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Kuijkens „Weihnachtsoratorium“: Die neue Referenzaufnahme

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Dienstag, den 25. November 2014 um 14:36 Uhr
Kuijken

Bachs große Passionen nach Matthäus und Johannes, die h-Moll-Messe und 18 CDs mit Bach-Kantaten hat Sigiswald Kuijken schon eingespielt – mit seinem Originalklang-Ensemble „La Petite Bande“ und auch in den Chorpartien solistisch besetzt. Rechtzeitig zu Wehnachten hat Kuijken nun Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ veröffentlicht. Es ist eine großartige Aufnahme, die Maßstäbe setzt.

WO JSBACHDas „Weihnachtsoratorium“ war ein Spätstarter im Verlauf der Wiederentdeckung von Johann Sebastian Bachs Musik. Heute aber ist es mit Sicherheit der Spitzenreiter, was die alljährlichen Aufführungszahlen angeht. Und es hat alle Auffassungen und Moden der Aufführungspraxis durchlebt – den opulent breiten, gern als barock missgedeuteten Chorklang der 50er- und 60er-Jahre, Annäherungen an einen rekonstruierten Originalklang mithilfe von Knabenstimmen, dann die Welle der historisch informierten Aufführungspraxis im Gefolge der Capella Coloniensis und des Concentus Musicus, die feinere Ausdeutungen anstrebte.

Jetzt hat auch der Flame Sigiswald Kuijken mit seiner Petite Bande und vier herausragenden Sängern das Weihnachtsoratorium so aufgenommen, wie es die heutige Waffenstillstandslinie des heutigen Forschungsstand in der erbitterten Debatte nahelegt, bei der seit etwa 30 Jahren die OVPP-(one voice per part)-Fraktion von Joshua Rifkin und Andrew Parrott geprägt wird: Eine Sängerin, ein Sänger pro Stimmlage singt Rezitative und Arie, zusammen bilden sie den Mini-Chor, der vor den Instrumentalisten Aufstellung findet. So gibt es das Forschungspuzzle wieder, das nur in Ausnahmefällen bei den Chorwerken Bachs mehr als eine ausgeschriebene Singstimme oder gar die Angaben „solo“ oder „tutti“ gefunden hat.

Kuijken hat große Erfahrung mit dieser aufs Minimum reduzierten Besetzung, seit in seiner ab 2005 aufgenommenen 18-CD-Edition ausgewählter Bach-Kantaten (eine für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres) den hörbaren Beweis dafür antrat, dass Bachs Werke keine großen Besetzungen benötigen, sondern dass sie in der kleinen oft deutlich gewinnen.

Denn nicht nur wird bei ihm der Chor zum Gesangsquartett, passend dazu schrumpft auch das Orchester: zwei erste, zwei zweite Violinen, Viola – das sind die hohen Streicher, dazu – unterschiedlich für die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums – jeweils doppelte Flöten, Oboen, manchmal Oboen d’amore oder Oboe da caccia, Hörner oder drei Trompeten. Und dann noch die Continuo-Gruppe mit Fagott, Orgel, Basse de violon (eine Art Cello in Übergröße), und dem quer vor dem Oberkörper gespielten Violoncello da spalla, das von Kuijken ebenso wiederbelebt wurde wie vor Jahrzehnten die Praxis, die Barockvioline nicht mit dem Kinn auf der Schulter festzuklemmen, sondern sie nur aufzulegen.

