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Klartext Herby Neubacher: Mit ‚Edeka’ hochkant aus der Geschmackskurve getragen

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Geschrieben von Herby Neubacher  -  Donnerstag, den 06. März 2014 um 11:17 Uhr
Klartext Herby Neubacher: Mit ‚Edeka’ hochkant aus der Geschmackskurve getragen 4.4 out of 5 based on 239 votes.
Mit Edeka hochkant aus der Geschmackskurve getragen

Tante Emmas Supermarkt wirbt sich ‚supergeil’.
Honoriger Kulturhintergrund schützt nicht vor mangelnder Qualität, wenn das dicke Geld ins Spiel kommt. In diesem Fall handelt es sich um das Klimpergeld vom Tante-Emma-Supermarkt ‚Edeka’. Den gab’s – gegründet 1914 in Berlin – früher als Krämer an jeder Ecke. ‚Edeka’ hatte schon 2012/2013 mit seinem „Kiffer-Spot“  („Wir lieben Lebensmittel“) für Furore gesorgt. Die beiden bekifften Protagonisten tauchen übrigens im neuen Spot auch ‚supergeil’ als regungslose, gelangweilte Game-Freaks wieder auf.

Der selbsternannte ‚Elektropop Entertainer’ – was immer das ist – Friedrich Liechtenstein aus Berlin, sah sich veranlasst sich geschmacklich gründlich zu entblößen und im neuesten Video-Werbesport Edekas den ‚Drei-Groschen-Gangnam’ zu geben – Dauerbotschaft: ‚Super, super, supergeil!’ Eine Viral-Kampagne der Hamburger Agentur ‚Jung von Matt/Elbe’, die seit 2012 die Werbemaßnahmen von ‚Edeka’ betreuen.

Das 3-minütige Video ‚EDEKA Supergeil’ zeigt den vollbärtigen ‚Entertainer’ wie er mit Hüftschwung und dazugehörigem haarigen Unterbauch durch den Supermarkt schwoft und dauernd jedes Produkt oder jeden noch so dümmlichen Edeka-Service als ‚super, geil oder supergeil’ klassifiziert.
Dazu gibt es ein paar kurzberockte Edeka-Shop-Tanzjungmäuse. Der dicke Lustmolch nimmt nicht mal im Bad seine dunkle Brille ab, während er sich über das Edeka-Milch-Schaumbad freut, das natürlich auch wieder ‚supergeil’ ist.
Der Mann, eigentlich Hans-Holger Friedrich, geboren im Osten in Eisenhüttenstadt, hat eine beachtliche Vita folgt man Wikipedia. Sie hätte ihn eigentlich vor solchen Ausbrüchen schützten müssen – aber die liebe Gage!

Der Wikipedia-Eintrag lautet: „Friedrich begann als Puppenspieler, Theaterregisseur und Schauspieler. Er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Im Jahr 2003 begann er unter dem Künstlernamen Friedrich Liechtenstein mit den Elektronik-Produzenten Arnold Kasar und Nicholas Bussmann eine Karriere als Elektro-Pop-Musiker und Entertainer. Darüber hinaus initiierte Liechtenstein Kunstprojekte wie die "Sparkling Love Towers World Tour" (Fernsehturm Berlin), Pop-Varietés oder Hörbücher wie "Der kleine Mann im Bauch".
Liechtenstein tourte mit seiner Liveshow durch Clubs von Berlin, Bremen, Hamburg, Dresden, München, Wien bis Bordeaux, Paris und Lille in Frankreich. Außerdem war er einer von drei [...]
Im Februar 2014 startete der Einzelhandelsverbund Edeka eine virale Marketingkampagne mit einer eigenen Version des ‚Supergeil’-Videos sowie einzelne Clips, in denen Liechtenstein der Protagonist ist. Die Aktion fand im Internet rasche Verbreitung und verschaffte Liechtenstein internationale Bekanntheit. [...]“

Man glaubt es nicht wie jemand so hart abstürzen kann!
Ausgerechnet die ‚brave’ Edeka, der wohl politisch korrekteste Supermarkt – hängt ganz dick mit dem „World Wide Fund For Nature” (WWF) zusammen – der allerdings auch vietnamesischen Fisch aus der Farm irreführend als ‚Seagold’ verkauft – will sagen: nicht so ‚supergeil’ – und der den WWF-Panda durch Bananenplantagen tanzen lässt – auch nicht wirklich ‚supergeil’ – muss diesen Geschmacksverirrten ausstellen.

