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Klartext Peter Schmidt: Borgen – verborgen und ab in die Sparte bei Arte

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(1552 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 13. November 2013 um 10:55 Uhr
Klartext Peter Schmidt: Borgen – verborgen und ab in die Sparte bei Arte 4.7 out of 5 based on 1552 votes.
Klartext Peter Schmidt: Borgen – verborgen und ab in die Sparte bei Arte

Das kleine Dänemark produziert eine TV-Serie in insgesamt drei Staffeln. Das Feuilleton jubelt geschlossen – Der Tagesspiegel: „Eine der großartigsten Serien“; Die Welt: „extrem gutes Fernsehen“.
Die „grandiose“ (Der Spiegel) Serie ist eine Perfektion von Handlung und Schauspielern. Fundierte Theatererfahrung mit Tiefenprofil dort, weit entfernt von der Normativität seichter Darbietungen in den Soap-Operas hiesiger Massenware. Allen voran die Hauptdarstellerin Sidse Babett Knudsen. Die Welt: „eine der charismatischsten Hauptdarstellerinnen, die das europäische Fernsehen zu bieten hat“. Ein Welterfolg und Die Welt fragt: „Wieso interessiert sich plötzlich die halbe Welt für dänische Innenpolitik?“ Verkauf an 70 Staaten. Auch nach Deutschland, aber hier versteckt in einem Programm, das wie ein Flickenteppich wirkt. Einige wenige Folgen im „Ersten“ zu später Stunde im Frühjahr, dann ab in die Sparte bei „Arte“ und „eins Festival“, meist zu später Stunde, Wiederholungen jetzt gar am frühen Morgen.

Marcel Reich-Ranickis „Kostprobe“ im „Literarischen Quartett“ – noch gut in Erinnerung – „Ich blättere und lese nur wenige Seiten, dann weiß ich, ob das Buch gut oder misslungen ist“, braucht man nur eine Folge, um die Qualität der Verfilmung sofort zu erkennen. Jede Fortsetzung bestätigt den Prima Facie-Beweis, wozu sicher meine Erfahrung als Politiker beiträgt. Die letzte Folge in der letzten Woche produziert im Kopf ein „Schade“ und einen Brief an den ARD-Vorsitzenden: „Dass hier ein überraschender Welterfolg einer Verfilmung aus einem kleinen Land wie Dänemark gelang, erschließt sich sehr schnell. Ich habe bisher keine dermaßen authentische Darstellung von politischen Abläufen erlebt. Immer gab es für einen Insider verstörende Verzeichnungen.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich besonders an einen Film von Dieter Wedel, dessen penible Arbeit ich ansonsten schätze. In der "Affäre Semmeling" von 2002 geriet selbst ein Schauspieler wie Mario Adorf als Hamburger Senator der Gegenwart zu einer Karikatur der Buddenbrock-Zeit. Die Gedankenstützen leicht veränderter Namen (Bürgermeister Dr. Hennig), die offenbar ziemlich plump auf bekannte lebende Politiker leiten sollten, machten die Kluft zwischen Fiktion und Realität mehr als deutlich.

Alles anders in dem dänischen Werk. Hier konnte man die politischen Prozesse bis hin zu internationalen Fragen wie der Bewältigung der EU-Finanzkrise, Fragen und Probleme des gesellschaftlichen Wandels in einer in jeder Hinsicht spannenden Handlung nachvollziehen. Wie hölzern wirken da Handlungsstränge von Spielszenen, die in Dokumentationen eingefügt werden.

Wie aktuell wirkt bei Borgen die erzählte Geschichte angesichts der nationalen wie internationalen Politik. Der Zuschauer, auch wenn er nicht Experte ist, wird die Parallelen zur deutschen Regierungspolitik und der parlamentarischen Begleitung angesichts der aktuellen Medienlage leicht nachvollziehen können.

Es bleibt allerdings die Frage, warum dieser Welterfolg in Bildungs-Spartenprogrammen und dann noch meist zu später Stunde versteckt wird. Ist die Quotenerwartung derart kleinmütig verformt, dass man der breiten Masse der Zuschauer eine Akzeptanz nicht mehr zutraut?

Es ist zu hoffen, dass hier eine Wiederholung auch einmal den Weg in das Erste Programm findet“.

Nun weit gefehlt! Der Intendant lässt jetzt die Programmdirektion des „Ersten“ antworten. Mit an Autismus grenzender Selbstgewissheit wird der eingangs erwähnte Flickenteppich einer sogenannten Programmplanung dem anfragenden kleinen TV-Naseweis („Vielen Dank […] für Ihr Interesse an den Fernsehprogrammen der ARD […] Wir freuen uns über Ihren Zuspruch zur dänischen Serie „Borgen“, präsentiert. Formelhafte Antwort, kein Eingehen auf den Vorhalt. Meine Kritik an der Programmgestaltung ist damit nicht ausgeräumt!
1. Warum wurden nur 10 Folgen von insgesamt 3 Staffeln im Ersten Programm und dann noch nicht einmal zur Prime-Time ausgestrahlt?
2. Es bleibt auch nach der Programmübersicht die Feststellung, dass die meisten Folgen in den Spartenprogrammen der "Senderfamilie" laufen und die Wiederholungen z.T. in den Morgenstunden.

