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Reise in die Seele mit Musik von Rameau

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Freitag, den 31. Oktober 2014 um 14:00 Uhr
Teodor Currentzis Foto Robert Kittel / Sony Classical

Teodor Currentzis und seine „MusicAeterna“ mit einer furiosen Best-of-CD des französischen Komponisten, hoch emotional und tief aufregend.
Jean-Philippe Rameau, geboren zwei Jahre vor Händel und Bach 1683, hatte sich redlich, aber ohne große Erfolge durchgeschlagen bis zu seinem 50. Lebensjahr. Er hatte lange Jahre als Organist an verschiedenen großen Kirchen gearbeitet, unterrichtet, komponiert und musiktheoretische Schriften verfasst. Erst jetzt aber gelang es ihm, sein erstes Werk für die Opernbühne aufzuführen – „Hippolyte et Aricie“ wurde ein Sensationserfolg mit geradezu märchenhaften Folgen für den Urheber.

Uraufgeführt im Frühling im Haus eines reichen Gönners schaffte sie im Herbst den Sprung an die Oper und im Jahr darauf an den königlichen Hof. Ludwig XV. erhob ihn in den Adelsstand, und setzte ihm eine dauerhafte Pension von 2000 Livres aus und machte ihn 1745 zum Komponisten der königlichen Kammermusik. Er komponierte auch für Staatsanlässe wie die Hochzeit des Thronfolgers und für andere adelige Sponsoren wie die Pompadour. Seine Musik feierte am Hof von Versailles Triumphe, und im hohen Alter mischte sich Rameau noch einmal in die musiktheoretischen Diskussionen der Zeit ein.
Die Zeitgenossen lobten den musikalischen Reichtum des Werks, ein Komponistenkollege registrierte erstaunt: „Mein Gott, in dieser Oper steckt genug Musik, um zehn daraus zu machen.“ Zwischen den Anhängern des traditionellen italienischen Stil von Jean-Baptist Lully – der schon 1687 an einer Blutvergiftung gestorben war, nachdem er sich den schweren Stock zum Stampfen des Takts in den Fuß gerammt hatte – und den französischen Modernisten, die begeistert Rameaus musikalischer Revolution folgten, kam es zu heftigen und länglichen Disputen über die Fragen: Was darf Musik? Wie muss Oper?

Rameau Cover - CurrentzisEine Idee von dem, was Musik und Oper können, kommt jetzt aus dem fernen Perm. Da hat der junge Dirigent Teodor Currentzis, frisch ausgezeichnet mit dem Echo Klassik 2014 und kurz vor der Veröffentlichung (14. November) der „Così fan tutte“ aus seinem aufmüpfigen Mozart/Da Ponte-Zyklus für Sony Classical, mit seinem Kammerorchester „MusicAeterna“ eine Platte allerfeinster Rameau-Häppchen angerichtet. Sozusagen eine Leistungsschau für Rameaus Musik, ideal zum Wiederentdecken seiner höchst emotionalen, lebendigen, packenden Musik.
Rameau selbst beschreibt seinen Weg dorthin so: „Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich mich mit dem Theater beschäftigt, doch nie für die Oper gearbeitet, bevor ich 50 wurde. Ich fühlte mich noch nicht fähig, ich zögerte. Dann gelang mir etwas, ich hatte Glück. Schließlich wurde ich mutig, tollkühn... und habe weiter gemacht.“

Kleiner Exkurs
Natürlich kam Rameaus später kometenartiger Aufstieg und seine musikalische Entwicklung zum Neuerer und Grenzüberschreiter nicht aus dem Ungefähr. Der Komponist hatte 1727 einen der reichsten Männer Frankreichs kennen gelernt – Generalsteuerpächter des Königs, Musikliebhaber, Förderer der Aufklärung: Alexandre Le Riche de La Pouplinière. Von ihm hieß es: „Nie hat ein Bürger prinzlicher gelebt, die Prinzen kamen, um sich bei ihm zu unterhalten.“ Man sagt, dass der Liebreiz von Rameaus singender Gattin das Interesse des Gönners nicht unbeträchtlich beflügelt haben soll. Die Rameaus zogen in eines der Palais’ ihres Gönner, sie gab Gesangsunterricht, der Steuerpächter konnte mit dem Top-Star glänzen, Rameau wurde für 22 Jahre Leiter des erstklassigen Hausorchesters seines Sponsors, hatte Spitzensänger- und Tänzer zur Verfügung – und dirigierte einen Klangkörper der nationalen Eliteklasse, mit dem er nach Gutdünken experimentieren konnte. Er bekam Kontakte zum Hof. Rameau lernte brillante Denker und Librettisten kennen und durchreisende Stars, die hier gern Station machten. Er gehörte plötzlich zur feinen Gesellschaft, seine Opern musste man unbedingt gesehen haben. Soviel zum beidseitigen Nutzen von Sponsoring. Exkurs Ende.

