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Felix Mendelssohn: „Elias“ – Herreweghe und die feine Transparenz

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Montag, den 22. Dezember 2014 um 14:04 Uhr
Felix Mendelssohn: „Elias“ – Herreweghe und die feine Transparenz 4.9 out of 5 based on 14 votes.
Collegium Vocale Gent by Michiel Hendrickx

Für gewaltige Klangkörper geschrieben, offenbart das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn in der Aufführung durch deutlich verschlankten Chor und Orchester viele feine Nuancen in Philippe Herreweghes klarer Interpretation für das Label „harmonia mundi“.

400 Musiker wirkten mit, als Felix Mendelssohn im August 1846, ein Jahr vor seinem frühen Tod, im englischen Birmingham die Uraufführung seines eben fertig gestellten op.70 dirigierte. 300 von ihnen waren mit einem Sonderzug von London nach Birmingham gefahren worden. Das Oratorium „Elias“ unter Leitung des Komponisten wurde nicht zuletzt wegen der „recht dicken, schweren und vollen Chöre“ ein gewaltiger Erfolg. Das Publikum liebt aber bis heut auch die lyrischeren Partien, die choralartigen Stücke und die dramatische Handlung, die Szenen aus dem Leben des Propheten Elias vorstellt.

Eine hochaktuelle Angelegenheit damals: „Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten durch und durch Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten, stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster, im Gegensatz zum Hofgesindel und Volksgesindel, und fast zur ganzen Welt im Gegensatz, und doch getragen wie auf Engelsflügeln.“
So erzählt Mendelssohn die Geschichte eines Kämpfers für den alttestamentarischen Gott. Einer, der das Volk zum rechten Glauben zwingt, die Priester des Baal in einem Opferwettstreit erst lächerlich macht und dann sämtlich erschlagen lässt. Aber auch den Mann Gottes, der den Sohn einer Witwe mit Gottes Hilfe wieder zu Leben erweckt. Und der schließlich in den Himmel auffährt.
Beinahe eine große Oper und gerade in den Volksszenen prädestiniert für gewaltige Chormassen – wie kürzlich beim großartigen Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals unter Thomas Hengelbrock.

Cover Mendelssohn ELIASDie nun wiederveröffentlichte Aufnahme unter der Leitung des Dirigenten, Originalklang-Experten und passionierten Chorleiters Philippe Herreweghe aus dem Jahr 1993 kommt mit gerade mal 40 Sängerinnen und Sängern seines Collegium Vocale Gent und der Chapelle Royale aus, es musiziert dazu das Orchestre des Champs-Élysées auf Instrumenten aus der Entstehungszeit des Oratoriums.
Auch hier wird gewaltige Chorwirkung erzielt („Das Feuer fiel herab“), noch mehr Effekt aber macht diese mittelgroße Besetzung durch ihre faszinierende Akuratessse und den ausbalancierten Zusammenklang mit dem Orchester, was Transparenz und Durchblick schafft für die hohe Instrumentierungskunst Mendelssohns. Was anderswo breit ausgewalzt klingt, wird hier zum packenden Drama, das sich in all seinen Nuancen und vielen Details offenbart, die in großer Besetzung leicht untergehen. Das hat nicht immer alttestamentarische Wucht, aber es hat Ecken und Kanten, an denen sich die Konfliktlinien klar offenbaren. Auch sind große dynamische Kontraste viel leichter zu handhaben, wenn nicht ganze Chorhundertschaften bewegt werden müssen.
So gelingt der Spagat zwischen den handlungsorientierten Dramatik und den glaubensinnigen, hochromantischen Stücken wie dem Doppelquartett „Denn er hat seinen Engeln befohlen“, den Chorälen „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ und „Wer bis an das Ende beharrt“ oder das Terzett „Hebe deine Augen auf“, ohne dass zu opernhaft oder sentimental musiziert wird; es ist eine große, sehr lebendige erzählerische Klarheit, manchmal fast Strenge, die sich als roter Faden durch Herreweghes Sicht auf Mendelssohns Oratorium zieht.

Ganz in dieses Konzept passt auch die Solistenauswahl, allen voran der Elias von Petteri Salomaa. Er hat zwar nicht das brutale Volumen, das der zornige Gotteskämpfer manchmal brauchen könnte; dafür kommen bei seiner hoch timbrierten Stimme die zweifelnden und zagenden Passagen vorzüglich zu Geltung. Auch die anderen Solisten – Soile Isokoski, Sopran; Monica Groop, Alt, und John Mark Ainsley, Tenor) – setzen stärker auf Klangschönheit als auf hörbare Rollendifferenzierung.

Wer eine schlanke, fein gewoben durchsichtige Interpretation von Mendelssohns Erfolgsoratorium mag, ist bei Herreweghe goldrichtig. Die harmonia-mundi-Edition „heritage“ hat leider auf den Abdruck des Textes verzichtet – den aber findet man unschwer im Internet.

Felix Mendelssohn: Elias
Collegium Vocale Gent, La Chapelle Royale, Orchestre des Champs-Élysées, Leitung: Philippe Herreweghe.
2 CDs, harmonia mundi
2921463.64

Hörbeispiel


Abbildungsnachweis:
Header: Collegium Vocale Gent by Michiel Hendrickx
CD-Cover

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