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Eröffnung der Elbphilharmonie: Bekenntnis zur Kultur verändert Hamburg

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Sonntag, den 08. Januar 2017 um 18:43 Uhr
Eröffnung der Elbphilharmonie: Bekenntnis zur Kultur verändert Hamburg 4.6 out of 5 based on 105 votes.
Eröffnung der Elbphilharmonie: Bekenntnis zur Kultur verändert Hamburg

Am 11. Januar wird in der Elbphilharmonie das Eröffnungskonzert gespielt. Ein großer Moment für die Musik in Hamburg und in ganz Deutschland. Ein Beispiel dafür, wie das beherzte Investieren in Kultur das Gesicht, Lebensgefühl und Image einer Stadt verändert. Und eine Ermutigung an alle, die in Hamburg Kultur machen: Lasst nicht locker, vernetzt euch, denkt groß!

War denn nun im April 2003 Leipzig dran schuld, dass Hamburg die Elbphilharmonie gebaut hat? Leipzig, das mit seinem Cello-spielenden Bürgermeister Hamburgs erste Olympiastadt-Hoffnung zerbröselte? Was ja nicht nur demonstrierte: Musik schlägt Sport, sondern auch hieß: Der für das Olympiastadion damals vorgesehene Platz würde eine Leerstelle bleiben. Aber auch sonst, so schien es, war kein Projekt in Sicht, das den neuen Stadtteil „HafenCity“ zu einem „must see“ auf der Agenda der Hamburger und der mobilen internationalen Gesellschaft hätte machen können.

War also Leipzig dran schuld? Nicht ganz, nicht wirklich, das wäre zu einfach. Denn schon damals war im Rathaus eine geniale Skizze bekannt, die der Schweizer Architekt Jacques Herzog im Dezember 2001 auf ein Foto des alten Kaispeichers A gezeichnet hatte. Doch Nachdenken über Architektur – das dauert in Hamburg. Und so war es am Ende vielleicht doch Hamburgs olympische Niederlage, die die mentale Leerstelle schmerzlich klarmachte: HafenCity – Kultur vergessen in der Eile? Durch Entscheid der Bürgerschaft kam Ende 2003 zögerlich noch, aber immerhin, das kühne Projekt eine Chance, für dessen Vollendung sich heute viele auf die Schulter klopfen.

Halten wir kurz fest: Es war ein klassischer hamburgischer Anstoß zweier kulturbegeisterter Privatleute, Alexander Gerard und Jana Marko. Die Stadt musste anfangs schwer zum Jagen getragen werden.
Wir übergehen die lange, verquere Planungs- und Baugeschichte, über die inzwischen lange Zeitungsserien und erste Bücher geschrieben worden sind – auch beim Bau von Pyramiden lief ja an den ersten Baustellen nicht alles glatt. Wichtig ist aber festzuhalten, dass die Unikate-Baumeister aus Basel sich von ihrem Exzellenz-Anspruch nichts haben abhandeln lassen. Nix da mit „ne Nummer kleiner“, einfacher, billiger. Das lässt den Bau heute strahlen. Und die lange Wartezeit für die Hamburger, das Verschieben der Eröffnung ein Jahr ums andere – heute kann man erkennen: Diese Prüfung war nötig, dreifach nötig sogar.

Es gab genug Zeit, alle Bedenken abzuarbeiten
Erstens, um den in Hamburg immer mal wieder seltsam betrachteten Gedanken, sich aktiv und mit Nachruck zur Kultur zu bekennen, in aller Ruhe hin und her wenden zu können, ihn wieder liegen zu lassen, um am Ende alle, aber auch wirklich alle Bedenken vorgebracht und mehrfach abgearbeitet zu haben. Egal, ob sie aus kaufmännischer Risikoabwägung geboren waren oder aus den Ängsten der vorhandenen Kulturszene, ein neuer Riese würde kein Geld für andere übriglassen. Niemand konnte sich vorstellen, dass ein Dampfer wie die Elbphilharmonie einen Kultursog entstehen lassen würde, der auch kleinere Spielorte und Veranstaltungen veredelt und mit ihnen neues Publikum gewinnen will. Und dazu ganz neue Segmente wie die Education-Programme für Kinder und Jugendliche wachsen lässt.
Zweitens war die lange Wartezeit nützlich, um sich mit großen Ernst und Ideenreichtum der Aufgabe zu widmen, ein solch spektakuläres Haus wie die Elbphilharmonie nicht nur in der Hamburger, manchmal recht kleinkarierten Wahrnehmung sicher zu verankern, sondern es auch weltweit bekannt und attraktiv zu machen – und zwar nicht nur die gläserne Welle, sondern auch das, was drinnen gespielt wird. Das tut „Hamburg Musik“ heute vorbildlich und wohl auch hoch effektiv. Und mit Generalintendant Christoph Lieben-Seutter hat die Stadt einen Glücksgriff getan. Er ist ein leiser Netzwerker mit klaren Vorstellungen hielt dem Projekt die Treue, auch gegenüber eigenen Zweifeln, als andere schon über den Abriss des Rohbaus diskutieren wollten und nicht klar war, ob dem „per aspera“ überhaupt ein glückliches „ad astra“ folgen würde. Er und sein Team füllen die Design-Hülle mit Premium-Musik. Viel hat er noch vor sich, soll der Eröffnungs- und Neugiereffekt nicht nach drei, vier Spielzeiten verpuffen. Und er gibt schon jetzt eine Ahnung davon: Das ist zu schaffen.

