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Igor Levits faszinierendes Bach-Universum

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Mittwoch, den 27. August 2014 um 13:20 Uhr
Igor Levits faszinierendes Bach-Universum

In seiner zweiten Veröffentlichung präsentiert der russischstämmige Pianist Igor Levit die sechs Partiten BWV 825-830 von Johann Sebastian Bach und nimmt seine Zuhörer mit auf die faszinierende Entdeckungsreise in ein wahrhaft spektakuläres Bach-Universum.

Im Jahr 1731, da war Johann Sebastian Bach immerhin schon seit acht Jahren Thomaskantor und stand in seinem 46. Lebensjahr, konnte der Komponist mit gutem Grund stolz sein: Endlich war sein Opus 1 veröffentlicht – mit „Opus“ wurden damals nur gedruckte Werke bezeichnet. In diesem Opus 1 fasst Bach sechs Partitas für ein einmanualiges Tasteninstrument zusammen. Originaltitel: „Clavir-Übung / bestehend in / Præludien, Allemanden, Couranten, Sarabanden, Giguen, / Menuetten, und anderen Galanterien ; / Denen Liebhabern zur Gemüths Ergoetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach / Hochfürstl: Sächsisch Weisenfelsischen würcklichen Capellmeistern / und / Directore Chori Musici Lipsiensis. / OPUS 1 / In Verlegung des Autoris / 1731.“

Igor Levit - BachHeute kennt man das Werk unter dem Titel „Sechs Partiten“, im Bach-Werke-Verzeichnis werden sie aufgeführt unter den Nummern 825-830. Sie sind der erste Teil von Bachs „Klavier-Übung“, deren zweiten Teil die Ouvertüre h-Moll und das Italienische Konzert bilden, den dritten Choralbearbeitungen, vier Duette und ein Präludium nebst Fuge und den vierten die Goldberg-Variationen.

Die Partiten sind nicht als Lehrwerk für Klavierschüler gedacht, sondern als Prestigeprojekt, als selbstbewusste Demonstration des hohen kompositorischen Niveaus, der Beherrschung einer Vielzahl von Spieltechniken, Stilmitteln und Stilrichtungen. Sie sollten den Ruhm des Komponisten über die engen und engstirnigen Grenzen von Leipzig hinaustragen und natürlich auch für willkommene Nebeneinkünfte sorgen.

In diesem ersten Teil der „Clavir-Übung“ zeigt Bach seinen souveränen Umgang mit den alten Tanzformen, die in die festgelegten barocke Reihenfolge von Allemande – Courante – Sarabande und Gigue immer wieder andere Sätze einfügt. Dem Abwechslungsreichtum zu Beginn jeder Partita (Präludium, Sinfonia, Ouverture, Fantasia, Praeambulum und Toccata) korrespondiert die Vielfalt dieser neuen Sätze, die meist zwischen Sarabande und Gigue stehen, sie manchmal auch ersetzen: Menuet, Rondeaux, Capriccio, Burlesca, Scherzo, Passepied, Gavotta). Sie bringen weitere Momente der Überraschung, wie sie Bach mit großem Erfindungsreichtum aber auch in die traditionelleren Stücke hinein komponiert hat.

Das macht die Partiten ideal für die Demonstration hoher Klavierkunst. Und klug hat sie der Pianist Igor Levit, Jahrgang 1987, der im Oktober den Klassik-Echo für seinen CD-Erstling mit den späten Beethoven-Sonaten bekommt, für seine zweite Veröffentlichung ausgewählt. Denn die Partiten sind Grundlagenmusik, im Booklet legt Levit Wert auf das geradezu ehrfürchtige Schumann-Zitat aus einem Brief von 1840: „Das Tiefkombinatorische, Poetische und Humoristische der neueren Musik hat seinen Ursprung zumeist in Bach: Mendelssohn, Bennett, Chopin, Hiller, die gesamten sogenannten Romantiker (die Deutschen mein’ ich immer) stehen in ihrer Musik Bach’en weit näher, als Mozart, wie diese denn sämtlich auch Bach auf das Gründlichste kennen, wie ich selbst im Grunde tagtäglich diesem Hohen beichte, mich durch ihn zu reinigen und zu stärken trachte.“

Beim Anhören der beiden CDs wird schnell deutlich, warum genau das Igor Levits Leitlinie in der Interpretation der sechs Partiten ist: Er legt größten Wert darauf, die ungeheure Vielfalt dieser überwiegend zweistimmig gesetzten Perlen auszuloten. Dabei macht er eine Dimension hörbar, die sich bei etwa Glenn Goulds begnadeter Staccato-Manie erst im Kopf des Zuhörers entfalten kann: Levit spielt über weite Strecken weich, zumindest non legato, oft schon in einem geradezu romantischen Zugriff wie in der Allemande der D-Dur-Partita, dem mit mehr als 11 Minuten längsten aller Einzelsätze, der bei Levit mit schwebendem Klang und wunderbarem Klangfarben-Reichtum schon weit nach vorn weist in die Richtung von Chopins Nocturnes.

Der große Saal 1 im Berliner Funkhaus Nalepastraße, wo ehemals der Rundfunk der DDR residierte und wo die Aufnahme für Sony eingespielt wurde, liefert dazu passend aber auch keine staubtrockene Akustik, sondern lässt den Flügel im Raum klingen. Da ist Levit geduldiger Erzähler und auch Zuhörer, der dem, was die Musik zu sagen hat, viel Raum gibt. Levits Grundgestus bei diesem Bach ist geradezu provozierend unaufgeregt, fließend, zuweilen einladend meditativ.

Er kann aber auch ganz anders: Wenn er die Gigue der ersten Partita perlen lässt oder die der vierten in wahrem Höllentempo durchrast – aber nur, um die weiten Basslinien darunter als Melodie hörbar zu machen. Das klingt wie eine kurze Verbeugung vor Glenn Gould.

Richtig spannend wird Levits Spiel dort, wo Bach die Grenzen des zu seiner Zeit Erwartbaren überschreitet, wo er sich weit ins Neuland vorwagt und seine Zuhörer mit ungewohnten Tonsprüngen verblüfft wie in der Gigue der fünften Partita oder im finalen Capriccio der zweiten. Mit überraschenden harmonischen Wendungen wie in der Sarabande der zweiten. Und wenn er seinem Sohn Carl Philipp Emanuel im expressiven galanten Stil zuvorkommt wie in der Sarabande der fünften Partita oder der Burlesca aus der dritten, wenn er das Tempo di Menuetto aus der fünften schwerelos hintupft, als sei’s ein Regentropfen-Prélude.

Das ist, da sich Levit natürlich weit jenseits der Grenze bewegt, vor der vertrackte pianistische Anforderungen zum Hindernis werden könnten, grandios und fesselnd. Igor Levit entfaltet ganz unprätentiös sein eigenes, aufregendes, wahrhaft spektakuläres Bach-Universum.

Igor Levit: Bach Partitas BWV 825-830.
Sony Classical, 2 CDs,
Bestellnummer: 8884 3076 302

Levit spielt Bach, aus der Partita 1
Levit über die Partiten


Abbildungsnachweis:
Header: Igor Levit. Foto: Felix Bröde / Sony Classical
CD-Cover

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