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Hohe Männerstimmen - Neues von Philippe Jaroussky und Valer Sabadus

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Dienstag, den 11. November 2014 um 15:03 Uhr
Hohe Männerstimmen

Über die unschöne Sitte, hohe Männerstimmen durch schnelle Schnitte zu produzieren, ist die Musikgeschichte glücklicherweise schon lange hinweg gegangen. Aber wenigstens eine Ahnung davon, für welche Stimmen Händel oder Vivaldi ihre schönsten Opernarien geschrieben haben, kann man auch heute noch haben, seit sich verstärkt Sänger auf das hohe Kopfstimmenregister, das Falsett, konzentrieren, mit dem sie nach oben über die Alt- und sogar bis in die Sopranlage vordringen können.

Zwei profilierte Vertreter der hohen Männerstimme legen jetzt neue CDs vor und ermöglichen einen interessanten Vergleich: der Franzose Philippe Jaroussky und der rumänisch-stämmige Valer Sabadus. Der erste mit geistlichen Kompositionen von Antonio Vivaldi, der zweite mit Opernmusik von Christoph Willibald Gluck und Antonio Sacchini.

JarousskyJaroussky, Jahrgang 1978, tritt mit dem im jahr 2002 von ihm mitgegründeten Ensemble Artaserse an, das vom Barock-Experten Alessandro de Marchi geleitet wird. Der Sänger gehört in zwischen zurecht zur Edel-Klasse seines Fachs. Er besitzt in seiner Stimme eine dezent strahlende Metall-Färbung, die ihre Klarheit und unfassbare Beweglichkeit unterstreicht. Geradezu schwerelos schwebt er durch seine Alt-Partien – und wirkt dabei durchweg heller und höher als die Valer Sabadus, der sich die Sopran-Fassungen von Glucks Arien vornimmt. Auch nimmt Jaroussky über weite Strecken sein Vibrato bis auf die Null-Linie zurück. Lässt er es dann plötzlich aufblühen, weitet es prächtig den Ausdruck seiner Stimme.
So werden Vivaldis geistliche Kompositionen, die natürlich stark von der Ausdrucksstärke des Opernkomponisten profitieren, in ein funkelndes Licht gerückt, ohne dabei die Innigkeit aus der Tiefe der Seele einzubüßen. Nicht nur die bekannten Werke, das „Stabat mater“, das 1712 komponiert wurde und den späten Einstieg des musikalische Priesters Vivaldi (1678 bis 1741) in die geistliche Musik darstellt. Oder das „Salve regina“, und auch die kleinen Motetten. Sie liegen alle dicht am Opernhaften, bringen ausdrücklich die Emotionen der frommen Textzeilen an die Oberfläche. Und sind natürlich auch Virtuosenstücke.
Wenn das Ensemble Artaserse quasi aus ganz aus Jarousskys sängerischem Atem heraus begleitet, liegt an der Klangkultur des Ensembles, vor allem auch daran, dass der Sänger in eher ungewöhnlicher Tateinheit gleich auch dirigiert. Auf einer beigelegten Bonus-DVD kann man die Musiker auf den Spuren Vivaldis durch Venedig begleiten.

Valer Sabadus orientierte sich bei der Auswahl für seine CD mit Werken von Gluck und dem in Florenz geborenen und in Neapel ausgebildeten Sacchini an der Begegnung Gluck mit dem formidablen Soprankastraten Giuseppe Millico. Der muss den 14 Jahre älteren Komponisten schwer beeindruckt haben. Gluck schrieb für ihn mehrere seiner Werke um und transponierte die Arien in die höhere Sopranlage, ja, er fasste sogar seinen Opernhit „Orfeo“ zu einem Best-of-Einakter zusammen und komponierte für Millico die Oper „Paride ed Helena“. Er empfahl Millico, der damals schon acht Jahre als Stern am russischen Zarenhof in St. Petersburg geglänzt hatte, der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, die ihn nach Wien holte.
SabadusValer Sabadus, Jahrgang 1986, singt mit einem warmen, goldbraunen, weichen Timbre, immer mit einer Spur latentem Drama in der Stimme, hevorgerufen auch durch sein immer präsentes Vibrato, das manchmal ein bisschen Unruhe in seine Interpretationen bringt und den melancholisch ruhigeren Arien von Gluck nicht unbedingt nur gut tut. Dafür glänzt Sabadus mit allervirtuosesten Koloraturen, die selbst bei himmlischen Koloratursopranistinnen blasse Nasenspitzen hervorrufen können, er taucht aber manchmal auch – wie in „Paride ed Helena“ – sicher weit in die Tenorlage hinab.
Neben den Wiener Sopranbearbeitungen von Gluck sind interessant die drei Stücke aus Antonion Sacchinis Oper „El Cid“, die bei ihrer Premiere 1773 in London selbst die Spitzenwerke von Händel übertrumpfte, was das Publikumsinteresse betraf. Sacchini war – das hört man sofort – mit seinem über weite Strecken empfindsamen Stil eines der großen italienischen Vorbilder des jungen Mozart. Hier kann Sabadus ganz im frühen Mozart-Ton glänzen, etwa in der koloraturfreudigen Arie „Placa lo degno o cara“, die ohne Abstriche auch im „Don Giovanni“ eine gute Figur machen würde.
Kleine Kritik am Rande: Muss sich die kaum lesbare Schriftgröße beim informativen Booklet-Text zu Jarousskys CD und bei den Texten zu den Arien bei Sabadus unbedingt am unteren Rand der Winzigkeitsskala bewegen? Und mindestens ebenso ärgerlich ist der Trend, in CD-Booklets auf jede schriftliche Information über die beteiligten Künstler – Sänger und Orchester – abgesehen von einigen Fotos zu verzichten.

Philippe Jaroussky: Vivaldi – Pietà – Sacred works for Alto. Ensemble Artaserse, Leitung: Philippe Jaroussky.
CD und Bonus-DVD,
Erato
0825 6462 5750 8

Valer Sabadus: Gluck und Sacchini – Le Belle Immagini. Hofkapelle München, Leitung: Alessandro de Marchi.
CD Sony classical
8884 3019 242


Hingucker:
Philippe Jaroussky singt Vivaldi, Vedro con mio diletto aus „Giustino“

Philippe Jaroussky im „Stabat Mater“ von Vivaldi
Valer Sabadus über seinen musikalischen Weg und sein Vorbild Andreas Scholl
Valer Sabadus singt Händel


Abbildungsnachweis:
Header: Jaroussky und Sabadus
Cd-Cover

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