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Sacred Love – ein russisch-lettischer Stimmraum

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Geschrieben von Claus Friede  -  Montag, den 15. September 2014 um 14:00 Uhr
Lettischer Rundfunkchor

Die Lettische Musikszene ist eine ganz besondere – für ein so kleines Land geradezu herausragend. Dies trifft unumstritten für die Gesangskunst und die Chormusik zu.
Sacred Love (Heilige Liebe) ist der Titel einer kürzlich erschienenen CD des 1940 gegründeten Lettischen Radiochors (Latvijas Radio Koris) mit Sitz in Riga. Er gehört zu den besten Kammerchören in Europa. Sigvards Klava dirigiert und leitet ihn seit 1992 künstlerisch und hat seither die meisten Uraufführungen neuer Chorwerke lettischer Komponisten geführt.

Zwei russische Komponisten, Juri Falik (1936-2009) und Georgij Sviridov (1915-1998) sowie der lettische zeitgenössische Komponist Arturs Maskats (*1957) werden auf der Scheibe vorgestellt.
Ganz in der Tradition russischer Chöre ist die gesprochene, Psalm-artige Sprache besonders hervorgehoben, manchmal geradezu gebetet. Auffällig ist außerdem, dass die Bassstimmen einen fundierten Klangteppich bilden, zurückhaltender und leiser als es üblicherweise in westeuropäischen Chören zu hören ist.
Russische Musik, Lyrik und Folklore berühren sich hier mit viel Gefühl: Die Texte von Aleksander Puschkin (1799-1837), Nikolai Gogol (1809-1852), Alexej Konstantinowitsch Tolstoj (1893-1945), Boris Pasternak (1890-1960), dem Symbolisten Aleksander Blok (1880-1921) und anderer bilden diesen sprachlich-lyrischen Grundstock. Es scheint zudem musikalisch so, als ob der überwiegende Teil der russischen Komponisten von der Klangwelt der orthodoxen Kirche bis heute fasziniert ist, denn diese zieht sich wie ein roter Faden bei allen durch.

Sacred Love LRKMit der klaren Harmonik Faliks steigt der Hörer in die Welt außergewöhnlicher Stimmen und schönster Klangräume ein. Komposition und Text bilden eine sich gegenseitig punktgenau ergänzende Form. Obwohl durchaus ein Gesamtduktus der CD nachvollziehbar ist, sind die Werke der drei Komponisten doch im Detail recht unterschiedlich.
Allein die vier Falik-Kompositionen haben eine interne Bandbreite: rhythmisch wie ein quirliger Tanzstritt in einem Nachtlokal (A Stranger), dann ruhig und zurückgezogen zu einem innigen Gebet (Your Temple, Lord) und wieder der Wechsel in einen schrillen synkopischen Tanz (Habanera) im 2/4-Takt, bis schließlich die Blätter in Puschkins Herbstgedicht geradezu melancholisch zu Boden fallen (Autumn).

Arturs Maskats’ beiden Werke orientieren sich stark an den „Vespers“ von Sergei Rachmaninov, großartige Stücke voller gesanglicher Spannungsbögen. Einnehmend gefühlvoll – anfangs kurz gregorianisch – klingt der Sopran von Ieva Ezeriete (Let My Prayer Be Granted) und der Chor antwortet den gebetsartigen Passagen liebevoll.
Das mit dreizehneinhalb Minuten längste Stück zu Pasternaks Frühlingsgedicht (Spring) ist wie ein Osterchoral aufgebaut, es windet sich aus der Dunkelheit der Nacht hinaus ins hoffnungsfrohe Licht des aufkommenden Frühlings. Die Überwindung des kalten, winterlichen Todes wird schließlich zur Lebenskraft des österlichen Sonntags. Überhaupt ist die Symbolik der Natur und Jahreszeiten, die auf die christlich-orthodoxe Religion projiziert wird, eine der konstanten Elemente der CD.
Aleksandrs Antonenko hat in diesem Werk sein Meisterstück auf dem Album gefunden – perfekt sein Gesang. Von Maskats hätte es noch mehr sein können.

Der Name „Sacred Love“ ist dem sanften Stück eines der beliebtesten Komponisten Russlands, Georgij Sviridovs, entnommen. Es steht stellvertretend für das kompositorische Werk des Schülers von Dimitri Schostakowitsch. Leicht zugänglich, mit vielen Elementen aus der Folklore und nahe an der Filmmusik. Himmlisch zarte Stimmen und Pferdeschlitten-Rhythmus sind bei ihm keine Seltenheit und bedienen so manches Mal Klischees (Winter’s Morning und Christmas Carol).

Nach knapp 57 Minuten findet der Hörer mit „Ikona“ (Icon) einen klagenden Abschluss. Weltschmerz auf die schönste Art und Weise.
Großartiges Repertoire brillanter Stimmen und ein gesanglicher Höhepunkt für das Jahr 2014.


Sacred Love, Latvian Radio Choir (Leitung: Sigvards Klava)
Aleksandrs Antonenko (Tenor)
Ieva Ezeriete (Sopran)
Label: Ondine
0761195122624

Hörprobe
YouTube (Soundstreams presents 'All Night Vigil' (Vespers) by Sergei Rachmaninov)
Homepage


Abbildungsnachweis:
Header:Lettischer Rundfunkchor. Foto: Ilze Tomane
CD-Cover

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