Grandiose Spielkultur auf den Naturtrompeten
Alles Instrumente sind natürlich von historischer Bauart, was im präsenten Klang aus der Nähe der Mikrofone keinen Unterschied macht, wohl aber über die unterschiedliche Spielweise zu einem lebendiger atmenden Musizieren führt. Wobei vor allem Trompeter Jean-Francois Madeuf herausragt, der die gefürchteten Oktavsprünge in der Bass-Arie „Großer Herr und starker König“ auf der Naturtrompete ohne Grifflöcher mit lockerer Grandezza meistert. Unfassbar auch, wie er einen liegenden Ton zunächst über ein ständig wachsendes Vibrato in einen nur mit dem Ansatz der Lippen ausgeführten übergehen lässt – das ist grandiose Spielkultur. Und man begreift, wie alles, was Bach für dieses Instrument geschrieben hat, für hartnäckige Virtuosen auch ohne jede Hochleistungsventiltechnik tatsächlich spielbar ist. Mit seinen Kollegen Yves-Pierre Madeuf und Graham Nicholson absolviert er selbst die risikoreichen Extremschwierigkeiten im letzten Choral mit lässiger Eleganz. Wobei, das sei nicht verschwiegen, ein paar Verschleifungen doch etwas ungewohnt klingen.

Wo anfangen mit Lob und Freude über diese außerordentlich gelungene Aufnahme, wo aufhören? Das Solistenquartett, dessen Mitglieder in den Arien einzeln ebenso bestehen müssen wie im Ensemble als Chor, ist wie immer bei Kuijken mit sicherer Hand ausgewählt, mit einem Ohr für klarste Diktion und ein undramatisches, eher helles Timbre. Die vier Stimmen fügen sich organisch zum Chorklang, wobei das Plus gegenüber einem klassischen Chor nicht allein Transparenz in den schnelleren Chorpassagen ist („Und den Menschen ein Wohlgefallen“, „Lasset uns nun gehen gen Bethlehem“, „Ehre sei dir, Gott, gesungen“). Der zweite große Pluspunkt: dass die persönliche Färbung jeder einzelnen Stimme hörbar bleibt, was viel menschliche Wärme in die Musik hineinträgt.

Der Hauptpart liegt bei dem jungen, eben fertig studierten Tenor Stephan Scherpe, der als Evangelist definitiv das Format des jungen Peter Schreier hat: klare, weiche Höhen, unangestrengte Artikulation, die den staunenden Zeugen-Bericht des Evangelisten fast schon sichtbar präsent macht. Und dann noch das feine Gefühl und die wunderbar bewegliche Stimme in den großen und vertrackten Tenor-Arien „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ und „Ich will nur Dir zu Ehren leben“.
Dazu kommt der engelklare Sopran der Koreanerin Sunhae Im, der warme, noble Mezzosopran von Petra Noskaiova für die Altpartien und der schlanke, nicht zu wuchtige Bass von Jan van der Crabben. Sie fügen sich in Chören und vor allem den Chorälen zu einem feinen homogenen Schönklang.

Kuijken hat die perfekte Balance gefunden
Seine Tempi wählt Kuijken bekannt unaufgeregt, allen Extremen abhold, immer klug entwickelt aus dem Duktus der Singstimmen und orientiert am verständlich Singbaren. Das setzen seine Instrumentalisten mit feinem Gespür fort, mit manchmal sehr hübschen Effekten, wenn etwa die kurzen Oboen-Einwürfe im „Ehre sei Dir Gott gesungen“ wie ein ständiges Echo die Worte des Engelschors – „sei Gott, sei Gott, sei Gott“ – vervielfältigen. Dennoch sucht Kuijken nicht das Theatralisch-Opernhafte (das ja schon Bach in seinem Leipziger Arbeitsvertrag untersagt war) in der Musik des Thomaskantors. Sein Dirigieren vom Stuhl des Konzertmeisters lässt das Gefühl wachsen, dass die Triebfeder seines Musizierens eine tiefe und heitere Glaubensgewissheit ist. Besonders gut hörbar in den völlig unprätentiösen Chorälen, die so zurückgenommen gesungen und gespielt werden können, weil sie dem christlichen Selbstverständnis so selbstverständliche Gedanken auf den Punkt bringen.

Cover KuijkenUnter Kuijkens Händen entsteht ein durch und durch musikantisches Weihnachtsoratorium. Mit allem Glanz der Trompeten, der aus seinen Huldigungskantaten für das sächsische Herrscherhaus stammt, die Bach weihnachtlich umdichten ließ, um ihre Musik im Kreislauf des Kirchenjahres recyceln zu können. Mit anrührender Innerlichkeit („Schlafe mein Liebster“ oder „Schließe mein Herze, dies selige Wunder“), aber auch mit durchaus dramatischer Spannung, wenn Herodes von den Weisen aus dem Morgenland mit List erfahren will, wo das Kind, das sein Rivale sein könnte, geboren wurde.

