des ansehnlichen Jubel-Mahles der wohllöblichen Herren Bürger-Capitaines" (ganz links sind die Musiker auf dem Balkon). Quelle: Staatsarchiv Hamburg
CD-Cover

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