Jetzt gibt es eine Gründungslegende, ein modernes Märchen
Und drittens, nicht zu unterschätzen: Das Haus bekam eine Gründungslegende – ein modernes Märchen, das ungefähr so geht: Nach dem zögerlich-widerspenstigen Anfang kam die erste Begeisterung. Dann die Abfahrt ins „Tal der Tränen“, als nach und nach sichtbar wurde, dass es weder ein Schnäppchen noch banal ist, ein solches Haus zu bauen. Schließlich die bittere Erkenntnis, dass, wer „Leucht-“ haben will, auch „-turm“ sagen muss. Am Ende der mit neuem Schwung wachsende Bau, die neue Begeisterung. Und auch das Geld für einen Start ohne jene finanzielle Bedrängnis, die in Hamburg oft als Kennzeichen ernsthafter Kultur galt. So ein schwieriger Weg schweißt zusammen.
Dass in Hamburg „ausverkauft“ für nahezu jeden Termin eines Konzerthauses gilt, wer hätte sich das angesichts oft lichter Reihen und eines immer älter werdenden Publikums vor zehn Jahren träumen lassen? Dass 220.000 Menschen weltweit Karten für das Eröffnungskonzert wollten? Dass einmal Konzertkassen-Server unter dem Ansturm zusammenbrechen? Dass ausgerechnet der Dauer-Handaufhalter Kultur so schnell zum Motor des Stadt-Images werden könnte? Wer das vorausgesagt hätte, wäre wohl unters Schmidtsche Diktum gefallen: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“
Die Eröffnung am 11. Januar 2017 wird das Hamburger Musikleben noch ein weiteres Mal verändern, so wie das allein schon die Idee und die Bauphase getan haben. Programme bekommen noch mehr Facetten, es erklingt Musik, für die es früher angeblich keine Nachfrage gab – Zeitgenössisches, Weltmusik, Barock, Jazz, 1500 Angebote für Kinder. Und es gibt eine Exzellenzdichte, die Staunen macht.
Nun sind die Musikfreunde gefordert und alle, die es werden wollen. Denn sie müssen sich das grandiose neue Haus teilen mit Hunderttausenden von Touristen, denen man klugerweise eine Aussichts-Plaza gebaut hat, über die man sie schon mal ein bisschen näher ans Kulturgeschehen heranlockt. Dass man sein Bier bei „Störtebeker“ trinken muss, weil man diese Hamburgische Marketing-Legende nicht ungenutzt links liegen lassen wollte – geschenkt. Vielleicht gibt es ja irgendwann dort Drinks, die nach Telemann, C.P.E. Bach, Brahms oder Mahler benannt werden – was allerdings kaum besser wäre.

Das größte Wunder: Hamburgs neues Bekenntnis zur Kultur
Das größte Wunder aber bleibt es, dass diese Stadt sich mitten im Klagen um knappe Kassenstände dazu durchgerungen hat, Kultur wirklich zu wollen und dass sie daran festgehalten hat – in guten wie in schlechten Zeiten. Diese Stadt, in deren Wachstumskonzept vor nicht allzu langer Zeit gerade mal mit einem Satz vorkam, der sich dem Thema Musicals widmete. Vielleicht war es auch gut, dass die Baukosten schön schrittweise gewachsen sind. Hätten die Kölner gewusst, dass ihr Dom viele hundert Jahre lang Baustelle sein würde, ja, dass er am Ende wegen ständiger Reparaturen nie fertig werden und was das alles kosten würde – wer weiß, ob sie das in Angriff genommen hätten, damals, 1248, im Jahr des Baubeginns.

Die Elbphilharmonie ist ein Wunder, das zustande kam, weil sich in diesem Kristallisationspunkt auf der Spitze einer Landzunge an der Elbe für ein paar glückliche Momente die Interessen der Stadt, von Investoren und Kulturbegeisterten trafen und untrennbar in der Vision einer Elbphilharmonie verschmolzen.
Entstanden ist daraus viel mehr als ein Konzerthaus mit Hotel, Parkhaus und Wohnungen. Entstanden ist ein strahlendes Kulturkraftwerk. Es sollte Hamburgs Kulturmenschen in großen wie in kleinen Projekten und Institutionen Mut machen und zu mehr Selbstbewusstsein auch in ihren Forderungen anspornen. Die Elbphilharmonie ist ein Anstoß, der schon jetzt zeigt: Kultur ist kein „nice to have“, sie prägt das Gesicht und das Lebensgefühl einer Stadt, sie ist und bleibt ein vielfältiger, vielleicht der wichtigste Umschlagsort für Ideen zur Veränderung der städtischen Gesellschaft.

Dieser Impuls darf, nein: er muss weiterwachsen. Das Beispiel Elbphilharmonie sollte Hamburgs Kulturmacher in Hamburg ermutigen. Sie ist kein Feindbild, sondern Vorbild. Auf das man auch mal neidisch sein darf – sicher. Aus dessen bisherigem Weg man aber auch lernen kann. Zum Beispiel der Stadt den eigenen Wert noch besser zu verkaufen. Noch vernetzter zu denken und groß. Und hartnäckig zu bleiben, auch wenn’s manchmal düster aussieht.

Ihr
Hans-Juergen Fink




Abbildungsnachweis: Header - Maxim Schulz

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avatar Dirk C. Fleck
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Ein großartiger Artikel, herzlichen Dank an den Autor!
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avatar Dagmar Seifert
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So klug zusammengefasst, lieber Hans-Jürgen Fink, besser kann man es nicht sagen!
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