Kuijkens Aufnahme wird die Debatte um Bachs originale Chorbesetzung nicht lösen, insbesondere, wenn man bedenkt, dass wir dank moderner Aufnahmetechnik den Chor so nahe und in einer Fast-Ideal-Akustik hören können wie wohl das niemandem in einer vollbesetzten Thomaskirche vergönnt war, wo oben auf der Orgelempore musiziert wurde.

Dennoch bringt Kuijkens’ Geniestreich jeden, der bisher mehrfach besetzte Chöre gehört hat und der erfahren möchte, welche Art der Aufführung – chorisch, solistisch – die bessere ist, in die Bredouille. Denn neben Kuijkens’ Weihnachtsoratorium, dessen musikalische Schönheit man so schlank und transparent und direkt hören kann, wirken selbst die besten Aufnahmen mit mehrfach besetzten Stimmen immer ein Spürchen plumper. Was ja bei den Aufnahmen etwa von René Jacobs oder Herreweghe objektiv nicht stimmt.

Die Klarheit und Evidenz von Kuijkens’ Konzept lässt sich vielleicht vergleichen mit der Kunst des großen Filmregisseurs Akira Kurosawa: Auch er konnte sparsame Breitwandbilder komponieren, aus deren sorgfältig austariertem Arrangement man keinen Kieselstein entfernen könnte, ohne dass das Gefühl entsteht: Da fehlt etwas. Aber hinzufügen ließe sich auch keiner, ohne dass man spürte: Hier ist etwas zuviel. So hat auch Kuijken jetzt für Bachs Weihnachtsoratorium die perfekte Balance gefunden, die jedem großen Kunstwerk innewohnt.

Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium. 2 CDs
La Petite Bande, Sunhae Im, Petra Noskaiova, Stephan Scherpe, Jan Van der Crabben. Leitung: Sigiswald Kuijken.
Challenge Classics
CC72394

Videos: Wer Kuijken mit der Petite Bande musizieren sehen will, findet bei YouTube etliche Auschnitte aus Bach-Kantaten.
aus BWV 96
aus BWV 47
Hörprobe


Abbildungsnachweis:
Header: Kuijken spielt Violine. Challange Classic
Weihnachtsoratorium, Originalseite mit Bach Signatur
CD-Cover

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avatar El Violinista
+2
 
 
Herausragender Kommentar zu einer herausragenden Aufnahme. Hier wird auf den Punkt gebracht, was mich vom ersten Moment an an Kuijkens Einspielungen so fasziniert hat, jedoch schwer in Worte zu fassen war.

Die stimmigste, ergreifendste und schönste Variante des Weihnachtsoratoriums, die ich bisher gehört habe.
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avatar Johannes Trunk
+1
 
 
Wo bitte sind in der Nr. 8 "gefürchtete Oktavsprünge" im Trompetenpart zu finden?
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avatar hjfink
+3
 
 
Da hat der Leser recht; der zerknirschte Rezensent hat sich in seiner Begeisterung vertan - die Oktavsprünge kommen erst in der sechsten Kantate vor, sie sind dort aber nicht weniger gefürchtet.
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avatar Volker
+1
 
 
Grandios, diese Aufnahme. Bravo an alle Mitwirkenden. Ich persönlich hätte mir noch etwas weniger Hall gewünscht, eine noch intimiere Atmosphäre, und die Sänger etwas mehr in den Vordergrund. Aber das sind Nuancen, die keinen Faden von der Tatsache abbeißen, daß hier ein wirklich ergreifendes und faszinierendes Weihnachtsoratorium geboten wird, das auch für diejenigen, die schon bei der Uraufführung dabei waren, noch Neues bereithält.
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