Was ist eigentlich los in der Kultur- und Werbelandschaft? Primitiv ist ‚in’ oder was?! Superprimitiv ist dann – wie wir nun lernen – ‚supergeil’!? Zeig Deinen haarigen Bauch, bade in H-Milch und du bist ein echter Entertainer? Ultrahocherhitzt und homogenisiert und auf Ewigkeiten haltbar?
Sind wir wirklich alle auf diesem Niveau aufgeschlagen?

Ich habe einen holländischen Freund, der mir ganz geschockt von diesem Video erzählte – er konnte einfach nicht glauben, das ein solch mieser, dümmlich sexistischer Mist in Deutschland für einen seriösen Supermarkt wirbt.

Wir sind wirklich eine merkwürdiges Land geworden – auf der einen Seite ist nichts zu schmierig, das es noch in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Politiker, Unternehmer und Moderatoren werden einem „shit storm’ ausgesetzt, wenn sie mal den falschen Ton treffen – ansonsten herrscht eher die peinlich genaue ‚Korrektness’ mit Michelmütze.

Was ist eigentlich in diesen sogenannten Künstler gefahren, um solch einen naiven Ausbruch zu produzieren? Witzig? Das war Udo Lindenberg, der selbst mit haarigen Themen viel feinsinniger umgehen konnte, als dieser Edeka-Gnom mit Sonnenbrille. Im aktuellen ‚Stern’ gibt Liechtenstein nun dazu ein Kurzinterview, das er nach all dem ‚Erfolg’ im Netz jetzt auf den Ruf aus und nach Hollywood warte. Und sein nächstes Album nenne er ‚Bad Gastein’. Das Ding ist noch gar nicht draußen, aber vorbestellen kann es schon jetzt!
Gibt es da nicht einen Heilstollen für gehirnrheumatische Erkrankungen mit Sanatorium und großem Kurbad (vielleicht mit H-Milch) im morbiden Charme des letzten Jahrhunderts und wirklich heilender Wirkung? Vielleicht kein schlechter Gedanke...

Tante Emmas Supermarkt dreht durch. ‚Supergeil’ eben.
Ach ja, Übrigens, ich finde den Isemarkt in Hamburg ‚supergeil’ – ehrlich.

Ihr
Herby Neubacher



Herby Neubacher stammt aus Wuppertal und wurde in Salzburg zum Musikliebhaber: Mit sieben Jahren hat er als Sopranist im Salzburger Dom Bach-Kantaten aufgeführt. Nach einem Kunststudium arbeitere er 20 Jahre in der Musikindustrie. Heute ist er als Journalist und PR-Experte tätig. Seit 2012 schreibt er regelmäßig für den KlassikKompass von Kultur-Port.De über Alte Musik, Barock bis zur Romantik. Er lebt und arbeitet in Vietnam.

Header-Foto: Claus Friede.
Hinweis: Die Inhalte von "Klartext" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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avatar Peter Schmidt
+1
 
 
Der Griff in die unterste geistige Schublade folgt dem eigenen Bild von der Bevölkerung. Man sieht die Masse im Kolosseum von heute und dieser Hirn-Shit Gladiator geht den Weg der Gage entlang. Alles ist käuflich. Harribo noch harmlos, jetzt herrscht seit Media-Markt der Proleten-Sound und weil das schon abgegriffen ist, ist Geiz nicht geil sondern Kauf super-geil.
Das Schlimme ist, dass dieser Mensch am vergangenen Freitag bei "3 nach 9" noch eine Bühne bekam.
Was ist aus dieser Talk-Show des politischen Intellekts und Streits nur geworden? Man stelle sich vor, statt Lorenzo und Rakers die Damen Marianne Koch und Juliane Bartel oder Lea Rosh , die Herren Wocker,Paczensky, Nenning,Lindlau oder gar der wundervolle Wolfgang Menge. Letzterer hatte den Mann seziert und auf die Flucht nach Liechtenstein gebracht.
Vermutlich wäre dieser geistige Dünnpfiff nicht einmal in die Bremer Runde geladen worden.
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