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Spanien um 1600 – Musik aus Madrid und Toledo

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Montag, den 01. September 2014 um 13:22 Uhr
Ensemble plus ultra

Zwei CDs mit geistlicher Musik aus Madrid und Toledo führen 400 Jahre zurück in die glanzvolle Blütezeit der mehrstimmigen Vokalkomposition der spanischen Renaissance – großartig interpretiert von zwei jungen britischen Ensembles.

Hypnotische Totenmesse für eine Kaiserwitwe
Der Renaissance-Komponist und Priester Tomás Luis de Victoria (um 1548-1611) hatte mit 17 Jahren die Chance, als Stipendiat des spanischen Königs Philipp II. nach Rom zu gehen; 1671 übernahm er dort von Palestrina die Leitung der Kapelle des Priesterseminars der Jesuiten, das er absolviert hatte. Ein Jahrzehnt später kam er als bekannter und gedruckter Komponist nach Spanien zurück und trat in die Dienste von Kaiserin Maria von Spanien ein, entschiedene Katholikin, Schwester Philipps II., einst Regentin von Spanien und Witwe des römisch-deutschen Kaisers Maximilian II.

altSie war ins königliche Barfüsser-Kloster in Madrid eingetreten, wo sie 1603 starb und im März begraben wurde. Erst im April desselben Jahres zelebrierte man das große feierliche Requiem – vor einem leeren Katafalk. Dafür schrieb Victoria die liturgische Musik – das „Officium Defunctorum“, die komplette polyphone, von einstimmigen Phrasen im Sopran durchbrochene Totenmesse, sowie einleitend und ausleitend Motetten. Nachempfunden ist die Anordnung dem tatsächlichen musikalischen Ablauf eines solchen Trauer-Gottesdienstes, so dass man beim Zuhören quasi Ohrenzeuge eines kaiserlichen Requiems wird.

Das 13-köpfige Ensemble „Magnificat“, 1991 gegründet von Philip Cave mit Sängerinnen und Sängern aus Oxford und Cambridge, singt Victorias Musik zum Sterben klangschön, in überirdischer Brillanz und absolut kristallklar intoniert – man bekommt einen einheitlichen Klang von fast schon hypnotisch-meditativer Anziehungskraft, als wäre der Chor ein einziges, perfektes Instrument. Eine sehr verdienstvolle Wiederveröffentlichung der viel gelobten und ausgezeichneten Originalaufnahme aus dem Jahr 1995.

Tomás Luis de Victoria: Officium Defunctorum. Ensemble „Magnificat“
Leitung: Philip Cave.
Linn Echo
BKD 060

Das Kyrie aus Victorias „Officium defunctorum“, gesungen von „Magnificat“ (unter dem Suchbegriff „Music for remembrance“ sind weitere Hör-Auszüge online).


Musikalische Hilfstruppen für die Katholischen
Vitorias Musik ist eigentlich eine der Kernkompetenzen des ebenfalls aus Großbritannien stammenden „Ensemble plus ultra“, das für seine 10-CD-Box mit dessen Werken 2012 mit dem „Gramophone Award“ in der Kategorie „Early Music“ belohnt wurde. 2001 gegründet und inspiriert vom australischen Musikwissenschaftler Michael Noone, der bei seinen Studien in der Kathedrale der früheren spanischen Hauptstadt Toledo schon mehrfach Werke der dortigen Renaissance-Komponisten Cristóbal de Morales und Francisco Guerrero wiederentdecken konnte.

altDie Musik der aktuellen CD „From Spain to Eternity“ stammt aus der Zeit des auf Kreta geborenen Malers El Greco (1541-1614), der ab 1577 ganze 37 Jahre lang in Toledo gewirkt hat, in einer Zeit, als die Stadt für die Förderung vieler Künstlern bekannt war. Die Musiker des „Ensemble plus ultra“, die ihren Namen vom Motto Kaiser Karls V. ableiten, der aus „Non plus ultra“ (bis hierher und nicht weiter) mit einem Federstrich das mutige und zukunftsweisende „Plus ultra“ machte, versammeln auf ihrer Neuveröffentlichung Musik von vier Komponisten: von Cristóbal de Morales (1500-1553), Maestro di capilla an der Kathedrale von Toledo 1545 bis 1547, Alonso Lobo (1555-1617), der das Amt von 1594 bis 1604 innehatte, Alonso de Tejeda (1540-1628), Lobos direkter Nachfolger, und von Morales-Schüler Francisco Guerrero (1528-1599). Viele der vorgestellten Werke sind hier erstmals aufgenommen.

Sie alle komponierten in der schwierigen, unsicheren Umbruchszeit der Religionskriege und katholischen Gegenreformation, sie alle komponierten glanzvolle, farbenprächtige, affirmative Musik für die Sache des Katholizismus. Denn Toledo war spanische Königsresidenz, die erst 1561 Philipp II. nach Madrid verlegte, ein kulturelles und religiöses Zentrum der katholischen Gegenreformation in Europa und noch lange nach der „Degradierung“ attraktiv für Künstler und Musiker.

Dort wurde eine mehrstimmige Gesangskultur vom Allerfeinsten gepflegt. Als ihr gefeierter Übervater gilt Cristóbal de Morales. Er wirkte zehn Jahre lang an der Sixtinischen Kapelle in Rom als Sänger, wurde vom Papst geadelt und seine Werke sind in ganz Europa gedruckt und aufgeführt worden. Sein kompositorisches Schaffen umfasst 16 Magnificat-Vertonungen, 22 Messen und mehr als 100 Motetten. Er ist hier vertreten mit zwei seiner Motetten (eine davon eine Vertonung des gesamten Vaterunsers) und einer seiner berühmten Lamentationes.

Morales-Schüler Guerrero ist mit der Motette „Prudentes virgines“ vertreten, die dann Inspiration für Alonso Lobos gleichnamige fünfstimmige kontrapunktisch gesetzte Messe ist. Von Lobo stammen außerdem hier noch ein Antiphon und eine sechsstimmige Motette, von Alonso de Tejeda zwei Trauer-Motetten.

Das „Ensemble plus ultra“, mit fünf bis sechs Sängerinnen und Sänger noch puristischer aufgestellt als „Magnificat“, berühmt für sein tiefschürfendes Quellenstudium und seine kompromisslose Detailtreue, bringt für diese Musik der nachträglich als „Goldenes Zeitalter“ verklärten Epoche einen zeitweise faszinierend körperlosen, schwebenden Klang mit – das dürfte perfekt die Intention der Komponisten treffen, die ja eine Musik schrieben, die als Klang des Göttlichen geradewegs aus dem Himmel kommen sollte.


From Spain to Eternity – The sacred polyphony of El Greco’s Toledo.
Musik von Antonio Lobo, Cristóbal de Morales, Francisco Guerrero und Alonso Tejeda. „Ensemble plus ultra“
Archiv Produktion/Deutsche Grammophon
Bestellnummer 479 2610

Das „Ensemble plus ultra“ singt in der Kathedrale von Toledo – „O quam gloriosum“ von Tomás Luis de Victoria.
Hörbeispiele aus „From Spain to Eternity“.


Abbildungsnachweis:
Header: Ensemble plus ultra. Foto: Cameron Slater
CD-Cover

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