Kompromisslose Musik, die fasziniert und verstört
„Tollkühn [...] und habe weiter gemacht“ ist von Rameau durchaus wörtlich gemeint, und wer Currentzis’ Interrpetationen hört, spürt das unmittelbar. Das ist kompromisslose Musik, die zur Zeit ihrer Entstehung das Publikum nicht nur fasziniert, sondern auch verstört hat. Der Komponist legte den Akzent nicht mehr auf das Aufdröseln kurios verschlungener mythologischer Handlungen, sondern direkt auf die Gefühle seiner Figuren. Die schmachten und toben, sehnen sich, gurren verliebt, rasen vor Eifersucht, albern herum, streiten und versöhnen sich – und all das drückt sich unmittelbar und ohne Rücksicht auf Konventionen in der Musik aus.
Rameau scheut keine Dissonanzen, so dass viele Zuhörer meinen, da seien Instrumente falsch gestimmt. Ein Kritiker bemängelt „Dissonanzen ohne Ende, viel Lärm, Furor, Getöse und Turbulenz an Stelle von Freude – nichts, das ans Herz gehen könnte“. Jean-Jacques Rousseau, erfahren auch Erfahrung als Komponist, moniert: „Der französische Gesang ist nur ein fortgesetztes Bellen, jedem Ohr, das nicht daran gewöhnt ist, unerträglich“, lobt aber „Platée“, nachdem er das Stück dann gehört hat, als „das hervorragendste Werk, das jemals auf unserem Theater zu hören war“.
Currentzis hält es wie Rameau selbst, ist mutig, tollkühn und macht weiter. Den Einstieg in seine Rameau-CD „The Sound of Light“ macht ein Menuett aus „Les Fêtes d’Hébé ou Les talents lyriques“ – Musik, die aus den Tiefen der Erinnerung erwacht und leise und geradezu magisch über dem näselnden Bordun einer Drehleier schwebt. Es gibt glänzende Festzüge und ekstatische Huldigungen und opulente Friedensfeiern – „Der Einzug der Musen, Winde, Jahreszeiten Stunden und Künste“ aus Rameaus Spätwerk „Les Boréades“ klingt wie musikalisches Cinemascope aus der Feder von Großmeister Ennio Morricone – verblüffende Ähnlichkeit, auch im letzten Stück der CD.

Currentzis entfacht Tornados und lässt Vulkane ausbrechen
Currentzis entfacht brüllende Tornados, lässt Götter und Titanen kämpfen und Vulkane so gewaltig ausbrechen, dass man wirklich Gänsehaut bekommt – ein überraschungsstarker Bruder im Geiste des ebenfalls spät entfesselten Carl Philipp Emanuel Bach. In einem anderen Stück gackern urkomisch Hühner, die sich zu Telemanns quakenden Alsterfröschen gesellen könnten. Die Narrheit stiehlt Apollos Laute und sorgt für unwiderstehliche Heiterkeit (grandiose Sängerin: die Sopranistin Nadine Koutcher). Er spielt mit fremden Harmonien und säuselt im nächsten Moment unter die Haut gehende Liebesseligkeit.
Ein spannende und anrührende Rundreise durch die großen Emotionen ist das, und Currentzis befreit in seinem Vorwort die Hörer vom Zwang, stillzusitzen, einzuordnen und zu verstehen: „Ich möchte gar nicht den ‚authentischsten’ Barock-Klang produzieren – ich will darüber hinaus gehen und auf Ecken meines Selbst stoßen, die ich bis jetzt noch nicht so gut kenne.“ Und gibt die Gebrauchsanweisung: „Sie können zu dieser Musik sprechen, tanzen, Sie können sich zu ihr verlieben und küssen. Sie können zu ihr allein zuhause vor Ihrem CD-Spieler weinen. Oder die Augen schließen und schreien, was Ihre Lungen hergeben. [...] Ich mache diese Rameau-Anthologie für Leute, die eine tiefere Wahrheit über sich selbst suchen.“
Es sei, sagt er, wie eine Unterhaltung mit sich selbst, ein Unterhaltung, in der man nackt dasteht und die schmerzvoll ist, eine, in der man sich nichts vorspielen kann, nicht lügen und sich nicht verstecken. Wahrheit, die aus der Musik kommt – Currentzis und „MusicAeterna“ sind da ganz dicht dran.


Jean Philippe Rameau – The Sound of Light. „MusicAeterna“, Ltg: Teodor Currentzis
Sony Classical
8884 3082 572


Hörbeispiele
Video: Orage, aus „Platée“:


Abbildungsnachweis:
Header: Teodor Currentzis. © Robert Kittel / Sony Classical
CD-Cover

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