Ich kann mir mit meinen Erfahrungen in der Politik sehr gut vorstellen, dass nicht alle Politiker mit dieser fein gezeichneten Story, die neben hoch aktuellen gesellschaftlichen auch die Vielzahl politischer Fragen behandelt, einverstanden sind. Zumal sie neben parteitaktischen, nicht immer allein der Sache geschuldeten Lösungen, auch die Ratlosigkeit der Politik dokumentiert, wenn eine Unzahl von Problemen und Fragestellungen auf Regierung und Parlamente einstürmt. Es ist ein realistisches, kein idealisierendes Bild was dem Zuschauer geboten wird.
Wird Politikverdrossenheit dadurch verstärkt? Ich glaube eher nicht. Wie in den 70er-Jahren die US-Fernsehserie "Holocaust" den nackten Zahlen der Judenvernichtung über die Spielhandlung erstmals ein Gesicht für eine breite Masse unseres Volkes gab und damit Empfinden auslöste, könnte diese Serie zur Prime-Time ein Verständnis für die menschlichen Faktoren von Politikgestaltung auslösen. Natürlich wird man die heutige Zeit nicht mehr mit der Periode weniger Programmangebote vergleichen können. Aber es wäre ein Versuch wert.

Der wird wohl angesichts der Arroganz öffentlich-rechtlicher Programmgestaltung ein unerfüllter Wunsch bleiben. Unglaublich wie hier das beispielgebende Produkt eines kleinen Landes mittels mangelhafter Präsentation verschleudert und einem großen Publikum vorenthalten wird.
Will sich die TV-Großmacht Deutschland nicht mit dieser skandinavischen Edelware messen lassen und wird der Gebührenzahler für dumm verkauft? Schon die unsägliche Änderung des Titels „Borgen“ in „Gefährliche Seilschaften“ lässt diesen fahlen Beigeschmack aufkommen.

Ihr Peter Schmidt

Peter Schmidt war u.a. 20 Jahre Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft, danach mehrere Jahre Deputierter der Kulturbehörde, Gründer mehrerer Kultur- und Völkerverbindende Vereine wie "Hanse Brücke" und "Hamburger Aufschrei für Zivilcourage". Außerdem übernahm er viele Jahre die PR-Arbeit für ein Hamburger Orchester. Seit 2003 ist er Sprecher der Hamburger Autorenvereinigung (Mitglied des Vorstandes).



Hintergrund:
Borgen – Gefährliche Seilschaften (Originaltitel: Borgen) ist eine dänische Fernsehserie, entwickelt und geschrieben von Hauptautor Adam Price und seinen Co-Autoren Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm. Regie führen Søren Kragh-Jacobsen, Annette K. Olesen, Rumle Hammerich und Mikkel Nørgaard. Die erste, zehnteilige Staffel wurde ab dem 26. September 2010 vom dänischen Sender DR1 ausgestrahlt, die zweite im Herbst 2011. Die dritte Staffel hatte am 1. Januar 2013 im dänischen Fernsehen Premiere. Hier führte Jesper W. Nielsen alleine Regie.
Weitere Informationen


Abb.: Detail des dänischen TV-Plakats. Collage: Claus Friede
Hinweis: Die Inhalte von "Klartext" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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avatar Ada Rompf
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Hallo, Peter Schmidt! Ihr Text spricht mir hundertprozentig aus der Seele. Die Ignoranz der ARD kann nur mit dem schlechten Geschmack des Senders erklärt werden.
Ich hoffe auf eine weitere Fortsetzung, es läuft ja nie wie geplant....
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avatar Julia Siebert
+8
 
 
Herr Schmidt, vielen Dank für Ihr Engagement in dieser Sache und Ihre deutlichen Worte!
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avatar Peterpirat
+4
 
 
Die Programmgestaltung am Wochenende zur Prime-Time sprach Bände...
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avatar Peter Schmidt
+15
 
 
Herzlichen Dank für den Zuspruch. Mein Engagement wird wenig nützen. Aber aller Anfang ist schwer. Hier geht es nicht nur um eine TV-Serie aus einem kleinen Nachbarland und die öffentlich rechtliche Programmplanung bei uns. Das beschriebene Produkt wirft auch ein Licht auf unser deutsches Produktionssystem, das offenbar einer Reform bedarf und wieder gangbar gemacht werden muss. Wir haben gewiss Potential unter der Autorenschaft. Beim NDR standen einst Dieter Meichsner , Rolf Hädrich (u.a. Der Stechlin) und Horst Königstein für Qualität und auf einen solchen Standard müssen im Gegensatz zu den privaten Anbietern die öffentlich-rechtlichen wieder hin. Ansätze gibt es durchaus.
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